zurück

Jaduland

Gegenstände
Madagaskar
Karte

Aus Madagaskar

Von Walter Boje

Bilder

Aus einem frei aus einer weiten Ebene emporragenden Porphyrmassiv erhebt sich, 1400 Meter über dem Meeresspiegel, an der Stelle des alten Ykopa-Sees, der vor Jahrhunderten durch Menschenkraft mit primitiven Mitteln trockengelegt wurde, Antananarivo, oder wie sie heute gewöhnlich genannt wird, Tananarivo, die alte Residenz des Howareiches Madagaskar. Eine Riesentreppe von 1500 Stufen, die in den harten braunroten Fels gehauen sind, führt zu der Stadt empor, in der die verlassenen hochgiebeligen Paläste noch von der einstigen Herrlichkeit der Howaherrscher träumen. Hohe Eukalyptusbäume rauschen mit ihren Kronen über den niedrigen Häusern der Eingeborenen, nur der Palast der letzten Königin Ranavalona III., die nach der Tradition ihren allmächtigen Premierminister heiraten mußte und diesen dadurch zum eigentlichen Beherrscher des Landes machte, überragt mit seinem steilen Dache und den vier Ecktüren auch die höchsten Wipfel. Schweigend liegt das Silberpalais mit den Königsgräbern im Glanze der Sonne da, deren eines den Sarkophag der "unfruchtbaren Königin", der Erbauerin Tananarivos, birgt.

Dieses Grabmal ist zum Heiligtum der Madagassen geworden, und aus allen Teilen des Landes wallfahrten die Eingeborenen - gleich welchen Stammes - zum Sarge der zur Göttin erhobenen Königin, um ihre Opfergaben niederzulegen, die dann nach Sonnenuntergang von den Priestern auf einem steinernen Altar verbrannt werden. Und wenn die letzten Pilger ihre Balsamzweige und Orchideenblüten vor den Priestern ausgeschüttet haben und die Nacht herniedergesunken ist, dann kommen die Aussätzigen die Riesentreppe emporgewankt, um vor den sterblichen Resten der "unfruchtbaren Königin" von den Ahnen Gnade und Erbarmen für Kinder und Kindeskinder zu erflehen. Und haben ihnen die Priester wohlriechendes Harz auf ihre unheilbaren Wunden geträufelt, dann wanken diese lebendigen Leichen zurück in die Nacht, ihren vielleicht am äußersten Punkte der Insel gelegenen Wohnstätten zu, bis ein barmherziges Geschick sie auf ihrem mühevollen Wege dorthin von ihren Leiden erlöst.

In der Hauptstadt herrscht das denkbar bunteste Treiben. Howas, Sakalaven, Betsimisaraka und Bare eilen, halb europäisch, halb afrikanisch oder madagassisch gekleidet, mit Früchten und Spezereien beladen, zum Bazar. Strohhüte, Filzhüte, Tropenhelme thronen über schwarzen und gelben Gesichtern, überragt von schwarzen, weißen oder khakifarbenen Sonnenschirmen. Halbnackte dunkelbraune Träger mit Filanzanen, den madagassischen Sänften, eilen raschen Schrittes vorüber. Rumverkäufer bieten allenthalben ihr berauschendes Getränk feil. Das dichteste Gewühl herrscht auf den Basaren. Kaffee, Bananen, Tabak, Vanille, Feigen und Ingwer werden neben Backwerk, Geflügel, bunt verzierten Töpfen und Körben feilgeboten.

Sorgfältig wählen die Eingeborenen ihren Bedarf aus, um ihn in großen Bastkörben, die nach unserer Münze etwa 10 Pfennig kosten, zu verstauen. Mit rasch fördernden Schritten führen halbnackte Träger ihre Sänften mit weit hergereisten Pilgern durch belebte Straßen und einsame, stille Gassen, am Palaste Andrianimpoinas, des ersten Königs der vergangenen Howadynastie, und der christlichen Kirche vorüber, bis sie in einem Strom von Fußgängern festgekeilt sind, die alle den Königsgräbern zustreben. Fast jeder, ob arm, ob reich, ist mit Orchideenblüten und Spezereien beladen, um sie den Priestern zu übergeben.

Ein betäubender Duft von sterbenden Blüten und Vanille lagert in den Straßen, die zum Silberpalais führen. Gelbhäutige Howadamen aus königlichen Geblüt, mit roten Sonnenschirmen als Zeichen ihrer vornehmen Geburt, dunkelhäutige Bara- und Sakalavenmädchen, in buntfarbige Seidengewänder gekleidet, gaukeln durcheinander. Aus einer Nebenstraße gellt der laute Ruf eines Mpisikidy, eines Wahrsagers, der, auf einer Bastmatte hockend, aus einer Handvoll Kaffeebohnen die Zukunft verkündet.

Sechzehn Figuren, in zwei Reihen angeordnet, bildet er aus den Kaffeebohnen und prophezeit den abergläubisch Zuhörenden gefahrlose Reise und glückliche Heimkehr. Auch ein Ody, einen Talisman, kann sich der Madagasse hier anfertigen lassen und erhält alsbald ein Stück Ochsenhorn ausgehändigt, das mit vergoldeten Nägeln, Sand und Eisenstücken angefüllt und mit Krokodilzähnen und bunten Glasperlen behängt ist. Nachdem dieser Fetisch noch mit Rinderfett eingerieben ist und die nicht unerheblichen Kosten für die Weissagung und die Anfertigung des Talisman entrichtet worden sind, ruft der Mpisikidy den Namen Gottes, Zanaar, an und verkündet seinem Kunden das Fady, das ihm, wenn der Fetisch wirksam sein soll, die Ausübung gewisser Handlungen verbietet und ihm zur Pflicht macht, sich des Genusses einzelner Speisen zu enthalten.

Unter dem Gleichschritt der Träger schwanken die Filanzanen sanft durch die Ebene, die die Hauptstadt umgibt. Kein Baum spendet den Reisenden mehr seinen Schatten, unbarmherzig brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel herunter. Erst wenn die Nacht hereinbricht, erheben die von der sengenden Hitze erschlafften Gräser wieder ihre Halme, und die Lebewesen der Dunkelheit erwachen aus ihrem Tagesschlafe. Nachtvögel, Flederfüchse und fliegende Hunde huschen in lautlosem Fluge um die einfachen Bambushütten der Steppendörfer, und große Nachtfalter mit schwalbenschwanzähnlichen Unterflügeln gaukeln in wirrem, unsicherem Getaumel um die Viehkraale, in denen Sangarinder wiederkäuend am Boden liegen. Aus dem nahen Bergwald gellt ab und zu der schrille Schrei eines aus dem Schlummer geschreckten Schwarzpapageis, Wanderratten stöbern zwischen den Abfällen der Dorfbewohner umher, und aus den dicht bei den Ansiedlungen liegenden Reisfeldern schallt sehnsüchtig schluchzend der Schlag der Wachtelmännchen. Sonst herrscht weit und breit tiefer Frieden. Kein Raubtiergebrüll schreckt die Rinder in ihren Pferchen auf, denn Madagaskar kennt keine großen Raubtiere; nur Ziebetkatzen schleichen lautlos durch Gestrüpp und Gräser, um schlafenden Vögeln nachzustellen.

Kaum erhellt sich an neuen Tage über den Gebirgskämmen im Osten der Himmel, da steigen mit jubelndem Geflöte von den Bärlappwiesen schon die Lerchen auf, bis das höher wandernde Tagesgestirn sie wieder in ihre Nester oder in das Blättergewirr des Urwaldes treibt. Hohe Bambusdickichte wechseln hier mit mannigfaltigen Baumbeständen, und ein balsamischer Duft zieht zwischen den Stämmen hindurch. Riesenhafte Fächerbananen ragen mit weit ausladenden Kronen bis in die Höhen von 30 bis 40 m empor. Akazien, Raphia- und Schraubenpalmen mit dolchförmigen spiraligen Blättern, die an der Spitze herabhängen, gedeihen dicht nebeneinander. Vereinzelt steht auch zwischen lichten Palmenbeständen der Tangenbaum, der einst in der Geschichte des Howareiches eine traurige Berühmtheit erlangt hat.

Die Zweige dieses Baumes, der etwa einem riesigen Oleander ähnlich sieht, sind mit lederartigen hellgrünen Blättern dicht bedeckt, die beim Anschneiden einen milchigen Saft ausschneiden. Seine apfelgroßen olivfarbenden Früchte enthalten einen überaus giftigen Kern, der unter den Howaherrschern als Strafmittel angewendet wurde. Bei der sogenannten "Tangen-Probe", einer Art Gottesgericht, wurden dem Beschuldigten einige Stücke des giftigen Mandelkerns zum Essen gereicht. Brach dieser den Giftbrocken wieder aus, so galt seine Unschuld als erwiesen. Öfter aber starb der Bedauernswerte an der Herzlähmung; denn es lag lediglich im Ermessen des Richters, ob er den Deliquenten sterben lassen wollte oder nicht, da je nach der Größe des verabreichten Dofis der Genuß des Fruchtkerns Erbrechen oder Herzlähmung und Tod bewirkte. Hunderte, Tausende sind auf diese Weise in früheren Zeiten vom Leben zum Tode gebracht worden. Heute ist der Tangenbaum nur noch selten auf Madagaskar zu treffen; denn nachdem die Franzosen nach der Besetzung des Landes die Anwendung der Tangenprobe verboten hatten, ließ die Howaregierung kurzerhand alle Tangenbäume von deren Existenz sie Kenntnis hatte, umschlagen.

Je tiefer man in den Urwald eindringt, desto majestätischer, aber auch düsterer, erdrückender wirkt er. Die Kronen der Bäume sind derartig ineinander verwachsen, daß die Strahlen der Sonne nicht mehr hinabreichen in das Farnkraut - und Blattpflanzendickicht, das den Boden bedeckt. Vanillenlianen schlingen sich von Baum zu Baum und sind mit einer Last von Schmarotzerpflanzen beschwert, daß auch der kahlste Lianenstengel in eine Blumengirlande verwandelt scheint. Wo sich nur etwas Mulmerde zwischen den Zweigen angesammelt hat, da wuchern Farnwedel gleich riesigen Körben und blütenreiche üppige Orchideen.

Kein Eingeborener würde je freiwillig im Urwald übernachten. Dort könnte ihm das Kokolampy begegnen, ein Fabelwesen mit langen Haaren, das sich von Krebsen und Krabben nährt und dessen Anblick den Tod eines Familienmitgliedes zur Folge haben würde. Auch der Urwald belebt sich erst in der Dämmerung. Dann huschen Halbaffen, Lemuren, Fuchs - und Katzenmakis über die Äste der Bäume, und das merkwürdige Fingertier glotzt mit seinen großen Augen durch das Blättergewirr.

Das Landschaftsbild Madagaskars ist überaus abwechslungsreich. An den Küsten ziehen sich teils schmale Niederungen dahin, teils steigen die Felsen unmittelbar aus dem Meere empor. Im Innern wechseln Bärlappwiesen mit Strauchsteppen ab, an denen der Süden des Landes besonders reich ist. Aus der Hochebene ragen die Gebirgsmassive empor, deren Fuß meist mit dichtestem Urwald bestanden ist. Hochebenen und Bergrücken sind meist vollständig kahl. Stundenlang, tagelang kann der Reisende durch diese Ebenen wandern, ohne auch nur auf eine Wasserstelle zu stoßen.

Wer hier in die Irre geht, der ist rettungslos verloren. Mit fliegenden Pulsen irrt der Verschachtende auf der Suche nach Wasser den ganzen Tag umher; kein Flußlauf, kein Steppenbrunnen bietet ihm die ersehnte Erquickung. Die Kehle ist wie ausgedörrt, die Zunge klebt ihm am Gaumen, vor seinen entzündeten Augen tanzen rote Funken, und der brennende Durst quält ihn unbarmherzig in den Eingeweiden. Taumelnd setzt er Fuß vor Fuß, der Kopf schmerzt ihn, immer häufiger bleibt er schwer und tief atmend stehen, bis er endlich zu Tode matt zusammenbricht. Vielleicht jagt ihn die nimmer schlummernde Liebe zum Leben nach wenigen Minuten wieder auf; denn jeder Schritt kann ihn einer Ansiedlung näherbringen. Dann schleppt er sich wieder mühsam durch die glühende Ebene vorwärts. Wenn sich dann plötzlich in der Ferne eine Riesenhand gen Himmel reckt, eine Fächerbanane, dann ist er gerettet. Dort ist die Rettung vor dem Verschmachten für den, der diesen Baum kennt. Der "Baum der Reisenden" kann dem verdurstenden stets noch Wasser in Hülle und Fülle bieten, da sich in den Blattscheiden dieser Bananenart das Wasser ansammelt. Allerdings schwimmen oft kleine Landfrösche, tote Ameisen und Regenwürmer darin herum, doch vor der drohenden Gefahr des Verdurstens ist man nicht mehr wählerisch.

Regeres Leben herrscht in dieser Wildnis allein an den Flußufern und den mit hohen Papyrus bewachsenen Sümpfen. Auf den seichten Wasserflächen wuchert die eigentümliche Spitzenblattpflanze, deren Blätter gitterartig durchbrochen sind und wie Spitzengewebe aussehen. Durch die trügerischen Fluten der Wasserläufe ziehen träge Krokodile, und orangerote, mit langen Federhauben gezierte Eisvögel schießen pfeilschnellen Fluges über den goldenen Wellchen dahin. An den Ufern weiden unter den ungeheuren flaschenförmigen Stämmen von Affenbrotbäumen Tag und Nacht die Rinderherden der eingeborenen, deren Wächter sich bei Einbruch der Dunkelheit in besondere Schlafkarren zur ruhe zurückziehen.

Unter Palmen und Kakteen lächeln die Hütten der Wilden, aber von weither schweben die süßen Düfte reisender Bananen und Vanillen, die Düfte der Wollust.

Das Bevölkerungsproblem Madagaskars ist bis heute noch nicht gelöst. Jedenfalls ist die Zahl der einzelnen Stämme und Nationen ziemlich groß. Vermutlich ist die Rassenmischung von den beiden Hauptstämmen des Landes, den Howas und den Sakalaven, ausgegangen. Die Howas sind ihrer Herkunft und Tradition nach Malaien, die wahrscheinlich vor etwa einem Jahrtausend von den Sundainseln her eingewandert sind. Die Sakalaven — zweifellos die ersten Besiedler des Landes — sind afrikanischer Herkunft; den der negroide Einschlag bei ihnen ist unverkennbar. Woher sie kamen, ist jedoch bis heute ebenfalls noch nicht geklärt. Die der Insel gegenüberliegende afrikanische Küste gehört jedenfalls zum Gebiet der Bantuneger, die aber keine Seefahrer sind. Von ihnen können die Sakalaven also nicht abkommen. Alle übrigen Völkerschaften Madagaskars wie Betsileo, Betsimisaraka und Bara sind Bastardstämme, die aus Blutmischungen zwischen den olivengelben Howas und den kaffeebraunen Sakalaven hervorgegangen sein dürften. Letzteres sind das an Köpfen zahlreichste Volk der Insel.

Nationaltracht ist ein weiter weißer, burnußartiger Mantel, die Lomba, die allem Anschein nach von den Howas eingeführt worden ist. Dieses wird jedoch von den Sakalaven auf dem Lande nicht getragen; denn die Sakalaven hassen alles, was von den Howas kommt oder irgendwie mit ihnen zusammenhängt. Die Sakalaven kleiden sich vornehmlich in bis zu den Knien reichende hemdartige Bastgewände ohne Ärmel, wozu als Kopfbedeckung eine Reisstrohkappe im Gebrauch ist.

Die Beine bleiben häufig nackt. In der Kleidung macht sich leider häufig auch europäischer Einfluß bemerkbar.

Die Sitten und Gebräuche dieses Volkes sind sehr eigenartig, und der Aberglaube spielt bei ihnen, wie überhaupt allgemein auf Madagaskar, eine überragende Rolle. Ist ein Sakalave erkrankt, so muß er natürlich gleich von irgendeinem bösen Geist besessen sein, und meist stellt der Zauberer dann auch fest, daß der "Bilo", der Teufel, in den Leidenden gefahren ist, und beschmiert ihn das Gesicht zunächst mit einem Brei aus Maniokpulver und gelbem Ocker. Ist die Krankheit nach drei Tagen nicht gewichen, so muß eine Bilo-Beschwörung vorgenommen werden. Der Kranke wird dazu auf den Versammlungsplatz des Dorfes gebracht und auf einer Bastmatte niedergelegt. Eine Anzahl seiner Freunde hocken sich, mit Speeren bewaffnet, bei ihm nieder, während der Zauberer die Bewohner des Dorfes zur Beschwörung zusammenruft. Bald strömen Männer, Frauen und Mädchen von allen Seiten in vollem Kriegs - und Tanzschmuck zusammen.

Während der Leidende auf einen niedrigen Holzschemel gesetzt wird, gruppiert sich die Musikbande des Dorfes um ihn. Zu seinen Füßen kauern sich hübsche Mädchen nieder und schlagen auf großen Trommeln den Takt zu den Klängen der Kürbisgeigen. Bambusgitarren, eigentümliche Instrumente, aus einem etwa anderthalb Meter langen Bambusrohr bestehend, an dem zwischen zwei Knoten die Fasern losgelöst und durch darunter gesetzte Stege aus der harten Rinde des Krähenaugenbaumes gestützt wurden, fallen klirrend ein, Muscheltrompeten blasen dazwischen, und schon gehen Ringkämpfer gegeneinander vor. "Komm her, wenn dich deine Mutter wirklich mit Rinderfett gesalbt hat!" rufen sie sich gegenseitig zu, um sich im nächsten Augenblick zu packen und in der Luft herumzuwirbeln; denn jeder Säugling wird, damit er kräftig werde, kurz nach der Geburt mit Rinderfett eingerieben.

Immer wilder wird die Musik und erweckt in dem Leidenden bald den unbezähmbaren Drang seiner Rasse, zu tanzen. In rhythmischen Takt klatschen Mädchen und Frauen zu den Klängen der Instrumente. Kaum haben die Ringer geendet, da stürmt eine Anzahl mit Speeren bewaffneter Krieger, die Stirn mit seltsamen Zeichen bemalt oder mit Metallscheiben besetzt, in den Kreis und dreht sich im Tanze. Musikanten mit von irgendwo herbeigeschleppten oder erhandelten Ziehharmonikas gesellen sich zu ihnen und springen mit ekstatischen Gliederverrenkungen vor dem Kranken hin und her, um seine Nerven aufzupeitschen. Dann läßt sich der Zauberer vor ihm nieder und bohrt im seine Blicke hypnotisierend in die Augen.

Bilder
Bilder

 

Immer rascher geht der Trommelwirbel unter den kleinen Fäusten der Mädchen, gellender heulen die Muscheltrompeten, schneller gleiten die Finger über die Saiten der Kürbisgeige, schlagen die klatschenden Hände gegeneinander, und um so rasender wird der tanz. Mit zwingenden Blicken versetzt der Zauberer den Leidenden in Trance. Schrill klirren die Bambusgitarren und klappen die Lamakos, ovale Holzbretter, zusammen. Ekstatische Schreie schallen aus den Gruppen der Tanzenden, bis sich der Kranke selbst erhebt, um taumelnd und schwankend selbst einen hysterischen Reigen zu beginnen. Dabei geraten die übrigen in völlige Raserei, stürzen plötzlich zurück und sinken zwischen den Zuschauern erschöpft zu Boden.

An ihre Stelle betritt eine Gruppe ausgesucht schöner Mädchen den Kreis und wiegt sich in anmutigen Drehungen und Wendungen, um die Nerven des Kranken immer mehr aufzureizen. Mit allen weiblichen Künsten werben sie um die Gunst des vom Bilo besessenen Kriegers. Rasselnd springen Ketten und Metallscheiben auf ihren freien Schultern; die prächtigen bunten Seidengewänder, in die die Sakalavinnen immer gehüllt sind, straffen sich über der Brust, und die in seltsam gebundene Knoten endenden Haarsträhnen flattern um ihre glänzend schwarzen Gesichter. Dann gerät der Kranke in tobende Raserei. Seine nackten Füße stampften den Boden, wild schwingt er die Speere in seinen Händen über dem Haupte.

Die Mädchen suchen und fliehen ihn beim Tanze, daß ihre kleinen Füße nur so über den Boden schweben, und immer wilder werden auch die Bewegungen der Zuschauer. Der ganze Dorfplatz ist ein einziges Gewühl durcheinanderwirbelnder und - gleitender Körper. Ein junger Stier wird mitten zwischen die Tänzer geführt, gefesselt, niedergeworfen und seine Halsschlagader geöffnet. Das Blut wird in Kürbisschalen aufgefangen und den Rasenden zum Trunke gereicht. Auch wenn der Kranke bewußtlos zusammenbricht, rast der Tanz sinnberauschend weiter, und wenn die Dunkelheit hereingebrochen ist, lassen die überall auf dem Dorfplatz angefachten Feuer die wild um sich schlagenden Tänzer nur um so dämonischer erscheinen.

Übersteht der Kranke diese ungeheuren Anstrengungen, so ist er gerettet, und der Zauberer hat sein Ansehen ob dieser neuen Wundertat vergrößert. Erlebt der Leidende jedoch den nächsten Morgen nicht mehr, so finden sich sämtliche Verwandte und Freunde vor dem Sterbehause ein und tanzen, um den bösen Geist des Toten, den Bilo, auszutreiben, mit lauten Klagegesängen acht tage um die Hütte herum. Am Tage der Bestattung stellen Musikanten einen Bock mit einem Bambusrohr vor dem hause auf, und während der mit weißem Tuche bedeckte Holzsarg herausgetragen wird, vollführen die Spielleute mit Holzstäben auf dem Bambus eine barbarische Musik.

Da nach sakalavischem Glauben die Seele des Toten zögert, das Haus zu verlassen, das ihr Körper so lange bewohnt hat, wird sich durch abwechselndes Vor - und Rückwärtsschreiten der Sargträger aus dem hause zum Grabe gelockt. Dabei klopfen ihre Hände unausgesetzt gegen die Sargwände, und mit dumpfer Stimme befragen sie den Toten, ob ihm ihre Gesänge und Tränen gefallen haben und ob bei seiner Bestattung auch nichts unterlassen wurde. Langsam wird der Sarg dann zum Osttor des Dorfes hinausgetragen, um draußen auf freier Steppe bei den Tacombatos, den Totensteinen der Vorfahren, notdürftig mit Erde bedeckt zu werden. Da unter den Madagassen ein ausgedehnter Ahnenkult getrieben wird, halten die Verwandten wochenlang bei dem Grabe Zusammenkünfte ab. Der unerträgliche Geruch, den die verwesenden Körper ausströmen, stört sie nicht im mindesten. Auch die Blutsbrüder finden sich bei den Gräbern ein, und ihre Zahl ist oft nicht gering; denn die Blutsbrüderschaft — Fatindra — steht auf ganz Madagaskar in hohem Ansehen.

Sie ist mit umständlichen Zeremonien und Eingangsformalitäten verbunden, wonach sich die beiden Männer, die die Blutsbrüderschaft schließen wollen, vor einer Wasserschüssel niederhocken. In das Wasser wird ein Aststück gelegt und in dieses ein Messer gesteckt, dessen Griff von beiden Männern gefaßt wird. Ein dritter träuselt ihnen jetzt wiederholt Wasser über Hände und Messer. Endlich ritzt sich jeder mit dem Messer die Haut an der Brust auf, tauch ein Stück Ingwer in das heraustretende Blut und steckt es dem anderen in den Mund. Damit sind sie sich gegenseitig bis in den Tod verpflichtet, jeder hat unbeschränkte Rechte auf die Habe des anderen und darf auch über die Frau des Blutbruders verfügen.

Die Stellung der Frau ist auf Madagaskar überhaupt außerordentlich eigenartig. Es herrschen vielfach gerade umgekehrte Verhältnisse wie bei allen anderen Völkern. Ein Mädchen mit drei Kindern würde in der zivilisierten Welt überhaupt keinen Mann mehr finden. Bei den Sakalaven — oder überhaupt auf Madagaskar — ist es aus demselben Grunde höchst begehrenswert, wogegen ein Mädchen, das noch kein Kind besitzt, bestimmt verschmäht würde. Die Herkunft der Kinder ist dem Sakalaven höchst gleichgültig.

Einzig und allein die Fruchtbarkeit eines Mädchens kann ihn dazu veranlassen, es zu seiner Frau zu machen, und dafür muß es bereits vor der ehe den Beweis angetreten haben. Infolge dieser Einstellung, die natürlich auch wieder mit dem Ahnenkult in Verbindung zu bringen ist, herrscht in dem Lande eine Zügellosigkeit der Sitten, die unbeschreiblich ist. Trotz dieses materiellen Hanges entbehrt eine Sakalavenhochzeit doch nicht der Poesie, obgleich die Präliminarien wieder absolut robust sind. Der Heiratslustige ergreift das Mädchen, das ihm gefällt, einfach bei der Hand und zieht es in die erste beste leere Hütte, deren Tür er von innen verrammelt; mögen die rechtmäßigen Bewohner sich für die nächste Stunde sonstwo ein Unterkommen suchen.

Erst nachdem er mit dem Mädchen mehrere Stunden verbracht hat, begeben sich die beiden zu dem Vater des Mädchens, wo der Mann um die Hand der Tochter anhält und man sich über das Bodiondry, das Brautkaufgeld, einigt, das je nach der Schönheit der Auserwählten aus einem oder mehreren Rindern besteht. Besitzt der Bewerber selbst nicht genug Vieh um das Bodiondry zu bezahlen, so unternimmt er einfach einen Raubzug zu den Viehkraalen eines benachbarten Stammes. Glück der Raub und entkommt der Dieb unbemerkt, so ist mit einer Vergeltung kaum zu rechnen, da die Räuber, um keine Spuren zu hinterlassen, sich und den gestohlenen Tieren Strohsandalen überziehen. Ist das Kaufgeld voll entrichtet, so dröhnen am nächsten morgen die Lärmtrommeln in den Gassen des Dorfes und rufen die Krieger zum Kampfspiel zusammen, bei welchem der Bewerber Proben seines Mutes ablegen muß.

Mit Lanzen und Schwertern bewaffnet ziehen die Männer zum Dorfe hinaus, gefolgt von einer großen Menge Frauen und Mädchen, die zur Feier des Tages das bunte Seidengewand, das Simbu, angelegt haben. Nur die Braut, die Hauptperson, sitzt weiß gekleidet einsam in der Hütte ihres Vaters und harrt sehnsüchtig der Ankunft des Geliebten. Von außen dröhnt Lärm und Getöse der Kampfspiele zu ihr herein. Stunden vergehen, und doch darf sie die Hütte nicht verlassen, bis endlich Musik ertönt und ruhige, gemessene Schritte sich dem Hause nähern. Die Tür wird geöffnet, und der mit hoher Reisstrohkappe gekrönte Stammespriester und Astrologe tritt herein, gefolgt von den Eltern der Braut und dem zukünftigen Manne mit seinen Eltern, der sich sofort bei ihr niederläßt. Die übrigen nehmen an der anderen Seite des Hauses platz. Während die Eheschließung vollzogen wird, sammelt sich vor der Hütte eine riesige Menschenmenge an, die jedoch in tiefem Schweigen verharrt, bis endlich der Vater des Mädchens heraustritt und die Heirat seiner Tochter bekanntgibt. Mit erhobenen Händen flehen alle zu den Ahnen um Segen für den jungen Mann und die Frau, die "er unter seiner Achsel trägt"; und dann hebt ein Schmausen an, das von Spielen und Gesängen abgelöst wird.

Bei Einbruch der Nacht ziehen alle Teilnehmer zu den Gräbern der Vorfahren, wo inmitten der Tacombatos, der Totensteine, zu den melodischen Klängen von Kürbisgeigen und Bambusgitarren rhythmische Tänze von seltener Anmut aufgeführt werden. Langsam steigt der Mond am Himmel herauf und überzieht Tacombatos und Tänzer mit einem märchenhaften Schimmer. Die Sterne blitzen auf, Rumkalebassen kreisen unter den Hochzeitsgästen; behutsam führt der Mann seine junge Frau zur Hütte, die Tür wird geschlossen und bald liegt tiefe Stille über den schlafenden Dorfe.

Quelle: Welt und Wissen, 1928, von rado by jadu 2002

Löffel



© Copyright 2002 by JADU


Webmaster