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Ägypten

Von Prof. Dr. Karl Dyroff

1. Das Ägypten der Pharaonen

F. Das neue Reich

(1600-800 v. Chr.)

b) Amenhotep IV. und seine religöse Reform

 

a. Die Beziehung zu Asien zu Anfang seiner Regierung. Die neue "Lehre"

Amenhotep IV., Sohn des Amenhotep III. und der Teje, folgte dem Vater (etwa 1375-58 v. Chr.). Er ist nicht viel über 30 Jahre alt geworden und hat 17 Jahre regiert, kam also ganz jung auf den Thron. Zunächst nahm eine Zeitlang Teje starken Anteil an den Geschäften. Tuschratta von Mitani schickte zwei Gesandte ab, um dem jungen König sein Beileid zum Tod des Vaters auszusprechen. Freilich hatte er verschiedene Wünsche, deren Erfüllung er schon von Amenhotep III. erwartet hatte, und sandte deswegen wiederum Botschaft; auch an Teje schrieb er. Es handelte sich aber dabei nicht um politische Dinge, sondern um Geschenke; der junge König hatte ihm z.B. hölzerne Statuetten geschickt statt der erwarteten goldenen. Aus den uns erhaltenen Briefen Tuschrattas sieht man, daß ihm daran lag, die Freundschaft mit Ägypten aufrechtzuerhalten, Taduchepa war auch Gattin von Amenhotep IV. geworden; die eigentliche Königin war freilich eine andere.

Auch Babylon, wo Burnaburiasch König geworden war, wechselte freundschaftliche Briefe mit dem neuen Pharao. Es gab hier gleichfalls Klagen: Amenhotep IV. hatte einmal bei einer Erkrankung des Burnaburiasch kein Beileid ausgesprochen, babylonische Händler waren in Kanaan - das doch "Dein Land ist" schreibt der Babylonier - umgebracht worden; wichtiger war die Klage über die freundschaftlichen Beziehungen Ägyptens zu Assur. Im ganzen herrschte auch hier der Wunsch nach Ägyptens Freundschaft.

Auch der kleine König von Alaschia und der König der Hettiter Schubbiluliuma hegten den gleichen Wunsch. Das wahre Verhältnis zwischen dem Hettiterreich und Ägypten sollte freilich bald offenbar werden. Unter den Streichen der Hettiter und der Chabiri (Hebräer) ist während der Regierung Amenhoteps die ägyptische Macht in Kanaan zusammengebrochen.

In Theben bereiteten sich mittlerweile Dinge vor, von denen das Volk Ägyptens noch nie gehört hatte und auch nichts mehr zu hören bekommen sollte als der Sturm vorübergebraust war. Sie zogen die Aufmerksamkeit des Königs von Ausland ab. Er geriet in Streit mit der fortwährend reicher und mächtiger gewordenen Priesterschaft des Amon, der doch nur als Gott seines eigenen Hauses an der Spitze der ägyptischen Götterwelt stand. Man erlebte das Schauspiel, daß der Pharao selbst, der Hort des Götterkultes, zum Ketzer wurde. Die Spannung zwischen Amon und dem neuen König trat jedenfalls bald hervor: zwischen dem 4. und 5. Jahr Amenhoteps IV. vollzog sich der offene Bruch. Der Hof verließ Theben, und eine religiöse Reform im Sinne der Lehre vom "Aton", von der Sonnenscheine, setzte mit Eifer ein.

Mehr als spärlich sind die Andeutungen über die treibenden Beweggründe der Vorgänge, und es ist fraglich, ob unser heutiges Urteil ganz das Richtige trifft.

Man bemerkte vor allem an dem Eintreten der Bewegung selbst, wie stark noch immer die Religion in Ägypten im Mittelpunkte des ganzen Denkens stand, und Amenhotep IV. war in dieser Hinsicht ein echter und rechter Ägypter. Man muß sich ferner klarmachen, daß auch die herrschende Religion zu Anfang des Neuen Reiches Neuerscheinungen zeitigte, die von intensiven religiösen Leben und mächtiges Schwung religiöser Gedanken Zeugnis geben. Das äußere Zeichen des neuen Lebens ist vor allem das vom Neuen Reich ab dem Toten ins Grab mitgegebene "Totenbuch", berühmt als reichhaltige Quelle religiöser Texte, berüchtigt wegen des schlechten Zustandes der Textüberlieferung und des Unfugs, den infolgedessen die Interpreten mit den Texten getrieben haben und zum Teil noch treiben. Als Buch stellt das Totenbuch keine literarische Einheit vor, sondern nur einen literarischen Rahmen. Etwa wie unsere Gebetbücher einer bestimmten Konfession bei wechselndem Inhalt doch einen gewissen gemeinsamen Gang einhalten, so auch die Totenbücher: es sind Sammlungen einer wechselnden Anzahl von Gebeten, Sprüchen, kultischen Formularen, dem Bestand nach fast bei jedem Toten verschieden, in einer Unzahl von Typen verbreitet, aber in der Tendenz und in vielen Einzelheiten übereinstimmend. Wie die Könige des Alten Reiches solche Texte in ihren Pyramiden schrieben, wie die Großen und Reichen des Mittleren Reiches die Särge damit schmückten, so wandern sie jetzt in Form eines Buches mit dem Leichnam in die Gruft. Die Sitte ist jetzt so gut wie allgemein geworden; jeder hat sein Totenbuch, jeder ist ein Usire, dem Gotte gleich, steht aus dem Grab auf, lebt selig in den seligen Gefilden des Jenseits weiter. Aber dieser Jenseitsglaube spricht einen Gedanken, der früher ja freilich auch schon da war, jetzt mit einer so starken Betonung aus, daß er nun etwas ganz Neues und Wichtiges geworden ist. Nur die werden selig, die das Totengericht (s. Abbildung) bestehen. Eine Darstellung des Gerichts, mit der Waage, auf der in der Halle des Usire und vor den Augen des Gottes das menschliche Herz gegen die Hieroglyphe "Wahrheit, Recht" gewogen wird, wobei Gott Thoute das Resultat aufschreibt, eine solche Darstellung ist fast immer im Totenbuch vorhanden, wie es denn meist ein illustriertes Buch ist - mit Illustrationen, die häufig im Gegensatz zu den Todesgedanken die lebendigste Farbenfreude der Leute des Neuen Reiches auf das anmutigste und freundlichste erkennen lassen. Bei diesem Wiegen des Herzens scheint die zugrunde liegende Meinung damals die gewesen zu sein, daß es dann als gerecht befunden wurde, wenn die guten Taten des Menschen das Übergewicht hatten über die schlechten. In einer Art negativer Beichtformel, die zum Bild des Gerichtes gehört, sagt der Tote aus, daß er die und die Sünden nicht begangen habe.

Die Lehre vom Totengericht tritt hier zum ersten Mal in der Weltgeschichte auf; sie ist wohl in Ägypten entstanden und von da aus auf irgendeinen Wege zu den Iraniern und weiter gewandert. Neben ihr hat man ja die alten Zauberformeln, mit denen sich sich der Tote die Vorteile im Jenseits gewissermaßen erschleichen will, nicht fallen gelassen, sondern in echt ägyptischer Weise neben dem Neuen getreulich beibehalten. Helfe, was helfen kann! Aber das Totengericht steht jetzt im Neuen Reich so fest an seinem Platz, daß wir berechtigt sind, als Dogma der herrschenden Religion aufzufassen.

Das Aufkommen eines so folgenschweren Glaubens zeigt, daß von einer Verknöcherung oder Erstarrung auch der offiziellen Religion keineswegs gesprochen werden darf. Gerade von der lebhaften Ausbildung, die immer noch die Jenseitsideen im Neuen Reich fanden, haben wir in seltsamen Literaturwerken wie dem "Buch von dem, was in der Unterwelt ist", und ähnlichen Elaboraten drastische Beispiele. Man mag die Hartnäckigkeit befremdlich finden, mit der die Ägypter den Jenseitsideen nachhingen, aber das ist nur die Entfaltung des einmal von alters her vorhandenen Keimes. Zum Teil verdeckt auch die Einseitigkeit unseres offiziellen Glaubens, von "Philosophen", wie man in Griechenland sagte, haben wir trotzdem schon im Mittleren Reich Spuren gefunden, und sie fehlen auch im Neuen nicht; gehört doch die Spekulation der offiziellen Priesterschaft gleichfalls in gewissem Sinne hierher. Wir gehen also gewiß nicht irre, wenn wir uns vorstellen, daß die Regsamkeit religiösen Denkens in der 18. Dynastie nach verschiedenen Richtungen hin neue Pfade suchte und fand.

Eine solche Richtung ist die Lehre vom "Aton", der Sonnenscheibe. Hören wir selbst! Man findet sie in einem langen "Hymnus" zusammengefaßt in den Gräbern von Amarna.

"Herrlich erscheint du am Horizont, Aton, lebender, der du zuerst gelebt hast. Wenn du dich im Osten erhebst, füllst du alle Länder mit deiner Schönheit. Schön bist du, groß, leuchtend, hoch über allem Land. Deine Strahlen umfassen die Länder, alles, was du geschaffen hast. Da du Re bist, nimmst du sie ganz ein (im Ägyptischen ein Wortspiel), zwingst sie durch deine Liebe. Wenn du auch fern bist, deine Strahlen sind auf Erden, wenn du auch oben bist, der Tag ist dein Schreiten. Gehst du im Westen zur Ruhe, so sinkt die Erde in Finsternis, gleich der des Todes. Dann liegen sie in ihren Kammern, überdeckten Antlitzes, die Nasen verstopft, keiner sieht den anderen. Man könnte ihre Sachen unter ihren Häuptern wegstehlen, ohne daß sie es merken. Die Löwen kommen hervor aus ihrer Höhle, und die Schlangen beißen. Der Herd steht dunkel, das Land liegt im schweigen; der sie geschaffen hat, ruht in seinem Horizont (jekhwet). Am Morgen leuchtest du auf am Horizont, scheinst als Aton am Tage. Das Dunkel flieht vor deinen Strahlen, und die Beiden Länder jubeln. Sie wachen auf, stehen auf ihren Füßen, denn du hast sie aufgerichtet; sie waschen sich, ziehen ihre Kleider an, sie strecken die Hände empor, dein Erscheinen zu begrüßen, und alle Welt tut ihre Arbeit." Das Vieh geht auf die Weide, alle Vögel flattern froh, "die Schiffe begrüßen dich mit Plätschern, es dringen deine Strahlen zu den Tiefen des Meeres." Hier beginnt ein Loblied auf Aton als den Schöpfer: "Durch dich empfängt das Weib, wird der Mann zeugungsfähig, das Kind im Mutterleib lebendig. Kommt es heraus aus dem Leibe am Tage der Geburt , dann öffnest du seinen Mund zu reden und hilfst seiner Notdurft ab." Hübsch wird darauf die Entstehung des Vogels aus dem Ei geschildert. Der Gott hat die Erde geschaffen, heißt es weiter, Menschen, Vieh und Vögel. "Die Länder Syrien und Nubien und das Land Ägypten, " er leitet und nähret sie alle. Er hat die Völker nach Sprache, Gestalt und Farbe geschieden. Er schuf den Nil in der Unterwelt und führt ihn herbei, die Menschen zu ernähren; und setzte einen Nil an den Himmel, um ihn herabströmen zu lassen, damit auch die Nichtägypter Regen erhalten. Er schuf die Jahrezeiten, Winter und Sommer. "Du schufst den fernen Himmel, um darauf aufzugehen, zu schauen das, was du gemacht hast, als du allein warst (Anspielung auf einen alten Schöpfungsmythus). Du gehst auf in deiner Gestalt als lebender Aton: erscheinst, leuchtest, gehst hinweg und kommst wieder." Gegen den Schluß des Hymnus spricht der König von sich selbst: "Du (Aton) bist in meinem Herzen, niemand kennt dich außer deinem Sohn Neferkheprure (Name von Amenhotep IV.). Du läßt ihn verstehen deine Pläne und deine Kraft." Am Ende stehen die Namen des Königs und der Königin.

Der "Hymnus" ist so, wie er uns in den Gräbern vorliegt, weder einheitlich noch lückenlos; wir müssen ihn aber als unsere wichtigste Quelle für die Erkenntnis der Lehre von Aton betrachten. Er wird dem König selbst in den Mund gelegt; das ist natürlich kein Beweis dafür, daß ihn der König selbst verfaßt hat. Im Gegenteil, die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß dies nicht der Fall ist, wie bei so vielen anderen Königsinschriften, wo die Majestät das Wort führt. Es muß eine "Lehre" des Königs gegeben haben; sie wird öfter in den Gräbern erwähnt: "mein Herr hat mich befördert", sagt z.B. der General Mai, "ich habe seine Lehre ausgeführt ... o mein Herr, weise wie Aton, in der Wahrheit befriedigt: wie glücklich ist der, der deine Lehre des Lebens hört". Wenn sie literarisch fixiert war, was möglich ist, so hatte sie doch wohl eine lehrhaftere Form als dieser "Hymnus". Was sagt nun der über die neue Lehre aus? Der neue Gott ist der alte Re, daran ist kein Zweifel: Re wird genannt, es wird auf den Mythos angespielt, wie Re unter dem Namen Atum einst als einsamer Gott im Chaos die Welt geschaffen; ja, im Kult, den Amenhotep IV. übte, wird für dem Oberpriester der Titel, für das Heiligtum der Name aus On entlehnt, selbst der Name Aton war in On heimisch. Man hat denn auch vermutet, daß die Priesterschaft von On hinter der ganzen Bewegung steckte, indessen ist davon keine Spur zu sehen, und es ist unwahrscheinlich; On hat nicht den geringsten Profit davon gehabt. Stark wird im Hymnus und sonst betont, daß Re der Vater des Königs ist; vielleicht gab es bei Amenhotep IV. ähnliche Ausführungen des alten Gedankens wie bei der Hatschepsut und bei Amenhotep III. Neu mutet den, der ägyptische Götterhymnen kennt, die Art an, wie hier der Sonnengott gepriesen wird. Das sind andere Farben, als man bisher verwendet hat; die Mythologie spielt nur ganz beiläufig einmal herein, aber eine freudige Beobachtung hat sich auf die Naturvorgänge gerichtet, mit wahrer Innigkeit wird die Schönheit der aufsteigenden Sonne, mit Liebe das Küchlein geschildert, das aus dem Ei schlüpft. Aber diese Farben sind auch nicht ganz neu. Sie treten vom Anfang des Neuen Reiches in Spuren auf, so schon auf einem Denkstein des Königs Ahmose aus Karnak. Unter Amenhotep III., wo wir die gleichen Töne erklingen hören, wird auch der Name Aton bedeutsam betont. Was ist also Neues an der "Reform", an der "Lehre" des Amenhotep IV.? Eben nur, daß er den Gott namens Aton als einzigen verehrt. Das war sein gutes Recht; wo viele Götter sind, hat es dem einzelnen immer frei gestanden, sich einen Leibpatron darunter herauszusuchen. Ist also die Grundlage der Reform nichts anderes, als was der alte Apope des Märchens tat, der dem Seteh allein diente? Man hat Amenhotep IV. als Monotheisten bezeichnet, denn neben der Ausmeißelung des Namens Amon auf den Dankmälern finden sich ein paarmal auch andere Götternamen und auch das Wort "Götter" selbst getilgt, in dem Hymnus und den übrigen Zeugen des Kults von el-Amarna wird außer dem Sonnengott kein anderer Gott und auch das Wort "Götter" nicht gefunden. Aber das soll schwerlich etwas anderes heißen, als was eben diese Zeugen so oft sagen: Aton ist der "einzige" Gott, der einzig wahre, neben dem all die anderen nicht in Betracht kommen. Und es ist begreiflich, wenn neben Amon auch die anderen Götter den Fanatismus der Atonverehrer gelegentlich zu schmecken bekamen. Zum Beweis, daß Amenhotep IV. die Existenz der anderen Götter geleugnet habe, fehlt jede Basis; es fehlt ihre ausdrückliche, positive Verwerfung, und es fehlen positive Maßnahmen zum Ersatz des alten Götterkults; die ägyptischen Denkmäler müßten ganz andere Schrammen der Verfolgung aufweisen, wenn dergleichen Neuerungen in Szene gesetzt worden wären. Amenhotep zog sich in seine Stadt zurück und lebte dort in seiner exklusiven Atonsphäre, er wird durch das Reich hin genug Anhänger gefunden haben, aber auch genug Gegner. Wie er selbst die alten Kultformen, die Opfer und Priester, den Totenkult beibehielt, hat ihm auch die Idee ferngelegen, seine "Lehre" gewaltsam gegen die Anhänger des Alten durchzusetzen. So bleibt der Streit mit Amon in der Tat der Kern der neuen Erscheinung. Durch ihn wurde der König gedrängt, dem Amonre den alten Re gegenüberzustellen, der nun aber in den modernen Formen einer bereits bestehenden, fortgeschrittneren Gedankenrichtung verehrt wurde. Man mag immerhin mit einem gewissen Recht die "Reform" dieses Königs als Vorläuferin des Monotheismus betrachten, aber die eigentlichen Geburtswehen des Monotheismus fallen in viel spätere Zeiten. Auch das muß gesagt werden, daß die Form seiner Gottesverehrung infolge der Abwesenheit allen mythologischen Spuks ein Zug von idealer Reinheit verklärt, der ihr etwas durchaus "Unägyptisches" gibt. Aber man darf nur die Denkmäler des Kults betrachten, so sieht man deutlich, wie sehr ägyptisch sie sind: so vor allem auch das Symbol des Aton selbst: die Sonnenscheibe, ihre Strahlen herabsendend, die Spitzen der Strahlen mit Händen, die das Zeichen "Leben" (das "Henkelkreuz") halten (siehe Abbildung).

Mit Ausnahme Amons und seines Kreises haben sich die übrigen ägyptischen Gottheiten in Geduld gefaßt, und ihre Priesterschaften haben den Ansprüchen der "Lehre" wohl eine Zeitlang möglichst Rechnung getragen. Ptah, Usire, Ese und Hor büßten zwar ihren Rang ein, wurden aber nicht verfolgt; die Formen und Gebräuche des Totenkults bestanden unangefochten fort; auf diesem heiklen Gebiete zu reformieren, wäre in der Tat schwer gewesen (vgl. zu Auffassung der "Lehre" Folgendes).

b. Amenhotep IV. als Ekhinaton

Amenhotep IV. war auf das glücklichste verheiratet; er läßt sich besonders gern mit der Königin Nefernefruaton Nefretite, die auch am Schluß des "Hymnus" genannt ist, und mit seinen Töchtern in zärtlichen Familienbeisammensein darstellen. Söhne hat er nicht gehabt. Auch seine Mutter Teje erscheint dauernd um ihn und ein Priester Eje, der Mann seiner Amme, dem man in der religiösen Bewegung wohl auch eine Rolle zuweisen muß. Im Anfang seiner Regierung baute Amenhotep in Theben einen Tempel des Aton, namens Gem-Aton, und es scheint danach, daß er damals noch nicht an eine eigene Stadt des Aton dachte. Der Streit mit der Priesterschaft des Amon mag dem König die Residenz Theben verleidet haben. Wenn es der Pharao unterließ, dem Amon in üblicher Weise zu huldigen, so wäre der Mangel am Pietät ja noch zu ertragen gewesen; was sich aber auf die Dauer nicht verschmerzen ließ, war der Wegfall der königlichen Gaben. Sie waren namentlich seit Thutmose III. stetig gewachsen und bildeten wohl in Friedenszeiten für die königliche Kasse eine recht empfindliche Last. Nun hing aber gewiß die gewerbtätige Bevölkerung Thebens ebenso vom Amontempel ab wie vom Hof; man kann sich denken, daß die Massen beunruhigt wurden. Genug, der König entschloß sich, auf reinerem Gefilde eine neue, heilige Stadt zu erbauen, in der nur die Sonnenscheibe und ihr Sohn gebieten würden. Er griff damit eigentlich nur auf die Sitte seiner Vorfahren zurück, die sich eigene Residenzen gebaut hatten; doch mögen wirklich auch schwärmerische Gedanken bei der Neugründung mitgesprochen haben. Die Residenz "Akht-Aton", d.h. Horizont des Aton, entstand fast genau in der Mitte des ägyptischen Niltals (am östlichen Flußufer); so lag sie zugleich im Mittelpunkt der drei im Hymnus genannten Länder .

Es ist die heutige Trümmerstätte von Tell el-Amarna (etwas südöstlich von Melawi el-Arisch der Karte), auf der sich einst Akht-Aton erhoben hat. Die Gräber in den umgebenden Felsen mit ihren für den Sonnenscheindienst so wichtigen Texten, auch die Reste der Stadt hatten längst Aufmerksamkeit erweckt. Aber erst der Fund des die ägyptisch-asiatischen Beziehungen erschließenden Tontafelarchivs veranlaßte weitere Ausgrabungen; durch diese wurden namentlich die Reste des Königspalastes und des Atontempels freigelegt. Seit 1910 gräbt die Deutsche Orientgesellschaft an der Stätte, und wir werden dadurch sehr intime Einblicke in die Anlage der Residenzstadt und in das Innere altägyptischer Häuser tun können. Die Trümmer von Amarna enthüllen uns nun eine merkwürdige Phase der ägyptischen Kunst: auch sie hat in dieser Zeit Reformen erlebt.

Auf den Reliefs der Gräber, die der König seinen Getreuen in den Felsen hauen ließ, nehmen Darstellungen aus dem häuslichen Lebens Amenhoteps einen breiten Raum ein.
Manche solcher Augenblicksbilder zeigen, wie natürlich sich der göttliche Sohn des Aton unter den Menschenkindern bewegt. Auch wenn er vom Balkon herab goldene Ehrenzeichen an würdige Bekenner der Lehre verteilt, fehlen Königin und Kinder nicht. Hier und anderwärts in den Denkmälern aus Amarna begegnet man öfters kühneren Griffen schon in der Wahl des Vorwurfs. Auch die Komposition der Gruppen erscheint reicher, und vor allem fällt die lebendige Bewegung der Figuren auf, auch in den großen Staatsaktionen, wenn der König im goldenen Wagen einherfährt, wobei die Leibgarde zu Fuß im Trabe mitrennt, oder wenn unter Trompetenschall die ägyptischen Truppen vor König und Königin vorbeiziehen und die Gesandten von Nubien, Libyen, Syrien, den Tribut darbringend, auftreten. Einzelne Stellungen sind wohl früher nie gewagt worden, wie die einer Berliner Bildhauerskizze, wo die Königin, in weitem, durchsichtigem Gewande dastehend, dem König Blumen hinreicht, sich mit übergeschlagenen Beinen ungezwungen auf eine Stab stützt. Man muß in all diesen Versuchen der Künstler ein Streben nach Naturwahrheit erblicken, nach derselben "Wahrheit", die auch sonst in den Texten der Zeit so gern genannt wird. Den drastischsten Ausdruck hat freilich dieses Streben im Bilde des Königs selbst erreicht. Amenhotep IV. ist keine anziehende Erscheinung gewesen: das Gesicht mit den großen Backenknochen und dem spitzen, vorstehenden Kinn auf langen Halse; die Gestalt durch dünne Arme und einen starken Bauch entstellt. Dennoch hielt er darauf, daß alle Fehler sorgsam konterfeit wurden; auch die Hofgesellschaft, die Königin nicht ausgeschlossen, ließ sich jetzt mit ähnlichen Körpermerkmalen darstellen.
Eine derartige Charakteristik durch Künstlerhand reizt immer wieder dazu, sich den Charakter des Königs, der so seltsam handelt und so seltsam aussieht, menschlich begreiflich zu deuten. Im Zusammenhang damit steht die wichtige Frage, wieviel wohl in Reform und Lehre auf diesen persönlichen Charakter gewälzt werden darf. Der König ist jung gestorben und war wohl kränklich. Ist es ein ideales Feuer, nicht frei von pathologischen Momenten, das ihn zu all seinen Handlungen treibt und frühzeitig verzehrt? Ist er der "Schwärmer auf dem Throne", und soll man sich seine Reform etwa so veranschaulichen, daß man König Ludwig II. von Bayern in absolutistische Zeiten zurückdenkt und den Versuch wagen läßt, eine Lehre von Welt und Kunst wie die Richard Wagners in das wirkliche Leben hineinzutragen? Man wird zur Beantwortung solcher Fragen vor allem verlangen, daß die Kunst von Velazquez der Armarnazeit in ihrer Ausdrucksfähigkeit noch genauer untersucht und namentlich auch ihre Stellung umfassend gewürdigt wird, die Ägypten damals im Zusammenhang der Kulturvölker des östlichen Mittelmeers einnahm. Es hatte sich nun eine Kultgemeinschaft der führenden Nationalitäten im Niltal, Vorderasien und auf den griechischen Inseln herausgebildet, die eine Vorläuferin der hellenistisch-römischen Epoche darstellt. Der Einfluß des Auslandes spricht entschieden mit bei dem Ringen ägyptischer Künstler nach freierer Bewegung ihrer Gestalten, er spricht lebendig zu uns in den Bildern aus Tierreich und Pflanzenwelt auf den Stuckfußböden des Königspalastes zu Amarna; aber die ägyptische Welt wirft ihren kräftigen Schatten in syrische und kretische Kunst, ägyptisches Glas und Fayence kommt überall im Ausland dem herrschenden Geschmack ebenso entgegen, wie die Erzeugnisse fremden Kunsthandwerks im Niltal Anklang finden. Wenn syrische Götter, wie Baal und Reschef, von nun an den Ägyptern vertrauter werden, so haben auch sonst tiefgreifende geistige Beziehungen stattgefunden. Es ist also das Mitwirken fremden Einflusses bei der Götterreform Amenhoteps IV. nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Samas, der Sonnengott, wurde weithin in der semitischen Sphäre, in Syrien, Babylon und Assur, verehrt; es gab kaum einen Gott, der geeigneter war, an der Spitze der Götter eines großen Reiches, des größten der damaligen Kulturwelt, zu stehen. Hatte sich die Exklusivität Jahwes von Israel irgendwo schon vorgebildet?

Das Geheimnis von Tell el-Amarna ist uns wohl noch nicht ganz offenbar. Daran darf man nicht zweifeln, daß Amenhotep IV. die "Lehre" mit voller Seele umfaßt hatte, mag sie ihm vielleicht auch von anderen Geistern entgegengebracht worden sein. Und die äußere Erscheinung der Lehre ist, wie wir schon sagten, echt ägyptisch.

Im 6. Jahr des Königs, auf den Grenzsteinen, auf denen der das Gebiet der neuen Stadt dem Aton weihte, tritt der neue Name Ekhinaton an Stelle des Amenhotep auf; er scheint zu bedeuten, "der, über den sich Aton freut". Die Stadt war damals schon im Bau, der Tempel fertig. Der Name ist nur ein Moment in der grimmigen Verfolgung des Namens des Gottes Amon, die, wohl eben um jene Zeit, im ganzen Lande anhub und heute noch in ägyptischen Tempeln, ja auf den Grabsteinen der Privatleute in unseren ägyptischen Museen zu beobachten ist, so daß die Ausmeißelung des Amonsnamens förmlich zum Hilfsmittel für die Datierung des Denkmals wird. Die Ausmeißelung auf den großen öffentlichen Dokumenten, wie in den Inschriften der Hatschepsut oder der Annalen von Thutmose III., geschah natürlich von Regierungs wegen, der Fanatismus der Anhänger tat das übrige. Der König mußte den Namen seines eigenen Vaters verstümmeln lassen. Gelegentlich kamen auch andere Götter als Amon mit unter die Räder. Gern wüßten wir, was für Maßregeln gegen die Priesterschaft des Amon ergriffen worden sind, was das Volk zu all dem sagte. Man mag sich die Verwüstungen der alten Heiligtümer nach dem Worten Haremhebs, der sie wieder herstellte, ausmalen; eine private Urkunde aus der Zeit Haremhebs nennt Amenhotep IV. den "Feind von Akht-Aton": das wird eine offizielle Bezeichnung des "Ketzers" sein, die aber gewiß auch der Mehrzahl des Volkes aus der Seele gesprochen war.

Trotzdem hören wir nichts von Auflehnung. Ein Pharao durfte sich viel erlauben, solange er das Heft in der Hand behielt. Und Amenhotep IV. scheint freigiebig dafür gesorgt zu haben, daß ihm die nötige Truppenmacht bereit stand. Er brauchte ja auch nicht zu sparen, zumal, wenn er die Schätze des Amontempels für Aton nutzbar machte. In Amarna wird öfters dargestellt, wie der König seine Großen mit Gold belohnt. Besonders berühmt ist das Bild im Grabe des "Wedelträgers zur Rechten des Königs, Oberstallmeister und wirklich geliebten königlichen Schreibers, des Gottvaters Eje". Der König befahl dem Schatzmeister: "Lege das Gold an seinen Hals, an seinen Rücken und an seine Füße, weil er die Lehre gehört hat." Und als Eje die Amme des Königs, die wie die Königin Teje hieß, geheiratet hatte, wurden beide noch reichlicher mit dem Golde beschenkt. "Sie sind Leute aus Gold geworden", witzelt die Dienerschaft, als die Goldgeschmückten nach Hause kamen. Die beiden langen Gräberreihen für die Vornehmen des Hofes nennen gewiß manchen Herrn, der später nichts mehr von Aton hat wissen wollen. Einen interessanten Typus aus dem Heer, einen syrischen Trabanten namens Terura, lehrt uns ein Berliner Stein kennen, auf dem wir den bärtigen Krieger in seiner Häuslichkeit erblicken; er trinkt auf etwas umständliche Art sein Bier, nämlich durch ein langes Saugrohr, das sein Diener festhält; die Hausherrin des Recken, Frau Erbura, sieht ihm zu.

c. Das Ende der Dynastie und der Aton-Lehre

Ekhinatons Gegensatz zu den Anschauungen der Ägypter verbot kriegerische Unternehmungen im Stile Thutmoses III. von selbst; der Pharao verließ das Land nicht. Bei seinem Tode scheint der afrikanische Besitz, wenn auch innerlich vollkommen gelockert, noch immer unter der Oberhoheit Ägyptens verharrt zu haben; erst die Kämpfe, die der Reform ein Ende machten, haben auch dort offenen Aufruhr entfesselt. Die Stadt Akht-Aton ist niemals fertig geworden, Atons Glanz erblich über Nacht. Ungemein dürftig sind die Nachrichten über die Vernichtung der Ketzerei und damit zugleich über den Untergang der 18. Dynastie. Ihr letzter männlicher Sproß scheint Ekhinaton selbst gewesen zu sein. Von seinen sechs Töchtern starb Mekt-Aton noch vor dem Vater; sie ist bei Tell el-Amarna in dem stattlichen Grabe bestattet worden, in dem vielleicht auch der König selbst Ruhe gefunden hat.

Auf Ekhinaton folgte der wohl erst seit kurzem mit der ältesten Königstochter Merit-Aton vermählte Sakare als König. Weinkrüge aus den Palastruinen Tell el-Amarnas zeigen das 17. Jahr des Ekhinaton als höchstes Datum; ihm folgt das 2. Sakares und kein weiteres. Sakare wird nicht lange regiert haben. Die Namensänderung seines Nachfolgers Tut-ankh-Aton markiert den Sieg der Reaktion zugunsten Amons. Er hatte eine Tochter des Ekhinaton namens Ankhes-en-pa-Aton zur Gattin: beide erscheinen wieder in Theben als König Tut-ankh-Amon und Königin Ankhes-en-Amon. Während Bauten und Herstellungsarbeiten an thebanischen Tempeln, die Tut-ankh-Amon ausführen ließ, sowie ein große Darstellung des Tributempfanges aus Syrien und Äthiopien im Grabe des Hui bei Theben (siehe Tafel) darauf hindeuten, daß der rechtgläubige Pharao eine Weile das Reich des Amenhotep unvermindert innegehabt hat, sind doch auch Anzeichen für die Fortdauer des Ketzerwesens vorhanden. Die weibliche Nachkommenschaft Ekhinatons gab wahrscheinlich noch mehreren herrschsüchtigen Großen eine Handhabe für ihre Pläne.

Auch der uns wohlbekannte Gottesvater Eje hat sich den Throns bemächtigen können; er fügte seinen Titel "Gottesvater" seinem offiziellen Namen bei. Es ist nicht sicher, ob er der unmittelbare Nachfolger des Tutankhamon war. Seine politische Stellung muß der des Tutankhamon ähnlich gewesen sein; er ließ seine zwei Grabanlagen in Akhtaton hinter sich und legte im Tal der Königsgräber auf de thebanischen Westseite sein letztes Grab an, aus dem wir einen geschmackvollen Sarg von rotem Granit besitzen. Da herrschen die alten Formen des Totenkults wieder unberührt, Akhtaton ist überwunden. Die Länge von Ejes Regierung ist nur vermutungsweise zu bestimmen, vielleicht waren es nur vier Jahre. Auch ihm folgte möglicherweise noch der eine oder andere ephemere Herrscher. Zu den Zahlen, die für die 19. Dynastie wahrscheinlich sind, paßt es, wenn wir von Amenhoteps IV. Tode bis auf Haremheb nur acht Jahre rechnen.

Ein Größerer kam über diese Nachzügler des Atonkults. Haremheb (etwa 1350-1315), aus edler Familie stammend, war in den Wirren dieser Zeit zum obersten Feldhauptmann eines der Nachfolger Ekhinatons emporgestiegen. Damals ließ er sein mit herrlichen Reliefs geziertes Grab auf dem Felde von Sakkara errichten; er kann dort von sich reden als dem "Größten der Großen, geheimen Ratgeber des Palastes, Oberfeldherrn, Vorgesetzten der Propheten des Hor, der von (immer ungenannten) König an der Spitze des Heeres gegen die Länder des Südens und des Nordens entsandt wurde, dem der König die Verwaltung beider Länder anvertraut hatte, dem Begleiter seines Herrn am Tage, da man die Beduinen schlug." Diese Hindeutung auf Feldzüge gegen Osten ist trotz ihrer Knappheit von Interesse: unter Haremhebs Nachfolgern zeigte sich, daß der Besitz des Reiches in Asien Einbuße erlitten hatte. Tutankhamon (der ungenannte König?) schenkte Haremheb Vertrauen. Aber der Heeresoberste wartete nur sichere Gelegenheit ab, um selbst die Herrschaft Ägyptens an sich zu nehmen. Die Amonspriesterschaft von Karnak inszenierte den Fall aufs beste; sie hat wohl selbst den General zur Herstellung der Ordnung aufgerufen, der ihr trotz seiner etwas ketzerischen Vergangenheit Vertrauen einflößen mochte. Auf ihr Zeichen erschien Haremheb zur passenden Stunde mit Truppen in Theben, machte der dortigen Regierung ein jähes Ende und holte sich von Amon die Krone. Auf eine Doppelstatue des Haremheb und der Königin Mutnotmet lesen wir die offizielle Lesart seiner Erhebung zum Throne.

Der Text beginnt mit einer Lobpreisung er Verdienste Haremhebs vor seiner Erhebung; "der König" ist hier wieder nicht genannt. Dann fährt die Inschrift fort: "Dieser herrliche Gott Hor, Herr von Hatsuten (Haremhebs Vaterstadt), wünschte in seinem Herzen, diesen seinen Sohn auf den Thron zu setzen. Hor zog freudig nach Theben, der Stadt des Herrn der Ewigkeit, seinen Sohn umarmt haltend nach Jeptesowet, um ihn vor Amon einzuführen." Amon aber zog gerade nach Luksor, "zu seinem schönen Fest. Da sah er die Majestät dieses Gottes Hor mit seinem Sohn, wie er ihn heranführte, wie man einen König einführt". Da ward Amonre von Freude erfüllt, Hor stellte ihn den Haremheb vor, Amon ging mit ihm zum Palast und führte ihn zur Wohnung seiner herrlichen Tochter "Zauberreich" (d.h. zur Kapelle der göttlichen Schlange, der Königskrone. Sie umarmte seine Schönheit, setzte sich an seine Stirn, und alle Götter freuten sich darob.

Auf diese Weise hat also Amonre sich herbeigelassen, den Haremheb zu legitimieren. Dadurch war dem König der Weg deutlich vorgezeichnet, den er gehen mußte und auch wohl gehen wollte. Amonre hatte sich als der Stärkere erwiesen, sein zerstörter Name wurde auf vielen Denkmälern wiederhergestellt, die Spuren der Atonlehre, eine Zeitlang verfolgt, verschwanden allmählich von selbst, Akhtaton, schon längere Zeit verödet, sank in Trümmer. Für Theben aber kamen die guten Tage wieder. Amon erhielt den Ausfall mit Zinsen vergütet, soweit es die Verhältnisse gestatteten; in Karnak unternahm der König große Bauten. "Er gründete dieses Land neu, er stellte die Tempel wieder her vom Delta bis nach Nubien, er machte ihre Götterbilder zahlreicher als zuvor", sagt jene Statueninschrift. Von Kriegszügen Haremhebs ist nur andeutungsweise die Rede; doch scheint er in Kusch und auch in Asien Beutezüge veranstaltet haben.

Ein wichtiges Edikt Haremhebs am Karnaktempel beklagt die allgemeine Verwilderung im Lande, die Bedrückung der Beamten und Räubereien der Truppen, und setzt strenge Strafen gegen Raub und Unterschlagung fest. Der Hofhalt litt offenbar auch empfindlich darunter, daß seine Hörigen anderweitig ausgeplündert waren, ehe dies der königliche Kommissar zu tun vermochte. Auch die Reisen der Inspektoren mit besonderer Vollmacht dienten vielfach mehr zu deren persönlicher Bereicherung als zum Vorteil der königlichen Kasse. So mußte Haremheb selbst das Land durchziehen, um nach dem Rechten zu sehen, wie einst der unermüdliche Tuthmose III., von dessen Maßregeln das Edikt erzählt. Nach den Zeiten religiöser Schwärmerei, schöngeistigen und künstlerischen Treibens und Strebens war der Zusammenbruch eingetreten; nunmehr folgte ihm der müheselige Wiederaufbau, und die Reaktion mußte tüchtige Arbeit leisten, um eine neue Zeit innerer Ordnung und äußerer Machtentfaltung vorzubereiten.

Fortsetzung: F. Das neue Reich (1600-800 v. Chr.) c) Die Ramessidenzeit. 19. und 20. Dynastie (etwa 1315-1090)

 

Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu