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Madagaskar
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Madagaskar, die größte afrikanische Insel im Indischen Ozean, wird vom Festlande durch den breiten Kanal von Moçambique getrennt und steht unter französischer Oberhoheit. Die Insel umfaßt rund 592 000 qkm mit etwa 2 243 000 Einwohnern. Sie erstreckt sich in der Hauptrichtung von Norden nach Süden in einer Länge von 1625 km bei einer mittleren Breite von 500 km und ist durchweg gebirgig, Tiefland ist fast gar nicht vorhanden, nur Sumpfniederungen an der Mündung der Flüsse. Die höchste Erhebung beträgt 2680 m. Die Gebirge steigen an der Westküste terrassenförmig auf, an der Ostküste fallen sie meist steil ins Meer ab. Sie sind vorwiegend vulkanischen Ursprungs, wovon eine große Anzahl erloschener Krater zeugen. Die Ostküste hat mit Ausnahme der weiten Antongilbai fast gar keine Gliederung, zerklüfteter ist namentlich die Nordwestküste mit fjordenartiger Bildung, Flüsse von größerer Bedeutung finden sich nur an der terrassenförmig aufsteigenden Westküste, doch kennt man nur ihren Unterlauf, da das Innere des Landes noch wenig bekannt ist. Madagaskar führt den wenig empfehlenden Beinamen des europäischen Kirchhofs, denn in den Sumpfniederungen der Küsten erzeugt die tropische Hitze die berüchtigten madagassischen Fieber, welche für Europäer fast immer tödlich auslaufen. Gesundes Klima soll nur auf den Hochflächen des Innern herrschen. Sehr merkwürdig ist Madagaskars Pflanzen- und Tierwelt, denn beide enthalten eine große Anzahl von Formen, die der Insel eigentümlich sind und sonst nirgends vorkommen. Außer mehreren eigenartigen Palmen hat besondere Berühmtheit ein bananenartiger Baum erworben, der des Wanderers oder des Reisenden Baum genannt worden ist, dessen am oberen Teil des Stammes genau zweizeilig gestellte, einen Riesenfächer bildende Blätter eine große hohle Scheide am Grunde des Blattstiels bilden, in der sich eine ziemliche Quantität klaren, trinkbaren Wassers sammelt, das der Reisende durch einen Stich in die Blattscheide bequem abzapfen kann. Noch merkwürdiger ist das Tierreich, das von den Tierarten des so naheliegenden Afrika nur wenige zeigt, nicht einmal Affen sind vorhanden. Dafür aber wieder Gestalten, die sonst nirgends zu finden sind, wie das seltsame Fingertier oder Aye-Aye, ein zu den Halbaffen gehörendes Nachttier, oder die Fossa, eine Frettkatze, die den kleinen Säugetieren und dem Geflügel sehr gefährlich wird und unsere Wildkatze an Wildheit weit übertrifft. Ackerbau wird in dem noch mit dichtem Urwalde bedeckten Gebirgslande wenig betrieben. Getreide, Reis und Mehl müssen sogar eingeführt werden, um den Bedarf zu decken. Auch die Urwälder werden fast nur auf Ebenholz ausgebeutet. Zur Ausfuhr kommen auch Raphia, eine Palme, die einen ausgezeichneten Bast liefert, Hülsenfrüchte, Kautschuk, Gewürznelken, Kakao; ein Hauptausfuhrartikel ist aber Gold und Goldstaub, denn Madagaskar ist reich an Metallen und auch an Edelsteinen. Die Einwohner Madagaskars oder Malegassen, wie sie sich selbst nennen, gehören in der Hauptsache zwei verschiedenen Stämmen an. Auf der Westseite sitzen die Sakalava, ein Volk von Negertypus der Kaffern, meist Landbauern, Jäger und Fischer. Die Ostseite und ein Teil des Innern bewohnen die Hova, ein heller gefärbter Volksstamm, der auch eine nicht unbedeutende Geschicklichkeit in Anfertigung von Gold-, Silber-, Eisen- und Holzwaren entwickelt und in der Weberei, besonders in der Herstellung von Teppichen, einen gewissen Ruf erworben hat. Die Hova sind zum größten Teil Christen, die Sakalava aber noch Heiden. Neben diesen beiden eingeborenen Stämmen, bei denen das Tätowieren und Bemalen noch sehr gebräuchlich ist, wohnen auch viele eingewanderte Inder, Araber und Angehörige der gegenüber liegenden afrikanischen Bevölkerung im Lande; außerdem werden viele Negersklaven gehalten, die jedoch ihre Sklaventum wenig empfinden, da sie mehr als Familienmitglieder betrachtet werden.
Madagaskar wurde im Jahre 1506 von den Portugiesen entdeckt und St. Lorenzinsel genannt, von ihnen aber nicht besiedelt, überhaupt nicht weiter beachtet. Im siebzehnten Jahrhundert siedelten sich Franzosen auf der Insel an, die jedoch auch lange Zeit nicht an irgend welche Ausbeutung der Insel dachten, bis endlich im neunzehnten Jahrhundert die Engländer sich einfanden und sich in die Verhältnisse einzumischen begannen, begünstigt durch Radama, den König der Hovas, der das Christentum einführte und so manches auf europäischen Fuß einrichtete. Er wurde allerdings das Opfer seiner Reformbestrebungen, denn die eigene Gattin ließ ihn vergiften, ergriff die Zügel der Regierung, rottete das Christentum wieder aus und herrschte mit fürchterlicher Despotie. Nun war es für die Franzosen höchste Zeit, wenn ihnen nicht die Engländer zuvorkommen sollten, ihren Besitz auf Madagaskar zu behaupten und energisch einzugreifen. Das führte zu Feindseligkeiten, die aber endlich 1886 mit der Anerkennung der französischen Schutzherrschaft beigelegt wurden. Neue Auflehnung der Hova führte einen abermaligen Krieg herbei, der 1896 damit endete, daß das französische Protektorat aufgehoben und Madagaskar für eine französische Kolonie erklärt wurde; die letzte widerspenstige Königin wurde abgesetzt und nach Algier deportiert. Die Hauptstadt der Insel ist Antananarivo im Hochlande von Imerina. Quelle: Länder- und Völkerkunde, Gustav Ritter, Verlagsdruckerei Merkur, 1904, von rado jadu 2001 |
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