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Tripolis im Jahre 1906 - eine Betrachtung von Ewald Banse

Eingangshalle in den Orient


Ich gehöre zu der nicht kleinen Klasse von Menschen, deren Jugend von der brennenden Sucht nach fremden Ländern illuminiert wird. Doch unterscheide ich mich von den meisten dadurch, daß ich kein Mittel scheute, den Trieb real anzufachen, indem ich ihn löschte und fast drei Jahre auf Reisen im Orient zubrachte. Auch dadurch, daß ich nicht der üblichen und obendrein falschen "echt germanischen Wanderlust" die Schuld in die Schuhe schiebe (großgünstiger Leser: Bücher, die mit dieser Trivialität beginnen, die klappe gleich zu!), sondern die erregende Nachwirkung phantastischer Jugendlektüre zugeben muß. Ich hoffe, durch solch Geständnis von vornherein mit dem Leser des Buches in den wünschenswerten Kontakt zu kommen. Denn, verehrter Leser und Käufer, die "Abenteuer und Forschungen im Orient" sind die Verwirklichung deiner und meiner Träume und Sehnsüchte.

Als Sekundaner und Primaner hatte ich mir viele Reisewerke, namentlich über Afrika, gekauft und durch ihre Lektüre bald gelernt, daß zu erfolgreichen Reisen geographische und noch einige andere Kenntnisse erforderlich sind. Deshalb studierte ich drei Jahre lang in Berlin und Halle Erdkunde , Geologie, Zoologie und Botanik und hielt dann nach einem Lande Umschau, das möglichst unbekannt und mit nicht allzu hohen Kosten erreichbar sein mußte. Schlägt man nun mit einem Zirkel, dessen Schenkel auf der Karte eine Entfernung von gut 2000 Kilometer umgreifen, einen Kreis um Berlin, so ist die einzige recht wenig bekannte Gegend dieses ganzen Riesenkreises Tripolis. Deshalb wählte ich Tripolis als Paradigma, um den Orient kennen zu lernen und wähle es hier wieder, auch den Leser in die Wunderwelt des Morgenlandes einzuführen.

In Tripolis, dessen bloßer Name und Lage damals, 1906 nur wenigen recht klar war und das heute in aller Munde ist, in Tripolis also versuchte ich in das uns so weltfremde Orient-Milieu einzudringen. Ich bemühte mich arabisch sprechen zu lernen. Mit den schwierigen Mysterien des Schreibens sollten sich nur Semitisten einlassen; sind doch weitaus die meisten Orientalen selber (allermindestens 90 Prozent) unverbesserliche Analphabeten. Ferner strengte ich mich an, das Europäische etwas von mir abzustreifen und orientalisch denken und fühlen zu lernen. Ich brachte es schließlich wenigstens so weit, daß ich in arabischen Sätzen nachzudenken gewohnt wurde, daß orientalische Bewegungen und Gesten mir in Fleisch und Blut üb ergingen, daß die Reize der orientalischen Kost mich in Bann schlugen und daß ich am liebsten orientalische Diener um mich sah. Wer selbst im schwarzen Haarzelt geschlafen und aus hénnegeröteten Fingern den marmorweißen Ziegenkäse der Kurden entgegengenommen hat , der weiß daß solche Wissenschaft schon etwas ist. Denn ganz und gar Orientale zu werden, ist unmöglich und für den Beobachter auch nicht wünschenswert, um Distanz und Perspektive nicht zu verlieren.

Als ich nach einem Jahre gelernt hatte, wie man mit Anstand den Reis aus der gemeinsamen Schüssel greift und daß man einen Menschen fortwinkt, wenn man ihn herbeiwünscht, da beschloß ich, meine in Tripolis erworbenen Kenntnisse allgemein orientalisch zu erweitern und eine größere Reise im asiatischen Teil des Orients auszuführen. Deshalb begab ich mich im Lenz 1907 über Ägypten nach Syrien, wo ich mit der Bahn von Berut nach Háleb fuhr, um weiter auf Maultieren über Urfa nach der finsteren Basaltstadt Djarbekr am oberen Tigris zu reiten.

Von dort schlug ich mich in die buntfarbigen Falten des Armenischen Taurus, streifte den Alpensee Göldschik, eine blanke Träne der Einsamkeit, beschaute das burgartige Charput und erging mich in den frischgrünen Baumgärten von Malatia. Auf dem welligen Hochplateau Kappadokiens blieb das Reich der wilden Kurdenstämme hinter mir und auf der Weiterreise über Ssiuas am Halys bis Ssamssun am Schwarzmeer herrschte das fried- und arbeitsamere anatolische Landvolk vor. Die alten, kastellgezierten Städte Tokat und Amasia nahmen uns in ihren großen Chan (Herbergen) auf und bachdurchwirkte Waldtäler leiteten uns über das rauschende Rhododendronland des Pontus. Mit dem Blick auf Konstantinopel, die türme- und kypressenreiche Goldhornstadt, werden wir den zweiten Band des Gesamtwerkes, der diese Reise schildert, schließen.

Die dritte Reise 1908 und der dritte Band finden uns wieder an der syrischen Küste, in dem aufstrebenden Háifa zu Füßen der sagenumwölkten Karmelklippe. Mit der Hedschasbahn, deren Kosten größtenteils durch freiwillige Spenden der Mohammedaner aller Länder aufgebracht werden, begeben wir uns nach Damaskus, der Stadt der Rosen und rauschenden Bäche, der Basare und der Teppiche. Eine noch fast winterliche Fahrt führt uns über die Schutthalden des kahlen Antilibanus und die Steintreppen Ostsyriens nach Palmyra, dessen Riesentrümmer noch Kunde künden von der Herrschgewalt der Römerfeindin Zenobia.(1)

Von einem sechstägigen wasserlosen Marsche werden wir uns dann in dem grauen Euphratstädtchen Der e' Sor in einem uraltem Bade erholen. Der zweite Abschnitt der Route eröffnet uns einen Einblick in die Natur des mittleren Eupharattales, gegen dessen schmale Furche die Steppe symplegadengleich (2) von beiden Seiten heranrückt, um ihm das bischen kümmerliche Leben abzuschneiden. Den Schluß des dritten Bandes macht der Besuch der Trümmerstätte von Babylon, die durch deutschen Gelehrtenfleiß aus dem Leichentuch der Jahrtausende aufersteht, un der goldgekuppelten, fliesenbunten Wallfahrerstadt Kérbela, deren fanatische Zeilen wir nur unter dem Schutze eines halben Dutzend Bewaffneter durchziehen können.

Der vierte und letzte Band bietet meine letzte Reise (1908) im asiatischen Orient dar, die genau der ganzen Trasse der zukünftigen Bagdâdbahn folgte. An der kundigen Hand des Kalifen Harun a' Raschid durchwanderten wir die glänzende Märchenstadt Bardâd (fälschlich Bagdad geschrieben und gesprochen). Wir lernen das einsame Tigristal oberhalb der Kalifenstadt kennen und blicken von der Burghöhe des alten Assur auf die ehemals von Lanzenspitzen flimmernden Gefilde Assyriens. Môssul beschauen wir, die zweite aus den Märchen der 1001 Nacht vertrauten Städte und verträumen ein paar Stunden auf dem gelben Wall von Ninive. Und dann ein wochenlanger Ritt durch grüne Steppen, auf deren Gefild Araber und Kurden einander bekriegen. Nisibis und das steile Mardin, die Kreuzfahrerstätte Urfa und der schluchtenreiche Gaûr dar, das Gebirge der Ketzer (3) ziehen an uns vorüber. Am sonnenhellen Walpurgistage steigen wir unterm Tamburinschlag eines fahrenden Schülers durch die Zedernwälder des Amanus hinab in die fieberschwangere Baumwollebene Kilikiens, wo Adana und Tarssûs, die Geburtsstätte des Apostels Paulus, uns empfangen.

Die Überquerung des wald- und kañonreichen Kilikiertaurus versetzt uns mitten in modernste Wirklichkeit, da gerade augenblicklich in jenen stillen Tälern die Dynamitpatronen der Bardatbahn-Pioniere prasseln, um die Pylae Ciliciae zu erweitern, die noch dem Bezwingermute eines Alexander die kalte Furchenstirne wiesen. In Eregli, dem gegenwärtigen Endpunkte der Anatolischen Bahn, setzen wir uns in eines ihrer bequemen Abteile und rollen zwischen vulkanischen Gewalten und an stolzen Städten vorbei dem Bosporus und wiederum Konstantinopel zu, von wo aus wir uns im Geiste rückwärts wenden und die ganze durchquerte Länderstrecke vom Persergolf bis zum Marmormeer darauf prüfen, ob sie in Zukunft die auf die Bardâdbahn gesetzten Erwartungen wird erfüllen können.

Das sind die Hauptetappen der fremden Pfade, die uns durch die Wunderwelt des Orients führen sollen, fast auschließlich durch Städte und Dörfer, Länder und Menschen, Gebirge und Flüsse, die des Franken dicksohliger Stiefel nur sehr sehr selten betritt und deren gründächige Minare(4) noch aus der ungestörten Hut des Islam ragen. Nicht touristische Dutzendware biete ich dem Leser, welche die phantastischen und kritiklosen Faseleien einer wenigwöchigen Dampfer- oder Bahnfahrt sind, sondern ich bemühe mich, vom Baume einer mehrjährigen Erfahrung reifere Früchte zu pflücken, von denen namentlich der erste Korb voll, der Tripolisband, eine Einführung in das orientalische Milieu sein soll.

Der Orient steht jetzt dauernd auf der ersten Seite unserer Zeitungen, und doch: wie unklar sind die fränkischen Begriffe über alles, was morgenländisch heißt. Wer aber die Berichte von den Kriegsschauplätzen in Maroko, in Tripolitanien und der Kyrenaika, in Jemen, in Persien, in der südlichen Sahara, wer Christenmassaker in Kleinasien und Armenien, wer Bahnbauten quer durch die Sahara, nach Mekka oder durch das Land des einstigen Paradieses, wer diese täglich wechselnden Neuerungen im weiten weiten Orient verstehen und auf die zukünftige Entwicklung hin abschätzen will: der muß sich klar werden über das charakteristische Wesen und die hierdurch bedingte Ausdehnung des Orients.

Die beigegebene Kartenskizze stellt den Bereich des Morgenlandes dar, so wie er sich durch gewisse Eigenheiten von der Umwelt abhebt. Große Trockenheit, Niederschlagsarmut gerade in dem für die Entwickllung der Pflanzenwelt entscheidenden Frühling und hohe Sommerhitze überziehen die umfänglichere Hälfte der Oberfläche des Orients mit karger Steppenformation (51%) und den Rest größtenteils mit kahler, pflanzenloser Wüste (41%). Hierdurch ist menschliche Kultur auf ein Areal von nur 8% zusammengedrängt, wovon noch etwa die Hälfte auf Wald- und Buschland entfällt! Es leuchtet also ein, wie gering schon die rein lokalen Möglichkeiten zur Herausbildung und Fortentwicklung der Kultur sind. Dies große Hitze des Klimas bedingt nun andererseits im Organismus des Menschen selber eine Stärkung der in einem jeden latenten Trägheit. In gemäßigten Klimaten ist sie mehr eine individuelle Ausnahme, da jene eine gewisse physische Rührigkeit erfordern, damit man es nicht zu kalt hat. Im Dörrklima des Orients hingegen verstärkt schon geringe Arbeit die Wärme des Körpers, so daß eine ständige übernormale Körpertemperatur entsteht. Hinzu kommt nun noch, daß die Landwirtschaft, die Grundlage aller Kultur, fast im ganzen Bereich des dürren Orients viel höhere Anstrengungen erfordert als bei uns, da beinahe alles Feld künstlich bewässert werden muß. Auf die Arbeitskraft und -zeit unserer Bauern muß der orientalische Felláh demnach noch etwa 100% draufschlagen, weshalb sommers die ganze Nacht hindurch das Knarren der Ziehbrunnen nicht zu Bett gehen will. So aufreibende Tätigkeit absorbiert natürlich das letzte Restchen von geistiger Aktivität, die die einlullende Wirkung der trockenen Hitze sollte übrig gelassen haben.

Deshalb ist der Orient in Massen faul, nicht bloß in einzelnen Personen (wie Mitteleuropa). Dort ist der aus innerer Lust Arbeitsame eine Ausnahme, die geradezu stilwidrig wirkt, da sie gegen das Klima geht. Der Prototyp des echten Orientalen ist nun einmal nicht anders denkbar als mit untergeschlagenen Beinen vor seiner Wasserpfeife hockend, diesem Emblem der Bewegungslosigkeit. In der Tömbek-Pfanne des Nargile als Brennpunkt fließt der gesamte Inhalt der Parabel des Morgenlandes zusammen. Hier häuft er sich in konzentrierter Form auf und verglüht sanft und stetig in ein Häufchen bleiweißer Asche. Daneben aber liegt der Koran, dieser in bunte Buchstaben geschmiedete Ausfluß des schweren orientalischen Klimas. Denn der Islam ist nichts als die geistig-kulturelle Konsequenz der geschilderten Eigenschaften des Klimas, deren stets vorhandene Merkmale erst Mohámmed in lebende Worte gefaßt und dem Menschen verständlich übersetzt hat. Mancherlei zufällige oder uns heute nur zufällig scheinende Zutaten verwirren das Bild etwas. Sie sind einzig durch das Studium der orientalischen Natur zu entwirren, und deshalb ist gerade der Geograph der beste Führer in die Labyrinthe des Morgenlandes.

Wer dem Problem des Orients und seinen Ländern ein näheres Interesse entgegenbringt, den verweise ich noch auf meine drei, all diese Fragen zum erstenmal auf breiter länderkundlicher Basis behandelnden Büchlein "Der Orient" (Die Atlasländer, Der arabische Orient, Der arische Orient) in der Sammlung Aus Natur und Geisteswelt (Leipzig 1910, B.G. Teubner).

Anmerkungen:
Die Übersicht "Eingangshalle in den Orient", in der der Autor seinen Reiseweg beschreibt und auf seine Bücher hinweist erschien uns wegen der Schilderung der Motivation und der geographischen Hinweise so sehr interessant, daß wir nicht auf die Veröffentlichung verzichten konnten. Der eigentliche Reisebericht folgt nach.

(1) Zenobia, Septimia, war Fürstin von Palmyra, wo sie seit 266/67 für ihren unmündigen Sohn Vaballatus die Regierung führte. Unter ihrer Herrschaft wurde Ägypten erobert und die Ablösung vom "Römischen Reich" betrieben. Kaiser Aurelian zog gegen Palmyra, wurde jedoch 272 besiegt und gefangengenommen.
(2) Symplegaden waren im griechischen Mythos zwei Felsen an der Mündung des Bosporus ins Schwarze Meer, die immer zusammenschlugen, bis die glückliche Durchfahrt der "Argo" (Argonauten) sie zum Stillstand brachte.
(3) vermutlich, das Gebiet der Katharer (grch. "die Reinen")
(4) So die richtige Aussprache der bei uns gewöhnlich Minaret geschriebenen Bezeichnung der Türme der Moscheen.

Vom selben Verfasser erschienen:
Ägypten. Eine Landeskunde. Halle 1909
Die Atlasländer (Orient I). Leipzig 1910
Der arabische Orient (Orient II). Leipzig 1910
Der arabische Orient (Orient III). Leipzig 1910

Banse, Ewald: Tripolis. Alexander Duncker Verlag, Weimar 1912
Abschrift und Anmerkungen von stielzchen, Jadu-Berlin/ 2000

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