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# Anfänge (vordynastische Zeit)

Ägypten

Von Prof. Dr.Karl Dyroff

1. Das Ägypten der Pharaonen

A. Das Land

 

Nur an zwei Stellen hat der afrikanische Kontinent zu frühen Zeiten der Menschheitsgeschichte eine höhere Kultur groß werden sehen: in Niltal und im Bereich von Karthago. Wir haben keinen Grund, die Kultur zu unterschätzen, die dereinst in grauem Altertum phönikische Kolonisten am Nordrand von Afrika begründet haben: hat sie doch den gewaltigen Kampf mit Rom unter Männern wie Hamilkar und Hannibal geführt und gewiß an ihrem Teil die die hohe Blüte von Nordafrika in römischer und frühchristlicher Zeit mit vorbereitet. Aber ihre Bedeutung tritt, ebenso wie ihr Alter, gegenüber dem Alter und der Bedeutung der geschichtlichen Vorgänge, die sich auf ägyptischem Boden abgespielt haben, weit in den Hintergrund. Wir rühren an starke Quellen unserer eigenen Kultur, wenn wir die Betrachtung der ägyptischen Geschichte in Angriff nehmen. Einzig Babylonien läßt sich in dieser Hinsicht unter den Reichen des älteren Orients Ägypten an die Seite stellen.

Der mächtige Strom, das zunächst in die Augen fallende Kennzeichen des Landes, ist von sehr hohem geologischen Alter und hat in historischer Zeit auf ägyptischen Boden seinen Lauf nur unwesentlich verändert, abgesehen von seinem Mündungsgebiet, dem Delta. In Urzeiten hat er dieses Land durch die Aufschwemmungen seiner Schlammassen dem Meere abgewonnen, das einst das Delta und das Niltal bis weit hinauf nach Oberägypten überspülte; Ägypten ist in der Tat ein "Geschenk des Nils", wie es griechische Schriftsteller nannten. Noch heute wächst das Delta durch solche Anschwemmungen ; sie haben viele der alten Sümpfe der unterägyptischen Landschaft ausgefüllt, einen Teil der alten Strommündungen zugeschüttet und lagern über den Siedlungen der Pharaonenzeit. Sie sind es auch, die den in alter und neuer Zeit berühmten fruchtbaren Boden Ägyptens bilden (Karte).

Von den 6000 km seines Gesamtlaufes vom 3. Grad südlich vom Äquator bis zum 31. Grad nördl. Breite gehört der Nil nur auf die 1100 km lange Strecke von Assuan, in der Nähe des nördlichen Wendekreises, bis zum Meere hinab dem eigentlichen Ägypten an. Bei Assuan (ägyptisch: Swnt, koptisch: Swan, griechisch: Syênë) *1) lag von jeher die ägyptische Südgrenze, wenn auch die Pharaonen sehr früh ihren politischen Einfluß über die weiter südlich, in Nubien, seßhaften Barbaren, die Äthiopen vom Lande Kusch, ausgedehnt haben. Hier bei Assuan durchbricht der Nil einen granitenen Querriegel in dem "nubischen Sandstein", in den er in diesen Gegenden sein Bett eingegraben hat. Dabei sind Felsblöcke und Inseln stehengeblieben, und es hat sich eine Stromschnelle gebildet, die wir nach der griechischen Bezeichnung den ersten Katarakt zu nennen pflegen (über den Nil in Nubien und die dort befindlichen Katarakte vgl. dort.). Jetzt hat man hier den großen Staudamm angelegt, der den Segen der Nilüberschwemmung in viel wirksamerer Weise zu regulieren bestimmt ist, als dies das frühere Stauwerk bei Kairo, von den Franzosen "Barrage" genannt, leisten konnte.

Die Breite des Stromes, der von Assuan ab im allgemeinen die nördliche Richtung beibehält, beträgt bei Theben 400, bei Siut 840 m, unterhalb von Kairo, da, wo er sich zu teilen anfängt, 1 km. Die Tiefe ist wechselnd, aber durchaus beträchtlich, das Gefälle im Unterlauf äußerst gering, von Assuan bis Kairo 11 cm auf den Kilometer, von Kairo abwärts 4 cm.

Zu beiden Seiten flankiert das "Gebirge" das Tal des Stromes. Es sind die Steilabfälle des unwirtlichen Hochlandes, das die östliche und westliche Grenze des alten Ägypten gebildet hat. Dies Hochland ist aber im Grunde nicht anderes als die ungeheure Wüstentafel der Sahara, die den ganzen Norden Afrikas durchzieht und sich über den Graben des Roten Meeres hinüber zum Euphrat spannt. Das fruchtbare Niltal ist wie eine Oase in diese Wüste eingebettet. Die flankierenden Höhen steigen ja nur bis 350 m an und machen im allgemeinen auf uns als Gebirge keinen besonderen Eindruck; nur etwa in einem einsamen und wilden Seitentale, wie dem Tal der Königsgräber von Biban el-Moluk bei Theben, mag man sich an Hochgebirgsszenerien erinnert finden. Aber die östliche Wüste, die "Arabische", zwischen dem Nil und dem Roten Meer, erhebt sich weiterhin doch in mächtigeren Gebirgszügen bis zu 2000 m und hat mit ihren tiefeingeschnittenen Tälern und kühnen Felskonturen einen großen Zug. Oasen fehlen hier, wohl aber gibt es Quellen und immerhin einige Vegetation. Die Ägypter nannten die östliche Wüste "das Land des Gottes", gewiß in Beziehung auf den Sonnengott, der zwischen den östlichen Bergen heraufkommt. Die westliche oder "Libysche" Wüste zeigt im Gegensatz dazu nur geringe Gliederung, sie ist eine völlig wasserlose Hochebene von 200 -300 m Höhe über dem Nil, die in Stufen ansteigt und zu den Oasen Kharge, Dakhel, Farafra und Bachrije in steilen Rändern abfällt. Sechs Tagereisen westlich von den Oasen beginnt das Sandmeer der Sahara. Diese westliche Wüste ist das Land der "Gelben" (Tschehenu) oder der Libyer.

Zwischen den beiden Mauern der das Flußtal begleitenden Bergketten liegt die eigentliche Welt des alten Ägypten, das "schwarze Land" (ägyptisch: Kêmet, koptisch: Kême und Khêmi), das Gebiet der schwarzen Schlammerde, im Gegensatz zu dem "Rotland" (Deschret), d.h. der Wüste. "Leute von Kemet" nannte sich der Ägypter, und ihr Land ist ihnen oft "das Land" an sich.

Die Bezeichnung der Nachbarvölker dafür geben uns gegenwärtig noch einige Rätsel auf. Die Kanaanäer und die Babylonier hatten den Namen Mißr, der gewiß "Grenze" bedeutet, aber in welchem Sinne dies gemeint war, erscheint zweifelhaft; die hebräische Dualform des Wortes, Mißrajim, übersetzt wohl das ägyptische "die beiden Länder". Das Wort ist noch heute im Munde der jetzigen arabischen Bewohner des Niltals als Maßr die Bezeichnung des Landes und vorzüglich der Hauptstadt Kairo. Bei uns ist der griechische Name Aigyptos heimisch geworden, den die Griechen durch "Volksetymologie", d.h. in Anlehnung an gewisse griechische Wörter, aus einem alten Namen für die Hauptstadt Memphis gebildet haben; diese tritt um 1400 v. Chr. in Keilschrifttexten als Hikupta auf. Auch den "Nil" benennen wir mit dem griechischen Namen (Neilos); was er bedeutet, hat noch niemand sicher ergründet. Den alten Ägyptern war er einfach "der Fluß" oder "der große Fluß" (kopt. joor und jeró), und diesen Namen haben auch die Hebräer als Jôr (in unserem Bibeltext unrichtig Je'ôr vokalisiert).

Der grüne Feldstreifen mit seinen Dörfern und Städten an den Seiten des riesigen Stromes mit den kahlen Berghängen im Hintergrunde bietet für unser verwöhntes Auge nur mäßige landschaftliche Reize dar. Die aus Nilschlamm gebauten Hütten der Dörfer liegen von der Ferne besehen ja malerisch genug zwischen den schlanken Palmen, aber der Eindruck wiederholt sich zu oft, und aus der Nähe besehen zeigen sich Elend und Schmutz. Am hübschesten wirken vielleicht Lagen wie die von Medinet el-Faijum und Fidmin im Faijum oder die von Assuan. Der Wald ist seit grauesten Zeiten verschwunden, und die Pracht der südländischen üppigen Vegetation läßt sich jetzt, wie das auch schon im Altertum der Fall war, nur in den Gärten bewundern. Aber einzig schön ist die Sonne Ägyptens und der blaue Himmel mit den glühenden Farben, die er den Dämmerungen abbrennt, schön auch die weite, einsame Wüste. Der Ägypter hat in alter wie in neuer Zeit mit heißer Liebe an diesem Lande gehangen.

Von Assuan abwärts ist der fruchtbare Streifen Landes zunächst nur schmal, die Wüste tritt beiderseits nahe an den Fluß heran. Bei Gebel es-Gilsile, 60 km unterhalb von Assuan, passiert der Nil einen förmlichen Engpaß zwischen den Felsen des nubischen Sandsteins. Dann aber, südlich von Edfu, beginnt die Herrschaft des Nummulitenkalks, der nun bis Kairo hinab beide Gebirgsketten bildet. Die Berge weichen bei Luxor, dem alten Theben, weit vom Fluß zurück, und die kulturfähige Zone hat hier eine Breite von 10 km. Ihre größte Breite erreicht sie dann nördlich von Girge, in der Gegend, wo die Hauptstadt der ersten Dynastien lag, nirgends aber ist sie breiter als 15 km; bei Kairo z.B. geht man zu Fuß vom linken Nilufer bis zum Rand der Wüste, wo die Pyramiden stehen, nur zwei Stunden. Nördlich von Siut zweigt sich ein alter natürlicher Kanal, der Bachr Jußuf, links vom Nil ab, der nach langem Laufe entlang dem westlichen Gebirgszug endlich nördlich von Beni Suëf (Suêf) die niedrige Hügelkette durchbricht und hinter ihr die herrliche Oase des Faijum (Fajjûm) befruchtet, die zu verschiedenen Zeiten der ägyptischen Geschichte eine wichtige Rolle gespielt hat. In alter Zeit hatte der Bachr Jußuf von der Stelle aus, wo er heute in das Faijum biegt, eine Fortsetzung nach Norden, entlang der Libyschen Wüste.

Schon 22 km unterhalb von Kairo beginnt die Stromverzweigung in die beiden Hauptarme des "Delta", das, 170 km lang und 270 km breit, einen Flächenraum von 22 000 qkm umfaßt. Die hellenistische Zeit zählte sieben große Mündungsarme des Nil, die sich zwar meist auch heute noch verfolgen lassen, aber die Mündungen selbst sind jetzt bis auf zwei vom Lande verschüttet: nur noch der Arm von Rosette (arabisch: Raschîd) bei Alexandreia und der weiter östlich mündende von Damiette (arabisch: Dumjât) ergießen sich wirklich ins Meer, sie entsprechen dem Bolbinitischen Arm des Altertums, an dem Säis und Naukratis lagen, und dem Phatnischen. Der westlichste Arm der alten Zeit, der Kanopische, gewann seine Bedeutung durch Alexandreia, der östlichste, der Pelusische, durch die Grenzfestung gegen Asien, Pelusion (arabisch: Tell Fàrama).

Im Bereich des Deltas sind durch Verlandung der Sümpfe, Verfall der Deiche und Versandung der Kanäle vielfache Veränderungen der Oberfläche gegenüber dem früheren Bestand vorgekommen. So unterliegt z.B. jetzt noch das ganze Sumpfland östlich vom Suëskanal gegen die Ruinen von Pelusion hin einer rasch vorschreitenden Verlandung. Dagegen hat die Küste des Meeres, die Nordgrenze Ägytens, seit dem Altertum wohl nur wenige Umgestaltungen erfahren. Sie liegt flach, den heftigen Nordwinden preisgegeben, von Untiefen umsäumt da. So war sie von jener für die Schiffahrt im höchsten Maße ungünstig, daher findet sich ein einziger Seehafen an der ägyptischen Deltaküste; Alexandreia gehörte zu Libyen.

Ägypten war im Altertum in den Blütezeiten überaus dicht bevölkert, unsere Nachrichten geben für die Zeit der Pharaonen 7 Millionen Einwohner, für die Ptolemaierzeit 3 Millionen (erwachsene Männer?). Die Größe der "Zweiundvierzig Gaue", in die es zerfiel, wird zusammengenommen ungefähr der Ausdehnung des jetzigen Kulturlandes nahe gekommen sein, dieses beträgt längs des Nil und im Delta 31 140 qkm (Belgien: 29 500 qkm). Der moderne Staat Ägypten hat sich 1906 die Sinaihalbinsel und 1911 das Hafengebiet von Solum einverleibt und sein Areal umfaßt bei einer Südgrenze am 22. Grad nördl. Breite und eine Westgrenze am 25. Grad 12' östl. Länge 930 000 qkm. Die Bevölkerung beläuft sich nach der Zählung von 1907 auf 11 287 359 Einwohner.

Fortsetzung: B Die Anfänge (die vordynastische Zeit)

*1) Der Leser möge beachten, was an anderer Stelle noch zur Sprache kommt, daß wir von der altägyptischen Wörtern durchaus nur die Konsonanten kennen. Er lese ein altägyptisches Wort Swnt etwa Sunet (wengleich die wahre Aussprache etwa Swane war). Über das Koptische vergl. an anderer Stelle. Mit â, ê (wie in Syênë) bezeichnen wir einen betonten und langen Vokal (also â in deutsch: die Schale), mit ä, ë, unbetonte lange Vokale, mit á, é betonte kurze Vokale (also á in: schalle).

Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu