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Ägypten

Von Prof. Dr. Karl Dyroff

1. Das Ägypten der Pharaonen

D. Die Übergangszeit und das Mittlere Reich

(2300-1788 v. Chr.)

 

a) Die Übergangszeit, 9. und 10. Dynastie, und die Anfänge Thebens

Als neunte und zehnte Dynastie hatte Manetho je 17 Könige mit 409 und 185 Jahren, die aus Herakleiopolis stammten: das ist die Stadt Khenense, heute Achnas (Echnas), am Eingang des Faijum. Der erste dieser Herakleiopoliten, Akhthoës, sei ärger gewesen als alle Könige vor ihm und habe dem Land viel Übles getan, schließlich sei er wahnsinnig geworden, und ein Krokodil habe ihn umgebracht. Auch der Turiner Papyrus kannte eine entsprechende Reihe von 18 Königen, aber die Angabe über die Dauer der Dynastie ist hier nicht erhalten (zum zeitlichen Ansatz unten).

Eine der Familien also, die während der Auflösung der Reichsgewalt groß wurden hat in Khenese, an 100 km südlich von Menfe, die königliche Würde aufgerichtet, und der Fürst von dieser Stadt ist in näherem oder fernerem Kreise als "Südkönig und Nordkönig" anerkannt worden. Wir gewinnen eine, freilich dürftige Kunde von diesen Herrschern aus den Inschriften der Gauherren von Sjout (griech. Lykopolis, jetzt Siut oder Assiut, fast 200 km weiter südlich), mit denen sie eine Zeitlang gute Freundschaft hielten.

Daß der erste der Herrscher Akhtoë hieß, darf man dem Mantho glauben; nach dem Turiner Papyrus hieß auch der vierte so. Der Name ist abgeleitet von dem eines Gottes, Khentekhtai, und kehrt bei den Gauherren von Sjout und sonst im Mittleren Reich öfter wieder. Die Inschriften von Sjout erzählen viel von Kämpfen mit dem Süden, wo die Herren von Wese (vgl. unten) zu imponierender Macht aufstrebten, und die Gauherren Tefjebe und sein Sohn Akhtoë rühmten sich ihres Heeres und seiner Taten. Aber auch im eigenen Land schaffte das Heer Sicherheit. "Wenn die Nacht kam", sagt Tefjebe, "so pries mich, wer am Wege schlief, denn er war gleich einem Mann in seinem Hause; die Furcht vor meinen Soldaten war sein Schutz." Wir haben auf einer vorderen Seite das anschauliche Bild einer solchen Truppe gesehen. Akhtoë I. nennt den "Südkönig und Nordkönig" Merikere (von Khenese), in dessen Namen er den Tempel des Wepuawet von Sjout baute. Ein anderer Akhtoë von Sjout berichtet ausführlich über seine Sorge für die Bewässerung und beschreibt den blühenden Zustand des Landes, das sich des Friedens freute. Er stand in hoher Gunst bei seinem Oberherrn, dem König, der ihn "schon zum Herrscher machte, wie er noch ein Kind von einer Elle war". Er wurde am Hof erzogen und lernte mit den Prinzen schwimmen. "Sjout war befriedigt von meiner Verwaltung, Khenense sagte Gott Dank an mich. Der Süden und Norden sagte: Ja, das ist 'die Erziehung eines Edlen' (wie sie in den alten Büchern steht)."
Wie hier in Sjout und wie in Khenese, so haben auch anderwärts in dieser Übergangszeit die lokalen Gewalten ihren Untertanen eine gewisse Sicherheit und einen gewissen Wohlstand verbürgt und so die Usurpation der Herrscherwürde gerechtfertigt. Von besonderer Bedeutung sind jene Fürsten geworden, die, weiter südwärts sitzend, in Rivalität mit den Königen von Khenese zur Macht gelangten. Durch ihre Tätigkeit hat sich in Wese (Theben) wieder ein starker Einheitsstaat, das Königtum der 12. Dynastie, entwickelt. Die Vorgeschichte dieser seit dem Sesostris des Herodotos weltberühmten Herrscher ist für uns noch ziemlich verworren. Manetho hatte als elfte Dynastie 16 Thebaner ("Diospoliten") zu 43 Jahren; im Turiner Papyrus waren es sechs Könige zu rund 160 Jahren (von 2100 v. Chr. an). Die Denkmäler lassen uns zwei Gruppen von Namen erkennen, die in diese Zeit gehören: die Jenjetef und die Mentuhotep, und aus den Persönlichkeiten, die uns da entgegentreten, ließen sich leicht, aber leider nicht in eindeutiger Weise, die sechs Könige, die der Payrus gehabt haben muß, zusammenstellen. Es waren im Papyrus gewiß nur die großen, machtvollen Herrscher genannt, deren Regiment gegenüber den absterbenden Herakleiopoliten die aufstrebende Macht Thebens darstellte, und die zur lückenlosen Fortführung der chronologischen Reihe aus der Zahl der thebanischen Fürsten herausgehoben wurden. Also etwa der Hor Wahanh König Jenjetef I. (andere zählen ihn als IV.), der mindestens 50 Jahre regierte; auf seinem Grabstein, wo er mit seinen fünf libyschen Hunden dargestellt ist, redet er von seinen Kämpfen mit einem nördlichen Feind und sagt, daß er dabei den ganzen Gau von Tschenu erobert habe; aber auch in Jeb kommt er auf einer Felseninschrift vor. Dann dessen Sohn, der Hor Nekhtnebtepnefer König Jenjetef II. (V.), dessen Kanzler Tschetsche schon unter Jenjetef I. gedient hatte und in seiner Grabinschrift wichtige Angaben zur Zeitgeschichte hinterlassen hat. Daneben kennen wir aber aus dieser Zeit fünf Mentuhotep, die König gewesen sind. Hor Sankhjebtaui König Mentuhotep I. (andere II.) war der Nachfolger des Jenjetef II. Nicht sicher einzureihen sind zwei: Nebhepetre Mentuhotep II. (III.), durch Reliefs aus Gebelen (Gebelên, bei Esne) und Konosso bekannt, nach denen er die Beiden Länder, die Wüsten, die "Neun Bogen" und Nubien bezwungen hat, und Nebtauire Mentuhotep III. (IV.), unter dem ein "Gazellenwunder" in den Steinbrüchen von Hammamat geschah. Von Nebkhrure Mentuhotep IV. (V.) sodann und Sankhkare Mentuhotep V. (VI.) steht fest, daß sie die beiden letzten Namen der sechs des Turiner Papyrus waren.

Gehören die Jenjetef wirklich, wie man gemeint hat, nach Assuan? Sind sie dort als Gauherren der südlichen Grenze emporgekommen, und ist der Name Jenjetef (= "der seinen Vater geholt hat"), etwa dem Ahnherren des Geschlechts deswegen geworden, weil er, wie andere Vornehme aus jener Gegend, die Leiche seines Vaters aus der Fremde heimbrachte? Die Könige der 12. Dynastie zählen den "Volksmund" (ein Titel) Jenjetef-o, Sohn des Jekui, zu ihren "Vätern"; der ist also wohl auch der Ahnherr dieses zu königlichen Ehren gelangten Geschlechts der Jenjetef. Und wie stellen sich die Jenjetef zu den Mentuhotep? Haben sie sich bekämpft, oder haben sie sich verbündet, waren sie von Haus aus einander verwandt, oder haben sie sich verschwägert?

Die Grundzüge sind wohl nicht zweifelhaft. Die unscheinbaren Ziegelpyramiden der beiden König Jenjetef bei Drah Abun-Negga (Theben) und die stattlichen Grabbauten der Mentuhotep bei Der el-Bachri (Theben) zeigen deutlich den Fortschritt der Zeiten. Besondern der große Bau des Mentuhotep IV. entspricht ganz dem Bilde, das war auch aus sonstigen Angaben von diesem mächtigen König gewinnen, Er hat mindestens 46 Jahre regiert, und da er gegen asiatische Beduinen gekämpft hat, so müssen ihm die Fürsten des Nordens wenigstens eine Zeitlang verbündet gewesen sein. Mentuhotep III. hatte ein Expedition nach Hammamat entsandt, 10 000 Mann aus Oberägypten und Mittelägypten unter dem Wesir Amenemhet, um den "reinen kostbaren Stein dieses Berges" zu holen, der für den Deckel des königlichen Sarges nötig war. Dabei passierte ein Wunder, wie auf den Felsen von Hammamat zu lesen ist: Eine Gazelle gebar im Angesicht der Truppe just auf einem trefflich für jenen Deckel geeigneten Stein: das war eine Fügung des Min, des Schutzgottes der Gegend, der den Stein auf diese Weise dem König schenken wollte. Der Block wurde von 3000 Ruderern aus den Gauen des Delta nach Ägypten geleitet. Aber unter Mentuhotep V. geht der Unternehmungsgeist weiter: der Schatzmeister Henu ist mit 3000 Mann von Gebtoë aus an das Rote Meer gezogen und hat dort ein Schiff gebaut, das nach Pownet fuhr, um "grüne Myrrhen" von den Schekh des "roten Landes" heimzubringen; auf dem Rückweg von der See hat Henu aus Hammamat Blöcke für Statuen mitgenommen. Man sieht, das eigene Land wird den thebanischen Herrschern wieder zu eng, sie greifen, wenn auch mit bescheidenen Mitteln, die Tradition von den auswärtigen Unternehmungen des Alten Reiches wieder auf.

Der Übergang der Herrschaft von jenen beiden Jenjetef an die Mentuhotep scheint auf friedliche Weise vor sich gegangen sein; wenigstens sehen wir nirgends in der Überlieferung eine Animosität gegen das Andenken beider Geschlechter zutage treten. Die Gräber der Jenjetef fanden noch im Neuen Reich eine gewisse Pflege, und Menhutop IV. hat göttliche Ehren neben König Mene genossen. Ein merkwürdiges Denkmal ist am Eingang des Tales von Schatt er-Rigal (â) erhalten, das ein paar Kilometer unterhalb von Silsile (nordöstlich bei Ombos) einen Weg in die westliche Wüste öffnet: vor der großen Figur des Königs Menhutop IV. steht hier auf einem Felsenrelief in kleinerer Gestalt ein "Sohn des Re Jenjetef" mit der Uräusschlange an der Stirn. Aber was für ein Jenjetef ist das, und wie ist die in dem Denkmal dargestellten Situation zu deuten? Wir wissen es nicht; und es darf auch nicht verschwiegen werden, daß neben jenen zwei Mentuhotep noch einige andere Königsnamen der Denkmäler sich nicht sicher unterbringen lassen. Wie die sechs Namen des Turiner Papyrus lauteten, ist unter diesen Umständen nicht auszumachen; am wahrscheinlichsten scheint es, daß da nur Mentuhotep genannt waren.

Auch die wichtige, ja grundlegende Frage nach der Dauer der Zeit, die zwischen der 8 und 12. Dynastie verflossen ist, läßt sich nicht mit voller Exaktheit beantworten. Im Turiner Papyrus fehlt uns die Zahl für die Herakleiopoliten, die Zahlen Manethos erscheinen unbrauchbar. Einen Anhalt für die Schätzung bieten die Inschriften in den Alabasterbrüchen zu Hatnub bei Tell el-Amarna, die seit 1891 bekannt wurden. Hier hat sich an den Felsen, neben den Königen der 4. und 6. Dynastie und einigen anderen Königen, auch die Fürstenfamilie des 15. oberägyptischen Gaues (Hauptstadt: Khmunu, heute Aschmunen) verewigt, die in der anarchischen Zeit nach der 6. Dynastie die Brüche ausbeutete; diese Herren datierten in den Aufschriften nach ihren eigenen Regierungjahren. Aus den hieraus zu gewinnenden Daten ergibt sich, das mindestens zwölf Generationen oder 300 Jahre zwischen Pjope II. und dem 51. Jahre der 12. Dynastie liegen. Der Beginn der 12. Dynastie kann nun aber nach einem Datum über einen Aufgang des Sirius während der 12. Dynastie festgesetzt werden. In dem Papyrus aus der Stadtruine von Kahun fand sich (1899) die Angabe, daß im siebenten Jahre von Senwosret III. das Siriusfest am 16. Pharmuthi gefeiert wurde, wonach dies Jahr 1882/81 v. Chr. oder eins der folgenden Jahre gewesen ist; danach berechnet sich dann der Anfang der Dynastie auf das Jahr 2000 oder eines der vier folgenden. Indem wir das Jahr 2000 als das erste Jahr der 12. Dynastie festlegen und weiterhin die Angaben des Turiner Papyrus benutzen, kommen wir für den Beginn der 11. Dynastie auf 2160. Die Zahl für die Herakleiopoliten muß vorläufig nach willkürlicher Schätzung bestimmt werden; rechnet man dafür 200 Jahre, so beginnt die 9. Dynastie um 2360. Vor der 9. Dynastie steht im Turiner Papyrus eine Summierung aller Regierungsjahre von König Mene an: 955 Jahre. So wird also für den Regierungsantritt von Mene die Zahl 3315 gewonnen, und hiernach, nur etwas abgerundet, sind die von uns früher gegebenen Zahlen angesetzt. Auf die 6. und 8. Dynastie zusammen treffen hierbei 181 Jahre. Man sieht demnach, daß alle Zahlen vor 2160, wegen des willkürlichen Ansatzes der Herakleiopoliten, etwa um 100 Jahre zu hoch oder zu niedrig sein können. Von dem Tode des Pjope II. um 2400 bis zum Beginn der 12. Dynastie sind es bei unseren Ansätzen rund 400 Jahre, was den Daten aus Hatnub recht wohl entspricht.

Die 12. Dynastie, 2000-1788 v. Chr. (das "Mittlere Reich")

Unter Kämpfen gegen unbekannte Gegner hat Amenemhet I. (2000-1970), ein Mann von unbekannter Herkunft, den Thron von Theben gewonnen und befestigt. Er ist der erste der weithin mächtigen Könige der 12. Dynastie, an die man vorzugsweise denkt, wenn man vom "Mittleren Reiche" spricht. Wie der Übergang der Herrschaft von Mentuhotep V., von dem auf den Denkmälern acht Regierungsjahre vorkommen, auf den Gründer der neuen Dynastie erfolgt ist, können wir nicht sagen, aber deutlich tritt die Tatsache hervor, daß man freudig aufatmend die Ordnung begrüßte, die er mir kräftiger Faust neu aufrichtete. "Als Seine Majestät kam, um die Lüge niederzuwerfen, aufgehend wie Atum selber, als er wiederherstellte, was er wüst fand, Stadt von Stadt schied, jeder Stadt ihre Grenzen neu anwies, ihre Grenzsteine fest, wie der Himmel, aufstellte, die Wassergrenzen nach den Urkunden festlegte, sie kontrollierte nach den alten Schriften, weil er die Wahrheit so sehr liebte": so heißt es von Amenemhet I. im Grabe eines Nomarchen Khnemhotep von Beni Haßan, dessen gleichnamigen Großvater Amenemhet zum Nomarchen gemacht hatte. Man hört aus diesen Worten, die wohl auf frühere literarische Verherrlichungen der Neuordnung Amenemhet Bezug nehmen, die hohe Genugtuung sprechen, die die königstreuen, der Reichseinheit freundlichen Gauherren der 12. Dynastie darüber erfüllte, daß nunmehr wieder ein starkes Regiment die Beiden Länder zusammenhielt. Und man kann sich vorstellen, wie schwer es gehalten haben mag, die in der Zeit der Anarchie mächtig gewordenen Kleinfürsten mit Gewalt oder Klugheit zum Gehorsam zu führen. In einer Inschrift jenes Großvaters Khnemhotep liest man in der Tat, leider in stark gestörtem Zusammenhang, daß er mit zwanzig Schiffen von Zedernholz unter Führung des Königs einen Feind aus Ägypten hinausjagte. Die hohe Blüte, die das Reich alsbald unter der 12. Dynastie erlangte, scheint zu verbürgen, daß dem Ordnungsschaffer wirklich ein innerer Ausgleich der vorhandenen Gegensätze gelungen ist, daß sich die besseren Elemente sofort wieder und gern um das stark gewordene Königtum scharten.

Die Wiege des neugeeinten Reiches war Theben. Damit tritt diese weit im Süden gelegene Stadt, die unter der 11. Dynastie emporgekommen war, an die Spitze des ganzen Landes, und wenn die Herrscher der 12. Dynastie auch andere Residenzen bevorzugen, so wächst doch der geistige Einfluß der südlichen Residenz immer mehr; das zeigt sich vor allem darin, daß ihr Gott, Amon, bisher ein kleiner Lokalgott, von nun an allmählich an die Spitze des ägyptischen Götterstaates tritt, was die Priester, die an dieser Neuschöpfung innerhalb der ägyptischen Religion beteiligt waren, in sehr einfacher Weise so gemacht haben, daß die den Amon mit dem Re-Harakhte von On gleichsetzten. Mit Amon werden zugleich seine Gattin Mut und sein Sohn Khonsu, ferner Mont, der Kriegsgott des Neuen Reiches, erhöht. — Wir müssen uns hier auf dem Gebiet der Stadt, die ihre volle Bedeutung mir Beginn des Neuen Reiches gewonnen hat, etwas umsehen.

Schon zur Römerzeit wieder ein von Dorfsiedelungen durchsetztes Ruinenfeld voll riesenhafter Trümmer, bildete Thebens Stätte heute den stärksten Anziehungspunkt für alle Reisenden, die über Gise und Sakkara hinauslangen. Die vom Nillauf durchflossene Ebene, in der Theben lag, die erste breitere Stelle seit Assuan, gleicht dem Boden eines Kessels, dessen Ränder die nach allen Seiten gleichsam gekrempt ansteigenden beträchtlichen Höhenzüge bilden. Vier Hauptgruppen mächtiger Gebäudehaufen bezeichnen noch den ungefähren Umfang der alten Stadt: östlich vom Strom Karnak im Norden, Luksor im Süden, am westlichen Ufer Kurna (S.) und Medinet Habu (N.), so benannt nach den Namen benachbarter Fellachendörfer. Die Rundung des westlichen Randgebirges ist von zahlreiche Gräbern durchhöhlt, unter denen die von Assasif mit dem Terrassentempel von Der el-Bachri (s. Abbildung) am bekanntesten sind; tief windet sich das berühmte "Tal der Königsgrüfte" (Biban el-Moluk) in die Bergkette ein. Noch weiter nach Norden liegt die Nekropole von Drah Abun-Negga mit den Gräbern der Jenjetef. Das Ramesseum, seit Strabon von den klassischen Autoren irrtümlich "Memnonium" genannt, dehnt sich unweit des Tempels von Kurna aus. Zwischen diesem und dem großen Tempel von Medinet Habu ragen die beiden Memnonssteinbilder empor. Palmenumkränzt erhebt sich drüben der gewaltige Tempel von Karnak, dessen Säulenwald 1899 durch neue Einstürze infolge der Jahresüberschwemmungen weiter gelitten hat, aber nun von französischen Baumeistern glänzend wieder hergestellt wird. Dicht am Wasser liegt Luksors Heiligtum mit dem Obelisken, während sich in der Ferne der östliche Bergwall hinzieht, bis er im Süden mit drei hohen Felshörnern endet. Von Karnak aus zu ihm hin erstreckte sich einst die "Stadt der Lebenden", die volkreiche Hauptstadt mit dem ägyptischen Namen Wese, während der eigentliche Tempelbezirk von Karnak "Jept-Esowet" hieß; bei Luksor befanden sich die Kais für den Flußverkehr. Das Westufer bildet den toten Gegensatz dazu, die ungeheure Nekropolis, wo sich gleichwohl ein religiöses Leben von beispielloser Innigkeit abspielte. Die "Wohnungen reich an Besitztum" und auch die 100 Tore drüben, von denen die "Ilias" bewundernd spricht, alle die prächtigen Bauten, die etwa zur Zeit von Amenhotep III. die Stadt zur herrlichsten der Welt machten, sind spurlos verschwunden. Wie einst im Alten Reiche, so erfüllen auch heute wieder grüne Felder das Gebiet, aus denen die Säulen und Pylonen von Karnak und Luksor als riesige Erinnerungszeichen einsam aufsteigen. Die Bewohner aber, die hinübergezogen sind in die siebartig von Grüften durchlöcherten Felsenwände der Totenstadt, erzählen uns heute noch aus ihren Gräbern heraus viel von den Geheimnissen des alten Landes.

Obwohl dieses Wese schon seit der 11. Dynastie mächtig emporwuchs, so fühlte doch die 12. Dynastie, sobald sie den wiedergeeinten Staat beherrschte, das Bedürfnis, die Residenz in die Nähe der Hauptstadt des Alten Reiches zu verlegen. Amenemhet I. hat sein Pyramidengrab bei Lischt, 30 km südlich von Menfe, und dort lag seine Residenz, Jetsch-taui (="die Eroberin der Beiden Länder"), nach der im Turiner Papyrus seine Dynastie "der Hof von Jetsch-taui" heißt. Die Bedeutung des Faijum, die im Mittleren Reich immer mehr hervortritt, wird nicht ohne Einfluß auf die Wahl des Platzes geblieben sein .

Nach zwanzigjähriger Herrschaft hat Amenemhet I. seinen Sohn Senwosret zum Mitregenten angenommen, in Ägypten der erste Fall dieser Art. Ein merkwürdiges Denkmal, die "Lehre des Königs Amenemhet", das im Neuen Reiche als Schulbuch verwendet worden ist, gibt sich als Lehre, die der König sprach, "als er die 'Rechte mit seinem Sohn Nebertser (Senwosret) teilte". Er warnt ihn, sein Herz an einen Menschen zu hängen, denn am Tag des Unglücks habe der Mann keine Freund mehr. Dann scheint der König von einem nächtlichen Überfall zu sprechen, den er im eigenen Palast in Abwesenheit des Sohnes erlebt habe, und der ihn veranlasse, seinen Sohn zum Regenten zu bestellen. Mit stolzen Worten rühmt er darauf seine Tätigkeit; das ganze Land von Jep bis zu den Deltasümpfen habe er durchwandert; "ich schuf Gerste wie Neperi (der Getreidegott), der Nil pries mich auf jedem Sandfeld (weil er ihn zur Bewässerung dort hinleitete), man hungerte nicht in meinen Jahren, man dürstete nicht, man saß in Ruhe und sprach von mir". In der Tat zeigt das Gedicht, dessen volles Verständnis uns freilich noch abgeht, daß die Persönlichkeit Amenemhet I. die Dichter des Mittleren Reiches stark beschäftigt hat.

Wahrscheinlich hat der alte König durch die vorzeitige Berufung seines Nachfolgers vor allen Dingen dem Hause die Krone sichern wollen; im übrigen blieb er selbst das Haupt. Gerade das Jahrzehnt der Mitregentschaft ist mit äußeren Kriegen erfüllt. Eine Inschrift aus dem 24. Jahr Amenemhets im (Louvre) spricht von Kriegen gegen die Beduinen der sinaïtischen Wüste, eine andere, aus dem 29. Jahr, von einem Feldzug in das nubische Land Wawat; und als der König in seinem Palaste die Augen schloß (am 7. Hathyr 1970), war Senwosret mit dem Heere gegen die Libyer gezogen.

Von diesem Thronwechsel erzählt eine ägyptische Novelle, die in der Literatur des Mittleren Reiches beliebt gewesen sein muß. Sie ist auch für uns von hohem Interesse, zumal da sie den Helden nach Palästina hinüberführt, und zwar beinahe auf dem gleichen Wege, den später Israel nach der Bibel genommen hat. Die Novelle hat, was für Ägypten höchst bezeichnend ist, die Form der biographischen Grabinschrift des Alten Reiches. Zweifellos sind bei einzelnen Angaben geschichtliche Tatsachen benutzt, wie denn überhaupt dieser Novelle wirkliche Vorgänge zugrunde liegen , die nur literarisch ausgeschmückt sind. Senwosret stand im westlichen Delta, auf der Rückkehr von dem siegreichen Streifzug gegen die Tschehenu, da erreichte ihn zur Nachtzeit die Botschaft vom Ableben des Vaters, und er verläßt sofort mit seinem Gefolge das Heer, um an den Hof zu eilen. Sinuhe, der Held der Geschichte, ein Haremsbeamter, der bei der Schwester und Gemahlin des Senwosret in Dienst und Gunst stand und seinem Herrn in den Krieg gefolgt war, hört zufällig eine Botschaft, die man den im Heer befindlichen Prinzen ausrichtet; sie enthielt wohl die Aufforderung zum Aufruhr. Zitternd kroch Sinuhe zwischen zwei Büsche, um die gefährliche Unterhaltung nicht zu stören und ergriff dann die Flucht. Nicht in den Hof, denn er glaubte, dort sei der Aufruhr losgebrochen, sondern südwärts an den Nil, dann über den Strom hinüber und weiterhin von der Gegend von On aus nördlich. Er kam zur "Fürstenmauer", der Grenzverschanzung gegen die asiatischen Beduinen, schlich nachts hindurch und gewann bei den Bitterseen die östliche Wüste. Er irrte länger als ein Jahr in Syrien und der Wüste im Osten von Syrien umher, schließlich nahm ihn im oberen Retenu (Palästina) ein Beduinenschekh Ammienschi bei seinem Stamme auf. Man behandelte ihn sehr zuvorkommend, er heiratete die älteste Tochter des Schekh und wurde der Fürst eines Stammes, ebenso wie die Söhne, die ihm heranwuchsen. In den Kämpfen der Beduinen erntete er kriegerische Ehren, besonders im Zweikampf mir einen feindlichen Recken. Dadurch ward er reich an Schätzen und Herden. Da trifft ihn im Alter ein Brief des Königs Senwosret, der ihm die Heimkehr nach Ägypten erlaubt: er kehrt zurück, wird gnädig bei Hof empfangen und wieder als Angehöriger des Hofstaates installiert. "Ich wurde rasiert und mein Haar gekämmt; man gab mein Bündel der Wüste und die Kleider den Sandbefahrern. Ich wurde angetan mit feinem Linnen und mit guten Öl gesalbt; ich schlief auf einen Bett. Ich gab den Sand denen, die auf ihnen wohnen, und das Öl vom Baum dem, der sich damit salbt." So lebt er herrlich und in Freuden bis an sein seliges Ende. Die Schilderung, die die Geschichte von den Verhältnissen der Nomadenstämme Palästinas gibt, wird durchaus richtig sein. Sinuhe aber faßt die Stellung, die er unter den Barbaren errungen hat, als ein Amt, das er für den Pharao verwaltet; wenn auch in Ungnade gefallen, bleibt er dem Herrn treu und vertritt dessen Interessen. "Retenu ist dein, es ist wie deine Hunde." Das Heimweh, das der greise Hofmann in der Fremde leidet, und die Freude, die er über die Rückkehr empfindet, wird nicht gerade mit deutlichen Worten berührt, aber durch den Gang der Handlung wirkungsvoll und dichterisch schön herausgearbeitet.

Senwosret I. (1980-35) hat viel gebaut. Aus Tsane (Tanis), das schon lange die erste Stadt im Delta gewesen sein muß, haben wir Statuen von ihm, in On errichtete er einen Tempel, von dem ein Obelisk noch heute aufrecht steht und das Wahrzeichen der Stätte bildet, bei Begig (Begîg) im Faijum liegt ein in der Mitte gebrochener Pfeiler aus rotem Granit mit seinem Namen, in Abod, in Karnak, in Gebtoë und anderwärts hat er sich verewigt. Auch den uralten Tempel in Nekhen stellte er abermals wieder her; ein zwei Fuß langer Sperber mit roten Kopffedern, außen von getrieben Gold, innen aus Bronze und Holz, mit Augen aus Obsidian, fand sich in dem aus Senwosrets Zeit herrührenden Teile der Gebäudemassen. Bei Wadi Halfa, am zweiten Katarakt, kamen Inschriften von ihm zum Vorschein, denen eine sein 18. Jahr nennt und von Siegen über nubische Stämme berichtet; dasselbe erzählt uns der Nomarch Ameni aus des Königs 43. Jahr. "Er ist", so heißt es in Sinuhes Erzählung, "der Starke, der mit seinen Schwerte kämpft, der Mutige ohnegleichen. Er ist der Rächer, der sie Schädel einschlägt, in dessen Nähe keiner stehen bleibt. Er ist schnellfüßig und erschießt den Fliehenden; wer ihm den Rücken wendet, findet kein Entkommen." Er ist aber auch "der Freundliche, der sehr Angenehme, der sich die Zuneigung erobert hat. Seine Stadt liebt ihn mehr als sich selbst; sie jauchzt mehr seinetwegen als über ihren Gott. Wie fröhlich ist dieses Land, das er beherrscht!"

Drei Jahre vor seinem Tode nahm auch Senwosret I. seinen Sohn Amenemhet II. (1938-03) zu Mitherrscher an. Die Denkmäler aus der Zeit dieses Königs scheinen an baulicher Bedeutung denen des Vaters nachzustehen; von Kriegen ist keine Rede. Unter Amenemhet II. beginnt die Zeit, da das Haus in Ruhe genießen konnte, was die beiden ersten Könige geschaffen hatten. Doch scheint nach Manetho Amenemhet II. bei einer Palastrevolution umgekommen sein; er hatte bereits 1906 seinen Sohn Senwosret II. (1905 bis 1887) neben sich gestellt. Dessen Grabmal ist die Pyramide von Rehent (jetzt Illahun Kahun) am Eingang des Faijum; ein Sitzbild seiner Gattin Nofret fand sich in Tsane. Ein wichtiges Denkmal seiner Zeit blieb uns in dem Grabe des Nomarchen Khnemhotep zu Beni Haßan, dessen Großvater uns bereits unter Amenemhet I. begegnet ist. Hier findet sich auch die berühmte Darstellung, die die beigefügte Tafel wiedergibt: Der "Einzug einer Horde semitischer Nomaden", eine Szene, in der man eine Zeitlang allen Ernstes den Einzug Abrahams in Ägypten (Genesis 13) erkennen wollte. Leider wird uns nicht genau bekannt, woher diese Karawane der 37 Asiaten kam, deren Häuptling den semitischen Namen Abischai trägt, auch nicht, was sie von der Gunst des ägyptischen Nomarchen, dem sie ihre Gabe darbringen, erwarten. Ziehen sie durch des Nomarchen Gebiet, das in Mittelägypten liegt, um zum Pharao zu gelangen, der damals etwa im Süden Hof hielt? Jedenfalls hat eine derartige Szene in einer Zeit, da nachweislich rege Beziehungen zu den semitischen Nachbarn stattfanden, nichts Auffallendes an sich; dergleichen wird oft vorgekommen sein.

Senwosret III. (1887-49, Sohn ? des Vorgängers) war wohl, neben dem Gründer Amenemhet I., der bedeutendste Herrscher der Dynastie. Seine kriegerischen Erfolge klingen wider in den Geschichten, die die ägyptischen Fremdenführer dem Herodotos von Sesostris erzählt haben. Für uns ist Senwosret III. vor allem der Eroberer Nubiens.

Die Südgrenze des ägyptischen Reiches wurde über den zweiten Katarakt hinausgeschoben. Südlich davon, bei Semne und dem gegenüberliegenden Kumme, etwa unter dem 21. Breitenkreis, errichtete der König zwei große Sperrforts, deren stattliche Reste noch jetzt einen Begriff vom altägyptischen Befestigungswesen geben. Es findet sich schon der Kunstgriff angewendet, die obere Hälfte der gewaltigen Ziegelbastionen nach rückwärts zu knicken, um der Ersteigung durch Leitern vorzubeugen. Ein dort errichteter Grenzstein sagt: "Südgrenze, errichtet im Jahre 8 unter König Khakaure (= Senwosret III.), auf daß kein Neger sie überschreite, zu Wasser oder zu Land, in einem Boot oder mit Herden; außer wenn ein Neger kommt, um Handel zu treiben in Jeken, oder mit einer Botschaft, mit denen soll man alle Geschäfte gütlich machen. Aber über Heh hinaus darf in Ewigkeit keins ihrer Boote fahren." Dennoch waren im 12., 16. und 19 Jahr Senwosrets neue Feldzüge gegen dien Nubier nötig. Die Beendigung des vom Jahre 16 zeigt uns wieder eine Tafel in Semne an, auf der die Neger einer Betrachtung unterzogen werden, die zugleich von Erbitterung und Verachtung zeugt. Zum Schluß ermahnt der König seine Nachkommen, sich niemals von dieser Grenze zurückdrängen zu lassen; wer das leide, der solle nicht sein Sproß heißen. Neben politischen Gründen haben wohl die Goldminen Nubiens den Besitz dieses Landes für Ägypten besonders wertvoll gemacht. In Abod stellte des Königs Schatzmeister, der Ikhernofret hieß, einen Denkstein auf zum Gedächtnis eines großen Auftrags, mit dem ihn Senwosret III. zur Verherrlichung und Beschenkung des Gottes entsandt hatte: "Königlicher Befehl an ... den einzigen Freund, den Vorsteher der Häuser des Goldes und des Silbers, den Schatzmeister Ikhernofret. Meine Majestät befiehlt, daß man dich hinauffahre nach Abod, um meinem Vater Usire (der König spricht als der Gott Hor auf Erden), dem Ersten der Westlichen, ein Denkmal zu errichten und die geheimnisvolle Stätte (das Adyton des Tempels) zu schmücken mit dem Golde, das meine Majestät in Sieg und Ehren aus Nubien brachte."

Auch nach Palästina hat Senwosret III. einen Streifzug unternommen, wobei ein Ort Sekmen, doch wohl Sichem, erobert worden ist. Die Grabpyramide des Königs liegt bei Daschur (etwas südlich von Sakkara), in der mit dem König auch seine Gemahlin Henuttaui sowie zwei Prinzessinnen, Sentesseneb und Sidhathor, bestattet gewesen sind. Der Goldschmuck der Sidhathor lag in einem Behälter, der den Plünderern, die in alter Zeit das Grab ausgeraubt haben, entgangen sein muß. Besonders reich und fein gearbeitet ist der Brustschmuck (s. Abbildung), der Löwen und Greife mit Federkronen zeigt, den Königsring flankierend, über dem der Geier mit breiten Flügeln schwebt.

Auch Amenemhet III. (1848-01, s. Abbildung) war eine Zeitlang Mitregent seines Vaters, Senwosret III. Seine lange Regierung steht ähnlich wie die von Pjope II. vor einem überraschend schnellen Niedergang, dessen Gründe wir nicht kennen. Amenemhet III. selbst scheint sich noch kräftig betätigt zu haben. Er hat sich zwei Pyramiden gebaut; die eine liegt bei Daschur, die andere erhebt sich am östlichen Innenrande des Faijum, bei Hawara (-wâ-), und blickt von dort nicht nur über das ganze "Seeland", das Faijum, hinweg, sondern auch über die Hügelkette, die es vom Niltal trennt. Diesem Seeland hat Amenemhet III. vorzugsweise seine Tätigkeit gewidmet. In dunkler Vorzeit war es der Wüste abgewonnen worden, indem der Überfluß der Hochwässer des Nils vom Bachr Jußuf durch einen Kanal westwärts geleitet wurde, wo er hinter der Hügelkette den See Mwer (griech. Moeris, Moiris) und eine Landschaft von üppiger Fruchtbarkeit schuf. Der Gott, der hier verehrt wurde, war der Krokodilgott Sobk, dem auch Amenemhet III. mancherlei Denkmäler stiftete; nach dessen Namen ist auch der Name und Thronname seiner Tochter gebildet. Die Könige der 12. Dynastie, die ja in der Nähe, bei Lischt, Daschur, Illahun, residierten, wandten dem gesegneten Landstrich auch vorher schon besondere Aufmerksamkeit zu, das Andenken Amenemhets III. aber ist so eng mit der Gegend verknüpft, daß dieser bedeutendste Bauherr des Mwersees in der saïtischen Zeit, zunächst in griechischen Reiseberichten, zum König Moiris wurde, der das Becken überhaupt erst angelegt habe. Damals hat die Landsenkung eine weit größeren See enthalten, der durch Eindämmung und durch die Schleusenvorrichtungen des von Bachr Jußuf abgezweigten Stromarmes geschaffen war, während der heutige Birket el-Karun (Karûn) nur noch die westliche Sohle füllt. Auch die Ufer des Sees wird der König verbessert haben, wahrscheinlich um die Residenz Schedet (griech. Krokodeilopolis, heute Medinet e-Faijum) ein vorteilhafteres Weichbild zu geben. Nach Herodotos lagen mitten im Moirissee zwei "Pyramiden", von denen jede die sitzende Statue eines Königs trug; Reste dieser Anlagen fand man bei Biahmu, nordwestlich von Medinet el-Faijum, mitten im Lande. Der Pyramidentempel Amenemhet III. ist der große Tempel bei Hawara, dessen Ruhm als Wunder der Welt unter dem Namen "Labyrinth" fortdauerte; aber die alten Beschreibungen davon bieten kein klares Bild. Die Ausdehnung und Einrichtung des Baues oder sonst ein Umstand hat den Griechen den Vergleich mit dem kretischen Labyrinth nahegelegt.

Vor seinem Ableben - unbekannt wie lange vorher - nahm der König seinen Nachfolger Amenemhet IV. (1801-1792) zum Mitregenten an. Ihm folgte seine Schwester Sebkenefrure in der Regierung, die noch in Hawara bauen ließ,. mit der aber vier Jahre später, 1788 - nach Manetho - das Haus endete. Auch bei dieser Dynastie haben wir vom Ausgang nur dürftige Kunde.

Werfen wir einen Blick auf die inneren Verhältnisse dieser neuen Blütezeit des "Mittleren Reiches", die die ägyptische Kultur um 2000 v. Chr. erlebte. In der Verwaltung des Reiches spielen zunächst die Nomarchen noch eine große Rolle. Es war natürlich, daß man denen, die der Dynastie zur Macht verholfen hatten, nicht gleich ihre in der Zeit der Anarchie erworbenen Herrscherrechte abnehmen konnte. Deutlicher treten uns in bedeutsamen Denkmälern die Nomarchen entgegen, die in Menat-Khufu über den 16 oberägyptischen Gau "Gazellengau" herrschten und in Beni Haßan (s. Karte) in Felsengräbern zur Ruhe gingen. Von dieser Familie haben wir Knemhotep I. unter Amenemhet I. und Knemhotep II. unter Senwosret II. schon erwähnt. Knemhotep II. heiratete Kheti, die älteste Tochter des Fürsten des 17. Gaues; sein ältester Sohn Nakht bekam als Erbe von seiner Mutter her diesen 17. Gau, während der zweite Sohn, Knemhotep III., dem Vater in der Herrschaft folgte.

Der Nomarch des 16. Gaues Ameni unter Senwosret I., ein Sohn von Knemhotep I., läßt uns in seiner Grabinschrift einen interessanten Blick in seine Gauverwaltung tun. "Alle Abgaben des Königshauses ging durch meine Hand. Die Truppenvorsteher der Domänen der Hirten des Gazellengaues gaben mir (zur Obhut) 3000 Stiere von ihren Zugtieren. Ich wurde deswegen gelobt im Königshause in jedem Jahr der Rindersteuer. Ich brachte alle ihre Abgaben zum Königshause; es gab keine Rückstände durch meine Schuld in irgendeine Kanzlei." Dann sagt er, daß er die Steuern des Gaues, die er für sich erhob, ohne Bedrückung eingetrieben habe, und fügt bei: "Als Hungerjahre eintraten, pflügte ich die Felder des Gaues bis zu seiner Grenze in Süden und Norden Die Bewohner des Gaues erhielt ich am Leben und reichte ihnen Unterhalt, so daß kein Hungernder in ihm blieb. Ich gab der Witwe wie der, die einen Gatten hatte, und bevorzugte nie den Großen vor dem Kleinen bei solchen Unterstützungen. Und hernach stieg der Fluß hoch, Weizen und Gerste gediehen, und alles war nun vorhanden; aber ich drückte den Bauersmann nicht wegen der Rückstände." Eine anschauliche Vorstellung aus der Verwaltung eines solchen kleinen Nomarchenhofes gewähren die Bilder im Grab des Knemhotep II., wo die Geschäftszimmer des Schatzmeisters mit den Schreibern und das Einbringen des Getreides in die Speicher dargestellt sind. Auch über das Heerwesen lernen wir manches; freilich knüpfte sich hier die Fortbildung an die Bemühungen des Königs, sich eine zuverlässige Truppenmacht in seiner Nähe zu halten. In der Zeit des Senwosret III. verschwinden dann die Nomarchen; es wird eine Neuordnung stattgefunden haben in der Richtung, die wir im Neuen Reich durchgeführt sehen. An Stelle der Nomarchen treten die Kommandanten der Hauptstädte, die durch die Müheverwaltung der Gaufürsten emporgekommen waren. Diese Kommandanten sind weiter nichts als Beamte, man erkennt hier also sowohl eine Stärkung der königlichen Macht als auch die wachsende Bedeutung der Städte.
Der Königshof tritt uns in dieser Zeit lange nicht so anschaulich entgegen, wie die kleinen Fürstenhöfe in Menat-Khufu, in Bersche, in Sjout. Der König, und mit ihm der Hof, lebte von den Domänen und gewissen Steuern, der Wesir und der Oberschatzmeister sind noch immer die ersten Beamten. Die Loyalität der Großen hat nicht abgenommen, solange alles glatt geht. Sehotepjebre, ein hoher Schatzbeamter unter Amenemhet III., schreibt davon eine förmliche "Lehre" an seine Kinder auf seinen Grabstein: "Ich will euch Großes reden, ich will euch zu hören geben, ich will euch wissen lassen das Prinzip der Ewigkeit, das Prinzip, die Lebenszeit mit Glück hinzubringen. Preist den König Nemaatre (= Amenemhet III.), in eurem Innern, schließt seine Majestät ein in eure Herzen, Er ist Sia (Gott der 'Einsicht'), der in den Herzen wohnt, dessen Augen jede Brust ergründen; er ist Re, mit dessen Strahlen man sieht. Er erleuchtet die Beiden Länder mehr als die Sonnenscheibe, er käßt sie grünen mehr als ein voller Nil. Er hat die Beiden Länder mit Sieg gefüllt ... Er gibt mehr Speise denen, die ihm folgen, er ernährt die, die auf seinem Weg gehen." Natürlich muß der König solche Loyalität gut bezahlen.

Das Leben der Städte beleuchten in mannigfachen Beziehungen die Urkunden aus dem reichen Papyrusfund, den man aus den Ruinen von Kahun, der zur Pyramide von Illahun gehörigen Stadt, gezogen hat, demselben, der uns die wichtige chronologische Angabe liefert. Briefe, Testamente, Verträge, Abrechnungen, Geschäftspapiere aller Art geben einen lebendigen, wenn auch nicht lückenlosen Begriff von dem Treiben einer Stadt des Mittleren Reiches; auch literarische Stücke finden sich: medizinische und mathematische Traktate, eine Mythe, eine Erzählung, eine Königshymne (vgl. unten).

Der Verkehr mit dem Ausland ist lebhafter, mannigfacher geworden. Besonders Syrien hat sich viel Interesse zugewendet, und man blickt mit begehrlichen Augen hinüber. Die Inselvölker im Norden stehen dem Ägypter nicht mehr so fern wie früher. Die Kolonie auf der Sinaihalbinsel erlebte unter Amenemhet III. ihre Blütezeit. Auch der Hyksoseinfall ist schließlich ein Beweis des lebhaften Verkehrs.

Die literarische Tätigkeit auf profanen Gebiet hat entschieden große Fortschritte gemacht. Die Lehre Amenemhet I. zeigt doch eine größere Tiefe als die Lehren des Alten Reiches, die Erzählung von Sinuhe beweist eine bemerkenswerte Kunst in der Anordnung und Vorführung des Erzählungsstoffes. Auch die Form sucht neue Ziele: man strebt in manchen Stücken nach prägnanter und kraftvoller Kürze; so in Sinuhe, so in den Reden der "Geschichte von beredten Bauer", der, von einem Beamten an seinen Besitz beschädigt, vor dessen Vorgesetzten so schöne Reden hält, daß der die Sache dem König berichtet und auf dessen Wunsch die Entscheidung hinzieht, um dem Bauern noch mehr so hübsche Ansprachen zu entlocken. Die erzählenden Zeile der Geschichte hingegen sind Muster einer einfachen, klaren Erzählung, ebenso wie die köstliche Novelle - wohl Teil eines größeren Ganzen - von dem "Schiffbrüchigen", der auf die Insel der 75 Schlangen, eine der schwimmenden Inseln, verschlagen wird und dort mit der Schlangenkönigin eine gemütvolle Unterhaltung führt. Sehr achtenswerte Stücke sind uns auf dem Gebiet der Lyrik erhalten, wie das Lied des Harfners, der zum Lebensgenuß ermahnt, weil alle sterben müssen, wie die Könige und Weisen der Vorzeit der Vorzeit gestorben sind; oder das tiefer ans Gefühl greifende "Gespräch des Lebensmüden mit seiner Seele", die noch nicht sterben will. Von den kunstreichen poetischen Formen, über die die Zeit verfügte, gibt uns die Hymne auf Senwosret III., aus dem Kahuner Fund (s. oben) stammend, einen Begriff. Die wissenschaftlichen Traktate der Zeit können wir nach dem medizinischen "Papyrus Ebers" und dem mathematischen "Papyrus Rhind" beurteilen.

Von der Baukunst ist wenig vom Besten auf uns gekommen, doch zeigt der Tempel von Der el-Bachri, daß die Baumeister an Können denen früheren Zeiten nicht nachstehen, und man darf ihnen die Bewunderung der Alten für das Labyrinth gutschreiben. Die Felsengräber der Nomarchen sind architektonisch einfach gehalten; die bekannten achteckigen und sechzehneckigen Pfeiler der Vorhalle eines solchen Grabes zu Beni Haßan bleiben kunstgeschichtlich wichtig, wenn sie auch direkt nichts mit der dorischen Säule zu tun haben. Beim Schmuck der Wände wird jetzt mit Vorliebe die Malerei statt des Reliefs verwendet.

Die plastische Kunst bevorzugt nicht mehr wie im Alten Reich die imposante Größe; dafür hat sie in Umriß und Ausdruck an Feinheit, die doch Kraft und Würde nicht vermissen läßt, gewonnen. Daneben hat man immer noch Kolosse errichtet, wie die Amenemhet III. im Moirissee - wie man eine derartigen Koloß fortbewegte, zeigt ein bekanntes Relief aus einem Nomarchengrab bei Bersche, wo die ganze Bevölkerung des Ortes mit Begeisterung bei der Sache ist. Das energische Streben nach individuellem Ausdruck hat in einigen Bildhauerschulen zur Anwendung so drastischer Mittel geführt, daß man diese wirkungsvollen Bildwerke für nicht echt ägyptisch, für Arbeiten der Hyksoszeit erklären wollte. So die berühmten Steinbilder von Amenemhet III. mit den hervortretenden Backenknochen und der charkteristischen Falte in der Mundpartie. Sie lehren uns den Reichtum der Zeit an frischwagendem Können ebensosehr wie die Einseitigkeit unserer Kenntnis. Die Kunst der Goldschmiede hat Proben hinterlassen, die an Zartheit der Filigranarbeit, an Geschmack der Zeichnung und Farbenzusammenstimmung von den späteren ägyptischen Meistern kaum mehr erreicht worden sind.

Die religiösen Ideen beherrschen nach wie vor das ganze geistige Leben. Daß auch sie in wichtigen Beziehungen fortgebildet und vertieft worden sind, sehen wir an mehreren Anzeichen, wenn auch die Forschung hier noch nicht gerade sonderlich tief gebohrt hat. In der religiösen Dichtung wurde andauernd Altes umgegossen, aber auch eine beträchtliche Masse neu geschaffen. Die stattlichen Holzsärge aus den Gräbern der Vornehmen in Bersche, Sjout, Meïr enthalten oft auf Deckel und Wänden so viel Gebetstexte wie die Pyramidenwände der alten Könige der 6. Dynastie. Von gelehrter Schularbeit zeugen Glossen und erklärende Ausführungen, die Ansätze zu einer philosophischen Spekulation über die alte Mythenwelt aufweisen und uns so die erschütternde religiöse Krisis des Neuen Reiches verständlicher erscheinen lassen. Ein weiteres Symptom solcher Spekulation liegt in der wichtigsten religiösen Neuschöpfung der Zeit, der Gestalt des "Amonre Götterkönig". Mit Material vom Re aus On und vom Min aus Gebtoë wird seit der 11. Dynastie an diesem neuen Götterbild gearbeitet, das über Götter und Menschen in der glänzendsten Zeit des Ägyptertums, im Neuen Reich, gebieten sollte, wenigstens soweit die offizielle Welt in Frage kam. Die profune Dichtung des "Lebensmüden", in der man mit Recht einen Hauch Hiobschen Geistes verspürt hat, läßt uns einen Blick tun in Gedanken, die das heiligste Erbe der alten Zeit, die Sorge für Mumie und Grab, mit unheiliger Kritik betasten. Aber zum Schluß macht auch dieser Denker seinen Frieden mit der herrschenden Meinung. Die Seele des Lebensmüden fügt sich darein, ihm in den "Westen" zu folgen: "Wir wollen zusammen eine Stätte haben", sagt sie zu ihrem Herrn.

Fortsetzung: E. Die 13. bis 17. Dynastie und die Hyksos (1788-1600 v. Chr,)

 

Quelle: Weltgeschichte, Bibliographisches Institut, Leipzig, 1914, von rado by jadu