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Geschichte des alten Ägyptens (Einleitung)

Geographie des alten Ägyptens, Schrift und Sprache seiner Bewohner

(Dr. Johannes Dümichen)

Zweites Kapitel (1)

Die alte geographische Einteilung des Landes

Wir nahmen im vorhergehenden Kapitel Gelegenheit, bei Besprechung des einst im unteren Niltale zur Entfaltung gekommenden Lebens, auf einige ganz besonders stark hervortretende Eigentümlichkeiten der alten Niltalbewohner aufmerksam zu machen, wie solche in ihren Staatseinrichtungen und ebenso im Verkehre des bürgerlichen Lebens, in Sitten und Gesetz, in Kunst und Wissenschaft sich kundgeben. Als einen Hauptzug im Wesen der alten Ägypter mußten wir da bezeichnen ihre so hohe Achtung vor dem bestehenden Gesetz, ihr strenges Festhalten an althergebrachter Ordnung und ihren so lebhaften Sinn für Regelmäßigkeit, der in Bezug auf die äußere Form bei den meisten ihrer Denkmäler in dem so ersichtlichen Streben nach Symmetrie und entgegentritt. Diese Eigenheit altägyptischenWesens spricht nun ganz besonders deutlich sich auch in den im Niltale uns erhalten gebliebenen Tempelgebäuden aus, sowohl im betreff ihrer baulichen Anlage als auch in bezug auf die Ausschmückung der einzelnen Teile des Baues mit bildlichen Darstellungen und Inschriften. Wie hier der Architekt in bezug auf die Gliederung der Gebäude, die Verteilung und Aufeinanderfolge der verschiedenen Räume, vom Vorhofe bis zum Sanctissimum hin, durch altheilige Vorschriften gebunden war, von denen nicht abgewichen werden durfte, so war ebenso für die den Skupturenschmuck ausführenden Künstler streng vorgeschrieben, in welcher Weise und an welcher Stelle der Tempelwand sie dieses oder jenes Thema zu behandeln hatten. Für die Anbringung derjenigen Darstellungen und Inschriften nun, welche vorzugsweise die Geschichte Ägyptens und da wiederum speziell die ins Ausland unternommenen Feldzüge behandeln, hatte man als eine durchaus passenden Platz die Außenmauern des Tempels und zumal die durch ihre Höhe zu Kolossaldarstellungen vorzüglich sich eignenden Wände der Pylonen ausgewählt, während für die Behandlung der Geographie des eigenen Landes, als ein nicht minder passender Platz, der untere Absatz der Tempelwände, auf etwa ein Meter Höhe von der Basis ab, bestimmt war. An den der Außenwelt zugekehrten, schon von weither sichtbaren Tempelmauern, an die auch die Menge des Volkes herantreten durfte, der ja das Verweilen in den Innenräumen des Heiligtums versagt war, hier verherrlichte man, für alle zu schauen, die unter dem Schutze der Gottheit im mutigen Kampfe gegen das Ausland vollbrachten Taten des ägyptischen Herrschers und seines Volkes. Wie einen Riesen unter Zwergen, alle Kämpfenden hoch überragend, so erblickten wir da den königlichen Helden dargestellt, wie er in Begleitung seines Wagenlenkers, oder auch wohl mit eigener Hand die Rosse zügelnd, auf seinem Streitwagen gegen die Reihen der andringenden Feinde anstürmt oder die Fliehenden verfolgt, Pfeil auf Pfeil ihnen nachsendend oder mit Speer und Lanze, mit Schwert und Streitaxt Schrecken und Tod um sich her verbreitend. An anderer Stelle wieder wird uns der Aufmarsch der ägyptischen Truppen oder die vom König geleitete Belagerung einer Festung im Bilde vorgeführt, und dort wieder erblicken wir in einem in kühner Zeichnung entworfenen und mit bewundernswerter Sorgfalt ausgeführten Schlachtgemälde einen erbitterten Kampf, der hier in einer Gebirgsgegend, dort an den Ufern eines Stromes oder auch wohl zu Schiffe an der Küste des Meeres vor sich geht. Zur Rechten und Linken des zwischen den beiden hochragenden Pylonen eingelassenen Portals, da erblicken wir in der Regel in Riesengröße den Pharao abgebildet, wie er in symbolischer Handlung die von ihm überwundenen Feinde, zu einem Bündel vereinigt, mit der Linken am Schopfe hält, während seine erhobene Rechte den sie vernichtenden Schlag mit den Streitkolben ausführt, und eine andere Darstellung, unmittelbar daneben, darunter oder darüber, zeigt uns den ägyptischen Herrscher, wie er aus der Hand seines Gottes das Siegschwert in Empfang nimmt, während hinter dem Bilde des Amon oder Horus die personifizierte Residenzstadt Theben, "die siegreiche Herrin der Städte", wie sie in den Inschriften genannt wird, einherschreitet, in langen Reihen die bezwungenen Völker und Städte dem ruhmreich Heimgekehrten zuführend. Dem Throne seines göttlichen Vaters sehen wir dort den mächtigen "Sohn der Sonne, den Herrn der Diademe, den über Ober- und Unterägypten gebietenden König", einen Usertesen oder Amennophis, Thutmosis oder Ramses sich nahen; in den Tempel seines Gottes richtet der glücklich Zurückgekehrte zuerst seinen Weg, ihm, auf dessen Geheiß er auszog und dessen Beistand ihm zum Siege half, gilt jetzt sein Dank, den er durch Darbringung kostbarer Weihgeschenke er ausspricht. "Du bist wie der Sonnengott, leuchtend wie er erscheinst du den Lebenden. Dein Siegesschwert ist mächtig im Niederwerfen der Barbaren. In glücklicher Lage befindet sich Ägypten unter Deiner Stärke. Die Kraft des Kriegesgottes Muntu ist getaucht in Deine Glieder. Deine Absichten sind fest und Deine Pläne sind im Verwirklichen sich, wie ausgedacht hat Ammon sie. Fest ist der Thron Ägyptens." Mit diesen Worten begrüßen an dem Pylon des Tempels von Medinet-Habu der Kronprinz und zwei der höchsten Würdenträger des Reiches den aus siegreichem Kampfe gegen ein mächtiges Völkerbündnis zurückgekehrten König Ramses III:, der auf diese Anrede erwidert: "Auf die Huld, die große, welche uns erwiesen hat Amon-Ra, der König der Götter, dem ägyptischen Könighause, auf sie schauet hin!" *1 — Die auf göttlichen Befehl und unter göttlichem Schutz in Kampfe mit dem Ausland vollbrachten Taten des ägyptischen Herrschers und seiner tapferen Krieger und der den Göttern dargebrachten Dank, das sind die beiden großen Motive, welche, in ihrer Ausführung aufs mannigfachste variiert, zumeist den Darstellungen und Inschriften an dieser Stelle der ägyptischen Tempelmauern zugrunde liegen. Wie also hier wir vorzugsweise über die geographischen Kenntnisse der alten Ägypter bezüglich des Auslandes Aufschluß erhalten, so belehrt der untere Absatz der Tempelwände uns über doe Geographie des eigenen Landes und diese letztere Klasse von Darstellungen und Inschriften nun ist es, der wir jetzt in einer etwas eingehenden Betrachtung uns zuwenden müssen. Zuerst ein paar Worte da über die Form, in welcher diese geographischen Urkunden abgefaßt sind. Wie in den astronomischen Darstellungen an den Decken der Tempel die Gestirne des Himmels, so weit sie von den alten Ägyptern beobachtet worden, und ebenso die größeren und keineren Zeitabschnitte, Monate, Tage und Stunden, personifiziert als Männer und Frauen, uns entgegentreten, so finden wir auch in der Behandlung der geographischen Einteilung des Landes diese Form beobachtet. Demgemäß zeigen sich uns in den meisten der erhalten gebliebenen größeren ägyptischen Tempel, an den Außenmauern wie an den Wänden der Vorhöfe oder auch wohl in einzelnen Innenräumen, an dem im Vorhergehenden näher bezeichneten unteren Absatz der Wände, lange Reihen von Figuren, die, Spenden darbringend, von dem ebenfalls eine Spende tragenden König geführt, in feierlicher Prozession auf das Bild der Hauptgottheit des Tempels zuschreiten. Die Figuren sind bald Männer, bald Frauen, und bald wieder zeigen sie eine mannweibliche Gestalt, ganz so wie der personifizierte Nil abgebildet wird. In den älteren Tempeln, wie z.B. in Abydos oder Karnak, sind die an den König sich anschließenden Personen knieend dargestellt. Jede dieser Figuren, den voranschreitenden König ausgenommen, trägt auf den Kopfe das hieroglyphische Zeichen (xxx20), ein von Kanälen durchschnittenes Stück Ackerland darstellend, auf welchem ein auf einer Stange befestigtes, mit flatternden Bändern geschmücktes Gerüst ruht (xxx21), über dem dannn wieder ein zweites hieroglyphisches Zeichen oder eine aus mehreren Zeichen zusammengesetzte Gruppe angebracht ist, die indessen bei jeder Figur eine verschiedene ist.

Das Verdienst des durch seine reiche Papyrussammlung in der gelehrten Welt bekannten Herrn Harris ist es, die Bedeutung dieser für die geographische Forschung so wichtigen Abbildungen zuerst erkannt zu haben, indem er die einzelnen Figuren als Personifikationen der verschiedenen Gaue Ägyptens und deren Unterabteilungen erklärte. In seiner im Jahre 1851 erschienenen "Hieroglyphical standards representing places in Egypt suppodes to nomes and toparchies" veröffentlichte Hr. Harris zum erstenmal einige dieser bis dahin fast gänzlich unbeachtet gebliebenen geographischen Listen und hat seither die von ihm in der erwähnten Abhandlung aufgestellte Erklärung durch weitere Forschungen die schlagendste Bestätigung gefunden *2, so daß heute über die Richtigkeit derselben kein Zweifel mehr herrscht.

Die Anordnung in diesen geographischen Listen der ägyptischen Tempelwände ist nun in der Regel folgende: In der Mitte der dem Eingang gegenüber liegenden Wand, wenn die Darstellungen in einem der Innenräume sich befinden, und gewöhnlich am Ende der Langseiten, wenn sie an der Umfassungsmauer, im Vorhof oder an den Außenmauern des Tempelhauses angebracht sind, dort ist, mit dem Gesicht auf die Kommenden zugewendet, das Bild desjenigen Gottes eingemeißelt, dem der betreffende Tempel geweiht war, und nach ihm hin schreiten nun, Spenden tragend, die personifizierten Gaue und deren Unterabteilungen, gewöhnlich auf der Südseite die von Oberägypten und an der nach Norden zuliegenden Wand die von Unterägypten, beidemal geführt von dem König, der durch die beigegebenen Namensschilder sich dann immer aus derjenige ausweist, unter dessen Regierung der betreffende Tempel beziehungsweise der Teil desselben, in welchem die Darstellung angebracht ist, erbaut oder restauriert worden. Der König begrüßt die Gottheit mit einer kurzen Ansprache, des Inhalts: "Kommen der Sonne, des Herrn der beiden Länder (folgt, in ein Schild eingeschlossen der Thronname des Königs), des Sohnes der Sonne, des Hern der Diademe (folgt der zweite Name, der Familienname des Herrschers) zu Dir (folgt der Name der Lokalgottheit Amon oder Ptah, Horus oder Osiris, Isis oder Hathor, gewöhnlich mit dem Zusatze Herr oder Herrin von der und der Stadt, welches dann stets der Name derjenigen Stadt ist, zu welcher der betreffende Tempel gehörte). Er führt zu dir die Gaue Unter- oder Oberägyptens mit ihren Spenden." Der den König zumeist noch begleitenden Gemahlin ist dann ebenfalls eine Inschrift ähnlichen Inhalts beigegeben, und dem königlichen Paare folgen nun in der angegebenen Weise die personifizierten Gaue Ober- und Unterägyptens, jede der Figuren wieder durch eine Inschrift erläutert, in der die betreffende Provinz und deren Hauptstad, das Provinzheiligtum mit allem seinem Zubehör und zumal die daselbst verehrte Schutzgottheit des Gaues, die im Laufe des Jahres dort gefeierten Feste und die bei denselben fungierenden Priester und Priesterinnen besprochen werden, wie auch der im Tempelbezirk befindlichen heiligen Haine und Seen, der Kanäle, welche den Gau durchzogen, des Hafens, von welchem aus an den hohen Festen feierliche Fahrten mit den Götterbildern oft bis zu den Tempeln der Nachbarprovinzen unternommen wurden, und ebenso des vom Nil bewässerten und bebauten Ackerlandes und seiner Erzeugnisse gedacht wird. Wo der Raum an der Tempelwand es gestattet, sind der Behandlung eines jeden Gaues vier Figuren gewidmet, von denen dann die erste stets das Gauzeichen der betreffenden Provinz auf dem Kopfe trägt, während die Beischrift ganz allgemein den Gau und dessen bald mit dem heiligen, bald mit dem profanen Namen erwähnte Hauptstadt bespricht, die 2. Figur, als (xxx24) Mer in den Inschriften bezeichnet, gilt dem mit seinem besonderen Namen aufgeführten, zum Zwecke der Bewässerung wie der Schiffahrt angelegten Hauptkanal des Gaues, mit welchem zusammen dann auch noch einer und dr andere Nebenkanal erwähnt wird, die 3. Figur, (xxx25) Uru genannt, repräsentiert das wiederum in jeder Provinz einen besonderen Namen führende Ackerland oder auch vielleicht nur das dem Provinzialheiligtum angehörende Feld, die Tempeldomäne, und die 4. Figur, das (xxx26) Pehu oder (xxx27) Hun, hat sich als dasjenige Terrain des Gaues ausgewiesen, als das von der Überschwemmung noch erreichte Hinterland, auf welchem an tiefer liegenden Stellen zur Zeit des Hochwassers sich Sümpfe und Seen bildeten, die man, wie aus den Inschriften hervorgeht, zur Wasservögelzucht und zum Ausbau von Wasserpflanzen in großartigem Maßstabe verwertete und bei allmählicher Austrockung dann noch als Weideland ausnutzte. *3 Eine dieser Listen welche in zwei Hälften an der Außenwand des Sanctuariums von Edfu angebracht ist, wird in der die oberägyptischen Gaue behandelnden Hälfte durch folgende dem König als Herrn von Oberägypten in den MUnd gelegte Rede eröffnet:
"Ich bin gekommen zu Dir, o Horus von Hut (der heilige Name der Stadt Edfu, welcher bedeutet: "die Stadt des Flügel ausbreitenden Sonnengottes"), großer Gott, Herr des Himmels. Ich führe zu Dir die Gaue der Thebais (für Oberägypten hier gebraucht) mit dem, was sie besitzen: Ihre Götter und Göttinnen, welche beschützen den Horusthron in ihrem Heiligtum im Innern ihres Tempels, ihre den Zutritt habenden Priester, welche ihnen die heiligen Zeremonien vollziehn mit ihren Priesterinnen, welche das Sistrum (ein musikalisches Klapperinstrument) vor sich hinhalten, ihre heiligen Barken, welche stationieren in ihrem Gewässer, ihre heiligen Bäume in ihren Tempelhainen, das Vorgeschriebene für ihre Feste zu ihrer Zeit und was verboten ist da, die auf das Überschwemmungswasser bezügliche Festfeier, welche den Schlangengottheiten gilt, welche leben in den Kanälen, bewässernd ihre Felder zu ihrer Zeit und spendend das erfrischende Wasser bis hin zu ihren Marschen (den (xxx28) Hunu)." Dem also die Gottheit begrüßenden König folgen nun der Reihe nach die Gaue Oberägyptens, während auf der anderen Seite in derselben Weise der König als Herr von Unterägypten abgebildet ist, an den dann die Gaue des unteren Landes sich anschließen. Die Zahl dieser von den Griechen (xxx29) genannten ober- und unterägyptischenGaue muß in den verschiedenen Zeiten der ägyptischen Geschichte eine verschiedene gewesen sein, wie dies aus Herodot, Diodor, Strabo, Plinius, Ptolemäus und den Gaumünzen und ebenso aus den verschiedenen Tempeln uns erhalten gebliebenen hieroglyphischen Listen, deren Anordnung ich soeben kurz besprochen habe, hervorgeht. Es schwankt, wie es scheint, die Zahl zwischen 35 und 47, darüber hinaus dürfte sie niemals sich belaufen haben. Die meisten dieser Listen geben 20-22 oberägyptische und ebenso soviele unterägyptische Gaue. Nur eine einzige Liste im Tempel von Edfu, aus der Zeit Ptolemäus XI. Alexander I. herrührend, hat eine bei weitem höhere Gauanzahl, Da sich indessen eine derartig hohe Zahl auf keinem anderen ägyptischen Denkmal wiederfindet, so ist entweder diese Einteilung der ägyptischen Gaue nur von ganz kurzer Dauer gewesen oder wir haben eine Anzahl der Figuren in dieser geographischen Liste nicht als besondere Haue, sondern nur als deren Unterabteilungen aufzufassen. Die einzelnen ägyptischen Gaue, wie dieselben nach den Berichten der Denkmäler in ihrer Aufeinanderfolge von Süden nach Norden auf der Ost- und Westseite des Stromes verteilt waren, wollen wir nun der Reihe nach in kürze besprechen, auch bei einem jeden Gau die hervorragendsten Städte desselben aufführen und, so weit es sich tun läßt, die Entstehung und Bedeutung der alten Namen nachweisen.

A. Pa-to-res "das Südland" — Oberägypten

1. Gau (xxx30) "Ta Chont" — "das an der Spitze liegende Gebiet"

Ganz denselben Namen, mit demselben hieroglyphischen Zeichen geschrieben, führt das angrenzende Nubien und kann man deshalb auch die zur Bezeichnung des 1. oberägyptischen Gaues gewählte hieroglyphische Gruppe durch "Nubischer Gau" übertragen, eine passende Benennung für die an Nubien grenzende und zeitweise auch einen Teil dieses Landes noch mit unter ihrer Verwaltung habende ägyptische Provinz. — Die den Nil auf seinem ganzen Laufe durch Ägypten begleitenden, bald am linken, bald auf rechten Ufer näher herantretenden Höhenzüge, welche der Sand- und Kalksteinformation angehören, werden an der Südgrenze Ägyptens durch einen aus Granit bestehenden Quergebirgszug durchbrochen, der, als ein Arm des Küstengebirgssystems des roten Meeres, von Osten nach Westen sich hinziehend, den Nil hier überschreitet und noch am anderen Ufer ein Stück in die libysche Wüste hinein sich fortsetzt. Auf einer Strecke von etwa 10 km des Stromlaufes ragen die dunkelglänzenden Massen jenes Granitgebirges als wild zerklüftete Wände an den Ufern empor, wie sie ebenso als einzelne Blöcke oder zu Gruppen vereint, in seltsamen Formen übereinander getürmt, im Bette des Stromes liegen, dessen schaumzischende Wasser, an sie anprallend oder an ihnen vorüber sausend, zwischen ihnen hindurch sich drängend oder über sie hinweg stürzend, mit donnerndem Getöse hier Bahn sich brechen auf ihrem nordwärts gerichteten Lauf. Das ist das Gebiet des sogenannten ersten Nilkatarakte, an deren südlichem Ende die Insel Philae (der Name entstanden aus dem altägyptischen (xxx31) Aa-lak, Varianten: (xxx32) Aa-lak., (xxx33) I-lak., mit dem vorgesetzten männlichen Artikel (xxx34) p, also Pa'alak oder Pilak ausgesprochen, die Bedeutung desselben ist "die am Ende liegende Insel, die Grenzinsel") und ihr gegenüber die einst (xxx35) Senem, heute Bigeh genannte Felseninsel gelegen, während den nördlichen Abschluß dieses Gebietes das von den alten Ägyptern (xxx36) Ab "Elfenbeininsel", von den Griechen und Römern Elephantine genannte Eiland bildet. Ausgedehnte und auch zum großen Teil noch vorzüglich erhaltene Tempelgebäude finden sich auf der kleinsten dieser drei Nilinseln, auf Philae, während auf Senem und der durch ihre Prachtbauten einst Philae bei weitem überragende Elephantine bis auf ein paar vereinzelt stehende Säulen, einige Mauerreste und das erhalten gebliebene Nilmessergebäude, die alten Bauwerke vollständig verschwunden sind. Hier auf Elephantine erhob sich einst die gleichnamige Metropolis des ersten oberägyptischen Gaues, *4 in der die oberste Zivil- und Militärbehörde ihren Sitz hatte.In dieser Stadt befand sich auch das der Nomosgottheit geweihte Provinzialheiligtum, der herrliche Tempel des Chnum, und ein geräumiger Hafen war dort angelegt für die ägyptischen Schiffe, die in großer Zahl hier sich einfanden, um als Fracht die aus den Süden kommenden Waren aufzunehmen, unter denen das im Altertum so hochgeschätzte Elfenbein zu allen Zeiten einen Hauptbestandteil bildete, welcher Umstand offenbar der Stadt und Insel ihren Namen ihren Namen gegeben. — Gegenüber von Elephantine lag auf der Ostseite des Stromes die in in den hieroglyphischen Inschriften (xxx40) Sun genannte Stadt, ein Name,. der zusammengesetzt ist aus dem Worte (xxx41) un, mit der Bedeutung "öffnen, Eingang" und dem vorangestellten kausativen (xxx42) s, so daß die am Kataraktentor gelegene südlichste Stadt Ägyptens etwa geheißen haben würde: "die den Eingang gewährende". Im Munde der Griechen und Römer verwandelte sich das altägyptische Wort Sun in Syene und bei den Arabern dann in Es-Suan oder As-Suan *5 Wie auf Elephantine so ist auch hier wenig uns erhalten geblieben von Bauwerken aus alter Zeit, doch ist deshalb diese Gegend von nicht geringerem Interesse wie mancher andere, an Monumenten reiche Platz im Niltale. Es ist die Gegend um Assuan eine historische landschaft im großarigsten Stil. Gegenüber im Westen, auf Elephantine, die Stätte der alten Metropolis des südlichsten ägyptischen Gaues, zwar nichts mehr daselbst von ihren Tempeln und Palästen, doch erhalten noch das in der Pharaonenueit dort errichtete Nilmessergebäude, von welchem aus einst die Meldung über das Ergebnis der beobachteten Stromanschwellung an das Land erging, jene so wichtige Botschaft, der die gesamte Bevölkerung Ägyptens mit Spannung entgegen sah. *6 Gerichtet unsern Blick nach Süden dann, liegt vor uns hingebreitet dort das wilde Wasser- und Felsenchaos des Kataraktengebietes, jene seltsame, durch vulkanische Gewalten einst aus der Erde emporgehobene, wie durch Zyklopenarbeit aufgetürmte und wieder niedergerissene Granitmauer, über deren riesige Trümmer hinweg die siegreichen Wogen des Stromes sich Bahn brechen, und ostwärts, in der Einsamkeit der Wüste, da haben wir, als eine nicht minder merkwürdige Stätte menschlicher Werktätigkeit, die meilenweit im Granitgebirge sich hinziehende, heute verlassenen Gänge und Kammern jener weltberühmten Steinbrüche von Syene, in denen Jahrtausende hindurch der als vorzügliches Arbeitsmaterial von den altägyptischen Architekten wie Bildhauer gleich hochgeschätzte Granit gebrochen wurde, aus dem gefertigt sich Götterbilder und Königkolosse, Sarkophage und Tempelportale, Obelisken und Götterschreine fast in allen Ruinenstätten des ägyptischen Niltales gefunden haben. — Nicht genau an dem Platze, wo die elenden Lehmhütten des heutigen Assuan stehen, sondern etwas südlich davon, stand einst das altägyptische Sun und griechisch-römische Syene, an eben der Stelle, welcher auf und aus den Trümmern dieser beiden das altarabische Assuan dann sich ausbaute, eine Stadt, die ihrer Zeit eine nicht unbedeutende gewesen sein muß, wie sowohl aus den Berichten der arabischen Schriftsteller hervorgeht, als auch zu dieser Annahme uns berechtigt der sehr ausgedehnte Totenacker im Osten des ehemaligen Stadtgebietes, versehen mit zahlreichen Grabmonumenten, unter denen einzelne Grabmoscheen vom reinsten maurischen Stile sich befinden, die den berühmten Kalifen- und Mamlukengräbern Kairos nicht nachstehen und die uns bezeugen, daß das altarabische Assuan nicht bloß eine stark bevölkerte, sondern auch reiche Stadt gewesen sein muß. Im Erkennen der strategischen Wichtigkeit dieser Grenzstadt Ägyptens scheinen die alten Araber die von ihnen hier vorgefundenen Festungswerke noch bedeutend erweitert und auch auf das andere Ufer verpflanzt zu haben, woselbst übrigens auch schon zur Römerzeit Befestigungen existiert haben müssen, denn sowohl in dem Itinerarium Antonini als auch in dem in der Notitia dignitatum uns aufbewahrten Verzeichnis der römischen Heerstraßen wird ein gegenüber von dem östlichen Syene auf dem linken Stromufer angelegtes Contra-Syene erwähnt, woselbst die Cohors Quinta Suenensium stationierte, während in dem Castra Lapidariorum auf der Ostseite, etwas südlich von Syene, die Cohors sexta Saginarum, auf Elephantine die Cohors prima Felix Theodosiana und auf Philae die Legio prima Maximiana lag. Die Stadt Assuan war als eine wohl geschützte Grenzfestung der sehr geeignete Platz für die Araber, um von hier aus ihre Raubzüge nach Nubien hinein zu unternehmen, dann aber war sie es auch wieder, die nach dem Sturz der Fatimidischen Kalifen, bei dem plötzlichen Einfall der Nubier, diesen zuerst in die Hände fiel und durch sie von Grund aus zerstört wurde. Unter Selim dem Eroberer wurden im Jahre 1517 die Nubier zwar wieder hinter die Katarakten zurückgeworfen, doch das alte Assuan war vernichtet und der nordwärts von seiner Trümmerstätte neu erstandenen Stadt ist niemals es gelungen, zu irgend welcher Bedeutung sich emporzuschwingen; heute ist sie eine kaum 4000 Einwohner zählende höchst armselige Ortschaft. — Von Syene 42 Kilometer nilabwärts, an der Stelle, wo gegenwärtig der Nil eine starke Ausbiegung nach Osten zu nimmt, dort lag auf einer Anhöhe am rechten Stromufer eine gleichfalls noch zum 1. oberägyptischen Gaue gehörige Stadt. Es muß dieselbe allmählich einen bedeutenden Aufschwung genommen haben, da wir sie schließlich an Stelle vom Elephantine als die Metropolis des nun nach ihr genannten Gaues aufgeführt finden. In den hieroglyphischen Inschriften hat sie den Namen (xxx47) Nubi, d.h. "die Goldstadt", so genannt vielleicht wegen einer von hier aus zu den nubischen Goldbergwerken führenden Straße, wie ja auch von dem Golde der weiter nordwärts am rechten Stromufer gelegenen Stadt Koptos so oft in den Inschriften die Rede ist, unter dem wir gleichfalls nicht bei Koptos gewonnenes, sondern nur auf der dort einmündenden Wüstenstraße eingebrachtes Gold zu verstehen haben. Bei dem Griechen wurde der altägyptische Name Nubi durch ein beim Aussprechen desselben von ihnen vorgeschlagenes U oder O zu Unbi, Umbi uns Omboi und bei den Kopten zu Embo, während in dem Itinerarium Antonini die Stadt unter dem Namen Ombos und in der Notitia dignitatum als Ambos aufgeführt ist. Der Lokalgott von Ombos war der krokodilköpfige Sebak-Ra, neben welchem noch Hor-uer "der große Horus", eine andere Erscheinungsform des Ra, verehrt wurde. Nicht unbedeutende Überreste mehrerer Tempel bezeichnen uns die Stelle, an welcher die von den alten Ägyptern angelegte und noch bis in die späte römische Zeit blühende Stadt sich befand. Heute ist diese Gegend, Kum-Ombo "der Hügel von Ombo" im Arabischen genannt, aus welcher Benennung der alte Name noch deutlich herausklingt, auf weithin absolut unbewohnt. ein gänzlich verlassenes, ringsum ödes, sonnenverbranntes Trümmerfeld ist gegenwärtig das Stadtgebiet des alten Ombos, von welchem unten der vorüberbrausende Nilstrom immer ein Stück nach dem andern hinabreißt, während auf der Höhe die Sandwellen der Wüste die vom alten Ombos noch erhalten gebliebenen Tempelmauern von Jahr zu Jahr immer mehr und mehr zudecken.

Nebeneinander wurden in dem größeren der beiden Heiligtümer von Ombos, in dem auf der Anhöhe liegenden, Hor-uer "der große Horus" und Sebak-Ra, der als Krokodil oder krokodilköpfig dargestellte Gott, verehrt. Diese doppelte Auffassung des Sonnengottes und der hierdurch bedingte doppelte Kult erklären die eigentümliche, von allen übrigen Tempelgebäuden anweichende Bauart des großen Ombostempels. Wir haben hier eigentlich zwei nebeneinander gestellte, zu einem einzigen Bau vereinigte Tempelhäuser vor uns, mit einem doppelten Portal zu der vordersten Säulenhalle, einem doppelten Eingang ebenso zu dem anstoßenden zweiten Saal und selbst mit einem doppelten Sanctuarium darin. Die Herstellung des Skulpturenschmuckes in diesem Heiligtum wie in dem kleinen, heute fast gänzlich zerstörten, unterhalb gelegenen Tempels fällt in die Zeiten der Ptolemäerherrschaft, und zwar werden uns Ptolem. Epiphanes Philom. II. (205-181 v. Chr.), Philom. II., Energ. II., Soter II. und Ptolem. XIII., Neos-Dionysos mit seiner Gemahlin Cleopatra Tryphäna (81-52 v. Chr.) in den Inschriften des Tempels genannt. Die Erwähnung des Namens der Stadt Ombos und der dort verehrten Gottheiten in den Inschriften anderer Tempel jedoch und ebenso das Vorkommen alter Königsnamen auf Ombitischen Mauerresten beweist, daß bereits lange vor der Ptolemäerzeit hier eine Stadt mit einem dem Horus und Sebak-Ra geweihten Heiligtum existiert haben muß. König Thutmosis III. (16. Jh. v. Chr.) und seine ältere Schwester, die herrschsüchtige Königin Ramaka (der Name möglicherweise Makara zu lesen), welche vor ihrem Bruder eine Zeitlang selbständig regierte, werden als Erbauer eines noch teilweise stehenden Portals der südlichen Stadtumwallung geannnt, und einzelne herabgestürzte Blöcke des kleineren der beiden Ptolemäertempel tragen auf der Rückseite die Namen der Könige Thutmosis III. und Ramses III. - Rampsinit. Die Ptolemäer haben also auch hier wohl nur, wie fast überall im Niltale, ein älteres in Verfal geratenes Heiligtum mit Benutzung des noch brauchbaren Materials wiederhergestellt. Wie wir vorher ein Conta-Syene kennenlernten, so lag ebenso Ombos gegenüber am westlichen Stromufer ein Contra-Ombos, von welcher Stadt sich der alte Name in der seltsamen arabischen Umwandlung Bambana erhalten hat, welchen ein an jener Stelle liegendes Dorf führt. Unter den Gaumünzen der Kaiserzeit tragen die des Ombitischen Gaues als Abzeichen entweder nur das heilige Tier des Ombitischen Schutzgottes, das Krokodil, oder das Bild eines Kriegers, der einen Speer in der rechten und eine Krokodil in der linken Hand hält.

Weiter nach Norden zu, so ziemlich halbwegs zwischen Assuan und Edfu, etwa 20 Kilom. unterhalb von Ombos, treten die den Nil begleitenden Höhenzüge an beiden Ufern bis dicht an den Strom heran. In ähnlicher Weise, wie bei Assuan ein aus Granit bestehendes Quergebirge den Nil überschreitet, so durchschneidet hier ein von Osten nach Westen sich hinziehender Sandsteingebirgszug das Niltal. Gebel-Selseleh "Berg der Kette" wird von den heutigen Bewohnern jene Gegend genannt, an die sich die Sage knüpft, daß an den hier den Strom einengenden Felsen einst eine Kette zur Absperrung der Schiffe angebracht gewesen. Es geht dieser arabische Name Selseleh wohl zurück auf das altägyptische Wort (xxx48) kerker oder (xxx49) kerer geschrieben, und "Felsenhöhle", speziell eine solche, aus der das Wasser hervorstürzt "Schlund, Wasserstrudel, Katarakt" bedeutend. (Siehe das bei den Quellen des Nil hierüber Gesagte.) Dieses Wort konnte nun, da r und l im Altägptischen wechseln, je nach dem die Bedeutung des Wortes modfizierenden Deteminativ auch kelkel und kelel lauten, wie die koptische Nachfolge (xxx50) (kori) "cataracta, fenestra" und (xxx51) djeldjel) "einschließen, Umwallung" beweist. Aus dem letztem wohl ist das Silili und Silsili der Griechen und Römer entstanden, wofür dann die Arber aus ihrer Sprache das ähnlich lautende Wort selseleh "Kette" einsetzten, an welches sie die Sage von der ansperrenden Kette knüpften und in bezug auf die sie noch heute dem Reisenden die Stelle am Felsen zeigen, wo jener wunderbare Verschluß einst angebracht gewesen sein soll. Der altägyptische Name der Stadt an dem näher bezeichneten Platze, woselbst in dem hier beginnenden Sandsteingebirge auf beiden Seiten des Stromesdie verlassenen Gänge und Kammern jener uralten Steinbrüche sich befinden, aus denen das Baumaterial der meisten ägyptischen Tempel des Niltales entnommen, dieser ihr alter Name hat nichts mit dem griechisch-römischen Silsili und dem arabischen Selseleh zu tun. Der altägyptische Name, unter welchem die wohl schon zum 2. oberägyptischen Gau gehörige, vielleicht aber auch noch dem Ombites zugeteilt gewesene Stadt in den Inschriften auftritt, stellt sich in der Schreibung (xxx52) Chenu dar. Das zur Namensschreibung verwendete hieroglyphische Zeichen der beiden rudernden Arme (xxx53) mit der Aussprache chenu oder cheni hat je nach dem hinter dasWort tretenden Bestimmungszeichen die gesicherte Bedeutung; "rudern, ein Schiff führen, Schiffahrt betreiben, Schiffer, Schiff". Durch "Schifferstadt" würde also am besten der altägyprische Name wiedergegeben sein, eine durchaus passende Benennung für einen Ort, dessen Bewohner sich vorzugsweise mit dem Transport des in den benachbarten Steinbrüchen gewonnenen Baumaterials befaßten. Schiffer und Steinmetzen und die den Steinbrucharbeiten vorstehenden Beamten bildeten einst die Bevölkerung dieser Stadt, nicht aber Professoren und Studierende einer irrtümlich hierher verlegten altägyptischen Hochschule. Die Schutzgottheit von Chenu war, wie in dem benachbarten Ombos, der krokodilköpfige Sebak. Nach ihrem Schutzpatron, wie dies nachweisbar bei den meisten ägyptischen Städten der Fall war, wird nun die Schifferstadt nebenher noch Stätte des Sebak genannt worden sein, und dieser letztere Name hat sich meines Erachtens erhalten in dem Namen des einige Kilometer nordwärts von Gebel-Silsileh liegenden Dorfes Schebekeh. Die altägyptische Stadt Chenu-Silsilis lag südlicher, dicht am Gebirge des östlichen Stromufers. Neben Chenu führte die Stadt und deren Umgegend noch den Namen pa mu ab "das heilige Wasser", so genannt wohl wegen der alljährlich hier stattgehabten, auf das Steigen des Nil bezüglichen Festfeier. Die Nekropolis befand sich, wie eine ganze Reihe wohlerhaltener Felsengräber beweist, drüben auf der Westseite, woselbst auch mehrere speziell dem Nilkulte gewidmete Felskapellen sich befinden, die namentlich wegen der in ihnen vermerkten Zeitangabe des hohen und niedigen Wasserstandes für die Feststellung des altägyptischen Kalenders von hoher Wichtigkeit sind. Als römische Besatzung lag nach der Notitia dignitatum in Silisi einst der Cohors prima Apamenorum. — Gleichfalls am östlichen UIfer, von Gebel-Silsileh etwa 20 Kilom. stromabwärts, finden wir das Dorf Buha, dessen Name mir den Platz zu bezeichnen scheint, an welchem einst in den Inschriften unter dem Namen (xxx54) Buhi auftretende Stadt gestanden. Sie wird erwähnt in der Nekropolis des nordwärts am östlichen Stromufer folgenden 3. Gaues, und zwar daselbst in dem durch seine Inschriften hoistorischen Inhalts so wertvollen Grabe des Admirals Aahmes, eines der Haupthelden in dem ägyptischen Befreiungskriege (17. Jh. v. Chr.). Der an den Wänden seines Grabes eingemeißelten Biographie ist noch ein Verzeichnis der königlichen Geschenke beigefügt, die Aahmes zum Lohn für seine Kriegstaten erhalten und heißt es daselbst: "In der Stadt Buhi erhielt ich abermals geschenkt von Könige Ober- und Unterägyptens ein Ackerstück von 60 Sat."Das Ackermaß (xxx55) Sat, in späterer Zeit (xxx56) Sata geschrieben, war, wie aus der großen Schenkungsurkunde des Edfutempels hervorgeht, der zehnte Teil des (xxx57) Chennuh "Schinos". Den ägyptischen Quadratschoinos, wie Lepsius annimmt, zu 445,20 m gerechnet, erhalten wie für das Ackermaß Sat 44,52 m. Das dem Aahmes im Bezirke der Stadt Buhi geschenkte Feld von 60 Sat würde demnach 2671 m groß gewesen sein. Das Wort buhi, ganz mit den denselben hieroglyphischen Zeichen geschrieben wie unser Stadtname, hat in den Inschriften unter anderen die gesicherte Bedeutung von "töten", speziell gebraucht vom Erlegen der der Tiere auf der Jagd und ist ebenso der altägyptische Name der Hyäne, wie aus dem dem Worte nicht selten als Bestimmungszeichen noch nachgesetzten Bilde einer Hyäne deutlich hervorgeht. Durch "Jagdstadt" oder Hyänenstadt dürfen wir sonach den Namen der Stadt Buhi übertragen, beides passende Bezeichnungen für eine am Rande der Wüste Stadt Oberägyptens. Einige Kilometer nordwärts von Buha liegen die Schutthügel einer alten Stadt, wohl die Trümmer der von Ptolemäus dort verzeichneten Stadt Tooum, welcher gegenüber das Intinerarium Antonini ein Contra-Thumuis setzt. Vielleicht haben wir in dem Tooum des Ptolemäus den alten heiligen Namen, hergenommen von dem Gotte Tum "Stätte des Tum", während sich in dem des Dorfes Buha der alte profane Name Buhi erhalten. — Von hier wieder etwa 8 Kilometer stromabwärts kommen wir zu dem vorzugsweise von Leuten des Ababdehstammes bewohnten Dorfe Redesieh. Hier mündet ein zuerst direkt nach Osten, dann mehr in südöstlicher Richtung sich hinziehendes Gebirgstal, durch welches im Altertum eine viel betretene Karawanenstraße führte, auf der man von Niltale aus mit den Küstenstädten des Roten Meeres verkehrte, wie den Transport der Ausbeute aus den in der östlichen Wüste befindlichen Smaragdgruben und Goldbergwerken vermittelte. Trümmer von Tempeln, Reste alter Mauerumwallungen und Brunnenanlagen markieren uns die Richtung jener für Ägypten einst so wichtigen Straße. Eine gute Kameltagereise landeinwärts von dem genannten Redesieh nach Osten hin gelangen wir zu einer von jenen befestigten Brunnenstationen, welche nicht bloß in der zwischen dem oberägyptischen Nil und den Roten Meere sich hinziehenden Wüste, sondern auch im Osten des Delta auf der nach Asien führenden Heerstraße anzulegen und in Stand zu halten sich die Pharaonen aller Zeiten sich angelegen sein ließen. Die Aufforderung zur Abtretung einer solchen Brunnenstation, welche der Hyksoskönig Apepi an den, dem legitimen Herrscherhaus angehörenden Raskennen-Taa stellte, der als ein seiner königlichen Macht beraubter Fürst in dem oberägyptischen Theben damals residierte, diese Aufforderung scheint nach dem Berichte eines Papyrus *7 einen Hauptanstoß für die oberägyptische Schilderhebung zur endlichen Befreiung von fremdländischen Joche abgegeben zu haben. Die vorerwähnte befestigte Brunnenstation im Osten von Redesieh nun, diese war angelegt worden von König Sethos I. (19. Dynastie), wie dies aus dem zum Teil noch wohlerhaltenen Inschriften eines dort befindlichen Felsentempels hervorgeht. Wir erfahren durch die Inschriften dieses Tempels folgendes: "Der genannte König habe, weil in Folge des großen Wassermangels die jene Straße Ziehenden bisher in Menge dem Tode anheimgefallen, in Person eine Inspizierung dieser Gegend vorgenommen, habe das Bohren von Brunnen dabei angeordnet, die gemachten Versuche seien an jener Stelle von glänzendem Erfolge gekrönt worden, und infolge dessen habe nun der König die Anlage eines befestigten Hydrenma mit einem dem Gotte zum Dank errichteten Tempel befohlen und der Station den Namen gegeben: (xxx58) ta chnum.t (xxx59) Ra-ma-men "Brunnen des Königs Sethos I." Es folgt nun nach Norden anstoßend, auf der Westseite des Stromes, als 2. Gau (xxx60) Tes-Hor "der Gau der Horuserhebung".


*1 Dümichen, Historische Inschriften, I, Taf. 17
*2 H. Brugsch, Geographie des alten Ägyptens, 3 Bde. Leipzig 1857, J.C. Hinrichs und eine Reihe von Abhandlungen geographischen Inhalts in der "Zeitschr. f. ägyptische Sprache". Außerdem von demselben Verfasser: L'exode et les monments egyptiens, mit einer Karte des alten Unterägyptens und vor allem sein neuestes, die geogrphischen Namen der ägyptischen Denkmäler in alphabetischer Aufeinanderfolge besprechendes großartiges Werk, Dictonnaire geographique de l'ancienne Egypte, Leipzig, J.C. Hinrichs. — J. de Rougé, Textes gheographiques du temple d'Edfon, in der "Revue archèologique" und: Monnaies des Nomes de l'Égypte, Paris 1875. — J. Dümichen, Geographische Inschriften altägyptischer Denkmäler, in den Jahren 1863-65 an Ort und Stelle gesammelt und mit Erläuterungen herausgegeben, 2 Bde., Leipzig, 1865, J.C. Hinrichs, und: Die Oasen der libyschen Wüste (ihre alten Namen und ihre Lage, ihre vorzüglichsten Erzeugnisse und die in ihren Tempeln verehrten Gottheiten), Straßburg 1877, Carl J. Tübner
*3 Siehe Lepsius, Über die mit den Nomenlisten verbundenen geographischen Namenreihen,. in Zeitschrft. für ägypt. Spr., Mai 1865, woselbst die früher in ihrer Deutung verkannten Gauabteilungen Mer, Uu und Pehu zuerst richtig erklärt worden sind. Siehe auch: J. de Rougé, Textes geogr.d.t. d'Edfon, Einleitung S. 29-32 und 37-42
*4 Vorzugsweise durch das Studium der beiden vollständig erhalten gebliebenen Tempel von Edfu und Dendera hat sich herausgestellt, daß der Haupttempel eines jeden Gaues eine Menge von Namen führte, von denen der eine und der andere gelegentlich in den Inschriften zur Bezeichnung der Metropolis, zuz welcher der betreffende Tempel gehörte, gebraucht wird. Der Tempel des widderköpfigen Chnum von Elephantine ist verschwunden, doch wird sicher auch er verschiedene Namen gehabt haben. — Außer dem am häufigsten gebrauchten Namen (xxx37) ab "Elfenbeinstadt" finden sich nicht selten zur Bezeichnung der Metropolis des ersten oberägyptischen Gaues in den Inschriften noch die Namen: (xxx38) Ha-hespu "die Stadt des ersten der Gaue" und (xxx39) Kebhu"die Stadt des erfrischenden Wassers", so genannt wohl mit Rücksicht auf die von ihrem Nilmessergebäude ausgehende Verkündigung der eingetretenen Nilschwelle
*5 Das Hinterland, das "Pehu" des ersten oberägyptischen Gaues, führt in den geographischen Listen den Namen: (xxx43) Arp-hesp, d.h. "das Weinland". Es muß sich also dieser Gau seiner Zeit durch Weinproduktion besonders hervorgetan haben, was auch durchaus bestätigt wird durch die in den Inschriften so häufig sich findende Erwähnung des ausgezeichneten Weines von (xxx44) Sun.
*6 Das noch wohl erhaltene alte Nilmessergebäude von Elephantine ist ein mit dem Flusse in Verbindung stehendes, schmales und unbedecktes Treppenhaus, in welchem in 6 Abteilungen 55 Stufen hinabführten, neben denen die Merkzeichen für den Wasserstand angebracht sind. "Dieser Nilmesser", sagt Strabo, "ist ein am Ufer des Nils aus gleichmäßigen Quadern erbauter Brunnen, in welchem man die Anschwellungen des Stromes bezeichnet, sowohl die größten als die kleinsten und mittleren; denn das Wasser des Brunnens steigt und fällt mit dem Strome. An der Wand des Brunnens nun sind Merkzeichen, die Maße vollkommener als alle anderen Wasserhöhen. Diese beobachtet man und macht sie allmählich bekannt zur Nachricht." — Auf Befehl des Khedive Ismail ist im Jahre 1870 durch den ägyptischen Astronomen Mahmoud-Bey das alte Nilmessergebäude von Elephantine vollständig freigelegt und wieder für den Gebrauch nutzbar gemacht worden, so daß gegenwärtig wieder, wie vor Jahrtausenden, die Verkündigung der Nilschwelle von hier aus erfolgt. Eine im Bezug hierauf von Mahmoud-Bey angebrachte Inschrift lautet: "Après plus de mil d'abandon et d'oublie ce Nilomètre a été complètement deblayé. Les anciennes divisions sont respectées, une nouvelle coudée est adoptée et resime à l'usage publique en 1870 de J.Chr. sous le bon souverain régénérateur de l'Egypte le Khédive Ismail par un de ses fidéles serviteurs l'astronome Mahmoud-Bey."
*7 Papyrus Sallier