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Ägypten
Von Prof. Dr. Karl Dyroff
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1. Das Ägypten der Pharaonen F. Das neue Reich (1600-800 v. Chr.) c) Die Ramessidenzeit. 19. und 20. Dynastie (etwa 1315-1090) |
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In welcher Weise beim Tode Haremhebs die Thronfolge geregelt worden ist, gelangt nicht zu unserer Kenntnis; es scheint aber, als hätte der Übergang keine Schwierigkeiten mit sich gebracht. Ist Haremheb selbst Begründer des neuen Geschlechts, der neunzehnten Dynastie? Man pflegt sie mit Ramesse I. (Ramses, griechisch: Ramesse; etwa 1315-1314) zu beginnen. Er starb bald, und wir wissen nur wenig von ihm; sein Sohn Sethoë war eine Zeitlang Mitregent. Sethoë (ô; Seti; griechisch: Sethos; etwa 1313-03) nahm gleich in seinem ersten Jahr die asiatische Politik Thutmose III., die der schreckenden Kriegszüge, wieder auf. Es war ja freilich die höchste Zeit dazu, und es ist Ägypten nicht mehr gelungen, die alte Stellung in Syrien wiederzuerringen, wenn auch sein politischer Einfluß dauernd stark blieb. Denn dort waren inzwischen einschneidende Veränderungen eingetreten. Zum Teil begünstigt durch die Zurückhaltung Ägyptens hatten die Hettiter das Reich von Mitanni erobert und waren weit hinein nach Syrien vorgedrungen. Auch andere Stämme, besonders die Chabiri (Hebräer) hatten sich zu Eroberungen in Kanaan angeschickt: man vergleiche die Schilderung der politischen Verhältnisse dieser Gegenden, wie sie nach den Amarnabriefen unter Amenhotep IV. bestanden. Es wäre für uns von Wichtigkeit, den Stand der Bewegungen aus den ägyptischen Darstellungen der Feldzüge Sethoës I. zu ersehen, aber vorläufig ist die Ordnung der kriegerischen Ereignisse, die uns auf der Mauer der großen Säulenhalle zu Karnak in Bild und Wort vorgeführt werden, noch zu unsicher, und die Reliefs weisen zu große Lücken auf, als daß sie uns hinlänglich aufklären könnten. Fest steht der Feldzug "des ersten Jahres". Die Schasu, die Beduinen der Wüste südlich von Palästina, an der Nordostgrenze von Ägypten, hatten sich gegen die seßhaften Leute in Palästina zusammengetan, "fluchend und streitend, jeder seinen Nachbarn schlagend, die Gesetze des Palastes mir Füßen tretend". Sie wurden bei einem festen Platze Südpalästinas besiegt (siehe Tafel). Die Siegesdarstellungen berichten noch von der Eroberung von Jenuam (etwa östlich von Tyrus), der Libanon muß dem König Holz für eine Barke liefern, die Rückkehr nach Ägypten wird abgebildet, wobei der König bei der Grenzfestung Tscharu, in der Nähe des heutigen Ismailija, von Priestern, Edlen und hohen Beamten des Südens und Nordens demütig empfangen wird. Eine zweite Reihe von Darstellungen, die in ihrer Gesamtheit nicht mehr auf das erste Jahr bezogen darf, zeigt Kämpfe mit den Libyern und Hettitern und die Eroberung von "Kadesch im Lande Amor", d.h. Kadesch in Galiläa. Die Erfolge Sethoës I. in Syrien sicherten Ägypten ungefähr das Land bis in die Gegend von Tyros; sein Sohn Ramesse II. hat, darauf weiterbauend, im Tal des oberen Orontes gekämpft. Im Gebirge der Trogodyten hat Sethoë I., wie wir aus Inschriften von Redesija (östlich von Edfu) - eine von Jahr 9 - lernen, einen Brunnen graben lassen, um den Weg zu den Goldminen der östlichen Wüste wieder benutzbar zu machen; das Gold brauchte er für seinen Tempelbau in Abod. Auch in Kusch stehen Denkmäler seiner Regierung, und wir erfahren von Ramesse II., daß sein Vater auch dort, auf dem Wege zu den Goldminen des Wadi Alaki (nördlich von Wadi Sebua der Karte), einen Brunnen anlegen wollte: er bohrte 120 Ellen (= 60 m) tief, fand aber kein Wasser. Sethoë I. hat bewundernswerte Bauten hinterlassen. Im Reichstempel zu Karnak baute er an dem gewaltigen Säulensaal, den sein Vater schon begonnen hatte; die historischen Reliefs der äußeren Mauer (s. oben) zeigen die Kunst der Zeit noch auf ihrer vollen Höhe. Sein Felsengrab in Biban el-Moluk ist das schönste dieser Königsgrüfte und heute noch herrlich erhalten. Sein Tempelbau in Abod mit der eigenartigen und bedeutsamen Anlage und feinen Reliefs gehört gleichfalls zu den Wundern Ägyptens. Auch anderwärts, so in Menfe und im Delta, hat er gebaut, und namentlich hat auch er noch an den Zerstörungen der Ketzer wiederhergestellt. Aber in Karnak mußte Ramesse II. den Saal vollenden, und ebenso blieb der Tempel in Abod unfertig für den Sohn übrig. Man kann demnach aus der Fülle der Bauten kaum ein Argument für eine wesentlich längere Regierungszeit als in den Denkmälern belegten neun Jahre herleiten. Die Mumie, die 1881 in Der el-Bachri mit den übrigen Königsleichen zutage kam, ist die eines wohlgestaltenen Mannes und zeigt, daß Sethoë in rüstigem Mannesalter gestorben ist. Wir haben daher hier nur zehn Jahre für seine Regierung angesetzt. König Ramesse II., Sethoës Sohn, regierte 67 Jahre (1303-1237), weit länger als irgendein anderer Herrscher Ägyptens, wenn wir von den Jahren Piopes II. absehen wollen. Früher vielbewundert, zumal da man ihn für den Welteroberer Sesostris der griechischen Sage hielt, ist Ramesse II. heute in Mißkredit gekommen. Seine langen und ruhmredigen Inschriften, seine Bauten, die das Staatsvermögen nutzlos zu verschlingen schienen, die Freude, die er daran fand, sich die Bauwerke älterer Könige anzueignen, all das nahm gegen ihn ein: man ärgerte sich, seinen Namen auf Schritt und Tritt in den Denkmälern zu finden und doch auf den vielen Inschriften so oft nur mit nichtssagenden Phrasen abgespeist zu werden. Sogar seinen Kinderreichtum hat man ihm verdacht und ihn zum wohlwollenden, aber unbedeutenden Biedermann abgestempelt, der hinter großen Worten kleine Taten verbirgt. In Wirklichkeit ist für uns, obwohl wir aus seiner Zeit mehr Denkmäler haben als aus irgendeiner anderen der altägyptischen Geschichte, sein wahrer Charakter ebenso unbestimmbar als der fast aller Pharaonen. Man kann nach den uns bekannten Tatsachen doch auch sagen: er hat die Position Ägyptens nach Möglichkeit und mit Würde aufrechterhalten, im Kampf mit dem mächtigsten Feind, der Ägypten bisher entgegengetreten war; er hat seiner Regierung einen Glanz verliehen, der für die Nachwelt als etwas Großes in der Erinnerung stand. Ramesse III., sein schwächlicherer Epigone, hat ihn eifrig kopiert. Die zahlreichen Bauten, vielfach nur die Ausführungen des unvollendeten Überkommenen oder nur Ausbesserungen, müssen doch einem Bedürfnis entgegengekommen sein. Eines ist richtig; der nationale Staat und die nationale Kultur waren auf ihrer Höhe angelangt, es ging nicht mehr aufwärts, es beharrte, glitt langsam hinab. Die großen Gefahren der Zukunft, das Söldnerwesen und die Macht des Priesterstandes, hat auch Ramesse II. großgezogen: aber wer hatte damals den Scharfblick, hierin Gefahren zu erschauen? Ramesse II. war etwa 20 Jahre alt, als er den Thron bestieg. Er hatte einen älteren Bruder, und man liest aus den Tilgungen einer Prinzenfigur auf den historischen Reliefs Sethoës I. eine etwas dunkle Geschichte seines Regierungsantrittes heraus. Allein die Motive der Tilgung sind doch zu unsicher. Ramesse selbst sagt in der großen Inschrift aus Abod, er sei zu Lebzeiten des Vaters als Mitregent gekrönt worden, aber auch diese Angabe hat sehr apokryphe Begleitumstände. Bereits im ersten Regierungsjahr erscheint Ramesse verheiratet mit der Königin Nefretere. Der König hebt in jener Inschrift hervor, daß ihm sein Vater frühzeitig seinen Harem ausgestattet habe, und er liebt es, mit seinem Familiensegen zu prunken. Aus Abod und Wadi Sebura haben wir lange Listen seiner Söhne und Töchter. Gegen Ende seines Lebens war sein 13. Sohn Merneptah anerkannter Thonerbe; die älteren Prinzen sind gewiß dem König zum großen Teil im Tode voraufgegangen. Ramesses Mumie aus dem "Königsschacht" von Der el-Bachri ist hier (s. Tafel) als Gegenstück seinen Sitzbildes in Turin, das ihn in jugendlichen Jahren darstellt, wiedergegeben. Die Staue zeigt die milde Würde eines Gottes. Die Aufgabe, die des jungen Herrschers in Asien harrte, war schwierig und entscheidensvoll. Der mit greifbarer Deutlichkeit nahe Feind, der Hettiter, der die Machtstellung Ägyptens in der Kulturwelt von damals ernstlich bedrohte, ließ sich aus Syrien kaum mehr verdrängen; es galt, den Rest der ägyptischen Einflußzone zu schützen, und der Ertrag des Kampfes war ein langer Friede, der freilich den tatsächlichen Verzicht Ägyptens auf Syrien in sich schloß. Man darf dem König die Übertreibungen der Hofdichter, die ihm ja wohl gefallen haben müssen, nicht zu sehr nachtragen. Er hat sich gewiß persönlich tapfer gehalten und in den Operationen Energie entwickelt. Von Kämpfen im Jahre 4 zeugt eine Inschrift an einer felsigen Uferwand des Nachr el-Kelb, unweit Beirut. Der Hauptkampf spielte sich im Jahre 5 bei dem uns bekannten Kadesch am Orontos ab. Ramesse hat ein "Gedicht" über die Schlacht auf die Tempelmauern zu Luksor, Karnak und Abod schreiben lassen, und es ist auch handschriftlich vorhanden (das "Gedicht des Pentwere", nach dem Schreiber einer Handschrift genannt); auch ein Prosabericht aus den Annalen und bildliche Darstellungen sind uns in seinen Tempeln erhalten. Der König zog von Tscharu aus und kam "nach manchen Tagen" in die Gegend von Kadesch an. wir können uns de Gang der Schlacht bis zu einem gewissen Grade nach den Quellen vergegenwärtigen. Ramesse, bei der Vorhut, dem Korps "Amon", bekommt bei Schabtun (Ribla) durch zwei Überläufer, die aber in Wahrheit vom Hettiter geschickt waren, die Nachricht, der Feind stehe noch weit in Norden; er überschreitet daraufhin den Orontes und rückt bis nordwestlich von Kadesch vor, wo er Lager schlug. Ebendort stand aber verborgen, hinter Kadesch, die ganze Macht des Hettiterkönigs; seine nordsyrischen und kleinasiatischen Vasallen und Hilfsvölker werden uns genannt. Ramesse wird durch zwei eingefangene Hettiter über die Stellung des Feindes aufgeklärt und schickt an einen Teil des Gros, man solle eiligst herankommen. Auf diese sorglos anmarschierende Abteilung machen die Hettiter, südlich von Kadesch vorbrechend, einen Flankenangriff; die Ägypter fliehen vor ihnen nordwärts auf die Stellung ihres Königs zu, die Hettiter folgen. So war Ramesse von der Hauptmacht seiner Truppen abgeschnitten. Schon greifen die Feinde seine Leibgarde an. In diesem Moment setzt die Dichtung ein: Ramesse ergriff seine Waffen, legte den Panzer an, er glich Baal in der Stunde seines Zornes. Auf seinem Streitwagen drang er in das feindliche Heer ein, "er allein, niemand mit ihm. Seine Majestät ging, hinter sich schauend, da fand er, daß ihn 2500 Gespanne umzingelt hatten und den Rückweg sperrten. >Kein Fürst ist bei mir<, denkt er, >kein Wagenlenker, kein Hauptmann und kein Rittmeister, mein Fußvolk und meine Wagenkämpfer haben mich verlassen, keiner von ihnen hat standgehalten, um mit mir zu streiten.< Seine Majestät sagte: >Was ist nun, mein Vater Amon? Sollte ein Vater seines Sohnes vergessen? Habe ich je etwas ohne dich getan? Nie bin ich von deinen Ratschlägen abgewichen?<" Er rechnet dem Gotte vor, daß er ihm Tempel gebaut und mit Beute gefüllt, daß er ihm Zehntausende von Rindern geopfert habe, er bekannt sich aber auch hell und freudig zu seinem Dienste. Der ferne Schutzgott hört ihn. "Habe ich nicht am Ende der Länder gebetet, und meine Stimme dringt doch nach Hermont (bei Theben). Re (Amonre) hört, kommt, wenn ich zu ihm rufe. Er reicht mir seine Hand, und ich jauchze. Er ruft hinter mir: >Ich bin mit dir, ich bin dein Vater Re, meine Hand ist mit dir. Ich bin dir mehr wert als Hunderttausende zusammen. Ich bin der Herr des Sieges, der die Tapferkeit liebt.< Da hat sich mein Herz wiedergefunden, meine Seele schwoll vor Freude. Alles, was ich tun wollte, geschah. Ich glich dem Mont, ich schoß nach rechts, ich griff zu nach links, ich war wie Baal in seinem Zorn gegen sie. Da fanden sich die 2500 Gespanne, in deren Mitte ich war, zerschmettert vor meinen Rossen." Der Dithyrambos über die Schlacht geht noch ein gutes Stück in mannigfachen Wendungen weiter. Der Hettiterkönig kann schließlich nicht umhin, einen Brief zu schreiben und um Frieden zu bitten. Ramesse liest ihn den Generalen vor, sie sagen: "sehr schön, schön", der König schließt Frieden und kehrt nach Ägypten zurück. Ob wirklich die persönliche Bravour des Königs den Sieg entschieden hat, stehe dahin: daß er in Gefahr war und sich tapfer heraushieb, läßt sich nicht wohl bezweifeln. Die Hettiter wurden auf den Orontes zurückgeworfen und erlitten starke Verluste. Sie werden sich, nachdem sie trotz ihrer gelungenen List den Sieg verloren hatten, durch Kadesch gedeckt, zurückgezogen haben; denn Kadesch wurde nicht erobert, die Ägypter zogen ab. Die Umtriebe der Hettiter gingen natürlich weiter. Wir sind jedoch über die Kämpfe der folgenden Jahre nur ungenügend unterrichtet. Wir erfahren von der Eroberung der aufständischen Stadt Askalon; eine Liste von "Städten, die Seine Majestät im Jahre 8 plünderte", nennt mehrere feste Orte südlich von Libanon, darunter das hochgelegene Dapur. Vielleicht hat er auch einmal in Naharain gekämpft. Endlich als Hettiterkönig Chattuschil nach dem Tode seines Vaters Murschil und seines Bruders zur Regierung gelangte, kam es zu einem Frieden; am 21. Tybi des 21. Jahres wurde der fertige Vertrag, geschrieben auf eine Silbertafel, dem Pharao in seiner Stadt "Haus des Ramesse" von den hettitischen Gesandten Tartisebu überreicht. An der Südwand des großen Säulensaales im Karnaktempel und in Ramesseum ist uns durch Ramesses Sorgfalt der Text dieser Tafel ausführlich überliefert. Wir haben hier das älteste Beispiel eines Staatsvertrages vor uns. Der Eingang des Schriftstückes lautet: "Vertrag, den der große Fürst der Hettiter Chattuschil, der starke, Sohn des Murschil, des großen Fürsten des Hettiter, des starken, Enkel des Schubbiliuma, des großen usw., niedergelegt hat auf silberner Tafel für Ramesse, den großen Herrscher Ägyptens, den starken, den Sohn des Sethoë usw., Sohnes des Ramesse usw., ein guter Friedens- und Bündnisvertrag für ewige Zeiten." Dann werden die früheren Beziehungen zwischen den beiden den Vertrag schließenden Mächten berührt, darauf folgt die Konstatierung, daß nun Frieden und Freundschaft zwischen ihnen bestehe auf ewig; der Hettiter soll nicht mehr feindlich in das Land Ägypten einfallen und umgekehrt. Hier fehlt die Festsetzung der Grenze in Asien, obwohl der übrige Teil des Vertrages umständlich gefaßte Klauseln enthält, wie es mit der künftigen freundnachbarlichen Unterstützung in Kriegsfällen, bei der Bestrafung aufrührerischer Vasallen gehalten werden soll. Auch darf künftig niemand aus dem einen Machtbereich in den anderen übertreten. Allen in allem hat Ägypten von seiner asiatischen Herrschaft Palästina bis zum Karmel gerettet, Syrien aufgegeben. So blieb es auch noch unter Merneptah. Die Freundschaft mit den Hettitern dauerte an; im Jahr 34 heiratete Ramesse II. die älteste Tochter des Hettiterkönigs, der sie selbst nach Ägypten geleitete. Gern würden wir von diesem großen Staatsbesuch mehr hören, als uns die zum Teil sehr verstümmelten Denkmäler dieses Ereignis erzählen. Ramesse II. (s. die beigeheftete Tafel) hat in seiner langen Regierung mehr gebaut als die anderen Pharaonen. Daß er die großzügigen und schönen Bauten Sethoës I. vollendete, sagten wir schon. Auch der Totentempel des Vaters bei Kurna wurde durch ihn fertig. Sein eigener Totentempel und ein stolzes Denkmal seiner Herrschaft ist das "Ramesseum", bei Diodoros "Grab des Osymandyas (= Wesermaatre, Vorname Ramesse II.)", nicht weit von den Memnonskolossen gelegen, mit den heute noch eindrucksvollen Ruinen. Zwei Punkte haben besondere Bedeutung bei seiner weit über das ganze Land sich verbreitenden Bautätigkeit: die nubischen Tempel und die Bevorzugung des Deltas. In Nubien kennen wir sieben Tempel, die er errichtete, darunter die von Bet el-Wali, von Wadi Sebura und namentlich den mächtigen Bau von Abu Simbel (s. Abbildung) mit seinen riesigen und wohlgestalteten Kolossen des Königs; solche Werke zeugen dafür, daß Kusch jetzt viel enger als vorher mit Ägypten zusammengewachsen war; Amonre von Theben hat nun seine göttliche Herrschaft über dies Land endgültig befestigt, die weithin in die Zukunft dauern und dereinst gewaltige Herrscher, größere als die Pharaonen, nach Ägypten entsenden sollte. Im Delta hat Ramesse II. besonders Tsane (Tanis) mit Denkmälern ausgezeichnet. Von Bauten im Delta spricht auch die Bibel zu Anfang des Exodus, wo sie berichtet, daß das Volk Israel "für den Pharao für die Vorratsstädte Pithom und Ramses gebaut" habe. "Ramses" ist der Ort, den die ägyptischen Quellen "Haus des Ramesse" nennen, eine von Ramses II. angelegte unterägyptische Residenzstadt; ein Text nennt sie "den Anfang der Fremde, das Ende Ägyptens" und deutet damit die Lage an. Sie lag gewiß nicht weit von "Pithom", dem Patumos" des Herodot, heute Tell es-Maskhuta, im Wadi Tumilat. In der Zeit zwischen dem Mittleren Reich und der 18. Dynastie war durch dieses Wadi ein Kanal bis zu den Bitterseen und an das Rote Meer geführt worden, die ganze Gegend hatte auch dadurch erhöhte Bedeutung gewonnen. Daß hier der Weg nach Asien nahe war, machte freilich die Hauptsache aus. So spricht in der Betonung dieser Gegend die politische Gesamtlage Ägyptens mit; noch ist es nicht das Meer, wie in der griechischen Zeit, sondern die Ostgrenze, die die Residenz an sich zieht. Jene Notiz der Bibel, die einen Rest einstiger besserer Kunde über Ägypten aus altkanaanäischen Chroniken auf Israel bezieht, nennt richtig die zwei benachbarten Städte nebeneinander; Pithom wurde aber damals nicht erst gegründet, höchstens weiter ausgebaut. Welche Tatsache die Quelle der Notiz ursprünglich berichtet, läßt sich nicht sagen. Unter den Großen des Reiches tritt öfter ein Sohn des Ramesse II., Khemwese, bedeutsam neben dem Vater hervor,. Oberpriester des Ptah in Menfe; viel Authentisches über ihn lehren uns freilich die Denkmäler nicht. Ähnlich wie bei Amenhotep, Sohn des Hapu, ist sein Gedächtnis im Munde der Nachwelt lebendig geblieben, und in ägyptischen Novellen der hellenistischen Zeit wirkt er als großer Zauberer; so verschafft er sich aus einem Grabe gegen den Willen des dort bestatteten Toten ein Zauberbuch: las man eine bestimmte Seite darin, so konnte man z.B. Himmel, Erde, Unterwelt, Berge und Meere bezaubern und alles verstehen, was die Vögel des Himmels, die Fische der Tiefe und das Vieh sprachen. So kam es, daß ihm auch chemische Traktate zugeschrieben wurden; eine solche apokryphe griechische Schrift, nach seinem griechischen Namen (chemeus) benannt, gab in der römischen Kaiserzeit den Anlaß für das Aufkommen der Bezeichnung Chemie für jene zukunftsreiche Wissenschaft, die damals bei ihrem ersten Aufschwung in den dunklen Kreisen der Zauberer, sich so viel aus altägyptischen Vorräten zunutze gemacht hat, daß sie nicht mit Unrecht einen ägyptischen Namen trägt. Etwas mehr als von diesem berühmten Ptahpriester wissen wir von dem Leben des Oberpriesters des Amon von Theben unter Ramesse II., des Bekenkhonsu, der uns auf seiner Statue (jetzt in München) eine Skizze seiner Karriere als Priester und seiner Tätigkeit als Oberbaumeister des Ramesse hinterlassen hat. Ramesses II. Tod im hohen Alter brachte seinen Sohn Merneptah (Merenptah) zur Regierung, der kein Jüngling mehr und höchstens zehn Jahre (1237-27) König gewesen sein wird. Allein das Schicksal hatte ihm noch einen schweren Krieg zugedacht, den er indessen ruhmvoll beendete. Die Libyer und mit ihnen die Scherden, die, um sich als Söldner bei den Pharaonen zu melden, vermutlich Libyen stets als Durchgangsland benutzten, traten nunmehr als Feinde Ägyptens auf. Der Fürst der Libyer, Merjej, hatte sich zugleich mit einem Schwarm kleinasiatischer Seeräuber in Verbindung gesetzt, die aus Lykiern und "Tursch, Akaiwasch und Schakarusch" (d.h. vielleicht Thyrsenern und Sagalassern, kaum aber Achaiern) bestehend, "immer von neuem in die Gebiete Ägyptens bis zum Fluß einfielen und Tage und Monate haften blieben". Im 5. Jahr des Königs kam es zum entscheidenden Kampf. Dem Merneptah, erzählt die große Inschrift von Karnak, erschien Gott Ptah im Traum, reichte ihm ein Schwert und verhieß ihm den Sieg. Tatsächlich sprengte sein Heer bei der Stadt Perer im westlichen Delta in heißem Streite die furchtbaren Verbündeten völlig auseinander. Merjej entfloh noch vor dem letzten Angriff und überließ sein Lager mit aller Beute den Siegern, die ihn durch die Reiterei verfolgen ließen, bis er unter dem Schutz der Nacht entkam.Über 9000 Gefangene und ebenso viele Tote, denen man nach altem Brauch teils die Hände, teils die Schamglieder abhieb, zeugten von der militärischen Macht des Bundes; übrigens hatten die Scherden im ägyptischen Heer wohl auch diesmal gegen ihre eigenen Landsleute das Beste getan. Doch auch in Asien war die Lage nicht gefahrlos. Namentlich das Reich der Hettiter scheint bereits unter Angriffen auf seine nördlichen Grenzen gelitten zu haben; es war also eine umfangreiche Völkerbewegung im Gange, von der bisher nur eine Spritzwelle das Nilland berührt hatte. Merneptah griff, wahrscheinlich in seinem 3. Jahr, in Palästina wieder ein, wie die 1896 von Flinders Petrie in Theben entdeckte granitene Siegesstele von Jahre 5 lehrt; es heißt da nach einer Schilderung des Kampfes gegen Merjej: "Die Fürsten werfen sich nieder und sagen 'Gegrüßt'. Nicht eins unter den Neunbogenvölkern hebt das Haupt. Verwüstet ist Tehenu, Kheta ist still, Kanaan gefangen und übel daran, Askalon ist weggeführt, Geser genommen, Jenuam zunichte gemacht, Israel verödet, sein Same dahin, Palästina ist eine hilflose Witwe geworden gegenüber Ägypten. Alle Länder insgesamt, sie halten Frieden, und alle Aufrührer wurden gezüchtigt durch König Merneptah." Das ist das erste und bis jetzt einzige Erwähnung Israels auf einem ägyptischen Denkmal. Der Name der Königs, in der Aussprache Menephtah, lebte nach lange später in Kanaan in den Ortsnamen bei Jerusalem fort, den unser Bibeltext in "Wasser (hebräisch: Me) Nephtoah" (Josua 15, 9) entstellt hat. Viel Nutzen hat das Reich von diesen Kriegstaten nicht mehr gehabt. Bald nach Merneptahs Tode geriet Ägypten durch Thronstreitigkeiten in ernste Gefahr. Zunächst folgte Sethoë II.; er regierte bis ins 6. Jahr, und wir wissen von ihm nichts, was historisch von Bedeutung schiene. Dann regierte ein König Ramesse Siptah; nach ihm sind wohl der Usurpator Amenmesse und Merneptah Siptah anzusetzen - alle drei für uns wenig greifbare Gestalten. Das einzige, was uns über diese Periode einigermaßen Aufschluß gewährt, ist der Bericht, der in dem berühmten Papyrus Harris dem König Ramesse III. in den Mund gelegt wird. "Das Land Ägypten war außer Rand und Band geraten. Sie hatten kein Oberhaupt. Viele Jahre vordem, bis zu anderen Zeiten (d.h. bis zur letzten rechtmäßigen Dynastie), war das Land Ägypten in der Hand der Großen in den Herrschaften, einer tötete den anderen. Eine andere Zeit trat danach ein, böse Jahre; Arsu, ein Syrer, war ihr Fürst, er unterwarf sich das ganze Land. Einer vereinigte sich mit den anderen, ging auf Raub aus; man tat den Göttern wie den Menschen, in den Tempeln wurden keine Opfer dargebracht. Da aber wandten sich die Götter zur Gnade, um das Land wieder zu seinen richtigen Zustand zu bringen; sie setzten ihren Sohn, der aus ihnen hervorgegangen, als Herrscher aller Länder auf ihren Thron, den König Nekhseteh. Er war wie Seteh, wenn er wütet, er brachte das ganze Land in Ordnung, tötete die Rebellen usw." Diese Stelle gibt wenigstens einen Überblick, der in der Hauptsache richtig sein wird; freilich ist die Übersetzung in mehreren Punkten recht unsicher. Ob der Syrer ein Schekh des Auslandes war, der in Ägypten einfiel, oder einer der ägyptischen Großen asiatischer Herkunft, mag man nach Gutdünken entscheiden; man hat dem Mann sogar den Namen Arsu abgesprochen, aber mit Unrecht. Auch über Nekhseteh enthält jener Bericht beinahe alles, was wir an Wissenswertem über den Stifter der zwanzigsten Dynastie, der jüngeren Ramessiden, erfahren. Bei der zahlreichen männlichen Nachkommenschaft Ramesse II. braucht man an Nekhsetehs Abkunft von der älteren Linie nicht zu zweifeln: doch während er und sein Nachfolger den König Sethoë II. als vollberechtigten Vorgänger ansahen, hat er das Grab der Tawosret, der Gemahlin des Sethoë, für sich in Anspruch genommen. Auf den Denkmälern findet sich nur das erste Jahr Nekhsetehs; dann folgt ihm sein Sohn Ramesse III. Noch war Ägypten bei weitem nicht wiederhergestellt. Die meisten Tempel warteten auf die Erfüllung der göttlichen Verheißungen, die Hälfte des Deltas gehörte den Libyern, die bisherigen Landesherren draußen in Syrien hatten sich schwerlich schon mit dem Umschwung der Dinge abgefunden, als der Befreier schon wieder vom Schauplatze seiner uns dunkel bleibenden Taten abtrat. Ramesse III. (etwa 1200-1169), der bereits unter seinem Vater an der Verwaltung teilgenommen hatte, genoß zunächst etwa vier Jahre Ruhe; während des scheinen die Werbungen unter Libyern und Scherden für das ägyptische Heer wieder lebhaft begonnen haben, was schon an sich vielleicht die Spannung an der Westgrenze eine Zeitlang milderte. Aber im 5. Jahre des Königs hatten sich libysche Stämme zu einem Angriff auf Ägypten zusammengetan; auch Teile der Pereset und Zakar machten mit, die später, im Jahre 8, eine Hauptrolle spielten. Ramesse schlug sie im Delta. Er hat den Sieg auf den Mauern des Tempels von Medinet Habu darstellen lassen; die große begleitende Inschrift ist freilich ein siegtrunkener Dithyrambos, dessen historischen Inhalt herauszudestillieren vorläufig schwierig erscheint. Im 8. Jahre des Königs zog das längst drohende Unwetter aus Asien gegen die Ostgrenze Ägyptens heran. Wieder sind die Schakarusch dabei, dann aber eine Reihe von neuen Völkern: die Pereset, die Zakar, die Daniun, die Waschasch. Das wären also kleinasiatische Sagalasser, dann die aus der Bibel wohlbekannten Philister, ferner die sicher semitischen Zakar, die wir später in Dor an der phoinikischen Küste finden werden. Aber "die Danium auf ihren Inseln" sind kaum Danaer, und die Waschasch - der Papyrus Harris sagt bei der Erwähnung desselben Krieges: "Die Scherden und Waschasch des Meeres" - lassen sich nicht lokalisieren. Die Philister sollen nach der Bibel aus Kreta gekommen sein; da aber nichts hindert, sie oder Teile von ihnen früher in Kleinasien zu denken, andere Teile später nach Kreta gelangen zu lassen, so darf man sich vorstellen, daß alle jene Völker damals an der kleinasiatischen Küste und auf zugehörigen Inseln saßen. Wir wissen jedoch zu wenig von der ältesten Bevölkerungen Kleinasiens, und es erscheint daher ausgeschlossen, daß die wahre Bedeutung der Kunde, die uns hier Ramesse III. vermittelt, jetzt schon unserer Beurteilung zugänglich ist. Diese buntscheckige Völkerwelle hatte "Kheta,
Kede, Karkemisch, Arwad, Alasa" über den Haufen gerannt, erzählt
Ramesse, und stand nun, zu Land und zur See vordringend, in Amor (Palästina).
Aber in Südpalästina stand auch die ägyptische Streitmacht,
Heer und Flotte, unter der Führung des Pharao selbst, bereit. Die
Reliefs in Medinet Habu geben uns Bilder der Kämpfe, die zu Land
und zu Wasser ausgefochten wurden. Wir sehen die Scherden des Pharao
zwischen den zweirädrigen, von vier Ochsen gezogenen Wagen wüten,
auf denen die Philister Weib und Kind mit sich führten; wir sehen
die Schiffe der Barbaren in verzweifeltem Ringen mit ägyptischen,
ein Barbarenschiff ist dabei umgekippt, und von der nahem Küste
aus schießen die ägyptischen Bogenschützen erfolgreich
in die Reihen der feindlichen Schiffsmannschaft. Dieser Sieg Ramesses
über die nordischen Völkermassen scheint in den syrischen
Besitzungen des Reiches im allgemeinen wieder Ruhe geschaffen haben;
denn wenn auch in den Reliefs von Medinet Habu noch syrische Unternehmungen
dargestellt sind, die anscheinend in spätere Regierungsjahre fallen,
die Eroberung der "Stadt Amor" und einiger hettitischer Festungen,
so schweigt doch der Papyrus Harris in seinem Überblick über
Ramesses Taten von diesen Feldzügen. Sie werden keine besondere
Bedeutung gehabt haben, denn es ist hier kein Grund gegeben, das Schweigen
des Papyrus ungünstig zu deuten, als wenn Schlimmes verschwiegen
wäre; es wird in Syrien unter Ramesse III., abgesehen von jenem
nordischen Ansturm, eben im wesentlichen alles beim alten geblieben
sein. Auch der Zug gegen die Beduinen, die "Seïr", im
Harris erwähnt, hatte nach den eigenen Worten des Berichtes keine
besondere Wichtigkeit. Ernster war vielleicht der libysche Krieg des
Jahres 11. Die Maschawasch unter der Führung des Kapur und seines
Sohnes Meschaschar wollten sich im Delta festsetzen; Ramesse verjagte
sie, Kapur wurde gefangen, Meschaschar fiel. Ramesse III. starb auf seinem Thron, am 6. Epiphi des 32. Jahres (1169). Als die Mumie des mäßig hochgewachsenen Mannes in das Tal der Königsgräber gebracht war, hatte der letzte große Pharao des Neuen Reiches Abschied genommen. Sein Totentempel, der von Medinet Habu, schließt nicht unwürdig die glänzende Reihe der königlichen Totentempel des thebanischen Westufers im Süden ab. Der Tempel ist besser erhalten als alle anderen vorptolemaiischen. Im "Pavillon", dem Teil eines zum Tempel gehörigen Palastes, hat Ramesse III. öfter gewohnt, und man sieht dort in den Gemächern intime Szenen des Haremslebens abgebildet. Ein merkwürdiges Totenbuch wurde für den König hergestellt: ein umfänglicher Papyrus, der unter dem Namen "der große Papyrus Harris" bekannt ist. Es sind darin das Vermögen und die Einkünfte der Reichstempel zu Wese, On, Menfe und kleiner Tempel aufgeführt, damit sie den Göttern, vor die der König nun treten wird, seine großen Verdienste um den Gottesdienst ersichtlich machen. Ein Überblick über die treffliche Regierungsführung, die gleichfalls zur Empfehlung des Königs den Listen angefügt wird, war wohl auch anderweitig veröffentlicht worden. Nicht weniger denn acht Könige, alle seines Namens, sind Ramesse III. nacheinander gefolgt, aber - für uns - fast ohne Geschichte. Ramesse IV., dem zu gehorchen am Schluß des Papyrus Harris die Untertanen aufgefordert werden, regierte ungefähr sechs Jahre; Ramesse V., VI., VII., VIII. etwa bis 1140 herab. Unter Ramesse IX. (etwa 1140-1121) wurde es nötig, eine große Untersuchung der älteren thebanischen Königsgräber anzustellen, da die Anzeigen von deren Beraubung durch Diebesbanden zu laut wurden. Aus den umfangreichen Aktenstücken zu der mit Recht peinlich behandelten, aber bald durch Streitigkeiten zwischen den einzelnen Behörden wohl absichtlich verwirrten Angelegenheit geht hervor, daß die niederen Bediensteten der Amonstempel stark beteiligt gewesen sind, und vielleicht nicht nur sie allein. Und doch wollten die hohen königlichen Kommissare mit Amons Leuten gern sänftiglich fahren, bei der Nachprüfung so wenig wie möglich sehen. Schon drei Jahre später, im ersten Jahre Ramesses X. (1121-16), mußte eine neue Untersuchung beginnen. Diesmal waren die Felsengräber Sethoës I. und Ramesse II. im abgelegenen Biban el-Moluk angebohrt worden. Niemand hätte sich darum gekümmert, wären nicht die "zünftigen" Plünderer aus dem Amons- und Khonsutempel mit "wilden" Teilnehmern in Streit geraten; einer, der sich bei der Teilung geschädigt fühlte, zeigte es einem Hauptmann der Madi an. Von den Grabstätten der Privatpersonen aber war damals schon die große Mehrzahl ausgeraubt. Unter der mindestens 27jährigen Regierung Ramesse XI. drängte der gänzliche Verfall des königlichen Hauses zu neuen Gestaltungen. Es wäre kaum richtig, wenn wir uns nach den betrüblichen Zuständen in der Nekropole, von denen jene Prozeßakten handeln, ein allgemeines Bild der Verhältnisse zurechtlegen wollten. Es waren doch auch aufstrebende Kräfte da, die das Erbe der großen Pharaonen des Neuen Reiches weiter zu verwalten Geschick genug besaßen. Ganz sachte glitt die Macht aus den Händen der unfähig gewordenen Ramessiden auf die Hohenpriester des Amon hinüber. Freilich von einer auswärtigen Betätigung des Reiches war unter den gegebenen Umständen nicht die Rede. Die Beamtenschaft, jene alte Institution auf diesem Boden, hatte von der 18. Dynastie an bis in die Zeiten Ramesses III. wohl die höchste Blüte erlebt, die ihr auf ägyptischen Boden beschieden war; das feste Gefüge einer so verzweigten, in wohlgeordneten Formen arbeitenden, sich aus sich selbst stets neu rekrutierenden Körperschaft muß noch lange in dem fortschreitenden Zusammenbruch des Staates und allmählich auch des Volkstums standgehalten haben. Wir besitzen gerade zur Charakteristik dieses Standes wichtiges Material aus dem Ende der 19. Dynastie. Es sind uns z.B. mehrere Hefte erhalten, die sich junge Verwaltungsbeamte - man nimmt an, zu ihrer Übung im Schönschreiben - zusammengestellt haben, so ein gewisser Enana und der uns schon bekannte Schreiber des Gedichts von der Khetaschlacht, Pentwere. Sehen wir einen Augenblick den Kreis der literarischen Interessen an, der diese strebsamen Jünglinge beschäftigte. Wir lernen dadurch zugleich einige Züge der damaligen Literaturgeschichte kennen. Da sind vor allem Stücke aus der eigentlichen Standesliteratur: Sammlungen von Musterbriefen, die oft reichen Stoff zur Kulturgeschichte darbieten, und das "Lob des Schreiberstandes", wie es in der "Lehre" eines alten Weisen enthalten war; wie müssen alle anderen Stände sich placken, wie übel ist sogar der Offizier daran gegenüber dem Stand, der regiert, während alle anderen regiert werden! Ferner die Lehre des Amenemhet und ein Nilhymnus. Die patriotische Königsliteratur kommt nicht zu kurz, und die großen Eroberungen in Asien spiegeln sich in manchem Erzeugnis wider; einige Stücke wimmeln von kanaanäischen Wörtern, es sind dichterische Abfälle der sprachlichen Studien, die jetzt für den Beamten nötig waren. Das Gedicht von der großen Schlacht Ramesses, an Schwung und Innigkeit nicht verächtlich, führt gleichfalls nach Asien, und mit der Kenntnis des asiatischen Schauplatzes prunkt geradezu die sogenannte "satirische" Schrift, vielleicht unter Ramesse II. geschrieben, nicht von jenen beiden, aber doch in diesen Kreis gehörig; hier kommt auch einmal der ägyptische Humor, uns freilich noch oft nicht recht verständlich, zu seiner Geltung. Es ist der Form nach ein Brief: ein Künstler des Stiles, der sich auf die Kraft seiner Feder viel einbildet, kanzelt einen Zunftgenossen ab, der es ihm in einer literarischen Arbeit nicht zu Dank gemacht hat. Als Beispiel, wie er es hätte anfangen sollen, arbeitet er das Thema selbst aus; einen Hauptteil bildet die Beschreibung der Fahrt eines "Mahar", das ist wohl eines ägyptischen Eilboten, der in diplomatischer Mission in Syrien reist. Dabei passiert ihm ja allerlei Merkwürdiges, er wird bestohlen, besteht ein galantes Abenteuer im Garten zu Joppe, aber der besondere Reiz bei der langen Aneinandereihung syrischer Ortsnamen, die uns höchstens historisch von Wert scheint, ist offenbar ein stofflicher. Man sieht daraus aufs neue, mit wie großem Interesse die literarischen Kreise nach dem eroberten Land hinüberschauten. Unter den Stücken, die Enana und Pentwere aufschrieben, finden sich auch zwei Erzählungen. Pentwere hat uns die historische Novelle vom Anfang des Hyksoskrieges überliefert, Enana aber eines jener Märchen, die in der altägyptischen Literatur so hübsch vertreten sind. Seine "Geschichte von den zwei Brüdern" ist die längste der uns aus Ägypten bekannten Dichtungen dieser Art, und gerade die Länge hat hier literarische Bedeutung. Es ist der Versuch einer umfänglichen Komposition, und dem Verfasser gelingt es noch nicht zum besten; er fügt ziemlich ungeschickt verschiedene Stoffe zu einem lockeren Ganzen aneinander. Die einzelnen Teile aber sind sehr gut erzählt und namentlich die eigentliche Geschichte der zwei Brüder, das hier zuerst auftauchende Motiv von Joseph und der Frau des Potiphar, wird lebendig und fein ausgeführt. Unter all diesen Sachen ist nichts, was der eigentlichen religiösen Literatur angehörte, auch der Nilhymnus nicht. Wenn wir auch nur einen Ausschnitt des einst Vorhandenen vor uns haben, so wird man doch urteilen dürfen, daß um die Zeit des Neuen Reiches die profane Literatur weitaus an Bedeutung und Ausbildung die religiöse überragte. Vielleicht ist es ein Symptom des allgemeinen Niederganges, daß priesterliches Wesen in den das Neue Reich ablösenden Jahrhunderten so breit in den Vordergrund tritt. Die religiöse Literatur hat natürlich auch noch unter den Ramessiden andauernd produziert und noch manche neue Formen gezeitigt, große Umprägungen der von alters festgestellten Gedankenwelt aber nicht mehr hervorgebracht; das bunte und seltsame Gewühl der niederen Dämonen macht sich in der Folgezeit breit, der astrologische Aberglaube blüht auf, alles nicht ohne Einwirkung des Auslandes; der mehr und mehr überhandnehmende Mystizismus und die Ausbildung des Tierkults in jenen Formen, die aller Welt als typisch ägyptisch bekannt sind, stellen vielleicht die wichtigsten Züge der von nun an einsetzenden Entwicklung dar. Totenbuchhandschriften der Saïtenzeit haben am Schluß des Buches Kapitel, deren krause ausländische Götternamen bereits den Synkretismus des absterbenden Heidentums im Aufdämmern zeigen.
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| Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu |
