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Ägypten

Von Prof. Dr. Karl Dyroff

1. Das Ägypten der Pharaonen

E. Die 13. bis 17. Dynastie und die Hyksos

(1788 - 1600 v. Chr.)

 

a) die 13. Dynastie

Mit dem Ende der 12. Dynastie tritt ein ähnlicher Zustand der Überlieferung ein wie am Ende der 6. Die Denkmäler, vorher so reich, versagen auf längere Zeit bis auf wenige, und das Erhaltene ist meist historisch ziemlich belanglos. Der Papyrus von Turin hatte hinter der 12. Dynastie eine lange - jetzt zum Teil verlorene - Liste von 60 Königen, die der dreizehnten Dynastie Manethos, 60 Thebanern zu 453 Jahren, entsprechen. Neben den Namen, die die gewöhnliche Gestalt der offiziellen Königsnamen aufweisen, gewahrt man mehrfach einfache Personennamen wie Amenemhet, Reniseneb, Nehse, von denen einzelne vielleicht Regierungen von Usurpatoren oder Begründern eines neuen Geschlechtes bezeichnen. Die Regierungsdauer ist bei weitaus den meisten Königen sehr kurz. Die Namen sind nur der chronologischen Folge zuliebe in ein System gebracht, zu dessen Beurteilung uns die Mittel fehlen. Die Tafeln von Abod und Sakkara haben aus der ganzen Zeit von Ende der 12. Dynastie bis zum Anfang der 18. keinen einzigen Namen.

In welcher Weise nach dem Tode der Sebkenefrure die Königswürde an ein neues Haus kam, ist unbekannt. Daß sehr bald anarchische Zustände eingetreten sind, sieht man z. B. an dem Aufhören der Eintragungen über den Hochstand des Nil, die seit Amenemhet III. an den Felsen zu Semne angebracht wurden.

Aus dem 4. Jahr des Königs Khutauire Ugaf, des ersten der 13. Dynastie, stammt die letzte Eintragung. Auch hier, wie bei der 6. Dynastie, wird die Verwirrung am Hofe begonnen haben, auch der Versuch zur Aufrichtung lokaler Gewalten wird gemacht worden sein; die sogenannte 14. Dynastie (s. unten) stellt ja nichts anderes als einen solchen gelungenen Versuch dar. Freilich, die Rolle der Nomarchen war ausgespielt und kehrt in der alten Form nicht wieder. Die Rauferei um die Königswürde beschäftigt die ehrgeizigen Prinzen oder Generale nicht einmal ein ganzes Jahrhundert lang, da kommt ein Mächtiger über sie, ein Ausländer.
Wenn die Pharaonen der 13. Dynastie auf den Denkmälern sprechen, oder wenn ein anderer von ihnen spricht, so merkt man nicht, daß das Königtum so schwach geworden war; die alten Formen, die alte Etikette wurde aufrecht erhalten. Ein Teil der Könige nennt sich nach dem Gotte Sobk: Sebekemsaf, Sebekhotep, ein Zeichen, daß die Stellung, die das Faijum unter Amenemhet III. gewonnen hatte, noch kräftige Nachwirkungen übte. Von einigen, z.B. von Sebekhotep IV., dem 25. der Reihe des Papyrus, finden sich Denkmäler an weit voneinanderliegenden Orten, so daß man sieht, auch die Prätension, über das ganze Land zu herrschen, wurde festgehalten und wohl auch teilweise respektiert. Ein Stein des Königs Neferhotep, der 23. der Reihe, aus dem Usiretempel zu Abod, berichtet, wie der König die alten Bücher des Atum zu On einsehen ließ, um die richtige Weise der Opfer und die alte Form der Statue des Usire, wie sie "zu Anbeginn (der Welt)" war, daraus zu entnehmen. Auch einen Grenzstein aus dem Friedhof von Abod haben wir von diesem König.

Von dem 58. der Reihe, König Nehse, hat sich eine Statue mit einer ganz kurzen Angabe erhalten, die, falls die Deutung der Worte nicht irrt, eine grundlegende Tatsache für die Erkenntnis der Zeit liefert. Er nennt sich hier "geliebt von Seteh von Hatwaret". Seteh von Hatwaret, früher nirgends genannt, ist der Gott der Hyksos. Also hat der Hyksoseinfall vor Nehse, also noch vor dem Ende der 13. Dynastie stattgefunden, die letzten Könige dieser Dynastie waren Vasallen der fremden Eindringlinge. Die Könige der vierzehnten Dynastie, nach Manetho 76 Xoïten mit 184 Jahren - wir haben von keinem ein Denkmal, der Turiner Papyrus hatte eine ziemliche Anzahl von Namen, die ihnen entsprechen müssen -, sind dann Dynasten der Stadt Khsou (griech. Xoïs, heute Sakha) im westlichen Delta, die sich im Bunde oder auch als Gegner der Hyksos behauptet haben.

b) Die Hyksos (1700-1600 v. Chr.)

Waren um 1400 der Reichtum des Landes, die Schätze seines Königshauses und seiner Tempel in Vorderasien so berühmt, daß die dortigen Herrscher ihre Freundschaft unbedenklich von Spenden aus diesem Überfluß abhängig machen, so wird die ausländische Meinung über die 12. Dynastie um 1800 dieselbe gewesen sein. Um 1700 aber war das Land die Beute der Asiaten, den vielberufenen Hyksos, geworden. Wir haben darüber den Bericht des Manetho bei Flavius Josephus. Der Anfang davon ist verstümmelt, es war ein König genannt, von dessen Namen nur noch das Ende -tutmaios erhalten blieb. Dann fährt Manetho fort: "Zu jener Zeit geschah es, ich weiß nicht wieso, daß ein Gott uns zürnte. Da brachen von Osten her ganz unerwartet Leute von unbekannter Herkunft keck in unser Land ein und nahmen es gewaltsam in Besitz, ohne Widerstand zu finden. Nachdem sie die Machthaber gefangen genommen hatten, verbrannten sie unsere Städte, zerstörten die Götterwohnungen und taten den Einwohnern alle Grausamkeiten an: die einen wurden erschlagen, die Weiber und Kinder der anderen zu Sklaven gemacht."

Der rasche Sieg der Asiaten, an sich nicht unglaubhaft, spricht für kriegerische Tüchtigkeit; wahrscheinlich hat die in Asien aufgekommene neue Kriegskunst mit Pferden und Streitwagen die Überrumpelung Ägyptens herbeigeführt; auch im Kriegswesen, wie in vielen anderen Beziehungen, bietet Ägypten nach der Hyksoszeit ein anderes Bild: bis dahin wurde hier ein großer Held (z.B. Senwosret I.,. als ein schnellfüßiger Mann gepriesen - nach der Wiederbefreiung eilte der Pharao auf seinem Wagen in den Kampf. Es ist möglich, die Manethonische Erzählung dahin zu erklären, daß die Eroberung Ägyptens zuerst die Abhängigkeit des Landes von einem asiatischen Reiche bedeutete. Manetho fährt so fort: "Endlich machen sie einen der Ihrigen zum König, der hieß Salatis. Er ging nach Memphis und erhob Tribut aus dem Oberland und dem Unterland; auch legte er Besatzungen in die geeigneten Orte. Am meisten aber nahm er auf die Sicherheit der Ostgrenze Bedacht, weil er sich eines gelegentlichen Angriffs der wachsenden Assyrermacht versah. Sowie er am östlichen Ufer des Bubastischen Nilarms eine Stadt wahrgenommen hatte, die wegen irgendeiner alten göttergeschichtlichen Beziehung Auaris hieß und die für seinen Zweck als wohlgelegen befunden wurde, baute er sie aus, umgab sie mit Mauern und legte 240 000 Schwerbewaffnete hinein. Im Sommer pflegte er sich dorthin zu begeben, um Tribut einzuziehen, Sold auszuteilen und das Heer in Waffen zu üben, damit es Schrecken unter den Ausländern verbreite." Manetho spricht hier von den Assyrern, weil er, nach einer anderen Stelle, der Meinung war, daß diese damals "über Asien geherrscht haben".

"Nach 19 Jahren der Herrschaft starb Salatis; nach ihm regierte ein anderer namens Beon (oder Bnon) 44 Jahre; ihm folgte Apachnas, der 36 Jahre 7 Monate herrschte, nach diesem Apophis mit 61 Jahren und Jannas 50 Jahre 1 Monat. Nach allen kam Assis mit 49 Jahren und 2 Monaten. Dieses sechs sind die ersten ihrer Regenten gewesen; sie führten fortwährend Krieg, und ihr Bestreben war, Ägypten von Grund auszurotten. Das ganze Volk wurde Hyksos genannt, d.h. Hirtenkönige; den >Hyk< bedeutet in der heiligen Sprache einen König und >Sos< Hirt oder Hirten in der Volkssprache, und so wird daraus die Zusammensetzung >Hyksos<. Einige aber sagen, sie seien Araber. Diese vorgenannten Könige und ihre Abkömmlinge hielten Ägypten in Besitz 511 Jahre." Soweit Manetho, von Flavius Josephus freilich nicht nach dem Original wiedergegebener Bericht. Jedenfalls sieht er nicht wie ein Märchen aus; ägyptische Märchen haben ein ganz anderes Gesicht, und wir können uns das gerade an einem Märchen über diese Zeit klarmachen (siehe unten). Es ist vielmehr, soweit nicht einfach eine Königsliste wiedergegeben wird, die Weisheit spätägyptischer Historiker, nur in griechische Ausdrucksweise übersetzt. Der Name Hyksos und die Namen ihrer Könige stellen für uns gegenwärtig so ziemlich die einzigen Handhaben dar, das Volkstum dieser Völkerwelle, die das Niltal überflutete, zu bestimmen. Hypothesen hierüber mag man aus Band II dieser Weltgeschichte ersehen. Hyk-, ägyptisch hk», heißt in der Tat "Herrscher", und Hyksos ist die griechische Wiedergabe des Titels hk» h»swt, "Herrscher der Fremdländer", den diese Könige führen; es liegt also ein ägyptische Bezeichnung der Könige vor, die man ohne Bedenken gleichfalls jenen spätägyptischen Historikern zuschreiben wird. Ferner ist es aber bis auf weiteres auch wahrscheinlich, daß die Hyksos dem semitischen Volkstum angehören, und das wird durch Eigennamen wie Jakob-her, Anat-her (wohl auch Salatis, Khian) bekräftigt; gewiß aber auch dadurch, daß im Neuen Reiche semitische Sprache und Kultur den ägyptischen literarischen Kreisen viel näher stehen, als es die bloße Besitzergreifung von Kanaan erwarten ließe.

Was der 8., 9., 10. und 13. Dynastie widerfuhr, ist erst recht dem Andenken der Hyksos begegnet, ihre Denkmäler sind meist untergegangen. Zum Teil ist das gewiß durch Verfolgung ihres Andenkens veranlaßt. Die oben aufgezählten sechs ersten Herrscher bilden die fünfzehnte Dynastie bei Manetho; ihr folgte die sechzehnte: "andere Hirten", ohne Namen und mit unglaubhaft hoher Zahl von Jahren. Und als die siebzehnte Dynastie rechnet er die 43 thebanischen Könige gleichzeitig mit 43 Hyksos, die nebeneinander 151 (oder 221) Jahre regierten. Die Hyksosherrschaft hatte, wie Manetho und die Denkmäler übereinstimmend angeben, ihren Mittelpunkt zunächst in der unweit von Tsane belegenen Feste Hatwaret (griech. Auaris) und scheint sich später nach Palästina hinein erstreckt zu haben. Von Hatwaret aus haben sie Menfe erobert und weithin über Ägypten geboten; nur erklärt sich der Schrecken vor ihnen, der noch deutlich aus der hellenistischen Geschichtserzählung spricht. Wie später die Ptolemaier, haben sie sich ihren ägyptischen Untertanen gegenüber in den Formen der alten Könige gegeben. Ihren Gott, irgendeinen Baal, setzten sie, wohl auf Grund einer schon früher im Verkehr zwischen Ägypten und Kanaan gefundenen Gleichung Seteh = Baal, dem Seteh von Hatwaret gleich. Religiöse Gegensätze haben wohl wirklich eine starke Rolle in der Bewegung der Zeit gespielt. Die lokalen Gewalten wurden von den Hyksos belassen, soweit es ihnen paßte, oder wenn sonst ein zwingender Grund dafür vorlag: so die Xoïten und die 17.Dynastie.

König Jannas ist identisch mit König Khian, von dem sich der Name auf einem Stein in Gebelen, auf dem Unterteil eines Steinbildnisses in Perbastet (griech. Bubastis), auf einem kleinen Löwen in Bagdad, auf einem Alabasterstück in Kreta gefunden hat; auch Siegelzylinder und Skarabäen kennen wir von ihm, darunter auch solche aus den Ruinen von Geser in Palästina. Könige Apope (griech. Apophis) gab es mindestens drei. Der Name des einen, Aweserre Apope, steht auf einem Stein in Gebelen; von seinem 33. Jahr ist die Handschrift eines mathematischen Lehrbuches datiert; von einem Schreiber Atu haben wir aus dem Faijum die Palette, die ihm der König geschenkt hatte. Ein anderer, Akenenre Apope, wird auf einer gut gearbeiteten Opfertafel (aus Menfe?) genannt, die er dem Seteh von Hatwaret stiftete; auch erscheint sein Name an ein paar Sitzbildern, so an denen des Königs Mermescha der 13. Dynastie in Tsane, wie denn die Hyksoskönige derartige Aneignungen älterer Denkmäler gern geübt haben. Die Namen Anather und Jakobher kennen wir, wie die mancher anderer Hyksoskönige, von Skarabäen; auch im Turiner Papyrus waren Hyksos genannt.

Für die Bestimmung des Zeitraumes, während dessen die Hyksos über Ägypten geherrscht haben, sind die Angaben Manethos vorläufig, bis zur Aufhellung des Ursprungs seiner Irrtümer, völlig unbrauchbar. Die Zeit der Könige der 18. Dynastie wird durch die babylonischen Gleichzeitigkeiten und durch Notizen der ägyptischen Denkmäler über den Aufgang des Sirius hinlänglich festgelegt; nach diesen Anhaltspunkten regierte Ahmose, der erste König der 18. Dynastie, der Vertreiber der Hyksos, ungefähr von 1580 v. Chr. an. Somit sind es vom Ausgang der 12. Dynastie bis zur Vertreibung der Hyksos überhaupt nur ungefähr 200 Jahre. Nach dem, was wir vorn auf Grund des Denkmals von König Nehse angenommen haben, bleiben für die Hyksosherrschaft nur 100 Jahre und einige Jahrzehnte übrig. Mit diesen Annahmen stimmt die Datierung einer Weihinschrift von Tsane, die aus der Zeit von Ramesse II. (1303-1237) stammt; das darin gegebene "Jahr 400 des Königs Nubti" muß einer Tempelära von Tsane angehören, die irgendwie mit den Hyksos zusammenhängt; wenn die Weihinschrift etwa in der Mitte der Regierungszeit des Ramesse entstanden ist, so würde demnach diese Hyksosära um 1670, einige Jahrzehnte nach ihrem Einbruch, beginnen.

c) Die 17. Dynastie und die Vertreibung der Hyksos

Oberägypten entwand sich zeitig der direkten Verwaltung der Hyksos. Schon um 1650 v. Chr. treten dort einheimische Fürsten auf, die eine gewisse Selbständigkeit, gegen Tributleistung, besaßen. Die Namen Jenjetef und Menhotep, aus der 11. Dynastie bekannt, sind ein paarmal auch bei den Königen dieser siebzehnten Dynastie vertreten, die wieder in Theben ihren Sitz hatten, dort ihre dürftigen Gräber anlegte und dürftige Denkmäler hinterlassen hat. Von einem König Nubkheperure Jenjetef haben wir ein Dekret von Gebtoë aus seinem 3. Jahr; ein Mann namens Teti wird darin von seiner Stellung im Tempel des Min abgesetzt, weil er mit "den Feinden" irgendetwas Schlimmes angezettelt hatte. Es mag sein, daß mit diesen "Feinden" die Hyksos gemeint sind. Man sieht aus dem Dokument, daß Gebtoë damals durch eine Garnison von dem thebanischen König besetzt gehalten wurde. Am Schluß der Reihe dieser Könige stehen drei mit dem Vornamen Sekenenre und den Eigennamen Taa, Taa-o, Taa-ken. Vermutlich der letzte dieser drei Taa ist der Sekenenre eines Märchens des Neuen Reiches, das doch wohl von dem Emporkommen der thebanischen Könige und dem Ende der Hyksos handelte; vielleicht ist demnach unter ihm der entscheidende Endkampf der einheimischen Könige des Südens mit den fremden Eindringlingen losgebrochen; etwa um 1590 v. Chr. "Es begab sich", so hebt das interessante Stück an, daß das Land Ägypten im Besitz der Bösewichter war, indem es keinen Herrn König gab. Sekenenre war Fürst der südlichen Stadt, Apope in Hatwaret. Diesem zinste das ganze Land mit seinen Arbeiten, auch das Nordland mit allen guten Sachen des Deltas. Siehe, da nahm Apope den Seteh zum Herrn und diente keinem Gott im ganzen Lande außer ihm. Er baute den Tempel mit guter, ewiger Arbeit." Dann wird erzählt, daß Apope einmal dringende Botschaft an Sekenenre gelangen ließ und sich über den "Nilpferdkanal" beklagte, dessen Getöse ihn Tag und Nacht nicht schlafen lasse. Sekenenre aber geriet in große Bestürzung. "Der Fürst des Südens berief seine Großen nebst allen Offizieren, Ersten und Weisen um sich und teilte ihnen alle Worte des Königs Apope mit. Sie aber schwiegen alle lange Zeit und fanden keine Antwort im Guten oder Bösen. Da sandte König Apope..." damit bricht die Handschrift ab, und wir erfahren nicht, wie die Händel der beiden Könige ausgingen. Die Mumie des Sekenenre III. kam 1881 mit vielen anderen aus einem Felsversteck bei Theben ans Licht. Als man sie aufwickelte, ergab sich, daß der Fürst im besten Mannesalter einen gewaltsamen Tod erlitten hatte. Der Schädel war durch Hiebe gespalten und der Leichnam erst nach halber Verwesung zur notdürftigen Einbalsamierung gelangt. Ein solcher Befund läßt den Schluß zu, daß Sekenenre in einer Schlacht oder auf der Flucht fiel und daß der Feind den Körper unbestattet ließ. Als Nachfolger des gefallenen Fürsten nimmt man Kemose an, dessen Sarg unter anderem eine plastische Barke aus Gold enthielt, jetzt ein kunstgeschichtlich wertvolles Schaustück des Museums zu Kairo. Der Krieg mit den Hyksos dauerte wahrscheinlich fort, wenn auch nicht ohne Pausen. Am Tempel der Göttin Pakht zu Speos Artemidos, südlich von Beni Haßan, sagt eine Inschrift seiner Erbauerin, der Königin Hatschepsut, "sie habe wieder hergestellt,was verfallen war, und wieder aufgerichtet, was unvollendet geblieben, seitdem die Asiaten in Hatwaret im Nordlande saßen und alles zerstörten". Das Land wird noch lange Wunden aufgewiesen haben, die ihm die Herrschaft der Fremden und der Krieg gegen sie geschlagen hatte.

Um das Jahr 1580 kam König Ahmose I., vielleicht Kemoses Sohn, auf den Thron Thebens und schickte sich an, der Hyksosherrschaft den Garaus zu machen. Ein Schiffskapitän, der seine Laufbahn unter diesem König begann, Ahmose, Sohn des Baba, hat an seinem Grabe zu Nekheb eine Lebensbeschreibung anbringen lassen, die uns über die großen Begebnisse der Zeit wichtige Kunde vermittelt. Ahmose tat seine ersten Kriegsdienste als Jüngling auf dem Schiff "Opferstier"; er kam auf das "Nördliche Schiff", und als er geheiratet hatte. "Wenn der König auf seinem Streitwagen (dessen Gebrauch damit zum ersten Mal auftaucht), folgte ich ihm zu Fuße nach. Als man (= der König) sich vor die Stadt Hatwaret legte, kämpfte ich tapfer zu Fuß unter den Augen Seiner Majestät. Da wurde ich auf das Schiff "Glänzend in Menfe" befördert. Man stritt zu Wasser im Pazeku (Bezeichnung eines Gewässers) von Hatwaret. Da gewann ich eine Hand; es wurde dem Sprecher des Königs gemeldet, und man gab mir das Gold der Tapferkeit." Bei einem zweiten Gefecht an der Stelle hatte er denselben und ebenso belohnten Erfolg. Nun kommt ein Kampf mit einem ägyptischen Gegner dazwischen. "Man kämpfte in dem Ägypten südlich von dieser Stadt (Nekheb), und ich brachte einen lebenden Gefangenen ein - ich stieg ins Wasser, als er auf dem Wege der Stadt gefangen daher gebracht wurde, und setzte mit ihm durch das Wasser." Für dieses Bravourstück - er benutzte nicht die Fähre wie die anderen - bekommt er abermals "das Gold". "Man eroberte Hatwaret. Ich führte von da Beute hinweg: einen Mann, drei Weiber, zusammen vier Köpfe. Seine Majestät gab sie mir zu Sklaven."

In dieser Weise registrierte der wackere Haudegen die Weltbegebenheiten: es kommt ihm nur auf das "Gold der Tapferkeit" an, das er dabei davonträgt. Aber er umreißt damit doch in lapidaren Zügen die Fülle der Kämpfe, in denen sich sein tapferer König herumschlagen muß. Die Hyksos stehen bald nach dem Anfang seiner Schilderung im letzten Stadium des Kampfes: Menfe ist verloren, sie ringen um ihren letzten Waffenplatz auf ägyptischen Boden, Hatwaret. Und es ist eine neue Welt, in die wir mit dieser Inschrift treten: man kämpft auf dem Streitwagen, und wie ein germanischer König seinen Getreuen die Ringe, so spendet der Pharao zur Belohnung kriegerischer Taten das Gold. Neue Sitten waren im Nilland heimisch geworden.

Der nationale Erfolg der Bezwingung von Hatwaret reißt sofort die siegreichen Ägypter nach Asien hinüber. Es wird deutlich, daß die Hyksos in Palästina einen starken Rückhalt gehabt haben müssen. Ahmose fährt fort: "Man lag vor Scharuhen (in Südpalästina) drei Jahre lang. Seine Majestät eroberte es." Freilich werden durch diesen Sieg die asiatischen Besitzungen der Hyksos keinen nennenswerten Abbruch erlitten haben. Und König Ahmose hatte noch andere Feinde. Unsere Inschrift berichtet weiter, daß er, nachdem er die Asiaten niedergemetzelt hatte, nach Nubien fuhr und auch dort ein großes Blutbad anrichtete; darauf fuhr Seine Majestät nordwärts, frohen Herzens wegen seiner Siegestaten, denn er hatte die Südlichen und die Nördlichen bezwungen." Aber sofort muß der Berichterstatter von Aufruhr im Lande Ägypten selbst erzählen: "Da kam der Aata (>Frevler?<) des Südens. Sein Geschick hatte ihm seinen Tod nahegerückt, die Götter von Oberägypten packten ihn." Im Gewässer Tent-Taa traf ihn der König und nahm ihn gefangen. Auch dem Kapitän Ahmose gelang eine Heldentat, und er wurde mit fünf Sklaven und mit Landbeitz in seiner Stadt Nekheb belohnt. "Da kam jener Feind Teti-an", Seine Majestät muß auch ihn und "seine Matrosen" niederhauen. Es leidet kaum einen Zweifel, daß in diesen Erhebungen die große nationale Bewegung gegen die Hyksos nachzittert: der König hatte im Lande starke Aufräumungsarbeit zu leisten.

Hören wir nach diesem Bericht des Kapitäns Ahmose, der mit ein paar aus der Fülle der Geschehnisse herausgegriffenen, aber authentischen Tatsachen die Vertreibung der Hyksos illustriert, die literarische Überlieferung nach Manetho bei Flavius Josephus. Hier ist nicht König Ahmose der Überwinder, sondern Thutmosis III. Nicht ohne Berechtigung, denn erst die asiatischen Siege dieses Königs bildeten die volle Rache für die Unbill, die der Einfall der Fremden dem Reiche Ägypten angetan hatte. Sonst aber leidet der Bericht Manethos an Entstellungen der verschiedensten Art, und seinen Kern bildet eine historische Hypothese höchst zweifelhafter Natur. "Danach", sagt Manetho, "empörten sich die Könige der Thebaïs und des übrigen Ägyptens gegen die Hirten, und es entstand ein langer und schwerer Krieg zwischen ihnen. Aber ein König mit Namen Misphragmutosis (=Menkheperre Thutmose, d.i. Thutmosis III.) überwältigte die Hirten, verjagte sie aus dem übrigen Ägypten und schloß sie in einen Ort ein, der 10 000 Aruren Land an Umfang hatte und Auaris hieß. Dieses ganzes Stück umzogen die Hirten mit einem starken Mauerwerk, um darin ihr Eigentum und ihre Beute zu sichern. Thummosis aber, des Misphragmutosis Sohn, suchte sie durch Belagerung zu unterwerfen und zog vor den Ort mit 480 000 Mann. Als er schon daran verzweifelte, sie damit zu zwingen, erboten sie sich selbst zur Übergabe, wonach sie Ägypten räumen, aber ohne Behelligung abziehen wollten, wohin es ihnen sonst gefiele. Es wurde so abgemacht; sie zogen , nicht weniger als 240 000 Mann, mit ihren Familien und aller Habe durch die Wüste nach Syrien ab. Weil sie aber die Assyrer fürchteten, die damals Asien beherrschten, so erbauten sie eine Stadt in dem jetzt Judäa genannten Lande, hinreichend für so viele Menschen, und gaben ihr den Namen Jerusalem."

Daß der biblische Auszug Israels aus Ägypten, von einem anderen Stand her beleuchtet, mitgeteilt sein soll, ist ganz klar. Die Wissenschaft läßt heute unentschieden, ob Manetho das wirklich so erzählt habe, sie verwirft aber den Inhalt der Josephischen Wiedergabe völlig, soweit dabei die Hyksos den Israeliten gleichgesetzt werden. Andere Gelehrte sind dann folgerichtig zu dem Schlusse gelangt, Israel sei überhaupt niemals in Ägypten gewesen. Das spätere Altertum und seine christlichen Autoren haben jene Gleichsetzung der Hebräer mit den Hirten Manethos benutzt, um die biblische Darstellung im Buche Exodus durch einen außerbiblischen Zeugen zu stützen. Es scheint aber, als ob schon der im Exodus redende Schriftsteller einen ägyptischen Bericht über die Vertreibung der Hyksos im Auge hätte. Danach läge bereits im Exodus eine Schilderung des Vorganges von einem Ägypten feindlichen Standpunkt aus vor, und jene Gleichsetzung wäre mindest schon von der israelitischen Geschichtsschreibung der Königszeit Israels gefunden worden. Sehr alte hebräische Gedichte haben erzählt, daß bei dem Auszug Israels aus Ägypten Jahwe "Roß und Reiter ins Meer geworfen habe". Wir sind gegenwärtig nicht imstande irgendeine historische Spur davon, daß Israel in Ägypten gewesen ist, nachweisen; aber auch, daß Israel nicht dort gewesen ist, kann man nicht beweisen, es ließe sich in irgendeine Form recht wohl denken. Die Spur der Hebräer wird historisch in der Tell el-Amarna-Zeit sichtbar, kurz vor 1400, mindestens 150 Jahre nach der Vertreibung der Hyksos. Israel als Volksname erscheint bis jetzt nur einmal auf ägyptischen Inschriften, und zwar unter Merneptah, der noch heute vielfach als der "Pharao des Auszugs" betrachtet wird; die Art der Erwähnung zeigt aber, daß Israel zur Zeit dieses Königs bereits in Palästina ansässig war.

Mit der Hyksosvertreibung hat für Manetho die 17 Dynastie ein Ende. Ahmose war nach den Königslisten, wie sie Manetho überliefert hat, der erste König der 18. Dynastie.

Fortsetzung: Das neue Reich (1600-800 v. Chr.). a) Die 18. Dynastie bis zum Tode Amenhotep III.

 

Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu