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Ägypten
Von Prof. Dr. Karl Dyroff
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2. Ägypten unter den Ptolemaiern (332-30 v. Chr.)
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2. Ägypten unter den Ptolemaiern (332-30 v. Chr.) Die Kenntnis des Abschnitts von drei Jahrhunderten ägyptischer Kulturentwicklung, der sich an die makedonische Besitznahme schließt, ist in den letzten Jahrzehnten erheblich gewachsen, da die neuerdings immer aufmerksamer betriebene Durchforschung des Bodens eine erdrückende Masse neuen Forschungsmaterials, namentlich an Papyrus, hergegeben hat. Vom Leben und Verkehr aller Volksklassen, von der Verwaltung des Landes, der Gaue, Tempel und Dörfer, vom Rechtswesen, von Glauben, Sitte und Sprache liegen jetzt reiche Zeugnisse in den Museen geborgen. Die Fülle der demotisch geschriebenen Urkunden, deren Verständnis große Fortschritte aufweist, wird, wie man mit Recht gesagt hat, zusammen mit den griechischen gleichzeitigen Papyrus einmal ein Bild des hellenistischen Ägyptens ergeben, das vollständiger ist als das jeder anderen Epoche des Niltales. Ein gut Teil davon ist bereits bearbeitet, aber auch der Zukunft bleibt noch ausgiebige Ernte. Die politische Geschichte des Ptolemaierreiches, soweit sie sich mit anderen Staaten berührt, gehört in die Darstellung des mit den Diadochen beginnenden hellenistischen Zeitalters, hier sei kurz auf den äußeren Rahmen der Geschichte hingewiesen. Bei der großen Satrapienverteilung nach Alexanders Tode mit Ägypten bedacht, traf der damals 44 Jahre alte makedonische Feldherr Ptolemaios, des Lagos Sohn, im Herbste 323 dort ein. Der unmündige Sohn des Königs, Alexander Aigos, hat Ägypten nie gesehen, wird aber auf den Inschriften des Satrapen noch als Herrscher behandelt, selbst nachdem er (um 310) von Kassandros ermordet war. Erst 304 nahm Ptolemaios I. den Königstitel an; den Beinamen des "Erretters" (Soter), den ihm griechische Gemeinden als Ehrentitel gegeben haben, behielt er, als sein Sohn den toten Vater zum "Gott" erhob. Im Jahre 284 dankte Ptolemaios I. im hohen Alter zugunsten seines 308 geborenen Sohnes Ptolemaios II. Philadelphos (284-246) ab; zwei Jahre darauf starb er. Auf diesen sind in direkter Linie gefolgt: Ptolemaios III. Euergetes (246-221), Ptolemaios IV. Philopator (221-205) und der bis 198 unmündige Ptolemaios V. Epiphanes (gest. 181). Dieser hinterließ wieder drei unmündige Kinder: den Nachfolger auf dem Throne, Ptolemaios VI. Philometor, eine Tochter Kleopatra und Ptolemaios Euergetes (II.) Infolge einer Einmischung Syriens wurde das Reich 170 etwa für Jahresfrist geteilt: Philometor herrschte in Memphis (Menfe), Euergetes (jetzt Ptolemaios VIII., da dem Philometor um 165 ein Sohn geboren wurde, der als Ptolemaios VII. zu zählen hat *1) und den Beinamen Eupator führte) in Alexandreia; von 169-164 regierten alle drei Geschwister gemeinsam als "Götter Philometoren". Vorübergehend vertrieben, kehrte Ptolemaios VI. 163 zurück, während Rom seinen Bruder nötigte, sich mit Kyrene zu begnügen. Aber im Jahre 145 fiel Philometor in Syrien; Ptolemaios VIII. erschien wenige Wochen darauf in Alexandreia, tötete den jungen Eupator und herrschte an der Seite seiner Schwester und seiner gleichnamigen Nichte mit vielen Unterbrechungen bis 116. Die Nichte Kleopatra nahm 115 ihren Sohn Ptolemaios X. Lathyros zum Mitregenten an (Ptolemaios IX. war ein Sohn der älteren Kleopatra und des Energetes gewesen und starb 119 als König von Kypros); er mußte 107 nach Kypros entweichen und seinem Bruder Ptolemaios XI. Alexandros I. den Platz in Ägypten räumen. Alexandros ermordete 101 seine Mutter; als er 88 starb, kehrte Lathyros zurück. Nach seinem Tode (81) regierte seine Tochter, Kleopatra Berenike, eine Zeitlang allein, dann wurde ihr von Rom ihr Stiefsohn Ptolemaios XII. Alexandros II. als König und Gemahl zur Seite gestellt. Die gemeinsame Herrschaft dauerte nur 19 Tage; Alexandros ermordete die Frau und wurde alsbald von den Soldaten ermordet. Darauf herrschte Ptolemaios XIII. Auletes ("der Flötenspieler"), ein minderbürtiger Sohn des Ptolemaios X.,zuerst von 80-58. Nach seiner Verjagung und dem frühen Tode seiner älteren Tochter Kleopatra Tryphaina bestieg die jüngere, Berenike, den Thron (58-55), den sie dann samt dem Leben an ihren mit römischer Hilfe zurückkehrenden Vater verlor. Auletes selbst hinterließ Ägypten 51 seinem zehnjährigen Sohne. Dieser, Ptolemaios XIV., mit seinen Schwestern Kleopatra (VII.) und Arsinoë in fortwährendem Streite, wurde 47 von Cäsar besiegt und ertrank auf der Flucht im Nil. Von da an bis 44 herrschten Kleopatra und ihr jüngerer Bruder Ptolemaios XV. gemeinsam; letzterer verschwindet, und an seine Stelle tritt von 36 an der 47 geborene Cäsarion (Ptolemaios XVI.), dessen Vater angeblich C. Julius Cäsar gewesen ist. Beim Zusammenbruch des Ptolemaierstaates (30 v. Chr.) fanden Mutter und Sohn den Tod; eine Tochter Kleopatras von M. Antonius, Selene, durfte nachmals den Mauretanierkönig Juba heiraten. Mit Ptolemaios, dem Sohne dieses Paares, ist das Geschlecht im fernen Westen erloschen. Alexandreia, die glänzende Stadt des Handels, des Hofes und der Gelehrsamkeit, taucht mit dem Beginn des ptolemischen Herrscherhauses gleichsam aus dem Nichts empor und strahlt bereits nach wenigen Jahrzehnten an der Spitze des hellenistischen Orients. Von der Gründung Alexander des Großen, die auf dem Zug nach der Oase des Amon erfolgte, haben wir nur sehr dürftige Nachrichten, wenn wir von Fabeln absehen. Doch ist es begreiflich, daß Alexander Naukratis und das berühmte Amonsorakel in der Wüste sehen wollte; es war eine gute Anwendung der knappen Zeit, die dem rastlosen König für Ägypten zur Verfügung stand. Es wäre auch gar nicht unglaublich, wenn ihn ägyptische Priester, die wie die Masse des Volkes in ihm den ersehnten Befreier von dem verhaßten Perserjoch sahen, als "Sohn das Amon" begrüßt und in Dichtungen, wie sie seit alters üblich waren , als solchen gefeiert hätten. So wäre damals schon der Grund zu dem berühmten "Alexanderroman" gelegt worden. Über die Verhältnisse von Naukratis in dieser Zeit wissen wir wenig; daß aber Alexander irgendeine Rücksicht auf diese Stadt genommen hätte, wenn ihm ein Platz, der am Meere selbst lag, als geeignet für eine neue Stadt erschien, entspräche wenig seiner bekannten selbstherrlichen Rücksichtlosigkeit. Es handelte sich für ihn um die Anlage einer griechischen Siedelung, wie er so viele ins Leben gerufen hat: sie wurde neben einer ägyptischen, namens Rakote (griechisch: Rhakotis), begründet, die bereits einiges Ansehen und namentlich auch militärische Bedeutung besaß. Freilich, daß Ptolemaios dort "seinen Hof machte", wie sich ein ägyptischer Text ausdrückt, war für die Entwickelung der Stadt das eigentlich ausschlaggebende Ereignis. Alexander hinterließ, als er im Frühjahr 331 von Memphis nach Asien aufbrach, eine Organisation der zivilen Regierungsgewalt, die den Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung in weitem Maße entgegenkam, jedoch einem ziemlich anrüchigen Charakter, dem Naukratier Kleomenes, dem Steuereinnehmer für das ganze Land, zu großes Recht einräumte. Ptolemaios I. fing seine Verwaltung sogleich mit der Hinrichtung des Kleomenes an. Alexandereia, die Residenz des neuen Statthalters, erhielt ein prächtiges Grabmahl Alexanders und seinen Leichnam, über dessen Erwerbung durch Ptolemaios wir mancherlei hören. Kein Feldherr, der es mit den übrigen großen Diadochen aufnehmen konnte, hat sich der Sohn des Lagos doch als gewandter Politiker nach innen wie nach außen bewährt. Die Notwendigkeit, das Königtum über ein fremdes Land auf griechische Söldnerscharen, die "Makedonier" zu stützen, hinderte ihn nicht, vor allem seine Stellung als Nachfolger der Pharaonen und Sohn der einheimischen Götter hervorzukehren. Wünschenswert war ein neuer Gott, um die Residenz, das Petersburg Ägyptens, den religiösen Bezirken des Landes anzufügen. Mit dem "Sarapis" (Serapis), dem "Usire von Rakote", einem Gott, den Ptolemaios aus der Fremde (vielleicht wirklich,wie berichtet wird, aus dem pontischen Sinope) herholte, hatte er einen sehr guten religionpolitischen Griff getan. Man schrieb den neuen Gott "Usire Hape", was uns an die altbeliebten etymologischen Spielereien erinnert, und verknüpfte mit seinem Kult den eines Apisstieres. Ägypter und Griechen kamen dabei gleichermaßen auf ihre Rechnung, und noch im Synkretismus des Römerreiches hat Sarapis große Lebenskraft bewiesen. Seine Hauptheiligtümer, die Serapeen zu Alexandreia und Memphis, sind für Jahrhunderte hinaus wichtige religiöse Zentren gewesen. Ptolemaios I. gründete zu Alexandreia das Museion, jene berühmte Gelehrtengemeinschaft auf Staatskosten, der in der Folgezeit die größte Bibliothek des Altertums für ihre Forschungen zu Gebote stand; es bleib freilich eine völlige griechische Einrichtung, die für die Kunde Ägyptens nichts Nennenswertes geleistet hat. Auch die Gründung von Ptolemaïs (bei Abydos), der einzigen griechischen polis im Ägypterlande, die den Ptolemaiern ihren Ursprung verdankt, geht auf Ptolemaios I. zurück. Ptolemaios II. (s. Abbildung) stand dem Vater in vielen Beziehungen nach, doch erntete er einen reichen Teil der Früchte des klugen väterlichen Regiments. Die Blüte der Gelehrsamkeit begann sich unter ihm am Museion zu entfalten, die Literatur hatte in Alexandreia einen Mittelpunkt gefunden, der Athen zu überstrahlen sich anschickte. In der Hauptstadt und an manchen Tempeln des Landes hat der König mit großem Aufwand gebaut; das Faijum, das jetzt nach der Schwester und Gemahlin des Königs den Namen Arsinoë empfing (wie auch die Hauptstadt Krokodilopolis später Arsinoë hieß), wurde mit griechischen Söldnern besiedelt, deren Nachkommen bald eine städtische Bevölkerung ausmachten. Daß Philadelphos zur Ehe mit der eigenen, schon zweimal verwitweten Schwester schritt, stand im Gegensatze zu der Heiratspolitik, die sein Vater zu einem Netz erweitert hatte, das die Höfe der meisten hellenistischen Kulturstaaten umspann, freilich die darauf gesetzten Erwartungen wenig erfüllte. Der Vorgang hat in der griechischen Welt, die dem Vorbild der alten Pharaonen keinen Geschmack abgewinnen wußte, Entrüstung hervorrufen, den einheimischen Ägyptern, deren Stimmung freilich wenig ins Gewicht fiel, mag er geschmeichelt haben. Auch Ptolemaios III. nahm dann seine Schwester Berenike zur Frau, und die weiteren Nachfolger machten dies Verfahren wie eine Art Familiensitte nach. Die drei ersten Ptolemaierkönige, von denen der kriegerische (ältere) Euergetes am erfolgreichsten nach außen hin auftrat, haben in Ägypten dem griechischen Wesen die Bahn so nachhaltig geebnet, daß ihm nachher, auch unter den ungünstigen Umständen, keine Errungenschaft verloren gegangen ist. Das nationale Ägyptertum mußte sich daran gewöhnen; von der Regierung hielt man es unter den ersten Ptolemaiern fern, doch sorgte man, schon der Steuerkraft wegen, für seine Bedürfnisse in Justiz und Verwaltung, und auch die einheimische Priesterschaft konnte sich nicht über Vernachlässigung beklagen. Wir haben berühmte Zeugnisse der Priester in den Ehrendekret von Kanopos für Ptolemaios III. und die Königin Berenike und in dem Beschluß auf dem "Stein von Rosette" für Ptolemaios V. Beide Urkunden sind dreisprachig; mit dem Funde des Rosettesteines (1799) hat die ägyptologische Wissenschaft ihren Anfang genommen. Die Errichtung dieses Denkmals geschah 196, "weil der König Ptolemaios, der ewig lebt, der von Ptah geliebte, der Gott Epiphanes, der Wohltäter, Sohn des Königs Ptolemaios und der Königin Arsinoë, der Götter Philopatoren, die Tempel mit Wohltaten überhäuft", dem Lande Steuern und Zölle erlassen, Rückstände gestrichen, das Verfahren gegen Angeklagte niedergeschlagen hatte. Der König, nicht lange vorher für großjährig erklärt, hatte sich in Memphis nach ägyptischen Ritus krönen lassen, wofür die Priesterschaft mit der Inschrift des Steines dankte. In den Jahren zuvor hatte es mit dem Fortbestande des Ptolemaierhauses übel ausgesehen. Nicht nur die hellenistischen Nachbarstaaten, auch die Ägypter selbst hatten sich dagegen erhoben: es wird aus Theben ein einheimischer Fürst Harmakhe ("Jahr 4") und ein anderer namens Ankhemakhe bekannt, von dessen 14. Jahre die Rede ist. Der Aufstand des Südens muß also schon in der zweiten Hälfte der Regierung von Ptolemaios IV. begonnen haben, unter dem sich die einheimisch-ägyptischen Kreise so weit erholt hatten, daß sie nach bedeutender Geltung im Staat verlangten. Beginn und Ende dieser Regierung sahen Unruhen in der Hauptstadt. Am Anfang steht der Putsch des Königs Kleomenes III. von Sparta, der, aus seiner Heimat fliehend, mit einer kleinen Schar in Alexandreia gelandet war und beim ägyptischen Hof Unterstützung zu finden gemeint hatte. Indessen hielt man es mit der Zeit angezeigt, ihn in Gewahrsam zu legen; doch er entkam (um 219), rief die erstaunten Bewohner vergebens zur "Freiheit" auf und stürzte sich, als er sich verlassen sah, in sein Schwert. Als Ptolemaios IV. starb, fiel die Stadt wieder in wilden Aufruhr: er galt seinen Günstlingen, die dabei ein schreckliches Ende fanden. Seitdem hat sich der "süße Pöbel zu Alexandreia" immer wieder, auch unter den Römern, durch blutige Unruhen bemerkbar gemacht. Wie das Herrscherverzeichnis durch seinen raschen Personenwechsel von Ptolemaios VII. ab erkennen läßt, sind die letzten anderthalb Jahrhunderte des Lagidenhauses ein trauriger Abschnitt in der Geschichte der Dynastie. Anders allerdings gestaltete sich das Bild, zögen wir die hinterlassenen Denkmäler allein in Betracht; das Zeitalter politischer Kraftentwicklung erschiene dann arm gegenüber dem des bautenreichen Niederganges: ein Wink zur Vorsicht in der Beurteilung auch älterer Abschnitte der ägyptischen Geschichte. Der malerische Tempel von Philai (s. Abbildung), die schönen Phylone und stimmungsvollen Säulenhallen von Edfu, Efne, Dendera: Das Beste, was außerhalb Thebens an Proben ägyptischer Architektur erhalten geblieben ist, rührt aus eben der Zeit, wo sich die Unruhen im Land und die Mordtaten unter den königlichen Geschwistern häufen, trotzdem daß man z.B. am Tempel von Der el-Medine (hinter Medinet Habu) die Brüder Ptolemaios VI. und Ptolemaios VIII. mit ihrer Schwester Kleopatra einträchtiglich opfern und geschwisterlich ihre Titel teilen sieht. Der Leben der breiten Masse wurde durch Zwistigkeiten am Hofe wohl nicht allzusehr in Mitleidenschaft gezogen. An der Erwerbstätigkeit des Landes war der König durch die königliche Monopole in erster Linie beteiligt. Daraus ergaben sich von selbst, daß sich Industrie und Handel mannigfacher Pflege erfeuten; der Handel namentlich hat sich in der Ptolemaierzeit mächtig entfaltet und fand auch in der Politik der Ptolemaier sorgfältige Berücksichtung. Mit den afrikanischen und arabischen Weihrauchländern und mit Indien unterhielt man ununterbrochenen Verkehr. Die Einkünfte des königlichen Schatzes sanken zwar etwas unter den späteren Ptolemaiern, brachten aber selbst unter der schlechten und leichtsinnigen Verwaltung des "Flötenspielers" jährlich mehr als 6000 Talende = 156 000 kg Silber. Der Niedergang der Dynastie, der schon mit Ptolemaios IV. begann, wurde unaufhaltbar durch das Auftreten der Römer. Seitdem eine römische Gesandtschaft 186 den Seleukiden Antiochos Epiphanes mit bloßen Drohungen aus dem schon eroberten Ägypten gescheucht hatte, geriet das Haus der Ptolemaier mehr und mehr in die Vormundschaft dieser westlichen Macht. Ptolemaios VIII. Euergetes, den seine Alexandriner "König Schmerbauch" (Physkon) nannten, hat viel Schändliches und Erbärmliches getan, wenn wir den alten Historikern glauben wollen; indessen war er doch wohl besser als sein Ruf. Mit Rom stellte er sich gut, und innere und äußere Schwierigkeiten seit dem gracchischen Unruhen zogen Roms Hand für längere Zeit von Orient ab. Lathyros herrschte fast 20 Jahre in Kypros und trat sogar in Palästina erobernd auf, bis ihn die jüdischen Feldherren seiner Mutter Kleopatra und seines Bruders Alexandros wieder von dort vertrieben. Als er 88 den erledigten ägyptischen Thron ohne Zutun des Senats in Besitz nahm, war Rom durch den Pontiker Mithradates bedroht und mußte sogar (87) den Ptolemaier um seine Flotte angehen. Lathyros empfing zwar den Abgesandten Sullas, Lucullus, mit ausgesuchter Gastfreiheit, hielt aber seine Schiffe fest. Der verspätete und vorsichtige Versuch einer selbständigen Politik hat keinerlei Folgen nach sich gezogen: des Mithradates Sache machte nicht die erwarteten Fortschritte, die Parteiungen in Rom dauerten an, und Lathyros bekam mit einem heftigen Aufstand in Oberägypten Arbeit. Theben, das noch einmal Sitz höherer Verwaltungsämter, Priesterkollegien und einer königlichen Bank geworden war, von deren Tätigkeit Urkunden zeugen, bildete wiederum den Mittelpunkt für die Empörer. Diesmal wurde keine Rücksicht auf die altheilige Stadt genommen; der König überantwortete sie der Zerstörung (um 83); als der Erdbeschreiber Strabon 60 Jahre später den Ort besuchte, fand er in dem ausgedehnten Trümmerfelde nur einzelne bewohnte Dorfschaften. Nach den Tode des Lathyros beherrschten abermals nichts als Skandalgeschichten die Lebensäußerungen des verfallenden Ptolemaierhauses. Mit Alexandros II. schloß die legitime Linie, doch entsprach es dem für die Ptolemaier geltenden makedonischen Thronfolgerecht, daß nun der minderbürtige Auletes zur Regierung kam. Erst 59 erlangte er Roms Anerkennung, der Konsul Cäsar steckte eine ungeheure Summe dafür ein. Kyrene wurde 74, Kypros 58 von Rom annektiert. Cäsar war nach Gallien gegangen; als er zurückkam, um den Krieg mit Pompeius zu führen, kam auch die schicksalsvolle Agonie des Ptolemaierhauses heran. Seine letzten Vertreter haben sich noch einmal zu einer gewissen Großartigkeit erhoben, wenn man sie mit ihren unmittelbaren Vorgängern vergleicht; und ihr Untergang wirkt tragisch (Arsinoë, Ptolemaios XIV., die vielberühmte Kleopatra und ihr Sohn Cäsarion). Über die Endschicksale und die Eroberung des hellenistischen Staates von Ägypten vergleiche Geschichte Roms. *1) Eine vielfach angewandte Zählweise ist: Philometor = Ptolemaios VII.. Energetes = Ptolemaios IX., dagegen Eupator = Ptolemaios VI. und der oben als Ptolemaios IX. gezählte = Ptolemaios VIII. Den Abstammungsverhältnissen gegenüber würde aber diese Bezifferung irreführen.
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| Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu |
