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Geschichte des alten Ägyptens

Von Eduard Meyer

Einleitung (Chronologie)

Seitentitel: Alter und Bedeutung der ägyptischen Kultur. Die Nachrichten der Griechen über Ägypten. die ägyptischen Denkmäler und die einheimische historische Literatur. Mangelhaftigkeit des Quellenmaterials. Chronologie der ägyptischen Geschichte. Minimaldaten für die Hauptepochen

Wohin immer wir auf Erden blicken, überall finden wir den Menschen im Besitz einer gewissen Kultur, in den ältesten der geschichtlichen Forschung zugänglichen Zeiten nicht minder wie in der Gegenwart. Nicht nur die Sprache ist Eigentum aller Menschen, auch der roheste Stamm besitzt irgend welche wenn auch noch so lockere und schwankende Form seines sozialen Lebens, besitzt eine Reihe von geistigen Anschauungen, welche sein Leben beherrschen und welche er als geheiligtes Vermächtnis von seinen Vätern ererbt hat. Überall finden wir eine Anzahl materieller Errungenschaften und wenigstens die Anfänge technischer Fertigkeiten. Man versteht die Haustiere nützlich zu machen, das Feuer zu verwerten, Waffen, Geräte, Kleidungsstücke, Schmuckgegenstände zu bereiten, eine Wohnung wenn auch mit noch so primitiven Mitteln herzurichten. Auch die Gewinnung und Bearbeitung der Metalleist seit uralter Zeit weithin über die Erde verbreitet.

An zahlreichen Stellen haben sich die Völker über diesen rohesten Kulturzustand erboben, namentlich da, wo die Beschaffenheit ihrer Wohnsitze der Veranlagung des Volkes entgegenkam, wo fruchtbare Ebenen oder Flußtäler zur Entwicklung des Ackerbausund damit zu seßhafter Lebensweise führten, oder wo, wie bei den Malaien, eine reiche Inselwelt zur Ausbildung der Seefahrt verlockte. Dagegen hat sich eine völlig durchgebildete und in sich abgeschlossene Kultur, wenn wir von Mexiko und Peru absehen, aus sich selbst heraus nur an drei Stellen unseres Erdballes entwickelt: in dem Tale des Hwangho bei den Chinesen, in der Ebene des unteren Euphrat und Tigris bei den Babyloniern, im unteren Niltale bei den Ägyptern. Diese drei Länder bilden die Ausgangspunkte der Kulturen, welche jetzt die gesamte Erde beherrschen *1). In China wie in Babylonien und in Ägypten hat sich die Kultur vollkommen selbständig wntwickelt *2). wenn sie auch in ihren Erscheinungsformen eine Reihe hochinteressante Übereinstimmungen zeigt, aus denen wir erkennen, wie analoge Verhältnisse auch hier mit Naturnotwendigkeit zu analogen Resultaten führten. An allen drei Stätten reicht sie in eine ferne Urzeit hinauf, die weit jenseits aller geschichtlichen Kunde liegt, und an allen drei Stätten tritt sie der hoistorischen Forschung mit einem Schlage durchaus fertig und in sich abgeschlossen entgegen. Wer mit der Erwartung an das Studium des chinesischen oder ägyptischen Altertums herantritt, über die allmähliche Ausbildung der Kultur Aufschluß zu erhalten oder Denkmäler kennen zu lernen, welche auf ihren Entwicklungsgang Licht werfen, wird sich völlig enttäuscht finden. Vollständig durchgebildet, ja auch einem Höhepunkt der Entwicklung tritt uns in den ältesten Denkmälern Ägyptens der Staat, die Kunst, die Religion entgegen, und nicht viel anders ist es in China und soweit wir bei den spärlichen Denkmälern, die wir bis jetzt aus der Urzeit Babyloniens besitzen, urteilen können, auch in diesem Lande. So unerwartet diese Tatsache zunächst der Forschung gewesen ist - lag doch grade in dem Glauben, man komme hier dem Urzustand der Menschen um einen großen Schritt näher und könne in seiner Entwicklung einen tiefen Einblick tun, ein Hauptanreiz zur ägyptologischen Forschung - so ist sie doch in der Natur der Dinge vollkommen begründet. Ein Volk muß eine gewaltige Kulturhöhe erreicht haben, um Denkmäler zu schaffen, welche dem Ansturm der Jahrtausende Widerstand leisten, um aus sich selbst heraus Schrift und Literatur zu entwickeln, um ein Interesse daran zu gewinnen, die Kunde von seiner eignen Vergangenheit zu bewahren. Nur wo einem noch wenig fortgeschrittenen Volke von seinen Nachbarn die Kultur und namentlich die Schrift zugeführt wird, besitzen wir von ihm selbst Zeugnisse aus seiner Kindheit. Die Griechen, der homerischen Zeit, die Hebräer des Gideon und Saul, die Germanen zur Zeit der Völkerwanderung stehen daher den gesuchten Anfängen der Kulturentwickung weit näher als die Ägypter der Pyramidenzeit oder die Chinesen des Jüking. Auf Schritt und Tritt treten uns hier Probleme entgegen, auf die uns die Antwort versagt ist, soweit nicht Analogie und Rückschluß auf die voranliegenden völlig verschollenen Epochen wenigstens hier und da ein schwaches Licht werfen. Von einer uralten Zeit gewinnen wir wohl lebendige Kunde, aber nicht von der Urzeit.

Freilich, die Erbauer der Pyramiden, dieser gigantischsten Bauten, welche die Erde trägt, haben in einer Zeit gelebt, die von der Büteepoche der griechischen Kultur, von der Zeit, in der das Parthenon entstand, mindestens ebensoweit abliegt,wie die letztere von unserer Gegenwart. Es ist nicht leicht, sich diese Tatsache, der gegenüber die gewöhnlichen chronologischen Maßstäbe völlig versagen, in lebendige Anschauung zu übersetzen. Und doch sind wir gar wohl imstande, und die Verhältnisse dieser fernen Zeit nach manchen Richtungen hin ganz lebendig vor Augen zu führen; wir kennen die Organisation des Reichs, in dem die Pyramidenerbauer geboten, die Götter, welche sie verehrten, die religiösen Vorstellungen. welche ihr Tun berherrschten, die Vergnügungen der Großen ihres Hofes, wir besitzen zahlreiche Schöpfungen der Kunst und des Handwerks, die unter ihnen entstanden sind. Die Erforschung dieser Zustände einer Epoche Jahrtausende vor der Zeit, da der erste Lichtstrahl geschichtlicher Kunde auf Europa fällt, gewährt wohl einen eigentümlichen Reiz. Derselbe wird gesteigert dadurch, daß wir in Ägypten - wie in China - eine völlig in sich abgeschlossene, von außen nirgens beeinflußte Kultur beobachten und in ihren weiteren Schicksalen verfolgen können, die eben darum eine höchst eigenartige, aber in sich streng konsequente Gestalt angenommen hat, welche den Kulturvölkern des späteren Altertums bereits eben so bizarr erschienen ist wie gegenwärtig uns. Lange hat man freilich geglaubt, es sei eine tiefsinnige und geheimnisvolle Weisheit verborgen hinter dieser seltsamen Bilderschrift, hinter den Götterbildern in Tiergestalt, hinter den Wunderbauten der Tempel und Gräber; seitdem der Forschergeist des neunzehnten Jahrhunderts den Schleier gelüftet hat, welcher das alte Ägypten umhüllte, ist dieser Wahn geschwunden. Die Weisheit der Zauberflöte hat mit Ägypten ebenso wenig gemein wie das Gebaren des Sarastro und seiner Genossen mit dem Tun vernünftiger Männer. Auch in Ägypten haben wir es nicht mit einer übernatürlichen Erscheinung zu tun, sondern mit einer rein menschlichen, aber höchst eigenartigen und darum um so interessanten Entwicklung.

Dazu kommt ein zweites. Die chinesische Kultur ist im Laufe einer vier Jahrtausende umfassenden Geschichte nur sporadisch und ohne tiefere Nachwirkung mit der Kulturwelt des Abendlandes in Berührung getreten, und erst in der Gegenwart bahnt sich eine tiefergreifende Wechselwirkung und damit zugleich ein Riesenkampf um die Weltherrschaft der beiden gewaltigsten Kulturen der Erde langsam an. Ägypten und Babylonien dagegen stehen und geschichtlich näher; in ihnen lernen wir die Wurzeln unserer eigenen Kultur kennen. Die Elemente der Zivilisation verbreiteten sich von diesen beiden Ländern aus auf das dazwischen liegende Gebiet, zunächst auf die semitischen Länder des westlichen Vorderasiens. Die materielle Kultur dieser Länder ist dann weiter an alle Küsten des Mittelmeeres getragen worden, vor allem aber nach Griechenland; ihr verdankt der hellenische Volksstamm den ersten Anstoß zu einer höheren Entwicklung, die dann zwar auf geistigem Gebiete ganz andere Bahnen einschlug als der Orient, wohl aber die materiellen Errungenschaften des letzteren sich angeeignet und dem gesamten Abendlande übermittelt hat. —

Bis in den Anfang unseres Jahrhunderts ist die Geschichte des alten Ägyptens und die des alten Orients überhaupt so gut wie völlig unbekannt gewesen. Die ältesten geschichtlichen Nachrichten der Hebräer, die Kämpfe der Richter, der Könige Saul und David mußten als Anfang gesicherter historischer Kenntnis überhaupt gelten. Freilich hatten die Griechen uns von den alten Kulturvölkern des Orients mancherlei Kunde bewahrt, und in den Schilderungen des alten Testaments schimerte mehr als einmal die Tatsache durch, daß die Geschichte der Hebräer auf dem Hintergrunde einer langen geschichtlichen Entwickelung der benachbarten Nationen ruht: aber zu genauerer Erkenntnis reichten diese Daten nirgends aus. Speziell betrachteten die Griechen die Weisheit des alten Ägyptens entweder mit dem neugierigen Staunen, mit dem wir die Chinesen anzustarren pflegen, oder sie ließen sich von den alten Überlieferungen, in dem ruhigen und gleichmäßigen Auftreten der Ägypter, bei denen alles seit Jahrtausenden seine feste Ordnung hatte und es keine ungelösten Probleme gab, und mehr noch von der Geheimnistuerei der ägyptischen Weisen und Priester imponieren. So fragten sie denn nach der Geschichte des trojanischen Krieges, nach den Königen Proteus und Danos, nach den Irrfahrten des Menelaos und der Helena, nach den Taten des Herakles und dem Ursprung der Götter, und die Ägypter waren natürlich um eine Antwort nicht verlegen. Auf diese Weise ist ein so klardenkender und allem Mystizismus abgeneigter Rationalist wie Herodot, der um 445 (v. d. Chr. R.B.) etwa Ägypten bereist hat, zu dem Glauben gekommen, er habe hier für alle Rätsel der griechischen Mythenwelt den Schlüssel gefunden und die Urheimat der griechischen Kultur und Religion entdeckt; und als dann später die griechische Religion im Kampfe mit der philosophischen Aufklärung gestorben war, haben gar manche begabte Männer in den ägyptischen Mysterien Befriedigung gesucht und in dieselben unter Assistenz der ägyptischen Theologen die höchsten Lehren der griechischen Philosophie hineingeheimnist.

Daneben erzählen die Griechen freilich auch von der Geschichte des Landes. Was sie berichten, ist indessen keine Geschichte, es sind Sagen und Märchen, die im Volksmunde umliefen, oder wohl auch Erzählungen, welche von den in Lande ansässigen Griechen selbst geschaffen waren und durch die sie den Ursprung ägyptischer Institutionen erklären oder die Eigenart des Volkes zu charakteristischem Ausdruck bringen wollten. Der ersten Kategorie gehören z.B. die Sagen von dem großen Eroberer Sesostris, vom Schatze des Rhampsinit, von dem blinden König Pheros an, der zweiten die Erzählungen von der Erbauung der Pyramiden, von der schönen Rhodopis, von den KönigenAigyptos und Protens u.a.m. Geschichtlich verwertbar werden diese Erzählungen erst in der letzten Periode der Selbständigkeit Ägyptens, als König Psammetich I. (663-610) ionische Söldner in seine Dienste nahm und durch diese den Griechen eine sichere Kunde bewahrt ward.

Weit wertvoller für die Kenntnis des alten Ägyptens sind für uns die Schilderungen, welche griechische Reisende und Forscher von den zu ihrer Zeit bestehenden Zuständen gegeben haben; Herodot z.B. hat überall sorgfältig und zuverlässig beobachtet, wo ihn nicht das Geschwätz der Fremdenführer und Dolmetscher in die Irre führte.

Daß sich auf ein derartiges Material keine Geschichte gründen läßt, ist klar. Gegenwärtig vermögen wir wohl mitunter zu erkennen, welche Tatsachen sich in einzelnen Sagen abspielen, aber in sich enthalten dieselben kein Kriterium, an dem man abmessen könnte, wie weit sie einen geschichtlichen Kern enthalten, und es gewissenhafter Forscher, der ausschließlich auf diese Berichte angewiesen wäre, hätte keinen andern Ausweg, als sie sämtlich für durchaus unzuverlässig zu erklären und die Unmöglichkeit, von der Geschichte Ägyptens vor Psammetich irgend etwas auszusagen, einfach zu bekennen. Dies ist denn auch der Standpunkt der besonnenen Forschung bis in den Anfang dieses Jahrhunderts gewesen. Wenn man einmal darüber hinausging, hat man sich fast immer vergriffen und gerade solchen Nachrichten Glauben geschenkt, die sich jetzt als völlig verkehrt erweisen. So hat die Angabe Diodors, daß die ägyptische Kultur aus Äthiopien stamme und daß Theben weit älter sei als Memphis, lange Zeit fast allgemeine Anerkennung gefunden. und sie konnte ja auch auf eine gewisse innere Wahrscheinlichkeit Anspruch erheben; gegenwärtig wissen wir, daß Theben erst emporkam, nachdem Memphis mindestems ein Jahrtausend lang die Hauptstadt Ägyptens gewesen war, und daß die äthiopische Kultur lediglich eine ganz späte, seit dem achten Jahrhundert v. Chr. sich entwickelnde Abzweigung der ägyptischen ist. Ebenso hatte man sich ziemlich allgemein gegen die Daten des gleich zu erwähnenden Ägypters Manetho für die Angaben Herodots und Diodors entschieden, daß die Pyramidenerbauer jünger seien als die großen thebanischen Eroberer: jetzt dient uns die letzte Behauptung nur als Zeugnis dafür, wie wenig die Griechen zu allen Zeiten von der Geschichte Ägyptens gewußt haben.

Diese Lage der Dinge hat sich erst geändert, seitdem uns das alte Ägypten selbst wieder erschlossen ist und wir seine Sprache verstehen, seine Schriften lesen können. Eine gewaltige Fülle von Denkmälern hat das alte Kulturvolk am Nil geschaffen, weit mehr als irgend ein anderes Volk auf Erden, und so viel auch im Lauf der Zeiten zu Grunde gegangen ist, ein großer Bruchteil hat doch aller Zerstörung siegreich widerstanden, und noch mehr hat der trockene Wüstensand, der alle lebende Kultur tötet, aber die erstorbene sicher bewahrt, mit schützender Hülle umgeben und unsrer Zeit erhalten. Seit Napoleons kühnen Zuge nach Ägypten sind uns diese Denkmäler in stets wachsender Menge zugänglich geworden, und seit nunmehr sechzig Jahren sind sie für uns nicht mehr ein stummes Rätsel. Auf welchem Wege es dem genialen Scharfsinn Francois Champollion's gelungen ist, die Hieroglyphenschrift zu entziffern, wie seine Nachfolger das von ihm begonneneWerk rüstig gefördert haben, ist den Lesern der "Allgemeinen Geschichte in Einzeldarstellungen" bereits von Dümichen erzählt worden, und wir brauchen hier nicht darauf zurückkommen. Das Werk der eigentlichen Entzifferung ist längst beendet, der Ausbau, die Feststellung des einzelnen, die wissenschaftliche Durcharbeitung des überreichen Materials hat begonnen. Es ist sehr begreiflich, daß die Wissenschaft der Ägyptologie von einer Sicherheit der Erkenntnis, wie sie die klassische Philologie seit Jahrhunderten besitzt, noch weit entfernt ist. Aber wenn uns auch noch sehr viel dunkel ist, wenn wir auch oft noch vergeblich nach Aufklärung suchen und ebenso oft ohne Zweifel ahnungslos einem Irrtume folgen, in den Grundzügen ist das Verständnis der Texte doch überall gesichert, und vielfach, namentlich in historischen Berichten und in der Literatur der späteren Zeit, der Epoche des sogenannten Neues Reichs, können wir auch das Detail vollständig erklären und in zuverlässiger Übersetzung wiedergeben.Weit mehr Schwierigkeiten bieten naturgemäß die zahlreichen religiösen Texte, welche voll sind von mystischen und rituellen Formeln, zu denen uns oft genug noch der Schlüssel fehlt, welche sich nicht selten absichtlich einer dunklen und irreführenden Sprache bedienen. Hier liegt die Schwierigkeit nicht sowohl in der Form, im rein sprachlichen Verständnis, als in dem uns noch nicht genügend bekannten Inhalt. Auf der anderen Seite bieten die Texte der ältesten Zeit, welche in einer weit ältern Sprachform abgefaßt sind als die der jüngeren Epochen, uns gerade formell noch eine Fülle von Schwiegkeiten, deren Lösung noch nicht gelungen ist; selbstbei leichten erzählenden Texten stoßen wir oft genug an, und in religiösen Texten, wie z.B. den neugefundenen Pyramideninschriften, läßt sich kaum hie und da eine Zeile mit Sicherheit übersetzen. Die wissenschaftliche Erklärung dieser Texte steht noch in den ersten Anfängen; erst in den allerletzten Jahren hat man begonnen, sich eingehender mit ihnen zu beschäftigen.

Betrachten wir nun das uns überkommene Material genauer auf seine Verwertbarkeit als geschichtliche Quelle hin. Die große Masse der Denkmäler sind wie bekannt Gräber und Tempel. Die Inschriften und Darstellungen, die sich in so unerschöpflicher Fülle auf ihnen befinden, tragen daher vorwiegend einen religiösen Charakter. Wir lernen Namen und Titel eines Verstorbenen kennen, sehen die Totenopfer, die ihm von seinen Bauern gebracht werden, erfahren von der Macht und den Siegen des Königs, für die er den Göttern dankt, ihnen Opfer darbringt oder Tempel baut - und so erhalten wir durch beiläufige Bemerkungen eine Reihe der wichtigsten geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Tatsachen. Doch nicht selten reden die Denkmäler ausführlicher: die Biographie des Toten ist an der Grabwand aufgezeichnet, wichtige Szenen aus seinem Leben sind ausführlich dargestellt, die Tempelinschrift enthält einen ausführlichen Bericht über eine Schlacht, über einen Feldzug, ja in allerdings nur ganz vereinzelten Fällen (bei Tuthmosis III. und wenigstens teilweise bei Ramses III.) eine zusammenfassende Erzählung der ganzen Geschichte eines Königs. In der Regel aber, und namentlich in der späteren Zeit, treten diese Bestandteile der Inschriften ganz zurück gegen die rein religiösen Formeln; mit gewissen Einschränkungen kann der Satz gelten, daß ein Denkmal um so weniger tatsächliche Belehrung enthält, je später es ist.

Auch die Mehrzahl der beweglichen Objekte, welche unsere Museen füllen, entstammen Tempeln und Gräbern, sei es, daß sie direkt eine funeräre Bedeutung haben, sei es, daß sie ursprünglich dem täglichen Gebrauch dienten und nun den Toten mit ins Grab gelegt sind. Doch sind auch rein profane Denkmäler nicht selten: Königsstatuen mit kurzen oder längeren Inschriften, Urkunden, Denksteine, auf denen wichtige Begebenheiten verzeichnet sinbd u.a.m. Dazu kommen die Schriftstücke, welche sich namentlich auf Papyrus, aber auch auf Leder und Tonscherben erhalten haben. Zum Teil sind dies Überreste der ägyptischen Literatur: wissenschaftliche und religiöse Werke, Märchen und Erzählungen, Lieder und Sentenzensammlungen, zum Teil Dokumente der verschiedensten Art: Prozeßakten, offizielle Berichte, Privatbriefe und derartiges mehr.

Um aus diesen oft sehr reichhaltigen Dokumenten eine genügende Darstellung der ägyptischen Geschichte zu gewinnen, müßten wir zur Ergänzung derselben eine zusammenfassende geschichtliche Darstellung besitzen. Es ist gewiß wahrscheinlich, daß die einzelnen Könige, wenigstens wenn sie längere Zeit auf dem Thron saßen und sich bedeutender Taten rühmen konnten, dafür Sorge trugen, daß ihre Taten aufgezeichnet wurden - aber wo diese Berichte nicht ganz oder im Auszug auf den Tempelwänden verewigt wurden, sind sie für uns verloren. Nur von Ramses III. besitzen wir als Eingang zu einer großen, im Harris-Papyrus enthaltenen Schenkungsurkunde einen kurzen Bericht über seine und seines Vaters Regierung. Eine zusammenfassende Darstellung der ägyptischen Geschichte aber fehlt uns vollständig, und wie es scheint, hat es etwas derartiges nie gegeben. Wohl haben die Ägypter dieErinnerung an ihre Vergangenheit bewahrt, und die Könige besaßen Kunde von den Taten und Schicksalen ihrer Vorgänger. Aber so weit wir sehen können, schöpften sie dieselben nicht aus Geschichtswerken. Ja selbst ob die Ägypter zusammenfassende Annalen, wie die "Tagebücher der König von Juda und Israel" oder die auf Ziegeln verzeichneten Chroniken Babyloniens und Assyriens besessen haben, kann als sehr fraglich erscheinen. Das Material, welches man brauchte, fand sich im reichsten Umfange in den Archiven, und im übrigen schöpfte man aus der Tradition und aus den Monumenten selbst die Kunde von der Vorzeit. Nur Königslisten besaß man, welche die Herrscherfolge genau feststellten - sie waren für praktische Zwecke unentbehrlich.Aus einer derartigen Liste lasen die Priester des Ptahtempels von Memphis dem Herodot die Namen von 330 Königen vor, wußten aber von ihnen (außer von Nitokris und Moeris) nichts zu erzählen "sie hätten nichts irgend Hervorragendes getan". Ein solches "Buch" ist auf uns gekommen, der in Turin bewahrte Königspapyrus. Er enthält ein vollständiges Verzeichnis der Herrscher Ägyptens nebst genauer Angabe ihrer Regierungsdauer nach Jahren, Monaten und Tagen; auch die Götterdynastien, welche nach ägyptischen Glauben den irdischen Herrschern vorausgingen, sind zu Anfang sorgfältig aufgezeichnet. Durch einen unglücklichen Zufall ist dieses unschätzbare Dokument in nahezu 200 kleine Fetzen zerbröckelt, die nur mit großer Mühe zum Teil wieder haben zusammengesetzt werden können. Für uns sind diese Bruchstücke von grüßtem Wert; aber ein Geschichtswerk ist der Turiner Papyrus nicht, nicht einmal eine Chronik, sondern lediglich eine Herrscherliste. Was wir sonst von Behandlungen historischer Stoffe besitzen, sind im Märchenton gehaltene sagenhafte Erzählungen über einzelne Begebenheiten, wie den Ausbruch des Kampfes zwischen dem Hyksoskönig Apopi und König Ra'sqenen von Theben oder die Eroberung der Stadt Joppe durch Tuthmosis III.: neuerdings ist ein ganz gleichartiger Papyrus hinzugekommen, welcher von Chufu und dem Ursprung der fünften Dynastie erzählt. Weiter scheint sich, soweit wir nach dem auf uns gekommenen Material zu urteilen vermögen, die historische Literatur in Ägypten nicht entwickelt zu haben. Denn als zur Zeit der makedonischen Herrschaft unter Ptolemäus II. der ägyptische Priester Manetho seine uns nur durch Exerpte bekannten drei Bücher "Ägyptische Denkwürdigkeiten" auf Grund der einheimischen Überlieferungen in griechischer Sprache verfaßte, war er zwar imstande, Namen und Folge der Könige im wesentlichen richtig zu geben; aber was er von ihnen erzählte, sind Anekdoten, Wunder und sehr verblaßte und entstellte geschichtliche Erinnerungen. So hat Manetho die Geschichte des Kampfes mit den Hyksos und die der Reformation Chnenatens - hier sind uns gerade größere Bruchstücke erhalten - völlig verkehrt erzählt. -allerdings sind diese Berichte besser als die der Griechen, und die wirklichen Begebenheiten schimmern bei ihnen noch durch; aber für eine Herstellung der ägyptischen Geschichte sind sie fast nirgends zu verwerten *3)

An einer zusammenfassenden Darstellung der ägyptischen Geschichte fehlt es uns somit gänzlich. Und doch läßt sich eine solche, wenn es gilt, die Geschichte dem Gedächtis entschwundener Zeiten darzustellen, absolut nicht entbehren. Auch das reichste Material an Urkunden und Denkmälern genügt nicht; denn nur zu vieles, was für die historische Erkenntnis von der größten Wichtigkeit ist, entzieht sich der urkundlichen Fixierung vollkommen. Das ägyptische Material aber ist einer Ergänzung doppelt bedürftig. Die Biografien der Gräber erwähnen naturgemäß nur einige geschichtliche Ereignisse, die für das Leben des Verstorbenen von besonderer Bedeutung waren; die Sieges- und Dankinschriften der Könige aber schweigen von allem, was ihnen nicht zu besonderem Ruhme gereicht. Über innere Krisen und Kämpfe, über den friedlichen Verkehr der Völker untereinander und gar über Niederlagen und Unglücksfälle dürfen wir hier im asllgemeinen keine Auskunft erwarten, wenn sich auch manches zwischen den Zeilen lesen läßt. Es kommt hinzu, daß die ägyptischen Könige es notorisch mit der Wahrheit nicht allzugenau nahmen; haben sie sich doch nicht gescheut, auf älteren Denkmälern den Namen eines Vorgängers einfach auszukratzen und den ihrigen an ihre Stelle zu setzen! Und im übrigen können Denkmäler in größerer Anzahl nur entstehen, wenn das Land sich geordneter Zustände und verhältnismäßigen Wohlstandes erfreut, und nur erhalten bleiben, wenn ihre Beschaffenheit und die des Bodens, auf dem sie stehen, gestatten. Bewahrt sind im allgemeinen die Steinbauten, welche der Wüstensand verschüttet hat; die Städte und Paläste im Fruchtlande des Niltales und auf dem Sumpfboden des Delta sind spurlos verschwunden. Daher kommt es, daß uns Denkmäler nur in geringer Anzahl oder auch gar nicht erhalten sind einmal aus den für die geschichtliche Erkenntnis so wichtigen Zeiten des Niedergangs und des beginnenden neuen Aufschwungs, dann aber auch aus den Epochen, in welchen der Schwerpunkt des Reiches im Delta lag.

Die Wirkung dieser Sachlage ist, daß wir eine vollständige Geschichte Ägyptens nicht schreiben könnnen und auch niemals werden schreiben können. Gewiß werden wir in Zukunft in Folge fortgesetzter Forschung sehr viel mehr und besseres wissen als gegenwärtig; aber zahlreiche Fragen weren sich nie beantworten, die großen Lücken, die jetzt in der Überlieferung klaffen, sich nie ausfüllen lassen. Was wir erreichen können, beschränkt sich im wesentlichen auf ein möglichst getreues Bild der Zustände einzelner Epochen. Die Kulturgeschichte tritt durchaus in den Vordergrund, und für sie besitzen wir in vielen Fällen ein sehr reiches Material; der Fluß des geschichtlichen Lebens und das persönliche Element entzieht sich dagegen in den meisten Fällen unserer Erkenntnis. Und zwischen den einzelnen oft genau bekannten Zeiträumen liegen dann große Abschnitte, die mit völligem Dunkel bedeckt sind, das zu erleuchten alle Mittel fehlen.

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Die erwähnten Übelstände werden noch vermehrt duch die vollständige Unsicherheit der ägyptischen Chronologie. Eine feste Zeitrechnung haben die Ägypter nie besessen; *4) sie datierten nach Jahren ihrer Könige. Um daher das Datum irgend eines Ereignisses bestimmen zu können, müßten wir ein vollständiges Verzeichnis derselben mit genauer Angabe ihrer Regierungszeit besitzen. Wäre der Turiner Königspapyrus in unversehrtem Zustande erhalten, so würde diese Bedingung im wesentlichen erfüllt sein, wenn auch in demselben Irrtümer und Versehen nachweisbar sind. So aber finden sich in demselben die größten Lücken, namentlich die Jahreszahlen und die Summierungen, die mehrfach in ihm vorkommen, sind nur sehr selten erhalten. Die Lücken des Papyrus aber durch Angaben der Denkmäler auszufüllen, ist völlig unmöglich. Zwar sind in denselben Datierungen nicht gerade selten, aber nur in vereinzelten Fällen (speziell bei Dyn. 4. 5. 12. 18) gestatten sie, die Zeitdauer einer größeren Periode wenigstens annähernd zu bestimmen; dann aber folgen lange denkmälerarme oder völlig denkmälerlose Zeiträume, deren Dauer zu bestimmen jeder Maßstab fehlt. Nur für das letzte Jahrtausend der ägyptischen Geschichte, die Zeit des Neuen Reiches, läßt sich die Königsfolge - aber nicht die Chronologie - aus den Denkmälern allein ziemlich vollständig herstellen.

Königstafel Seti's in Abydos

Erläuterung: Links steht König Seti I., über dem der Sonnendiskus schwebt, die Räucherpfanne in der Hand, vor ihm sein Sohn Ramses, der spätere König, der die künstlich geflochtene "Jugendlocke", das stereotype Abzeichen der Prinzen, trägt. Beischrift: "Rezitation der Preisformeln seitens des Fürsten, des Kronprinzen aus seinem (des Herrschers) Leibe, den er liebt, Ramses des Triumphierenden (Erlösten)."
Die 76 Könige, denen das Opfer gebracht wird, sind nicht wie in ähnlichen Fällen abgebildet, sondern nur mit Namen in den beiden oberen der drei Kolumnen genannt. Der Text in der obersten Zeile lautet:
"Vollziehung der königlichen Opfergabe (d.h. des Totenopfergebets) an den Ptah-Sokar-Osiris des Tempels des Seti I für die Könige von Ober- und Unterägypten aus den Händen des Königs I; tausend Brote, tausend Bierkrüge, tausend Rinder, tausend Gänse, tausend Weihrauch usw. aus den Händen König Seti I."
Daran schließt sich in den beiden Kolumnen "für König Mena, für König Teti usw.; in der drittenwird immer wiederholt "aus den Händen des Königs Seti I".

Die Namen der Könige sind: Dyn. 1.
1. Mena
2. Teti I
3.Atet

 

Einigen Ersatz für die Lücken des Papyrus bieten uns die in den Denkmälern erhaltenen Königslisten. Mehrfach sehen wir, daß die Könige oder auch Privatpersonen den früheren Herschern des LandesTotenopfer darbringen und dabei die Namen deselben aufführen. Drei dieser Listen sind vor allem wichtig: die aus Karnak stammende Tafel Thutmosis III., die jetzt im Louvre bewahrt wird - in ihr wird die chronologische Folge der Herrscher wenig beachtet -, die Tafel Seti's I. aus Abydos und die Tafel, welche unter Ramses II. ein Hofbeamter Tunrei in seinem Grabe in Saqqara angebracht hat. Alle drei Listen ergänzen sich gegenseitig und sind für uns sehr wertvoll - aber sie gegen sämtlich nur eine Auswahl, in der nicht nur die Fremdherscher, sondernauch illegitime und herätische Könige prinzipiell ausgelassen, die unbedeutenden meist übergangen werden und Flüchtigkeiten aller Art nicht selten sind, Auf irgend welche Vollständigkeit macht keine dieser Lsten Anspruch: die Tafeln von Abydos und Saqqara übergehen die Herrscher der dreizehnten bis siebzehnten Dynastie, die letztere außerdem noch die von der siebten bis zur elften Dynastie, die Tafel von Karnak nennt im Gegensatz dazu nur die Könige der elften, zwölften und dreizehnten Dynastie in größerer Vollständigkeit. Es liegt auf der Hand, daß diese Königslisten, so wertvolles Material sie im übrigen auch bieten, doch nicht einmal zu einer ungefähren Schätzung der Zeitdauer der ägyptischen Geschichte nach Durchschnittsregierungen oder nach Generationen verwertet weren dürfen.

Lange Zeit hat man geglaubt, in den Listen, welche uns die Auszüge aus Manetho bewahren, einen genügenden Ersatz für die Mängel der sonstigen Überlieferung und eine feste Grundlage für die ägyptische Chronologie zu besitzen. Dieselben sind indessen nicht so ohne weiteres zu benutzen. Die christlichen Chronographen Africanus und Eusebius haben das Werk Manethos selbst nicht mehr in Händen gehabt, und ebensowenig vermutlich der Jude Josephus, der uns einen größeren Abschnitt aus demselben bewahrt hat. Sie alle haben nur mehr oder wenig sorgfältige Exzerpte besessen, und auch ihre Werke selbst sind wieder nicht aus erster Hand auf uns gekommen. Es finden sich daher zahlreiche Divergenzen zwischen ihnen, namentlich in den ja so leicht entstellbaren Jahreszahlen. Es kommt hinzu, daß man die Vermutung aufgestellt hat, die Reihe der Herrscher, welche uns aus Manetho vorliegt, sei von ihm selbst nicht als eine fortlaufende aufgefaßt worden; mehrfach hätten verschiedene Dynastien nebeneinander regiert, die nur duch ein Mißverständnis der Exzerptoren als aufeinander folgende erschienen. Eine wahre Flut von Hypothesen und Kombinationen hat sich daher in diesem Jahrhundert über Manetho ergossen; die scharfsinnigsten Gelehrten haben sich eingehend mit ihm beschäftigt; aber nicht zwei von ihnen sind zu denselben Resultaten gekommen; alle die unzähligen chronologischen Systeme, die man auf Manetho aufgebaut hat, weichen in jeder Einzelheit auf das gründlichste voneinander ab. Nur eine Voraussetzung teilen so ziemlich alle diese Forscher: daß die manethonische Chronologie sich mit der wahren Chronologie Ägyptens völlig oder doch fast völlig decke. Oft genug hat man daher kein Bedenken getragen, den überlieferten manethonischen Text einfach nach den Denkmälern zu korrigieren.

Und doch ist diese Voraussetzung gerade der wunde Punkt alle der künstlichen Gebäude. Allerdings, die Königsfolge, welche Manetho gegeben hat, haben die Denkmäler im wesentlichen bestätigt - nur an einer Stelle, und allerdings in den bekanntesten und wichtigsten Abschnitte der ganzen äghyptischen Geschichte, der 18. und 19. Dynastie, herrscht in unseren Auszügen eine unheilbare und doch wohl schon von Manetho selbst verschuldete Verwirrung - aber von allen Zahlen der Herrscher der zwanzig ersten Dynastien stimmt gerade eine einzige: due Angabe, daß Ramses II. 66 Jahr 2 Monate regiert habe, wird durch ein Gebet des Königs Ramses IV. bestätigt, der sich wünscht, 67 Jahre zu regieren, wie sein berühmter Vorfahre. *5) Die Tatsache ist sehr betrübend, aber wahr; un die Schuld daran tragen offenbar nicht die Exzerptoren, sondern Manetho selbst. Es steht unumstößlich fest, daß Manetho durchaus keine korrekte oder auch nur verwertbare Chronologie gegeben hat. Namentlich die Zahlen für die ersten Regierungen sind so maßlos übertrieben - die Durchschnittsdauer einer Regierung beläuft sich hier auf 30 Jahre, während sie nach den mit den Angaben der Denkmäler in schönster Übereinstimmung befindlichen Zahlen des Papyrus höchstens 15 Jahre betragen würde -, daß wir ihm allen Glauben versagen müssen.

Vermutlich ist der Schriftsteller selbst an diesem Zustande unschuldig; zu seiner Zeit wird kein Mensch in Ägypten es besser gewußt haben. Es wäre in der Tat eine erstaunliche Leistung, wenn für eine Folge von etwa 300 Herrschern, unter denen sich zahlreiche Usurpatoren und ganz ephemere Regenten finden und bei denen sehr oft zwei oder mehr Herrscher nebeneinander standen - entweder in friedlicher Weise, indem der Vater seine Sohn zum Mitregenten erhob und nach den Jahren beider datiert wurde (so vielfach in der Zeit der zwölften Dynastie), oder indem sich Prätendenten gegen den rechtmäßigen Herrscher erhoben, wo dann der Sieger nicht vom Sturze seines Vorgängers, sondern von seiner Erhebung an die Jahre rechnete -, wenn man bei solcher Sachlage die Chronologie nicht in Verwirrung geraten wäre. In der Tat sehen wir, daß der Verfasser des Turiner Papyrus an der Aufgabe, die Dauer der zwölften Dynastie zu bestimmen, gescheitert ist, er hat die Regierungszahlen einfach summiert und zählt so die etwa 20 Jahre, in denen in dieser Zeit Vater und Sohn gemeinsam regierten, doppelt. Für die spätere Zeit mochten dann noch mancherlei andere Motive hinzukommen: eine übertrieben Vorstellung von der Herrlichkeit der alten Zeit, welche die Zahlen maßlos wachsen ließ, der Versuch, irgendein Schema durchzuführen u.a.m., vor allem aber die natürliche durch Zufälle aller Art bewirkte Korruption, welche im Laufe der Zeit jede Überlieferung erleidet und die auch hier jedenfalls das meiste verschuldet.

Eine auch nur annähernd richtige Chronologie, das müssen wir uns offen eingestehen, ist bei dieser Sachlage nicht zu gewinnen. Das erste absolut sichere Datum ist die Thronbesteigung Psammetich's I. (26. Dynastie) im Jahre 663 v.Chr. Vorher bietet und das Alte Testament einen Anhalt durch die Nachricht, daß der König Scheschonq I., der Begründer der 22. Dynastie, zur Zeit Rehabeams Jerusalem ausplünderte; er gehört also in die zweite Hälfe des zehnten Jahrhunderts. Nach Manetho kam er wahrscheinlich im Jahre 943 zur Regierung; *6) für alles was vorher liegt, sind wir lediglich auf approximative Schätzung angewiesen. Wir müssen versuchen, für die wichtigsten Epochen Minimaldaten zu gewinnen, d.h. unter Verwertung der Angaben der Denkmäler und der Überlieferung und einer ungefähren Abschätzung nach Generationen und Durchschnittsregierungen das Datum zu bestimmen suchen, unter welches das betreffende Ereignis nicht hinabgerückt werden kann.

Die Könige Ägyptens von der Begründung des Reiches durch Mena bis auf die Eroberung des Landes durch Alexander d. Gr. hat Manetho in 31 Herrscherhäuser, Dynastien, geteilt. Wenn auch seine Einteilung geschichtlich mehrfach sehr starken Bedenken unterliegt - z.B. hat der Turiner Papüyrus einige Male ganz andere Abschnitte gemacht -, so ist sie doch gegenwärtig allgemein rezipiert, und es empfielt sich aus praktischen Gründen, dieselben aich ferner beizubehalten. Die 31 Dynastien gliedern sich, wenn wir von der Perserzeit (Dynastie 27-31) absehen, in vier Hauptabschnitte, die als das Alte Reich (von Memphis), das Mittlere (altthebanische) Reich, das Neue (thebanische) Reich, das Zeitalter der großen Eroberungen, und die Restaurationszeit der sechsundzwanzigsten Dynastie bezeichnet werden können. Dazwischen liegen Epochen des Verfalls und der Fremdherrschaft sowie des erneuten Aufschwungs. Ich habe in meiner Geschichte des Altertums versucht, für diese einzelnen Abschnitte die Minimaldaten zu ermitteln und wiederhole dieselben hier, indem ich für alles Detail auf meine dort gebenen Ausführungen verweise.

Übersicht der Hauptepochen der ägyptischen Geschichte (Chronologie)

  Mininaldatum Weltgeschichte 1965 *7)
1) Anfänge des ägyptischen Staats,
Dyn. 1-3, beginnt mit König Mena
3180 v. Chr. Frühes Reich (Thinitenzeit) 1.-2. Dyn. (um 3000- um 2778)
1. Dyn.: "Skorpion", Narmer, Horus Aha (Menes), Djer (Chent), Wadji (Djet), Den (Udimu), Adjib, Sermerchet, Ka
2. Dyn.: Hetep-sechemi, Nebré (Neb-nefer), Nineter, Uneg, Senedj, Peribsen, Chasechem, Chasechemui; dazu Delta-Nebendynastie
    Altes Reich 3.-6. Dyn. (2778-2263)
Um 2778-2723 3. Dyn.: Gründer und bedeutendster König Djoser
2) Das Alte Reich von Memphis, Zeit der Pyramidenbauer, Dyn. 4, 5, beginnt mit König Snofru 2830 Um 2723-2563 4. Dyn.: Snefru, Cheops, Redjedef, Chephren, Hordjedef, Baufrê, Mykerinos, Schepseskaf
Um 2563-2423 5. Dyn.: Userkaf, Sahurê, Neferirkarè, Schepseskarè, Ne-user-Rè, Menhauhor, Asosi, Unas
3) Übergangsepoche, Dyn. 6-10, König Pepi (Dyn. 6) 2530 Um 2423-2263 6. Dyn.: Teti (II.), Phiops I., Merenrè I., Phiops II., Merenrè II.
    1. Zwischenzeit (Herakleopolitenzeit) 7.-11. Dyn. (2263-2040) Nebeneinanderbestehen der Dynastien: 7. Memphis, 8. Koptos (Abydos), 9./10. Herakleopolis, 11. Theben mit König Mentuhotep Nebhepetrè (2060-2010), Eroberung von Herakleopolites (2040)
4) Das altthebanische Reich (Mittleres Reich), Dyn. 11, 12, König Amenemha't I. (12. Dyn.) 2130 Mittleres Reich 11.-13. Dyn. (2040-1730)
2133-1992 11. Dyn.: u.a. Mentuhotep Nebhepetrè, der Einer Ägyptens, Gründer des Mittl.Reiches
1991-1786 12. Dyn.: Amenemhet I. (1991-1962), Sesostris I. (1971-1962), Amenemhet II. (1929-1895), Sesostris II. (1897-1879), Sesostris III. (1878-1843), Amenemhet III. (1842-1797), Amenemhet IV. (1798-1790), Sebekneferurè (1789-1786)
5) Verfall des thebanischen Reiches . Fremdherrschaft (Hyksoszeit). Dyn. 13-17
Dyn. 13 beginnt



1930

1785-1680 13./14. Dyn. 1730 Einfall der Hyksos, Ende des Mittl. Reiches. Lokale 14. Dyn. im Delta (bis 1680)
Die Herrschaft der Hyksos beginnt 1780 2. Zwischenzeit (Hyksoszeit) 14.-17. Dyn. (1730-1562)
1730-1630 15. Dyn. (Große Hyksosdynastie): Sewoserenrè Chian, Awoserrè Apophis, Nebchepeschrè Apophis, Aaserè, Aakenenrè Apophis. Um 1680 zunächst unter Oberhoheit der Hyksos Beginn der 17. Dynastie von Theben
1630-1562 16. Dyn. (Kleine Hyksosdynastie). Nur noch Teilherrschaft über Ägypten (Theben, Nubien unabhängig)
1680-1562 17. Dyn. Begründer Sechemrè Wahchau Réhotep. Um 1600 Sekenenrè Ta'a II,. Zurückdrängung der Hyksos. Unter Ahmose (1562-1537), letzter König der 17. und Gründer der 18. Dyn., Eroberung von Auaris (Tanis) und Vertreibung der Hyksos
6) Das Neue (thebanische) Reich. Zeitalter der großen Eroberungen. Dyn. 18-21
Vertreibung der Hyksos durch A'ames


1530
Neues Reich 18.-20. Dyn. (1562-1085)
1562-1308 18. Dyn.: Ahmose (1562-1537), Amenophis I. (1536-1517), Thutmosis I. (1516-1504), Thutmosis II. (1503-1490)
Tuthmosis III. 1480-1430 Thutmosis III. (1491-1436), bis 1468 unter Vormundsch. von Hatschepsut (Wtw. T. II.), Amenophis II. (1435-1410), Thutmosis IV. (1409-1400), Amenophis III. (mit Teje, 1400-1362), Amenophis IV. (Echnaton, mit Nofretete, 1361-um 1340), Semenchkarè (um 1339-um 1334), Tutanchaton (Tutanchamun, um 1333-1325), Eje (1324-um 1320, Haremheb (um 1320-1308)
Ramses I., Seti I. 1320 1308-1171 19. Dyn.: Ramses I. (1308-1306), Sethos I. (1305-1291)
Ramses II. 1300-1230 Ramses II. (1290-1224), Merenptah (1224-1210), Sethos II. (1210-1171), neben Sethos II. Usurpatoren Amenmessu, Irsu, Siptah
1171-1085 20. Dyn.: Sethnacht (1171-1170), Zentralgewalt
Ramses III. 1180-1150 Ramses III. (1170-1138), Ramses IV. (1138-1132), Ramses V.-Ramses XI. (1132-1085, davon Ramses XI. 27 Jahre). Priesterkönigtum von Theben übernimmt die Macht (21. Dyn.)
21. Dynastie 1060 Spätzeit 21.-31. Dyn. (1085-332)
1. Periode (1085-715): 21-24. Dyn.
1085-950 21. Dyn.: Herrscher von Theben - Herihor, Pianchi, Pinodjem I., Mencheperrè, Pinodjem II. Könige von Tanis: Smendes (1085-1054), Psusennes I. (1054-1009), Amen-emnisut, Amenemope (1009-1000, Siamun (1000-984), Psusennes II. (984-950)
7) Herrschaft der (libyschen) Söldner. Dyn. 22-24 König Scheschonq I. (22. Dyn.)
   nach Manetho 943 oder 939 v. Chr.

930
950-730 22. Dyn. (Bubastiden): Scheschonk I. (950-929), Osorkon I. (929-893), Takelotis I. (893-870), Osorkon II. (870-847), Scheschonk II. (847), Takelotis II. (847-823), Scheschonk III. (823-772), Pemu (772-767), Scheschon V. (767-730).Machtzentren: Tanis, Theben, Herakleopolis, Memphis und Bubastis
817-730 23. Dyn. (libysche Nebendynastie im Delta): Pedubastis , Scheschonk IV., Osorkon III., Takelotis III., Amonrud und Osorkon IV.. Daneben in Theben "Gottesgemahlin des Amun" Schepenupet I.
730-715 24. Dyn. (Sais, Dyn. im Delta): Tefnachte (730-720), Bokschoris (720-715)
8) Herrschaft der Äthiopen (Dyn. 25) 728

2. Periode (751-332) 25-31. Dyn.
751-716 25. Dyn. (Äthiopienzeit): Pianchi (751-716), 730 Eroberung Ägyptens (Ende der 22./23 Dyn.), Schabaka (716-701), 715 Unterwerfung des unterägyptischen Aufstandes (Ende der 24. Dyn.), Schabataka (701-689),

Assyrische Eroberung 671 671 Assyrer erobern Memphis, weiter 25. Dyn. (Äthiop.): Taharka (689-663), 663 Eroberung ganz Ägyptens durch Assyrer, weiter 25. Dyn. (Äthiop.): Tanutamun (663-656), Widerstand gegen Assyrer von Sais ausgehend
9) Restaurationszeit (Dyn. 26)
Psammetich I. beginnt

663
663-525 26. Dyn. (Sais): Psammetich I. (663-609), um 655 Wiederherstellung der ägypt. Unabhängigkeit, Annerkennung der 26. Dyn. auch in Oberägypten, Necho (609-594), Psammetich II. (594-588). Apries (588-568), Amasis (568-526), Psammetich III. (526-525)
Eroberung Ägyptens durch Kambyses 525 525-404 27. Dyn. (pers. Könige = ägypt. Pharaonen): Kambyses (525-522), Dareios I. (522-485), Xerxes (485-464), Artaxerxes (464-424), um 463/54 Aufstand des Inaros und Amyrtaios, Dareios II. (424-404)
404-389 28. Dyn.: Amyrtaios von Sais (Ausdehnung der Herrschaft auch auf Oberägypten),
398-378 29. Dynastie (Mendes): 5 Pharaonen, u.a. Hakoris (390-378)
378-341 30. Dyn. (Sebennytos): Nektanebos I. (378-360), Teos (361-359), Nektanebos II. (359-341), ab 343 erneute pers. Eroberung
341-332 31. Dyn. (2. Perserzeit): pers. Könige (Pharaonen): Artaxerxes III. Ochos (341-338), Arses (338-335), Dareios III. Kodomannos (335-332)
332 kampflose Übergabe an Alexander d. Großen, in der Folge Ptolemäer-Zeit (Hellenen) bis zur römischen Eroberung

Die Daten, welche hier für das Neue Reich bis zur Vertreibung der Hyksos hinauf gegeben sind, dürfen sich wohl bei genauer Untersuchung als annähernd richtig herausstellen. Dagegen die früheren Ansätze sind ganz problematisch, und wenn wir Amenemha't I. auf 2130 gesetzt haben, so mag er in Wirklichkeit zwei bis dre Jahrhunderte früher regiert haben, während bei Snofru unser Ansatz um ein halbes, ja um ein ganzes Jahrtausend zu niedig sein mag; sind die Angaben Manethos auch nur annähernd korrekt, so wäre er sogar um zwei Jahrtausende zu niedrig angesetzt. Aber hier läßt sich absolut nichts bestimmen; denn die Dauer des von Dyn. 6-11 verflossenen Zeitraumes auch nur annähernd festzustellen, fehlt und jedes Mittel, und nicht viel besser steht es um die Zeit von Dyn. 13-17. Nur das läßt sich mit Sicherheit sagen, daß die betreffenden Ereignisse nicht wohl späterals unsere Daten angesetzt werden können. Die ältesten erhaltenen Denkmäler (unter König Snofru) stammen daher spätestens aus dem Anfang des dritten Jahrtausends v. Chr., der durch den Namen Mena bezeichnete Anfang der ägyptischen Geschichte reicht jedenfalls ins vierte Jahrtausend hinein - wie viel früher er aber fallen mag, das zu bestimmen fehlt uns jedes Mittel. *8)

 

Erstes Buch — Das Alte Reich (1)

Erstes Kapitel
Das Land und seine Bewohner (1 - Natürliche Bedingungen)

Seitentitel: Charakter des Niltals

Der ganze Norden des afrikanischen Kontinents ist von einer großen Wüste bedeckt, der nur im Nordwesten ein größeres kulturfähiges Gebiet vorlagert, das gegenwärtig die Staaten Marokko, Algier und Tunis bildet. Sonst ist, wenn wir von einzelnen Küstenstrichen, namentlich in der Landschaft zwischen den Syrten (Tripolis, Leptis) und in Cyrenaika (Bengasi) absehen, das ganze Gebiet aller höheren Kultur völlig verschlossen. Es bildet hier die natürliche Grenze der Mittelmeerwelt, welche dann auch die antike Kultur nie überschritten hat: das Innnere Afrikas ist der griechisch-römischen Welt zu allen Zeiten so gut wie völlig unbekannt gebliebe.

Das gewaltige Wüstengebiet, welches im ganzen mehr als 140 000 Quadratmeilen umfaßt, enthält eine Reihe von Einsenkungen, in denen Quellen hervortreten und Vegetation, namentlich die Dattelpalme. gedeiht: die Oasen. *9) Hier allein sind feste menschliche Ansiedlungen möglich. Zugleich bilden die Oasen die Stationen des langwierigen und beschwerlichen Weges durch die Wüste, auf dem der Händler, der die Waren der jenseitigen Länder gewinnen will, nicht nur den durch Wassermangel, Verirren und Sandstürme drohenden Gefahren, sondern auch den Angriffen der räuberischen Wanderstämme ausgesetzt ist, welche nomadisierend die Wüste durchziehen.

Im Osten der großen Wüste, wenige Tagereisen (durchschnittlich etwa 25 bis 30 deutsche Meilen) von arabischen Meerbusen entfernt, liegt ein langgestrecktes fruchtbares Tal, welches gewissermaßen als eine Oase von kolossalen Dimensionen betrachtet werden kann. Es ist Ägypten, das Tal des unteren Nil. Auf beiden Seiten ist es von Wüstenland umschlossen. Im Westen erhebt sich das flache, völlig kahle, von undurchdringlichen Sandmassen bedeckte Plateau der libyschen Wüste, im Osten steigt langsam ein felsiges Hochland von festem Kies- und Kalkboden auf, in dessen Hintergrunde sich die bis zu 2000 m ansteigenden kristallinischen Massen des sogenannten arabischen Gebirges erheben. Geologisch sind die beiden Gebiete völlig verschieden, aber wenn auch in der östlichen Wüste Nomadenstämme dürftig ihr Leben fristen können und sie der Vegetation, der Quellen und Zisternen, in denen das Wasser der Gewitterregen aufgefangen wird, nicht völlig entbehrt, der Kultur ist sie ebenso verschlossen wie das völlig unzugängliche, nur in den Oasen bewohnbare libysche Sandmeer. Zwischen beiden liegt in einer Breite von 3 bis 7 deutschen Meilen die ägyptische Talsenke. Sie bildet das Bett, welches sich in unermüdlicher Tätigkeit der Fluß in den weichen Kalkboden gegraben hat. Ehemals, doch vor ungezählten Jahrtausenden, ergoß er sich in wildschäumenden Kaskaden, deren Überreste noch an vielen Stellen deutlich erkennbar sind, durch das Land; allmählich hat der Fluß das ganze Bett ausgewaschen und ein gleichmäßiges Niveau hergestellt. Beim Beginn der geschichtlichen Zeit war die Tätigkeit des Flusses längst vollendet; seitdem fließt der Nil in mannigfachen Windungen und mit zahlreichen Nebenarmen durch die Talfurche, die er nur, wenn im Hochsommer die Schneewasser Äthiopiens ihren Abfluß suchen, weithin unter Wasser setzt. Genau soweit, wie zur Überschwemmungszeit die Wasser des Nil dringen oder von Menschenhand geleitet werden, ersteckt sich das Kulturland; haarscharf grenzt sich das schwarze, von den Schlammassen, welche der Fluß ablagert, gebildete Fruchtland ab gegen das Graugelb der es umrahmenden Wüste. Die Breite des Kulturlandes wechselt; im Durchschnitt beträgt sie 2, selten mehr als 2 1/2 deutsche Meilen. Nur an der Mündung des Nil erweitert es sich zu dem breiten, von zahlreichen Sümpfen und Seen durchzogenen Marschlande des Delta.

Auch im Süden ist die Grenze Ägyptens von der Natur scharf gekennzeichnet. Etwas oberhalb des 24. Breitengrades, beiGebel Silsile, tritt das Sandsteinplateau unmittelbar an den Fluß hinan, welches weiter aufwärts ganz Nubien bedeckt. Die Stromenge von Gebel Silsile ist die Südgrenze des ägytischen Kulturlandes; eine bezeichnende aus dem arabischen Namen des Gebirgszuges (Silsile heißt "die Kette") gebildete Sage erzählt, der Strom sei hier durch eine die sich gegenüberstehenden Berge verbindende Kette verschlossen worden. Etwa acht Meilen weiter aufwärts, bei Asuan (Syene), legt sich dann ein Gebirgszug von Granit und Syenit wie ein Querriegel dem Flusse vor. Dieser hat das harte Gestein zwar durchbrochen, aber nicht wie der Kalkstein Ägyptens völlig abzureiben vermocht; In vielen Stromschnellen zwängt er sich zwischen den Uferfelsen und den zahlreichen, aus seinem Bett aufragenden Inseln hindurch. Ohne Zweifel hat aber auch hier der Strom sein Bett fortwährend tiefer gegraben; wir wissen aus ägyptischen Nilhöhenangaben, daß vor etwa 4000 Jahren, zur Zeit der zwölften Dynastie, der Nil bei den Festungen Semne und Kumme oberhalb des zweiten Katarakts mindestens 8 Meter höher stand als gegenwärtig. Dies erklärt sich nur dadurch, daß der Fluß seitdem die Felsen des Kataraktengebietes um dasselbe Maß tiefer ausgehöhlt haben muß.

Dieser "erste Katarakt", der eine eigentliche Schiffahrt so gut wie völlig unmöglich macht - nur mit großer Mühe und Gefahr kann das Schiff durch die Stromschnellen geschafft werden - hat zu allen Zeiten die Südgrenze Ägyptens gebildet. Oberhalb desselben durchfließt der Nil in großer Kurve das nubische Sandsteinplateau. An zahlreichen Stellen versperrt ihm wie bei Assuan härteres Gestein den Weg, durch das er sich in Katarakten sein Bett gräbt. Das Flußtal hat durchweg nur die Breite von 1 bis 2 Meilen, das Kulturland, das zur Zeit des Alten Reiches noch ziemlich waldreich war, beschränkt sich, wo es nicht völlig aufhört, auf einen schmalen Ufersaum, so daß die Bewohner, um möglichst wenig davon unbenutzt zu lassen, auf den kahlen unfruchtbaren Höhen oberhalb desselben ihre Dörfer anlegen. Die ganze 215 Meilen lange Strecke von Chartum bis zum ersten Katarakt enthält gegenwärtig nur 50 Quadratmeilen bebauten Bodens. Nur das Land am Roten Meer wird südlich vom Wendekreis allmählich kulturfähig; es trägt hier größtenteils Steppencharakter. So ist Ägypten auch imNiltal vom inneren Afrika fast völlig abgeschlossen.Wie langwierig und beschwerlich hier die Verbindung ist, welche Gefahren die tropische Sonnenglut, der Mangel an Bebauung und die Schwierigkeit der Kommunikation selbst einem kleinen Heere bringen, das hier vorzudringen sucht, ist ja uns wieder durch den Feldzug der Engländer gegen den Madhi drastisch vor Augen geführt.

Ägypten ist das schmalste Land der Welt; bei einer Längenausdehnung von 120 deutschen Meilen umfaßt es nicht mehr als 530 Quadratmeilen Kulturland, ist also nicht größer als das Königreich Belgien. *10) Es ist nötig, sich diesen Umstand klar vor Augen zu halten, zumal da die gangbaren Karten, indem sie das Wüstengebiet mit in die Begrenzung Ägyptens hineinziehen und gewöhnlich in keiner Weise vom Kulturland, sondern, nur leicht ein ganz falsches Bild hervorrufen. Die alteinheimische Anschauung stimmt völlig zu der geographischen Beschaffenheit: Ägyptens oder, wie das Land in der einheimischen Sprache heißt, Quemt - der Name bedeutet wohl sicher "das dunkle Land" - ist nur das fruchtbare Niltal, nur hier wohnen Ägypter. Die Oasen im Westen und im Osten das "rote Land" (ta descher), d.h. das kahle, rötlich schimmernde Plateau der arabischen Wüste, werden durchweg zum Ausland gerechnet und sind auch nicht von Ägyptern bewohnt. Das Orakel, welches entschied, "Ägypten ist alles Land, welches der Nil bewässert, und Ägypter sind alle, welche unterhalb der Stadt Elephantine wohnen und Nilwasser trinken" (Herod. II, 18), bezeichnet den Sachverhalt vollständig korrekt.

Eine Schilderung des Landes ist den Lesern dieses Werks bereits von Dümichen gegeben. "Herodot bezeichnet es mit Recht als ein Geschenk des Flusses"; nur ihm verdankt es seine Frunchtbarkeit und seinen Wohlstand. Ohne den Strom würde der Sand der libyschen Wüste die ganze Talfurche bedecken, die durch ihn zu einem der fruchtbarsten und dichtbevölkertsten Länder de Erde geworden ist. *11)

>>> Siehe Fortsetzung: Seite Altes Reich (2): Erstes Kapitel — Das Land und seine Bewohner (2 - Ethnographie). Zweites Kapitel — Anfänge der ägyptischen Kultur. Die Gaue als Staaten. Drittes Kapitel — Die ägyptische Volksreligion)


*1) Die Indier und Iranier können in diesem Zusammenhang so wenig genannt werden wie etwa die Araber oder andere semitische Völker. Dieselben besitzen zwar eine tiefgreifende und durchaus spontane Entwicklung des geistigen und speziell des religiösen Lebens; aber die materielle wie die staatliche Seite ihrer Kultur ist der Hauptsache nach von auswärts importiert.
*2) Zwischen Babylonien und Ägypten sind allerdings wohl zweifellos seit uralter Zeit wenigstens indirekte Beziehungen vorhanden gewesen, wenn auch unsere Kenntnisse noch nicht ausreichen, um dien Art derselben zu bestimmen. Die von Hommel, Geschichte Babyloniens und Assyriens (Nr. 2 dieser Sammlung), vertretene Ansicht, die ägyptische Kultur sei in wesentlichen Punkten von der babylonischen abhängig, vermag ich nicht zu billigen. Zu einer eingehenden Polemik ist hier nicht der Ort, auf einzelnes werde ich weiter unten zurückkommen.
*3) Es ist möglich, daß andere ägyptische Schriftsteller der Ptolemäerzeit, wie Ptolemäus von Mendes, besser Bescheid wußten; doch gestattet die dürftige Überlieferung darüber kein Urteil. Im übrigen hat ganz neuerdings Stern (Ztschr. f. ägypt. Spr. 1885 S. 87) mit sehr beachtenswerten Gründen zu erweisen gesucht, daß diese Notizen in unseren Exzerpten nicht aus Manetho selbst entnommen seien.
*4) Ein einziges ägyptisches Denkmal zeigt eine Ära: Unter Ramses II. wird ein in Tanis gefundener Stein nach dem Jahre 400 des Hyksoskönigs Nubti datiert. Welche Bewandnis es mit dieser völlig isolierten Rechnungsweise hat, ist uns ganz unbekannt; man könnte vermuten, daß die Angabe des Jahwisten im 4. Buch Moses 13, 22, "Hebron ist 7 Jahre vor Tanis in Ägypten gegründet worden", sich auf diese Ära bezieht, die dann als Gründungsära von Tanis betrachtet wäre. Doch weiter hilft uns auch das nicht. — Von der Sothisperiode rede ich hier, wo es nur auf eine Orientierung des Lesers ankommt, absichtlich nicht. Denn daß sie zu chronologischen Zwecken nie verwendet worden ist, steht ja völlig fest.
*5) Eine zweite Übereinstimmung zwischen dem Turiner Papyrus und Manetho bietet die Angabe, daß König Pepi II. (6. Dynastie) über 90 Jahre, sein Nachfolger 1 Jahr regierte - doch wird man gerade hier wenig geneigt sein, die Überlieferung für historisch zu halten. *6) Ganz sicher ist die Bestimmung der manethonischen Daten für diese Zeit bei den großen Diskrepanzen der Überlieferung nicht. Im übrigen stimmen sie in dieser Zeit, wo wir sie einigermaßen kontrollieren können, wie bei der zweiundzwanzigsten Dynastie und bei Taharqa, nur sehr teilweise mit den Denkmälern überein (die 22. Dynastie z.B. regiert nach Manetho 120 Jahre, nach den Denkmälern etwa 200 Jahre, und die Einzelposten sind zum Teil ganz abweichend), aber die Daten sind nahezu oder völlig korrekt, da wiederholt mehrere Dynastien nebeneinander regierten. Es muß hier eine ausgleichende Redaktion stattgefunden haben, deren Art sich im einzelnen unserer Kenntnis entzieht.
*7)Weltgeschichte in Daten, Berlin 1965
*8) Nach Manetho's Rechnung, wie sie Unger (Chronol. des Manetho) konstruiert hat, fällt Mena's Antritt ins Jahr 5613 (Bökh 5702). Lepsius setzt ihn ins Jahr 3892, Bunsen 3623, Brugsch 4400, Mariette 5004, Lauth 4157, Wiedemann 5650 usw.
*9) Der Name Oase (griechisch (xxx1) Herod. III, 26 u.a., daneben häufig (xxx2)) entstammt dem ägyptischen Wort uat, aus dem auch die arabische Bezeichnung der Oase wáh hervorgegangen ist. Dümichen, die Oasen der libyschen Wüste 1877 und Brugsch, Reise nach der großen Oase el Chargeh 1878
*10) Die Daten entstammen hier wie im Vorigen der Einleitung von Baedekers trefflichen Reisehandbuch für Ägypten (2. Aufl. 1885)
*11) Gegenwärtig, wo die Bevölkerung Ägyptens noch nicht die Höhe wiede erreicht hat, welche es in seiner Glanzzeit hatte, kommen nach Baedeker S. 41 nicht weniger als 205 Bewohner auf den Quadratkilometer Kulturland, also mehr als in irgend einem europäischen Staate