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In Ägypten

Bunte Reisebilder von Paul Oskar Höcker 1905

Originalaufnahmen von Alice Matzdorff Berlin u.a.

Die Reise von dem Fichtenbaum, der einsam im Norden auf kahler Höh' steht, bis zu der vielbesungenen Palme jenseits des blauen Mittelmeers läßt sich auf die verschiedenste Weise ausführen.

Am schönsten, harmonischsten und billigsten ist sie, wenn man nur die Sehnsucht oder die Erinnerung wandern läßt. Dabei ärgert man sich weder mit Bakschisch noch Zollschwierigkeiten herum, weder mit Seekrankheiten noch mit Nilmücken. Es genügt ein Zaubermantel von mäßigem Umfang — am besten gerade so groß, daß er Raum bietet für ein zärtlich liebend' Paar — man breitet ihn auf dem verschneiten pommerschen Landgütlein dicht neben dem Kachelofen aus oder in der obersten Etage eines großen Mietshauses, das melancholisch in der vor Nordwind und Hagelschauern heimgesuchten Großstadt steht, — und dann mag er durch die regenbespülten oder eisblumengeschmückten Fenster hurtig hinausflattern, sich zu schwindelnder Höhe in die Luft erheben und die weite Bahn der Zugvögel nehmen.

Mehr und mehr weicht des Nordens grauer Weihnachtshimmel. Während die Vettern und Basen im Deutschen Reiche fröstelnd in die Pelze und die Gummischuhe fahren, um zu Bällen, Premièren und grogreichen Skatabenden zu wallfahrten, senkt sich unser Zaubermantel, von linden Winden umfächelt, dicht bei der Cheopspyramide zu Boden. Der ewig blaue Himmel spannt sich über dem Niltal aus, und die Sonne des Pharaonenlandes vergoldet das afrikanische Paradies.

Das ist nämlich ein besonderer Vorzug dieser Reiseroute: sie ist stets vom herrlichsten Wetter begünstigt.

Wer dagegen über Triest und Brindisi an Bord eines der kleinen Passagierdampfer vom Österreichischen Lloyd nach Alexandrien gelangt, der kann auch schon eine geringe Windstärke arg beunruhigen. Und selbst die schwimmenden Paläste, die der Norddeutsche Lloyd seit dem vorigen Jahre zwischen Marseille, Neapel und der afrikanischen Küste für die internationale elegante Welt laufen läßt, bieten vor den Tücken des Rollens, Schlingers und Stampfens keinen Schutz, sobald ein tüchtiger Blasius vom Libanon, von Gibraltar, von der Libyschen Wüste oder vom Goldenen Horn daherpfeift.

Für die Landung des Zaubermantels in Ägypten empfehle ich den Tag, der den Monat Ramadan beschließt. Am besten, man kommt gerade noch zur heiligen Nacht zurecht, der letzten der großen Fastenzeit. Und wer ein Feinschmecker des Reisegenusses ist, der wird sich lautlos mitten in der vieltausendköpfigen Arabermenge auf dem geweihten Boden eines Moscheevorhofes niederlassen, wo ihn mit einem Schlag die Märchenwelt aus Tausend und einer Nacht umfängt.

Beim Vonbordgehen in Alexandrien ist die Sache bei weitem umständlicher und dabei — trotz der bunten Farben von Haut und Trachten — erheblich weniger romantisch. Sobald das Schiff nämlich nämlich in dem großen und nüchternmodernen Hafen von Alexandrien vor Anker gegangen ist, wird es von einem wilden Heer schreiender Araber überfallen, die ihre Dienste als Kofferträger anbieten. Dazwischen schieben sich die Dragomane, Barkassenführer und Gepäckagenten der Reisebureaux und die Hotelkommissionäre durch die erwartungsbange Schiffsgesellschaft.

Händler bieten die ersten gefälschten Skarabäen, die ersten gefälschten Antiquitäten an. Und Ansichtskarten, Orangen, Gebetsteppiche, Rosen, Muschrabijen, Ketten von Glasperlen und Palmblattfächer gibt's in erdrückender fülle. Wer mit dem Hotelkommissionär sofort einen festen Pakt schließt, der sichert sich gegen den Räuberhandel bei diesem Empfang an afrikanischer Küste noch am ehesten. Der Agent übernimmt die Beförderung einer Person und ihres gesamten Gepäcks gegen eine Pauschale von fünf bis sechs Schilling. Er läßt das Gepäck ins Boot schaffen, vom Boot in die Droschke, die es zum Zollhause bringt, von dort zum Bahnhof und bis zur Gepäckaufgabe oder bis ins Coupé. Auch beim Billetlösen am Schalter steht er dabei und wacht darüber, daß der der Beamte nicht aus Versehen falsches Geld oder zu wenig gibt.

Denn die Rechnung ist ziemlich verwickelt. Man zahlt in englischen Guineen, die 97½ Piaster werten, in türkischen Pfunden, Medschidiehs, wofür man 87 3/4 Piaster berechnet, oder in französischen Zwanzigfrankstücken, die 77 Piaster gelten. Die Auszahlung einer Differenz findet in silbernen Piasterstücken oder in "kleinen" Piastern aus Nickel (unseren Zehnpfennigstücken entsprechend) statt. Einige Sprachkenntnis, die Meyers Sprachführer leicht vermittelt, und etwas Münzenkunde ist in jedem Fall erforderlich, um nicht übers Ohr gehauen zu werden. Denn der Agent — so gewissenhaft er seinem Klienten beigestanden haben mag, um ihn gegen fremde Gauner zu schützen — entwickelt bei der Abrechnung natürlich gleichfalls das an allen Küsten des Mittelmeers so stark grassierende Talent für liebenswürdige Rechenfehler.

Wenn die Heilige Nacht anbricht, blitzen in allen Moscheen unzählige Lichter auf. Das ist die große Feststunde, für die der fabelhafte Reichtum an Moscheelampen zusammengetragen ist. Am feierlichsten wirkt von allen Straßen und Plätzen von Kairo aus der Anblick der im Osten hoch oben über der Stadt auf der Zitadelle gelegene Moschee Muhamed Ali. Auch ihre beiden Minaretts sind illuminiert. Wie schlanke, hoch in den Himmel ragende Feuersäulen heben sie sich von dem sargähnlichen, dunkelvioletten Mokattamgebirge ab, das die arabische Wüste begrenzt.

In der Moschee Muhamed Ali verrichtet der Khedive die letzte nächtliche Andacht im Fastenmonat, in dem er als Strenggläubiger weder Speise noch Trank zu sich nehmen darf, solang die Sonne am Himmel steht. Es wird für diese Gebetsübung des einsam in dem wunderbaren Alabasterbau weilenden Mannes einganz fabelhafter Aufwand von Beleuchtung aufgeboten. Ich habe den überwältigenden Anblick — inmitten einer kleiner Gruppe anderer "Franken" — mit genießen dürfen, nachdem Seine Königliche Hoheit die Moschee verlassen hatte, auf dem Vorplatz von weißgekleideten Scheiks empfangen, unter einer kioskartigen Ehrenpforte, die durch ein paar hundert Laternen und senkrecht in den Boden gepflanzten Stangen mit der Muhamedflagge gebildet war.

Schweigen, tiefes Schweigen herrscht im Umkreis der Burg. Gespannt hängen alle Blicke an der Pforte der Moschee, all der Märchenpracht gewärtig. Nach der Abfahrt des Khediven währt sie freilich nur noch ein paar Minuten: denn sogleich beginnt dann die Arbeit der Hände und der Lungen, um den festlichen, durch die Alabasterflächen verdoppelten Lichterglanz wieder zu ersticken. Geschäftige, bakschischerwartende Hände haben unser Schuhzeug mit weißen Leinenhüllen überzogen. Der unheilige Menschenfuß darf ja nicht direkt die geweihten Teppiche betreten. Die Gläubigen entledigen sich ihrer Schuhe, und auf Strümpfen und barfuß geht's nun in endlosem, breitem, sich unter ehrfürchtigem Staunen drängendem Zuge ins Innere der Moschee.

An langen, unsichtbaren Drähten hängen von der gewaltigen Kuppel des Mittelschiffs die im Glanz der brennenden Wachskerzen leuchtenden Moscheelampen herab. Wieviel Tausende, wieviel Zehntausende von Flammen sind es, die den Wunderbau erhellen? Alle Galerien und Friese, Säulen, Brüstungen und Fenster, jede Stufe, jeder Absatz, die Gebetsnische, die Kanzel, das Grabgewölbe Muhamed Alis, jeder architektonisch, bedeutsame Linie des mächtigen Kuppelbaues, der sich auf vier Riesenpfeiler stützt, ist Lichtlein bei Lichtlein wie mit zitternder, gleißender Flammenzeichnung hervorgehoben. Und der Duft der Wachskerzen füllt die weiten Alabasterhallen.

Da denkt sich der Franke nun die weite Moschee wieder entvölkert — und stellt sich nur den einsamen Khediven vor, der in der Gebetsniche auf den Teppich liegt, der mystischen Gebetsübung hingegeben — mit der seltsam wippenden Bewegungen des Rumpfes, dem tunkenden Ricken des bärtigen Kopfes, dem Sichhinwerfen, Wiederaufrichten, dem in wachsender Verzückung immer wieder geflüsterten Anruf Allahs und seines Propheten. Nach der Vorstellung des Muselmannes geschehen ja in dieser Nacht tausend unsichtbare Wunder: denn die Nacht der Allmacht, "leilet ul-kadr", die siebenundzwanzigste des Ramadan war es, in der Allah dem gläubigen Muhamed den Koran vom Himmel herniedersandte. Die Gebete, die in dieser Nacht verrichtet werden, sind daher besonders verdienstvoll.

Und mit der Auslösung dieses Bildes beginnt die Arbeit des farbenprächtigen, gestaltenreichen Kaleidoskops: ein buntes Bild reiht sich ans andere, alle Bädeckerweisheiten wird vergessen, die übeln Zutaten der Reise — arrogante Ladies und Gentlemen, Gaunertricks der Kellner, Händler und Kutscher, Staubwolken und Miasmen und Ekel in den Arabervierteln — sie verschwinden neben den leuchtenden Farben und bunten Szenen des Orients, und Sehnsucht und Erinnerung, die die Fahrt zum Reich der Pyramiden auf dem Zaubermantel der Göttin Phantasie zurückgelegt haben, sie vereinigen sich zu einem klingenden Hymnus auf dies Wunderland des ewigen Sommers: Ägypten.

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Aber die so hübsch klingende Wendung vom "ewigen Sommer" bedarf doch einer etwas ernüchternden Randglosse. In Kairo nämlich ist er noch nicht daheim, ebensowenig wie in Neapel oder in Algier. Man kann von November bis tief in den Januar hinein recht unwirtliche Tage in Unterägypten erleben. Die tropische Gleichmäßigkeit der lauen Sommernächte ist erst oberhalb von Luxor zu finden. Wer dem nordischen Winter ein Schnippchen schlagen will, der muß sich schon in einem der Hotelpaläste von Luxor oder Assuan in Pension geben. Daß es in unserer reiselustigen Zeit, in der die fremden Welten einander so nahe gerückt scheinen, noch Ärzte gibt, die ihrer Lungenpatienten von einer beschämenden Indifferenz gegen die aufklärenden Berichte der modernen Reisenden. Am Rand der Wüste, in Heluan, hat man ein Wüstensanatorium gebaut, in dem ein Winteraufenthalt selbst bei der stark ungleichen Witterung der Höhe von Kairo ohne Gefahr für Schwerleidende möglich ist.

Der Vergnügunsreisende vergißt zum Glück derlei Zugaben des Ägyptischen Reisezaubers (Schmutz und Krankheiten) rasch wieder. Sonst müßte er sich auf wenige Punkte des Bädeckerprogramms beschränken. Und ich finde, Ägypten wird erst so recht interessant, wenn man die mit ein oder zwei Sternen versehenen Hauptsehenswürdigkeiten, die das Reisehandbuch dem Touristen zur Pflicht macht, erledigt hat und auf eigene Faust seine Lokalstudien vornimmt.

Das durch Cook und die übrigen Reisebureaus neuerdings Gesetz gewordene Normalprogramm bietet an genialer Ausnutzung der Zeit ein Muster. Die unglücklichen Touristen werden freilich wie eine Hammelherde durch sämtliche Sehenswürdigkeiten hindurchgepeitscht. Sie können nach drei Tagen Aufenthalt in Kairo sagen: "Wenn das, wovon Sie sprechen, einen Stern im Bädecker hat, dann hab' ich' s bombensicher gesehen." — Aber ein Eindruck — ?

Um in einem so vielbereisten Lande wie Ägypten noch persönliche Eindrücke zu gewinnen, bedarf es völliger Selbständigkeit des Reisens. Wer sich einer Gesellschaft anschließt, seiht eben nur, was von jeher "Vorschrift" war zu sehen, er dringt nie wirklich in das fremde Milieu ein. Umgeben von allen heimatlichen Gebräuchen, in ewigen Table d'hôte-Zwang Schulter an Schulter mit rührenden Reisedilettanden, läßt er das fremde Land — etwa wie in den Wandelbildern der Urania — an sich vorüberziehen. Aber er erlebt eigentlich nichts.

Schon die Vorbereitung desjenigen, der die Reise ohne einen lebenden Cicerone antritt, ist ja viel genußreicher. Beim Zusammenstellen der Reiseroute, beim Studium der Fahrpläne, der Karten und der Tarife, beim Geldeinwechseln, bei der Tarife, beim Geldeinwechseln, bei der Beschäftigung mit den gebräuchlichsten Redewendungen in der fremden Sprache gewinnt man schon intimere Beziehungen zu dem neuen Land. Und die Reise selbst mag anstrengender sein, aber sie ist lehrreicher — und sogar billiger.

Es ist mein Stolz, daß ich bei einem dreiwöchigen Aufenthalt in Kairo, von wo ich viele Ausflüge nach allen Richtungen machte, niemals eines Dragoman bedurfte, daß ich mich — dank der guten Karten und dem durchs Alleinreisen immer besser sich ausprägenden Orientierungssinn — sogar in dem berüchtigten Häuser - und Budengewirr der Basare neben der Musti, der die Araberstadt querenden Gasse, ohne fremde Hilfe zurechtgefunden habe.

Wie die Moscheen wirken, wenn man sie allein durchwandert! Wie die Phantasie gleich mitarbeitet, wie sich geschichtliche Erinnerungen auslösen!

Ein Ritt durch Memphis, ein Besuch in den Apisgräbern, der Umritt um die Pyramiden, die Wanderungen durch die Kalifengräber, ein Besuch im Derwischkloster — wie stimmungsvoll, wie erschütternd oder erhebend oder belustigend können all diese "Programmpunkte" wirken. Sie werden zu bloßen Museumsgängen, wenn man einen Troß von vier, fünf Dutzend Gesellschaftsreisenden gekettet ist.

Warnen muß man den Neuling, sich auf eine lange Gesellschaftsreise an Bord eines Nildampfers einzulassen. Eine nicht zusagende Nachbarschaft kann bei der Beschränktheit des Raumes zur Hölle werden. Überhaupt ist die Benutzung der Eisenbahn dem zu empfehlen, der die langwährende Nilfahrt nicht zugleich als Luftkur auffaßt. Die ganzen Zauber der Nillandschaften erschließen sich schon bei der einmaligen Bootfahrt von Assuan nach Luxor.

Von der Bevormundung durch die verschiedenen Reisegesellschaften kann man sich bei einer Nilreise ja leider nicht völlig emanzipieren. Thomas Cook & Son, die Anglo-American-Nile-Steamer- Company und die Société Egyptienne Tewfikieh packen jedes Opfer, das sich ihnen nähert, erfüllt von dem Wunsche, Thebens Wunder zu sehen, und sie geben es nicht eher wieder frei, als bis es schachmatt nach Kairo zurückgelangt ist.

Diese Gesellschaften verkaufen nicht etwa bloß die Dampfschiffsbilette, so wie man die Strecken gern befahren möchte. Nein, man muß ihnen auch gleich die damit kombinierten Eisenbahnkarten und zehn, zwanzig andere Dinge abnehmen. "In Bedrachein brauchen Sie Esel, für die Ruinenfelder ditto, ferner einen Dragoman für die Ausflüge, wir geben Ihnen Tickets für Ihre Dinners und Luncheons im Luxor - und Assuanhotel, oder drei Tage volle Pension, acht Tage, je nach Wunsch, vielleicht machen Sie die Rückfahrt von Assuan am 18. des Monats, dann haben Sie Vollmond, eine Nilreise bei Mondschein, sehr romantisch, die ganze Sache (ohne Wein) für frei Wochen Dauer 35 Pfund Sterling."

Man dankt erschöpft, nein, man hat über die Vollmondnächte schon anderweit verfügt, man will sie in dem schönen Menahousehotel am Fuß der Pyramiden von Gizeh verbringen. "O — da haben wir noch eine andere Kombination. Erster Tag Eisenbahn Kairo - Luxor, zweiter Tag Luxor - Assuan, dritter und vierter Tag wieder zurück, fünfter bis siebenter Tag Luxor (Verpflegung an Bord), achter Tag Eisenbahn bis Kairo. Dann haben sie Vollmond bei den Pyramiden, und es kostet — Bakschisch und Wein extra — bloß 14 Pfund, 280 Mark, wir nehmen jede Konkurrenz auf, mein Herr!" Man kommt nicht los, für eine Woche mindestens muß man sicher seiner Freiheit begeben, muß Stimmungssklave vom König des Nils (sprich neil), Herrn Cook, werden, oder von seinen Geistesvettern, die ägyptische Mondscheinromantik in jeder Preislage koulant und programmgemäß gegen englische Pfundnoten eintauschen.

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Wenn man von den viertausendjährigen, gigantischen Trümmerfeldern am Nil, von Theben und Memphis, von der Knickpyramide, der Stufenpyramide bei Daschur und Sakkara nach Kairo zurückkehrt, dann überkommt einen ein wahrer "Hunger nach Gegenwart". Die süße, träumerische Nillandschaft, das ewige gleiche, ewig schöne Bild der Uferstaffagen, die sich wiederholenden, schließlich nur noch dem gelehrten neue Reize bietenden Tempelruinen, die in stets gleicher Anmut und Lindigkeit dem Touristen umfächelnde Luft des nun endlich erreichten Tropensommers — es war fast zu viel des Glücks.

Und nun kommt die beschämende Kehrseite: die Ernte der Tingeltangel beginnt.

Es sind traurige Vergnügungsstätten, die Kairo bietet. Auch "Volksleben studieren" — wie der verschämte Vorwand der Touristen lautet — kann man dort wirklich nicht. Das Arabervolk besucht die Variêtés nur wenig; es werden dort nur recht mäßige Europäerschaustellungen gegen teures Entree veranstaltet. Einen interessanten Abend bietet höchstens das arabische Theater. Ich sah dort — Shakespeares Othello in arabischer Sprache! Die Vorstellung war gut, sogar nach norddeutschen Begriffen modern. In den leidenschaftlichen Szenen wurde nämlich nicht mit hohlem Pathos deklamiert. Nein, dieser Othello hatte eine eindringliche Art, gerade die wuchtigsten Momente in einem scharfen Flüsterton wiederzugeben, er "brüllte" auch nicht in der Szene der Erwürgung seines Weibes. Aber es lag eine Verzweiflung in seinem Minenspiel, eine Steigerung in seinen Gesten, die mit fortriß. Unvergeßlich wird mir der einzige lautere, noch immer halb unterdrückte, ächzende Aufschrei sein, den der arabische Othello ausstieß, als er mit der Leiche der aus dem Bett gerissenen Desdemona rücklings die drei Stufen hinunterstürzte. Es war meisterlich gemacht.

Weniger auf der Höhe der Dichtung befand sich die Desdemona selbst. Es war eine fette, kleine ausländische Frau, der wenig von der stolzen Venezianerin anhaftete. Eine rechtgläubige ist auf offener Schaubühne ja undenkbar. Auch als Zuschauerinnen sind die Moslemfrauen nur in die obere Galerie zugelassen, die durch die Gitter in Muschrabije - Arbeit keinen profanen Blick durchläßt. Aber mehrmals, bei der Trinkszene auf Zypern z.B., ertönte von der Galerie ein silberhelles Lachen. Und im Holzgitterwerk erschien ab und zu eine weiße, juwelengeschmückte Frauenhand, die der Phantasie eine hübsche Brücke geboten hätte — wenn die Fingernägel nicht mit Henna so abscheulich rot gefärbt gewesen wären.

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Die Abwesenheit der Frau gibt auch den großen Volksfesten der Rechtgläubigen einen seltsam ernsten Charakter.

Im Esbekijepark im Herzen von Kairo finden in den ersten Tagen des dem Fastenmonat folgenden Monats Schauwal (türkisch Beiram) ein großes Freudenfest statt. Verschwenderische Illumination auch hier, Musik, Feuerwerk, und ein unablässiges Durcheinanderwogen von etwa dreißigtausend in schwarze Gehröcke gekleidet, ernsten, dunkeläugigen Festrägern. Das weibliche Element ist nur durch die europäischen Damen vertreten, die nach dem Hoteldiner in Gesellschaft ihrer Herren hier noch ein Halbstündchen promenieren.

Es geht sehr nüchtern und würdig auf diesen Festen zu. Den Wein verbietet der Koran, die Frau darf nach Sonnenuntergang das Haus nicht mehr verlassen — es wird also nur geschwatzt, Zigarette geraucht und ab und zu ein Schluck Wasser getrunken. Der Sakka, der Wasserverkäufer, der sich mit seinem Ziegenschlauch und den messingenen Trinkschalen, die er unablässig gegeneinander klappern läßt, durch die Menge schiebt, ist eine der wichtigsten Personen.

Amüsanter, bunter, lebhafter ist das kirchliche Fest am ersten Freitag des Schauwal: wenn der Khedive in Gemeinschaft mit seien Ministern die Gami Amr besucht, die älteste Moschee Ägyptens, in Altkairo, der südwestlichen Vorstadt zwischen dem Nil und den Schutt und Trümmerhaufen des ägyptischen Babylon ( Balbol).

Das ist ein Gewoge auf den Zufahrtsstraßen! Bis auf den letzten Platz sind die Züge der elektrischen Straßenbahn mit einer buntfarbig gekleideten Menge braunen, schwarzbraunen und kohlschwarzen Volks besetzt. Dazwischen suchen sich offene Omnibusse, Equipagen, Hotellandauer, und Droschken durchzuschlängeln. Mit klingendem spiel ziehen die ägyptischen Regimenter aus. Natürlich gibt es alle Augenblicke Stockungen. Aber die ganz vorzügliche ägyptische Polizei lenkt das Chaos der Wagen, Esel, Araber und Trams in schneidiger Weise, gelegentlich auch mit der Faust. Geschrei überall — dazwischen Trompetengeschmetter und Janitscharenmusik — und über dem Gewühl rote Fahnen, rote Wimpel mit dem weißen Halbmond und den weißen Sternen — und hoch darüber der echte, blaue, ägyptische Himmel. In die Moschee selbst bekommt der Europäer keinen Zutritt. Aber vor dem Eingang sind Tribünen unter Sonnensegel errichtet, von wo man das farbenreiche Bild in aller Behaglichkeit in sich aufnehmen kann.

Die "Garde" des Khediven marschiert auf, schwarze und halbschwarze prächtige Kerle, schlank und sehnig. Sie tragen weiße Gamaschen, blaue knappsitzende Uniform mit weißem Litzenbesatz, dazu den roten Fez. Gertenschlanke Leutnants richten ihre Züge aus. Aber die Sache will nie so recht stimmen. Ist der holprige Boden daran schuld oder ein Augenfehler des Leutnants am weitesten rechts: die Paradeaufstellung ist total mißglückt. Indem die auf den Trümmern von "Babylon" aufgestellte Artillerie den Ehrensalut abgibt, zum Zeichen der Ankunft des Khediven, bildet die Front der präsentierenden Truppen noch immer einen spitzen Winkel zu der Anfahrtsstraße. Erst im letzten Augenblick springen die letzten, um fünf bis sechs Schritt "abhängenden" Züge noch schnell vor. Da sie dies unterm präsentierten Gewehr ausführen, entsteht bei den militärisch geübten Europäern, zumal den Deutschen, eine vergnügte Stimmung.

Zwei Läufer in kurzen weißen Röcken, mit langen, schwarzem Roßschweif, der von der bunten Kappe niederfällt, kommen atemlos an: es ist noch immer die Sitte der ägyptischen Würdenträger, ihren Karossen diese armen Burschen voranhetzen zu lassen, die mit dem Ruf "Guarda! Guarda!" die Fußgänger zum ausweichen veranlassen sollen. Von einigen Abmärschen Kavallerie begleitet saust der Wagen des Khediven auf den Vorplatz. Janitscharenmusik, Nationalhymne — noch immer mit ziemlich schräger Front, aber fest wie eine Mauer, steht das Gardebataillon.

Hinter dem Khediven drängt sich das Volk in die Moschee. Dieses Wogen und Schieben der bunten Menge ist unvergleichlich. Die Schutthaufen, die die halbzerfallene Moschee umgeben, sind mit den farbigen Scharen dicht besetzt. Indem das Gewimmel sich dem Zuge anzuschließen sucht, wirkt es, als wären´s lauter lebendig gewordene Berge, die in den blauen Himmel ragen, nur da und dort von einer Palme überschnitten.

Eine Kanonade kündigt die Gebetsstunde an. Auf dem Wandelgang des schlanken Minaretts erscheint der Muezzin, ganz in weiß gekleidet, und singt im näselndem Ton eine Sure des Korans.

Das sind Augenblicke, die dem Europäer den ganzen Orientzauber vermitteln. Sonne und Palmen, die fremdartige, melancholische Weise — die blauen und braunen, weißen und gelben Gewänder, malerisch drapiert, die tausende schwarzäugigen Kinder, die roten Kopfbedeckungen, die dunkeln Gesichter, die weißen Zähne.... Und dazu diese Wolke von Knoblauchduft und Rosenölparfüm, von Schweißgeruch und dem scharfen animalischen Hauch der Esel und der Kamele.

Kairo ist das afrikanische Paris, so hört man oft sagen. Aber man trifft mit dieser Bezeichnung nur jenen kleinen Ausschnitt der Hotelwelt im Westen der Stadt. Diese Paris gehört der internationalen Lebewelt. Seine Luxushotels, besonders Shepheard und der Gezireh-Palast, sind zugleich Musterhotels. Man kann für 20 Schilling täglich dort Pension haben — und lebt dann den Tag eines Fürsten. Aber in dem Luftschloß am Nil, dem wunderbarsten Hotel, das es auf der ganzen Welt gibt, sprechen daneben natürlich noch ganz andere Preise mit. Ismael Pascha hat einstmals das zauberschöne Schloß für sich und sein sechzig Frauen aufführen lassen. Mehrere Millionen hat der Bau verschlungen. In seinen Prunkgemächern lassen sich´s heute die amerikanischen Schweinespeckkönige und andere Dollarfürsten mit ihren Damen wohl sein.

 

Es ist das Leben im Großen Stil, das dort geführt wird. Diejenigen Deutschen, die von ihren Alpenfahrten her an eine ökonomische Beschränkung des Gepäcks gewöhnt sind, werden sich in diesem Milieu stets fremd fühlen. Ohne einigen Toilettenaufwand geht´s nun einmal nicht ab. Es kommt hinzu, daß man sich zu einer Ägyptenreise für drei Jahreszeiten auszustatten hat. In den Frühstunden herrscht eine recht frische Temperatur in den Reisemonaten Januar bis März, mittags in der Sonnenglut gehen die Damen in durchbrochenen Blusen, und nach dem Diner, für das Frack und große Abendtoilette Gesetz sind, tritt der Pelz in seine Rechte.

Will man alles beisammen haben, was der Orient bietet, so nimmt man bei der Tasse türkischen Mokkas, die jede Hotelmahlzeit abschließt, auf der breiten Terrasse von Shepheard Platz. Nirgend sonst, selbst in Neapel und in Konstantinopel nicht, sind grellere Gegensätze vorhanden als in Kairo, wo die Prunkgräber der früheren Kalifen, die Märchenpaläste von prachtliebenden, schwelgerisch veranlagten Khediven, die Luxushotels der Europäer hart neben den unglaublichsten Schmutz, der erbärmlichsten Armut des Muselmanns emporragen. Nur die paar Stufen der Breiten, teppichbelegten Freitreppe trennen die Überkultur der indischen Nabobs und der amerikanischen Millionäre, der seiderauschenden Pariserinnen und juwelenüberladenen Levantinerinnen von der Hauptstraße Kairos mit ihren grotesken Vielgestaltigkeit afrikanischen Lebens.

Da unten harrt und schreit die Arabermenge; Führer, Eseljungen, Händler wollen in ihrem aus englisch, französisch, deutsch und arabisch gemischten Kauderwelsch eine Geschäftsverbindung anbahnen. "Herr Baron", "Herr Doktor" reden sie die Blonden an. Kamele ziehen vorüber mit Baumwolllasten beladen, Esel galoppieren vorbei, über die Treppe zieht das arabische Hauspersonal in blutrotem Gewand und weißem Turban oder roten Fes, Koffer schleppend, wahre Kolosse, die mit Dutzenden von Hotelmarken bepflastert sind, Equipagen, Landauer, Droschken, Automobil fahren vor der Freitreppe vor. Mitten in dem Tohuwabohu läßt sich ein schwarzer Zauberkünstler auf dem Pflaster nieder, dicht am Bordstein, und gibt die Kunststückchen seiner Affen zum besten.

Und mit einem Mal ergießt sich eine breite Woge von wundervollem Rosenduft über die ganze Straße: Araber bieten Riesensträuße langstieliger La France feil, ein paar Dutzend herrlicher Exemplare für einen Schilling.

Etwas von diesem Rosenduft — und viel recht viel von der Sonne, die über den Tempelruinen des hunderttorigen Theben liegt — und einen bunten Strauß all der Farben, die dies Straßenbild im ewigen Wechsel bietet — das möchte man aus dem Wunderlande in den Norden mit heimnehmen.

So lange man — stets mit der Hand im Portemonnaie — durch König Cooks Gebiet wallfahrtet, dies seltsam kontrastreiche Land der üppigen Protzen und der armseligen Bettler, überwiegen oft die unbehaglichen Bedenken. Aber der Rosenduft, die Sonne und die Farben locken den Zaubermantel Phantasie hernach immer wieder zur Entfaltung und zum Aufflug.

Bei keiner Reise trifft es so zu wie bei der durchs Ägyptenland: das Schönste daran ist zuvor die Sehnsucht — und hernach die Erinnerung!

Quelle: Velhagen & Klasings Monatshefte, 1905/06, von rado jadu 2002

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