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In der Hauptstadt Algeriens

Araberstrasse in der oberen Stadt

von Alexander Ritter

Hart am Mittelmeer, an der Westseite eines geräumigen, herrlichen Golfes, dessen Ostspitze das Kap Matifu bildet, liegt überraschend schön Algier, die Hauptstadt und zugleich erster Kriegs- und Handelsplatz der größten französischen Kolonie Algerien. Der halbmondförmig gegen Süden eingetiefte Golf ist umrahmt von dem lieblichen Sahelgebirge, das hier allmählich abfällt. Die Stadt bildet ungefähr ein gleichseitiges Dreieck, indem sie am Meere ihre breiteste Basis hat, um dann, immer schmäler werdend, an dem Hügel emporzusteigen und auf der Höhe mit der Kasba, der Burg der alten Deis, zu endigen.

Der geräumige Hafen, der tief genug für die größten Schiffe ist, bietet stets ein äußerst belebtes Bild. Auf dem Quai, der sich am Meere entlang zieht, liegen das Zollamt und die Etablissements der großen atlantischen Reedereien; unmittelbar vor dem Landungsplatze das Stationsgebäude der Eisenbahn. Am hinteren Rande der Quaiseite zieht sich die unabsehbare Bogenflucht der viaduktartig geführten Mauer hin, welche dem oben gelegenen breiten Boulevard de la République, zu dem Freitreppen und fahrbare Straßen emporführen, als Stütze dient.

Dies dem Hafen zunächst gelegene moderne Algier, der Sitz des Handels und des Fremdenverkehrs, wird überhöht von der alten Mauren- und Berberstadt, macht aber an und für sich einen vollständig europäischen Eindruck. Straßenbahnen, Telegraphen- und Telephonleitungen durchziehen es, und die prächtigen öffentlichen Bauten, Regierungsgebäude und Kirchen, Restaurants und Läden, die Straßen und Plätze mit stattlichen Häusern von mehreren Stockwerken lassen den Gedanken an die morgenländische Welt kaum aufkommen.

Die französische Sprache ist natürlich die offizielle im Verkehr der Behörden mit der einheimischen Bevölkerung, allein sie beherrschte auch den Geschäftsverkehr und die Unterhaltung. Auch der maurische Kaufmann, der in der Landestracht auf der Schwelle seines Ladens sitzt, bringt über letzterem eine französische Inschrift an und verschmäht es nicht, die Verhandlungen mit dem kauflustigen Fremden in der wenn auch nur mühsam geradebrechten Sprache der Eroberer des Landes zu führen. Von den 82,000 Einwohnern, welche Algier gegenwärtig zählt, sind gegen 15,000 Mohammedaner, die nebst etwa 8000 Juden in der oberen Altstadt wohnen, zu der man auf Treppen zwischen den Mauerwänden der engen Gassen emporkommt. Die Rue de la Lyre und die Rampe Rovigo bilden die Trennungslinie zwischen dem lauten europäischen Kulturleben und der stillen maurischen Zurückgezogenheit, zwischen der neuen Stadt mit ihrem lebhaften Geschäftstreiben, ihren eleganten Läden zu beiden Seiten der großstädtischen Boulevards und der maurischen Stadt mit ihren schmalen, engen Winkelgassen und Straßen und ihren nackten weißen Gebäuden mit kleinen Fenstern und flachen Dächern.

Seit dem Jahre 1846 haben die Franzosen begonnen, die Stadt durch Befestigungswerke zu schützen; sie umgaben diese und den Hafen mit einer zehn Meter hohen Mauer und legten ein ausgedehntes System von Forts und Bastionen an. Ihre Linie beginnt am Südende des Hafens mit dem Fort Bab Azum, steigt die Höhe Gabelkette empor und zieht sich auf ihr entlang, um sich dann gegen Nordosten über die Werke von Bab el Qued zu dem am Meere gelegenen Artilleriearsenal hinabzusenken. Im Nordwesten schließt sich an die Hauptstadt das Dorf St. Eugène, das wie die Neustadt ein völlig europäisches Aussehen hat; im Süden zieht sich längs der Küste Moustapha Inférieur mit dem Jardin d'Essay und seiner tropischen Pflanzenpracht und der anmutigen, aufsichtsreichen Terrassenhöhe von Moustapha Supérieur mit ihren Villen hin. Überall gewahrt das Auge auf den Höhen in der Umgebung der Stadt Vorstädte, Dörfer und freundliche weiße Landhäuser, deren Anlage und Bauart maurisch ist — nur das Mobiliar und die sonstigen Einrichtung im Inneren ist europäisch. Im Hintergrunde steigen die bewaldeten Höhen des Tell wie Vorberge zu der Gebirgswand des kleinen Atlas auf, dessen Kämme mit Schnee bedeckt sind.

Boulevard
Place

 

Der Glanzpunkt der europäischen Stadt, bildet der oben bereits genannte Boulevard de la République, eine 2000 Meter lang sich hinziehende großartige Terrasse mit monumentalem Geländer, die der Engländer Morton Peto in den Jahren 1860 bis 1866 im Auftrag Napoleons III. mit einem Kostenaufwande von etwa 8 Millionen Franken errichtete. Die Kaiserin Eugenie legte am 18. September 1860 den Grundstein zum Bau dieser hohen Uferstraße, die zunächst nach ihr benannt wurde, bis 1870 der Name dem jetzigen weichen mußte. Der Erbauer bekam auf 99 Jahre die Konzession zur Benutzung der Kaufhallen und Speicher, welche die den Boulevard tragenden 350 Bogen bilden und in denen der Hafenverkehr und Seehandel der Stadt seinen Hauptsitz hat. An dem Boulevard liegen die palastartigen Bauten der Bank und der Post; gleichfalls sehr stattliche Gebäude umgeben auch die in der Mitte des Boulevards gelegene Place de la République, früher Place Bresson geheißen, von der aus man einen entzückenden Blick auf das Meer hat. An der Westseite liegt das Grand Théatre; inmitten des Platzes ragt eine einzeln stehende hohe Dattelpalme empor.

Auf die Place de la République münden die Hauptverkehrsadern der Neustadt: von Norden her die Rue Bab Azum und Rue de Chartres, von Süden her die Rue de Constantine und die Rue de la Liberté. Hinter dem Theater zieht sich die Rue de la Lyre hin, welche auf der Place de la Lyre mit ihrer sehr belebten Markthalle endet; in dieser Straße ist das europäische Geschäftsleben schon fast ganz durch das der eingeborenen Händler verdrängt.

Die Rue Bab Azum mündet nordwärts auf den mit Marmor gepflasterten und mit reizenden Anlagen versehenen Gouvernementsplatz, in dessen Mitte sich das Reiterstandbild des Herzogs Ferdinand von Orleans, des einst so beliebten ältesten Sohnes Ludwig Philipps, erhebt. Dieser geräumige Platz ist der schönste der Stadt; er bildet sozusagen das Herz derselben; hier werden von früh bis spät Geschäfte verhandelt, während zugleich das Vergnügungsleben sich auf ihm konzentriert. Die Nordweststrecke nimmt ein reizender Palmenhain mit einem eleganten Cafésalon ein. Auf der Ostseite des Platzes ragt die weiße Moschee Dschama el Dschedid aus dem 17. Jahrhundert empor mit mächtiger eiförmiger Hauptkuppel und vier kleineren Nebenkuppeln; das 28 Meter hohe Minarett dient als Uhrturm. Nordwestlich von dieser Moschee liegt die Place Mahon mit dem Markt für Geflügel und Wildbret, auf dem auch die Versteigerungen abgehalten werden. Ostwärts führt die Rue de la Marine zur großen und ältesten Moschee Dschama el Kebir, die aus dem 11. Jahrhundert stammt, während das Minarett 1322 aufgeführt wurde. Diese beiden Moscheen bilden fast die einzige Erinnerung an die vergangene mohammedanische Epoche der französisch gewordenen unteren Stadt.

Parkanlage
In Innern
Minarett

 

Gar nicht weit vom Gouvernementsplatze beginnt eine durchaus veränderte Anlage der Straßen mit anderen Häusern und einer anderen Bevölkerung. Man gelangt dort in den Bazarteil der Altstadt, in dem die europäischen Elemente mehr und mehr schwinden, um den eingeborenen Platz zu machen, die zuletzt allein die Herrschaft behaupten. Wir nähern uns, in westlicher Richtung weiterwandernd, der Kasba, mit welchem Namen man nicht bloß die am höchsten gelegene, befestigte Residenz der früheren Deis von Algier, die jetzt als Kaserne dient, sondern den ganzen maurischen Stadtteil bezeichnen kann.

An dem kleinen Malakoffplatze liegt die Kathedrale St. Philipp, die erst in neuerer Zeit vollendet wurde und eine wenig glückliche Verschmelzung maurischer und christlicher Kirchenbaukunst darstellt. An ihrer Stelle erhob sich einst die Moschee Dschama Ketschawa, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts durch den Pascha Hassan restauriert und im Inneren reich geschmückt wurde. Nach der Eroberung Algiers durch die Franzosen wurde sie dem katholischen Kultus überwiesen und nach und nach umgestaltet. Beim Eingang in der Kapelle rechts befindet sich das Grab des algerischen Märtyrers Geronimo, der 1569 lebendig eingemauert wurde. Unmittelbar neben der Kathedrale liegt der Winterpalast des Gouverneurs und der Gerichtshof, ein ehemaliger maurischer Palast mit neuer Fassade. Östlich der Palast des Erzbischofs, eine der interessantesten noch vorhandenen maurischen Prachtbauten, der einen herrlichen Hof mit Säulen und Portalen aus weißen Marmor umschließt.

Je weiter man in der maurischen oberen Stadt aufwärts steigt, desto mehr schwindet das heitere Bild europäischen Lebens und Verkehrs, um der orientalischen Welt mit ihren engen schmutzigen Gassen, die beiderseits von hohen, ganz kahlem Hauswänden eingefaßt werden, Platz zu machen. Dunkel und unsauber sind sie und an vielen Stellen so eng, daß ei paar beladene Esel unmöglich aneinander vorbeikommen können. Die metallbeschlagenen Haustüren haben meist ein Portal oder wenigstens einen Tragbogen aufzuweisen. Nach außen springt Balkenwerk hervor, das schmale, geschlossene Erker trägt; die kleinen Fenster sind sämtlich mit starken eisernen Gittern versehen.

Dort sehen wir - in der Roten Meer Straße - ein verhülltes maurisches Weib an der rinne inmitten der engen Gassen einherschleichen. Unter den gebrechlichen Holzstützen der schmucklosen Erker stehen und hocken plaudernd maurische Diener und Neger. Hier treibt ein Bauer seinen mit Kohlen beladenen Esel durch die gewundenen oder in scharfen Winkeln gebrochenen Gänge des Stadtviertels, und von der Höhe eines Minaretts schallt der zum Gebet mahnende Ruf des Muezzin über die flachen Dächer der Häuser. An manchen Stellen wird die Eintönigkeit dieses Straßenbildes unterbrochen durch einen kapellenartigen Bau über den Grab eines Heiligen (Marabut) oder eines Dei. Vor dem offenen aber vergitterten Fenster bleibt wohl ein gläubiger Moslim stehen, um mit erhobenen Händen ein stilles Gebet zu verrichten. Teilnahmlos zieht ein jüdischer Händler aus der Oberstadt vorüber, den sein Weg nach dem Suck oder Markte führt, wo er in einer engen Bude seinen Kram feilbietet.

Die Tracht der eingeborenen städtischen Araber oder Mauren ist die altherkömmliche. Die hageren Gestalten der durchweg hochgewachsenen Männer umgibt ein weiter gelblichweißer Burnus aus Wollenstoff mit hinten herabhängender Kapuze; sie tragen weiße, faltenreiche Unterkleider und umwinden das Kopftuch mit dunklen Schnürbändern, so daß dadurch die Form eines niedrigen Turbans entsteht. Die Frauen sind ganz in blendendweißen Baumwollenstoff gekleidet. Das faltenreiche Beinkleid ist über dem Fußknöchel zusammengeschnürrt; der die ganze Figur umhüllende weite Mantel reicht vom Kopf bis etwas unter die Kniebeuge. Das Gesicht ist gemäß der Vorschrift des Propheten verschleiert, meist aber werden die dunklen, großen Augen und die künstlich verlängerten, halbmondformigen Brauen darüber nebst einem Teil der Stirn unbedeckt gelassen. An den schöngeformten Handgelenken blitzen Armbänder, meist von Silber, und an den Fingern, deren Nägel nach orientalischer Gepflogenheit mit Henna rot gefärbt sind, gewahrt man zahlreiche Ringe; auch Halsbänder fehlen nicht. Bei den ärmeren weiblichen Bevölkerung sind diese Schmuckstücke aus Glasperlen statt aus Edelmetall.

Früher lieferte die einheimische Hausindustrie alle die festgewebten Stoffe von eigenartigen Mustern und Farben, in die sich die Eingeborenen des Landes kleiden. Heutzutage liefert Frankreich, bis zur Seide hin, bei weitem billiger und hat jene daher längst aus dem Felde geschlagen. Nur die Gold- und Silberwaren mit den echt maurischen Zeichnungen stellen sich so billig, daß die europäische Konkurrenz dagegen nicht aufzukommen vermag. Besonders originell sind die breiten, mit allerlei Schmuck besetzten Kabylengürtel, welche die Wüstensöhne um ihre Hüfte zu binden pflegen.

Sehr gering an der Zahl ist die rein türkische Bevölkerung. Von jeher waren dagegen in Algier die Juden stark vertreten, die, gleichviel ob sie europäische oder arabische Tracht haben, den Schacherhandel im großen wie im kleinen betreiben. Ein auffallendes Element der Bevölkerung bilden die von Süden her eingewanderten Neger. Die Wohlhabenderen unter ihnen tragen mit Vorliebe das arabische Gewand mit breitem Bund um die offene Weste und einem mächtigen Strohhut mit rot befranster Krempe noch über dem Fes und dem um die Stirn gewundenen breiten Musselinstreifen. Um den Hals tragen fast alle, abergläubisch, wie die Schwarzen überall sind, an einer Schnur eine Lederkapsel, welche ein Amulett enthält. Meist besteht dies bloß in einem Papierstreifen, der mit einigen Koransprüchen oder dergleichen beschrieben ist, gilt aber trotzdem für ein untrügliches Schutzmittel gegen Unheil und Krankheiten und wird deswegen weder bei Tage noch bei Nacht abgelegt. Die beliebtesten Schmuckgegenstände der Negerinnen sind gewaltige Ohrringe mit reichem Gehänge daran.

Villa
Rue Kieber

 

Die bemerkenswertesten Viertel der maurischen Stadt sind das von Sidi Abd Allah in der Mitte, Sidi Ramdan im Westen und Mohammed Scherif im Osten, die ihr altes Aussehen ziemlich unverändert erhalten haben. Von dem äußeren Aussehen der maurischen Häuser ist bereits die Rede gewesen. Im Innern hat jedes einen quadratischen und nach oben offenen Hof, dem man in Spanien und auch sonst im Süden noch vielfach begegnet. Ihn umgeben auf allen vier Seiten Galerien, die von zierlichen Säulen gestützt werden, und inmitten des Raumes sprudelt stets ein von allerlei Pflanzen umgebener Springbrunnen. Während ein solcher Hof einen wirklich reizenden und verlockenden Eindruck macht, ist es dagegen um die Gemächer, welche sich auf jene Galerien öffnen, meist recht übel bestellt; sie sind durchweg klein, niedrig und nur wenig beleuchtet.

Wer aber eine Vorstellung von der reichen und doch anmutigen Ausschmückung eines vornehmen Hauses aus der Zeit der Deis bekommen und den arabischmaurischen Baustil in seiner ganzen Reinheit kennen lernen will, der hat dazu in dem unweit des Malakoffplatzes belegenen Museum die beste Gelegenheit. Es war ehedem ein Palast, den der Dei Mustafa, einer der letzten algerischen Herrscher, hatte erbauen lassen. Der freie Hof mit den spiralförmig gewundenen Marmorsäulen und arabischen Hufeisenbogen stellt sich den hervorragendsten Baudenkmälern in Spanien, der Alhambra u.s.w. würdig zur Seite. Wenn man durch die Galerien wandert und die Ornamente in verschlungenen Linien und Arabesken, den Inschriftenschmuck der Wände und die Mosaikböden, die eigelegten Türen in Holzschnitzwerk u.s.w. bewundert, so glaubt man im Geiste auch die schönen Frauen wieder zu erblicken, welche einst dort während der heißen Stunden des Tages weilten. In den oberen Räumen befindet sich eine Bibliothek mit 135,000 Bänden und 700 arabischen Manuskripten, sowie eine reiche Sammlung von Münzen und Medaillen.

Der Fremde darf auch nicht versäumen, die große Fischhalle beim inneren Hafen zu besuchen, wo in jeder Morgenfrühe die über Nacht erbeuteten Reichtümer des Meeres auf marmornen Tischen zur Schau ausgebreitet werden. Interessant ist ferner ein gang durch die aus Glas und Eisen erbaute Halle auf der Place de Chartres, welches selbst während der Wintermonate die schönsten frischen Gemüse und die köstlichsten Früchte enthält. Die prächtigen Blumenkohlköpfe, die Artischocken, frischen Blumen und Erbsen, welche in den Schaufenstern unserer großstädtischen Delikatessenhandlungen prangen, während tiefer Schnee die Straßen und Dächer bedeckt, sind durchweg an den sonnigen Hängen des unteren Moustapha bei Algier gezogen. Neben ihnen findet man in jener Kaufhalle jederzeit die köstlichsten Salate und Bunde von Stangenspargel, Orangen von Blida, Erdbeeren, Kirschen u.s.w.

Ausflüge in die baum- und gartenreiche Umgebung der Stadt mit ihren Ortschaften und Landhäusern bieten dem Fremden auch Gelegenheit, das Leben der ländlichen Bevölkerung, ihre Trachten und Sitten kennen zu lernen und dadurch das allgemeine Bild der algerischen Bewohnerschaft zu vervollständigen.

Hafen
Frauen
Beim Spiel

 

Dort sitzen an einer Lehmmauer, welche einen Brunnen mit dem altertümlichen Wasserrade umschließt, drei libysche Bauern, die sich durch ein unterhaltendes Spiel auf dem sandigen Boden die Zeit vertreiben. Hier hat ein anderer Bauer an der durch ihr köstliches Wasser berühmten Blauen Quellen seinen Schlauch aus Ziegenleder gefüllt und ihn dann seinem Esel aufgeladen, der ihn heimwärts trägt. Auf einem anderen Grautier hockt ein verhülltes Weib, das über Land zieht. Aus einer buschigen Schlucht sehen wir eine ganze Reihe von Kabylenfrauen hervortreten, die unter lautem Gesange den gemeinschaftlichen Weg zurückzulegen. Ihre Gesichter sind unverhüllt, wie die der Berberfrauen, welche Sitte jedenfalls noch aus vormohammedanischer Zeit stammt.

Den Glanzpunkt der näheren Umgebung von Algier bildet die Vorstadt Moustapha Supérieur, wohin der Weg durch die monumentale Porte de Constantine führt. Die Straße zieht sich zwischen der Agha und dem Fuße eines Hügels, welchen ein Fort krönt, aufwärts, vorüber an herrlichen, von Gärten umgebenen Landhäusern, Gasthöfen und Cafés. Bemerkenswert sind vor allem das Nonnenkloster Sacré Coeur mit großem garten, die Villa Jussuf mit einer berühmten Palme und das prachtvoll gelegene Schloß des Deis Mustafa, das jetzt dem Gouverneur als Sommerresidenz dient. Von den Gärten dieses fürstlichen Sitzes umfaßt der Blick die ganze Stadt und den Golf von Algier bis zum Kap Matifu. Das Innere ist dem fremden nur während der Wintermonate zugänglich, wenn der Gouverneur in der Stadt wohnt, doch bekommt mann schon eine Vorstellung von den reizen dieses unvergleichlichen maurischen "Buen-Retiro", wenn man durch die jederzeit offenstehende Pforte eintritt.

Ostwärts führt dann der Chemin Romain hinab nach Moustapha Inférieur mit dem schon erwähnten Jardin d'Essay, der eine Fläche von 75 Hektar umfaßt. Exotische Pflanzen fassen die zusammen 410 Meter langen Alleen ein; hauptsächlich Palmen, Drachenbäume, Feigen all Art, Bambus u.s.w. Die Palmenallee führt zu einer kleinen Oase am Meer mit 73 Dattelpalmen. Daneben finden sich Pflanzen zu medizinischer und industrieller Verwendung, sowie solche aus Australien, Chile, Mexiko, Ostindien u.W. in zum Teil ganz herrlichen Exemplaren.

Die Vorstädte bilden zugleich die Durchgangspunkte für weitere Ausflüge, die jeder nach Algier kommende Fremde unternehmen sollte, dem Zeit und Mittel dafür zu Gebote stehen.

Quelle: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Union deutsche Verlagsgesellschaft, 1900, von rado jadu 2001


Arabische Frau
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Maurischer  Kaufladen