zurück

Das Vermächtnis der Weisen

Das kleine Repertoire von Werken, die die "Bibliothek" der ägyptischen Literatur ausmachen, enthält eine Anzahl von Literaturstücken, die sebait (Lehren) genannt werden. Diese "Lehren", auch "Weisheitslehren" oder besser "Lebenslehren" genannt, gelten als das Vermächtnis der Weisen, weitergegeben als Anleitung für die Jungen. Die berühmteste unter ihnen wurde Ptahhotep zugeschrieben, dem Wesir des Königs Dschedkare Isesi der 5. Dynastie (ca. 2350 - 2310 v. Chr.). In der einführung zum Hauptteil des Werkes erklärt Ptahhotep seinem König, warum er in seinem hohen Alter einen Gehilfen haben möchte:

"So werde ich ihm die Worte der Richter mitteilen, die Ratschläge der Vorfahren, die den Göttern dienten."

Darauf erwidert der König:

Unterrichte ihn also in dem, was in der Vergangen heit gesagt worden ist,
so daß er ein würdiges Beispiel für die Kinder der Beamten werde, daß
genaues Urteil und jegliche Aufrichtigkeit in ihn eingehen. Sprich zu ihm.
Niemand kommt als Weiser zu Welt.

Dann beginnt Ptahhotep mit seinen Lehrsprüchen. Sie beziehen sich sowohl auf das öffentliche als auch auf das private Verhalten und bieten insgesamt einen recht umfassenden Leitfaden für das rechte Handeln. Obwohl Ptahhotep implizit die Verfasserschaft zugeschrieben wird, wohl wegen des guten Rufes, den er in der tradition hatte, nimmt man allgemein an, daß er kaum der wirkliche Autor war. Die Ägypter waren übermäßig auf die Tradition bedacht, auf die Weisheit, die über die generationen weitergegeben worden war und daher als durch die Zeit hindurch erprobt gelten konnte. Sie waren Ahnenverehrer, wenn nicht Ahnenanbeter, und diese Ehrfurcht vor der Vergangenheit fand ihren konzentriertesten Ausdruck, wenn sie auf die großen Männer von einst gerichtet war, deren ruf die Wechselfälle der geschichte überdauert hatte. Der gebildete Ägypter mindestens vom Rang eines Beamten betrachtete sich als teil dieser Tradition und rechnete damit, sie fortzusetzen und - falls das Schicksal ihm günstig war - auch in künftigen Zeiten ein Bestandteil von ihr zu sein. Der berühmte Wesir des Königs Dschedkare Isesi, Ptahhotep, von dem wir wissen, weshalb er berühmt war - allein seiner schlichten Lebensweisheit wegen konnte es nicht gewesen sein -,war eine dieser Personen, deren Andenken man so sehr ehrte. Doch die ihm zugeschriebene lehre ist wahrscheinlich während der 12. Dynastie (ca. 1900 v. Chr.) zusammengestellt worden, was aus ihrer Sprache, ihrer Phraseologie und ihrem Stil zu schließen ist, sowie aus der tatsache, daß die ältesten erhaltenen Abschriften in diese Zeit datiert werden können. Die 12. Dynastie war die Zeit, in der viele der eigentlichen Klassiker der ägyptischen Literatur verfaßt oder wenigstens in eine relativ endgültige literarische Form gebracht wurden, aus der mehr oder weniger feststehende Abschriften hervorgingen, in denen sie über Generationen hin weiterexistierten in einigen fällen sogar bis ins Neue Reich. Die Lehre des Ptahhotep war ein solcher Klassiker während fast tausend Jahren.

(Quelle: Auszug aus Pharaos Volk, Leben im alten Ägypten; © 1984 von T. G. H. James; Büchergilde Gutenberg, übersetzt von Hanna Jenni;© 1988 Artemis Verlag Zürich und München; Jadu 2000


Mehenkwetres Puppen (2000 v Chr.)


© Copyright 2000- 2002 by JADU

www.jaduland.de

Webmaster