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Ägypten

Von Prof. Dr. Karl Dyroff

1. Das Ägypten der Pharaonen

C. Das Alte Reich (etwa 3300 - 2400 v. Chr.).

a) Die Thiniten (1. und 2. Dynastie; etwa 3300 - 2900 v. Chr.).

 

Bei den Namen "Altes Reich", "Mittleres Reich", "Neues Reich" denken wir vorzugsweise an die denkmälerreichen Blütezeiten dieser Perioden, die 4. bis 6., die 12. und die 18. bis 20. Dynastie oder die Zeit um 2800, um 2000 und um 1600 v. Chr., wobei diese Jahre den Anfang der Blütezeiten bezeichnen. Zwischen dem Alten und Mittleren, dem Mittleren und Neuen Reiche liegen verhältnismäßig "dunkle", denkmälerarme Zeiträume. Wir bezeichnen hier als"Altes Reich" die Zeit der 1. bis 8. Dynastie und ziehen die darauffolgende "Übergangszeit" zum Mittleren.

Manetho hatte an der Spitze der Königsreihe zwei Dynastien, deren Herrscher aus This, d.h. dem 8. oberägyptischen Gau Tschenu oder die Gegend von Abydos, ägyptisch Abod, stammten. Diese Angabe Manethos haben die neueren Ausgrabungen auf glänzendste bestätigt. Als Könige führte Manetho folgende auf: In der Dynastie Menes (62 Jahre), Athothis (57 Jahre), Kenkenes (31 Jahre), Uënephes (23 Jahre), Usaphaïs (20 Jahre), Miëbis (26 Jahre), Sememphes (18 Jahre), Biëneches (26 Jahre); diese acht Könige regierten also im ganzen 263 Jahre, und es folgte nach Manetho immer der Sohn auf den Vater. In der 2. Dynastie regierten: Boëthos (38 Jahre), Kaïechos (39 Jahre), Binothris (47 Jahre), Tlas (19 Jahre), Sethenes (41 Jahre), Chaires (17 Jahre), Nephercheres (25 Jahre), Sesochris (48 Jahre), Cheneres (30 Jahre), zusammen neun Könige 303 Jahre. Zu einzelnen Königsnamen der 1. Dynastie hat der Verfasser unseres Auszugs aus Manetho kurze Bemerkungen beigefügt, die uns zeigen, was Manetho von dieser alten Zeit wußte; es sind Angaben, die zum Teil den sogenannten "Volksmärchen" (siehe "Anfänge") entstammen, zum Teil auch historische Ansichten ägyptischer Gelehrten widerspiegeln.

Dahin gehören folgende Einzelheiten: Menes sei von einem Nilpferd zerrissen worden, Athothis habe das Königsschloß zu Memphis gebaut, und man habe "anatomische Bücher", die von ihm verfaßt sein sollten; unter Uënephes gab es eine große Hungersnot, und er ist es, der die Pyramiden von Ko (oder Kochome) gebaut hat - leider weiß man nicht, welcher Ort damit gemeint ist. Von Menes hat auch Herodotos einiges zu erzählen: er habe Memphis gegründet und den großen Deich gebaut, der die Stadt vor der Überschwemmung schütze. Es ist das der Deich von Koschesch (ê; bei el-Wasta, nordöstlich von Beni Suëf, s. dies auf der Karte), der in der Tat noch heute seine Dienste tut. Ferner habe er den großen Tempel des Hephaistos, d.i. des Ptah, in Memphis gegründet, jenen Tempel, aus dessen Räumen dem Herodotos seine ganze Kunde von der älteren Geschichte Ägyptens zugeflogen ist. Des Menes einziger Sohn Maneros (á) aber sei frühzeitig gestorben, und die Ägypter hätten auf ihn ihr "erstes und einziges Lied"gesungen, dasselbe Klagelied, das den Griechen unter dem Namen Linos bekannt sei.

Jene Königsnamen Manethos bietet auch die ägyptische Königsliste des Papyrus von Turin, die Identifizierung der ägyptischen und der griechischen Namen macht freilich an einigen Punkten Schwierigkeit. Der Turiner Papyrus zeigt keine Scheidung in zwei Dynastien. Außerdem finden sich die ägyptischen Namen in den sogenannten "Königstafeln", von denen besonders die von Abod und die von Sakkara wichtig sind. Auf einer Wand des Tempels des Königs Sethoë I. in Abod sieht man Sethoë vor 76 Namen seiner königlichen Vorfahren von Mene an Opfer darbringen; der kleine Kronprinz Ramesse (Ramses II.) steht daneben und liest "Litaneien" zum Lob der Könige aus einem Buch vor. In Sakkara aber hat ein königlicher Beamter Tunri unter Ramses II. 58 Königsnamen von Miëbis an auf die Wand seines Grabes schreiben lassen, vor denen er gleichfalls seine Verehrung durch Rezitieren eines Spruches bezeigt. Die Königstafeln bieten nun eine Auswahl von Namen. Im allgemeinen lehren sie uns ebenso wie der Königspapyrus, daß die Liste Manethos für die 1. Dynastie lückenhaft ist.

Man nimmt vielfach an, daß man von König Mene (griechisch Menes) jetzt sein Grab zu Negada kenne, also in der Tat in der Gegend von Abod, aus der er nach Manetho stammte. De Morgan hatte in dem von ihm entdeckten Grab, einem Ziegelbau in der Form einer "Mastaba", verschiedene Gegenstände gefunden, auf denen der Königsname Aha zu lesen war. Nun tragen die ägyptischen Könige mehrere Namen, später gewöhnlich fünf; in der thinithischen Zeit wird mit Vorliebe der "Hor-Name" gebraucht, so genannt, weil er in der Schrift von einer einer Umrahmung umgeben ist, auf der ein Falke, d.h. Gott Hor, steht. Auf einem Elfenbeintäfelchen aus dem Grab des Aha aber kommt neben dem Namen Aha, der ein Hor-Name ist, eine andere Gruppe von Zeichen vor, die nicht wohl anders als "Mene" gelesen werden kann, wenn es wirklich ein Königsname ist. Also, erklärt man, ist der Hor Aha der König Mene und Mene der Inhaber des Grabes von Negada. Freilich, diese Interpretation der Inschriften des Täfelchen muß so lange zweifelhaft erscheinen, als der übrige Inhalt der Aufschrift unklar bleibt. Was die Verbindung der beiden Namen für einen Sinn hat, wäre auch dann noch zu fragen, wenn die Lesung "Mene" der einen Gruppe feststünde.

Unsicher, wie sein Grab, scheint und auch alles andere, was man von Mene aussagt. Von der "Vereinigung der Beiden Lande" haben wir gesprochen. Die Gründung von Menfe und von dem Tempel des Stadtgottes daselbst schillert im trügerischen Licht der Tempelsage, und von seinem Feldzug "über die Grenze", von dem Manetho berichtet, wissen wir nichts. Auch die Gefäße und Täfelchen, auf denen der Name Aha erscheint, lehren uns weiter keine sichere Tatsache historischen Charakters. Die Frau dieses zu Negada bestatteten Königs mag Nit-hotep geheißen haben, da sich Gegenstände mit dieser Aufschrift in seinem Grabe gefunden haben. Bemerkenswert ist, daß auch aus Abod Stücke mit der Aufschrift Aha bekannt geworden sind.

Die Denkmäler des Aha gleichen an Altertümlichkeit des Stils denen eines Königs, dessen Namen man vorläufig Nar (auch Narmer usw.) gelesen hat. Wir reihen ihn ebenso vorläufig ein, wie ja ein gut Teil unserer Behauptungen über die älteste Zeit notwendigerweise nur vorläufige Geltung beanspruchen kann. Wir brauchen so Mene nicht von seiner traditionellen Stellung verdrängen, wozu gegenwärtig noch kein ausreichender Grund besteht, und in der Tat bildet die Königsliste nach Mene Platz, sogar für mehrere Anwärter. Schon eine griechische Überlieferung weiß, daß nach "Athothes" ein zweiter Athothes geherrscht hat, und die Königstafel von Ahod, und ähnlich auch der Turiner Papyrus, bringt nach Atote zwei Könige Ate und Ata, Namen, die nur sogenannte "Kurzformen" (wie "Fritz" zu Friedrich") des Namens Atote sein werden. So hätten wir also drei Atote nach Mene. Wir bilden hier (s. Abbildung) die berühmte prächtige Schminktafel ab, die Nar im Tempel von Hierakonpolis geweiht hat, ein Andenken an seine kriegerischen Erfolge. Gerade historische Bedeutung ersten Ranges hat man einem anderen Denkmal zugesprochen: ein Keulenkopf aus demselben Tempel zeigt König Nar mit der roten Krone auf dem Haupt, beschützt von der geiergestaltigen Göttin Oberägyptens, auf einem hohem Thron sitzende, hinter ihm sein Gefolge, vor ihm huldigende Untertanen und die Beute eines bestimmten Kriegszuges, die durch Bilder mit beigeschriebenen Zahlen angegeben wird: 400 000 Ochsen, 1 422 000 Ziegen, 120 000 Gefangene! Wir sind nicht kühn genug, hieraus und aus anderen Darstellungen auf Nars Denkmälern - auf einem schlägt er die Tschehenu - die Geschichte der Eroberung Unterägyptens durch den oberägyptischen König herauszulesen. Vor allem müßten uns die Ortsnamen dieser Inschriften klarer sein, damit wir sie sicher beurteilen könnten.

Neben dem Namen Nar trägt dieser König, wie es scheint, noch einen zweiten Namen Mer (= Moriris?); beide sind in der obenstehenden Abbildung über dem Bilde des Königs beigeschrieben. In ähnlicher Weise stehen auf einem Keulenkopf, von dem hier ein Stück wiedergegeben wird (s. Abbildung), vor dem Bild eines Königs, zwei Zeichen: eine Rosette und ein Skorpion. Es ist der König "Skorpion". Liegen hier ebenso, wie bei Nar, die zwei Namen des Königs vor? Darf man die Rosette Wn lesen, und ist es der König Oinis (griechisch o, wie sonst, für ägyptisch w), der Sohn des "Menis", unter dessen Regierung, nach einer Notiz bei dem griechischen Schriftsteller Ailianos, ein zweiköpfiger Kranich erschienen ist? Eine neue Vermutung zu den vielen alten, so schlecht und hoffentlich auch so gut wie sie: hier wurde sie nicht unterdrückt, weil sie dazu dienen mag, unsere vorläufige Anordnung der alten Könige einigermaßen zu stützen. Wir hüten uns, die Folgerungen auszumalen, die man aus dem Dasein des neugewonnenen Sohnes des Mene ziehen kann. Die Ordnung, die wir vorschlagen, ist Aha, Wine, Nar; was es mit den drei Atote für eine Bewandtnis hat, lassen wir in der Schwebe.

König "Kenkenes" des Manetho scheint einer unrichtigen Lesung des Namens zu entstammen, den man Semte (auch Khaste usw.) gelesen hat. Man glaubt gegenwärtig vielfach, daß man die Zeichen seines Namens, ein doppeltes qn, einmal "Hesepti" aussprach, und daß dieses Hesepti bei Manetho als Usaphais erscheine; dies letzte ist aber sprachlich unmöglich. Die Denkmäler zeigen den Eigennamen Semte des Königs öfter neben seinem Hor-Namen De-ni. Auf einem Elfenbeintäfelchen (Jahrtäfelchen) schlägt er mit einen Beduinen der Sinaihalbinsel mit der Keule nieder - ein typische Darstellung des Sieges über diese Stämme; dabei steht: "Erstes Mal des Schlagens der Östlichen." Auf einem Ebenholztäfelchen führt er, mit der vereinigten weißen und roten Krone geschmückt, bei einer festlichen Zeremonie einen kultischen Lauf oder Tanz auf. Das Grab des Königs ist das stattlichste der von Amélineau angebrochenen Gräber der thinitischen Könige; der Fußboden des großen Saales darin besteht aus Platten von roten Granit. Unsere Abbildung veranschaulicht die Lage der Königsgräber vor dem Winkel des Gebirges. Man hat beobachtet, daß von König Semte an die Zeichnungen der Figuren und auch der Hieroglyphen auf den ältesten Denkmälern sozusagen ägyptischer wird, d.h. mehr dem Typus ähnlich, den wir von der 4. bis 6. Dynastie her gewohnt waren: die archaische Periode geht zu Ende.

Von den Königen Uënephes und Usaphaïs des Manetho wissen wir nicht einmal die hieroglyphische Schreibung. Man mag hier vorläufig die beiden Könige (Hor) Khent (früher Tser gelesen) und Tset ("König Schlange") unterbringen, von denen wir nur die Hor-Namen, nicht aber die Eigennamen kennen. Das Grab des Khent zu Abod wurde später von den Ägyptern als das Grab des Usire verehrt. Aus dem benachbarten Grab des Tset stammt dessen schöner Grabstein im Louvre, auf dem der Hor-Name des Königs, mit der einzigen Hieroglyphe "Schlange" geschrieben, in der vom Falken des Hor überragten Umrahmung in imposanter Einfachheit prangt.

König Miëbis (vielleicht richtig: Miëbibos) des Manetho, ägyptisch Mjebipe (Merbapa usw.) Hor Antsjeb, liegt in der Nähe von Khent und Tset begraben; ihm zur Seite in einem großen Grabe eine Frau Merineit, vielleicht seine Mutter. Nach Miëbis bietet Manetho den Namen Semempses, der Papyrus von Turin zwei Namen: einen nicht sicher lesbaren und Kebehu, die Denkmäler aber zeigen uns einen Hor Semerkhet, den die älteste der Siegesdarstellungen an den Felsen des Wadi Maghara auf der Sinaihalbinsel nennt, und den Hor Ka-a König Sen; Hor Semerkhet wird gewöhnlich dem Semempses gleichgesetzt. Er und Sen liegen in Abod nebeneinander begraben. Von König Biuëter (Biunoter? griechisch Ubinthes und Biëneches verstümmelt) berichtet kein Denkmal, nur die ägyptischen Königslisten kennen ihn.

Ähnlich schlimm bei beim Ausgang der 1. Dynastie steht es mit unserer Kenntnis bei der zweiten Dynastie. Weshalb Manetho oder seine Quelle überhaupt einen Dynastieeinschnitt machte, wissen wir nicht. Auch die Könige der 2. Dynastie sind "Thiniten", die Quellen ihrer Macht liegen noch in Oberägypten. In Abod aber haben wir nur ein Grab dieser Herrscher. Die Namen des Manetho erscheinen außer Chaires und Cheneres alle im Turiner Papyrus oder in den Königstafeln. Aber Denkmäler besitzen wir nicht von Bewets (Boëthos) und Kaiëkou (ô; Kaiechos) nicht, von Binotschre (Binothris) nicht nennenswerte. Die Annalen des Palermosteines haben über einen Hor Notschre, den man dem Binotschre gleichsetzt, Angaben zu 16 Regierungsjahren (s. Abbildung). Freilich sagen und diese Festnamen und Kultnotizen gegenwärtig nicht viel. Die Könige Wetnas (Tlas), Senetse (Sethenes, lies Senethes), Neferkere (Nefercheres), Neferkesokar (Sesochris) sind sind auch sonst nur aus den Listen bekannt. Und wer ist Chaires und Cheneres, Hutsefa, Tsetsoë und Nebka, die in den ägyptischen Listen an Stelle von Cheneres auftreten? Ein Hor Sekhemjeb König Perenmaat war Vorgänger des Perjebsen, der zu Abod begraben ist und seinen Namen den Gott Seteh statt des Hor vorsetzt. Hor Khasekhem hat über Rebellen des Nordlandes gesiegt. Auf zwei Statuetten, die wir von ihm besitzen, liegen zu Füßen des thronenden Königs die Leichen der Erschlagenen: 47 209 sind es auf der einen, 48 205 auf der anderen. Trotzdem galt der Kriegszug wohl nur einem bestimmten Ort des Nordlandes. Das Element "Sekhem" in diesen letzten Namen verknüpft die Könige bereits mit der 3. Dynastie.

Werfen wir noch einen Blick auf die Kultur dieser thinitischen Frühzeit der ägyptischen Geschichte. Es ist die Zeit um 3000 v. Chr. Denn wenn man den Regierungsantritt der 12. Dynastie auf rund 2000 v. Chr. ansetzt, was genügend gesichert ist, so kommt man für den Ausgang der 6. Dynastie auf 2400, für den Antritt der 3. auf 2900, und für die Thiniten mag man 400 Jahre rechnen; die Zahlen vor 2000 stehen ungefähr in Einklang mit den Zeitbestimmungen, die man aus dem Turiner Papyrus gewinnen kann, doch sind sie durchaus abgerundet und beruhen in einem wesentlichen Punkte, dem Abstand der 6. von der 12. Dynastie, auf ungefähre Schätzung. Für 18 Thiniten hatte der Papyrus 420 Jahre in Anrechnung gebracht, für unsere 20 bis 25 Namen könnte man ebensogut 500 Jahre statt 400 ansetzen, da die Reihe nicht vollständig sein wird und namentlich hinter Mene locker gefügt ist.

Die Stellung des Königs (den wir oft mit einem späteren Ausdruck als Pharao bezeichnen) überragte alles, wie sie denn auch in unseren Quellen dominiert. Seine Tracht erscheint in wesentlichen schon so wie später; bald trägt er die weiße, bald die rote Krone, und hinten hängt von Gürtel der Tierschwanz (Wolfschwanz?) herab. Wir sehen seinen Hofstaat dargestellt, die höchsten Beamten, die Wedelträger, die Leibwächter, die Standartenträger. Der König vollzieht religiöse Zeremonien, das "Aufhacken des Erdbodens", den kultischen Lauf. Von der Verwaltung des Landes erfahren wir wenig, doch finden sich Beamtentitel, und es bestand schon die administrative Einteilung in "Gaue". Der erste der unterägyptischen Gaue ist der von Menfe. Der Titel des "Schatzmeisters" hängt irgendwie mit dem "König von Unterägypten" zusammen, in einem höheren Richtertitel erscheint der Name der Stadt Nekhen: die beiden Ämter hatten sich wohl aus solchen entwickelt, die in den getrennten Reichen bestanden hatten. Durch die zahlreichen in den Gräbern gefundenen Weinkrüge kennen wir die Namen der Domänen, auf denen Weinbau betrieben wurde. Der Stein von Palermo führt unter der 2. Dynastie aller zwei Jahre die "Zählungen" auf, die gewiß mit der Steuererhebung zusammenhängen. Das Volk lebte in erster Linie von Ackerbau; waren die Bauern damals schon an die Scholle gebunden? Die Kultur trägt schon durchaus "städtischen"Charakter; Namen von befestigten Orten sind häufig, und wir lesen von ihrer Eroberung. Wenn Spuren alter Gliederung in Stämme und Geschlechter nachlebten, so sind sie doch für uns gegenwärtig unkenntlich; die Blutrache ist ausgerottet: zwar tritt in der Sage Gott Hor als "Bluträcher" seiner gemordeten Vaters Usire an dessen Bruder Seteh auf, aber der Streit wird schließlich durch Richterspruch beglichen.

Wichtige Städte in Unterägypten sind die, die griechisch Memphis, Busiris und Buto heißen. Zwar kam der Name Menunofer oder Menfe erst seit Pjope I. auf, aber die Nachrichten über die Gründung des Mene zu Menfe haben gewiß irgendeinen Anhalt in der geschichtlichen Wirklichkeit. Die Bedeutung der Stadt wuchs durch die Verbindung mit dem benachbarten On, dessen Tempel seit vordynastischer Zeit in der Religion tonangebend gewesen war. Die zu allen Zeiten im ägyptischen Leben den Grundton bildende religiöse Betätigung kommt in der Geschichte der wichtigsten Städte zu deutlichem Ausdruck. Auch Tsediu, das "Haus des Usire" (Per-Usire, koptisch Pusire, jetzt Abu Sir), im Delta am östlichen Hauptarm des Nil gelegen, verdankt seinem Kult seine Geltung. Gegen die nördliche Küste zu, in den Deltasümpfen, südlich von See Burlus, lag der Doppelort Pe und Dep, das "Haus der Göttin Utsoë" (Per-Utsoë, griech. Buto). Hier mögen die Könige von Unterägypten eine Residenz gehabt haben, wenn auch der Ausdruck der Pyramidentexte: "Die Könige von Unterägypten, die in Pe sind" vielleicht nur mythologischen Sinn hat.

Die Göttin Utsoë in Schlangengestalt, von den Griechen als Leto angesprochen, ist die Schutzgottheit des Nordlandes. Ihr steht als Patronin des Südens die geiergestaltige Göttin Nechbit, griechisch als Eileithya bezeichnet, gegenüber; sie wohnt in der Stadt Nekheb (Eileithiapolis, jetzt Elkab) am rechten Ufer (etwas nördlich von Edfu), während gegenüber in Nekhen (Hierakonpolis, Kom El-Achmar) am linken Ufer der Reichstempel des Südens dem falkenköpfigen Hor geweiht ist; in ihn haben die alten Könige ihre Keulen und Schminktafeln gestiftet. Abod und seine Kulte werden durch die Gräber der Könige, die im benachbarten Tschenu residierten, hochgekommen sein, die Stätte von Negada hatte wohl durch den Tempel des "Seteh von Onde" (Ombos) Bedeutung, der in der Nähe lag. Von der alten religiösen Literatur dieser Zeit haben wir noch Reste, und wohl nicht unansehnliche, in den Pyramidentexten; auch sonst wurde der Schreibkunst gewiß eifrig gepflegt. Im Dienste des Kultes, aber auch in profanen Leistungen, war die Kunst bereits zu bedeutender Entwicklung gelangt. Die prächtige Schminktafel des Nar, die Darstellungen der Keulenköpfe, die großen aus harten Steinen hergestellten Weinkrüge ergeben eine stattliche Höhe für die damalige Kunstfertigkeit. Man war weit über die Kritzeleien der vordynastischen Zeit hinausgekommen. Auch die Grabbauten aus Ziegel, so gleich das Grab des Aha, sind die direkten Vorfahren der "Mastaba" der 4. Dynastie.

Unter den für die thinitische Kultur charakteristischen Zügen befinden sich einige, die an das babylonische Altertum erinnern. So der Gebrauch von "Siegelzylindern", kleinen mit Bild und Schrift versehenen Walzen aus Stein, die an einer Schnur getragen wurden, wie es die Hieroglyphe 1 darstellt. Man rollt sie beim Siegeln auf den noch feuchten Ton ab. Später rücken in Ägypten die "Skarabäen" an ihre Stelle. Auch "Keulenköpfe", ganz in der Art der ägyptischen, haben die alten babylonischen Könige geschwungen. Die Sitte, das Jahr nach einem bemerkenswerten Ereignis zu benennen, tritt, wie in den Annalen des Palermosteines und auf den "Jahrtäfelchen" aus Elfenbein usw., auch im ältesten Babylonien auf. Noch sei der "Stufenpyramide" gedacht, die gewiß mit den Zikurrat genannten Tempeltürmen irgendwie in Zusammenhang steht, wenn es auch neuerdings wieder bestritten wird. Die richtige Erklärung dieser Erscheinungen muß der Zukunft überlassen bleiben. Ägypten kannte auch damals nichts von "Abgeschlossenheit", es stand mit allen Nachbarn in Verbindung und Austausch. Viel Altertümliches zeigt ferner die Tracht: so der Bart, wie ihn König Nar und mehrere Ägypter auf dem Keulenkopf tragen, oder die "Phallustasche", ein ledernes Gehäuse zu Bedeckung des Geschlechtsteils. Auch der Gebrauch, dem Toten seine Schminktafeln aus grünem Schiefer mitzugeben, auf denen grüner Malachit zur Augenschminke vertrieben wurde, verschwindet später.

Fortsetzung: b) Die Memphiten und der Ausgang des Alten Reiches (3.-8. Dynastie; etwa 2900-2300 v. Chr.)

Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu