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Reise durch Marokko

Von Dr. H. Handke.

Von den deutschen Stämmen, den Vandalen und den Westgoten, die im frühen Mittelalter von Spanien nach der gegenüberliegenden Küste von Nordafrika übergesetzt und dort in dem großen afrikanischen Völkergrab verschollen sind, lebt unter den heutigen Bewohnern des Landes keine Erinnerung mehr, und wenn Sultan Mulay Hafit in einer Unterredung gelegentlich einmal des germanischen Blutes gedacht hat, das seinem Volke beigemischt sei, so ist das entweder europäischer Import oder eine gelehrte Reminiszenz. Denn bei der Besitzergreifung des Landes haben die Araber neben den einheimischen Berberstämmen noch "Franken" vorgefunden, und ihre Chronisten wissen davon u berichten. Lebendig ist die Erinnerung an diese deutschen Stämme, die ihr Drang nach Abenteuern so weit nach Süden getrieben, nur noch in Spanien, in Andalusien, dem die Vandalen den Namen gegeben haben, und in Toledo, in dessen Kathedrale noch heutigestags in der Capilla mozárabe täglich Gottesdienst nach westgotischem Ritus stattfindet, und dessen Caballeros mit ihrer gotischen Abstammung renommieren. Wer in Marokko Spuren germanischen Blutes suchen will, muß sich auf die äußere Erscheinung der Bewohner beschränken, die allerdings in Nordmarokko vielfach ganz außerordentlich an deutsch Typen erinnern. In den Gesichtskreis der lebenden Bevölkerung sind wir erst viel später eingetreten, durch den Deutsch - Französischen Krieg, der in Marokko, wie in ganz Nordafrika einen tiefen Eindruck gemacht und den Nimbus der französischen Unbesiegbarkeit zerstört hat. Das Gefecht dagegen, das Prinz Adalbert als Admiral der jungen preußischen Flotte mit den Riskabylen im Jahre 1856 gehabt hat, dürfte kaum einen tiefen Eindruck auf die Bevölkerung gemacht haben, und wenn die Marokkaner heutigestags noch den Deutschen mit dem Namen "Bruß", Preuße, bezeichnen und nicht wie die meisten anderen Arabisch sprechenden Völker mit dem französischen Wort "allemand" oder gar dem auf das Slawische zurückgehenden Worte "nemsawi", so hat das wohl weniger seinen Grund in dieser ersten, flüchtigen Berührung mit der jungen preußischen Kriegsmarine, als darin, daß die Franzosen, von denen die Marokkaner über Algerien her ihre Kenntnis von uns bezogen, damals viel weniger von den Allemands als von den Prussiens zu berichten wußten.

Zwischen dem bisherigen französischen Kolonialreich und Marokko besteht ein großer Unterschied. Zunächst in der Zahl der Bewohner. Denn Marokko zählt auf seiner verhältnismäßig kleinen Fläche eine Bevölkerung, die die Algeriens um das Dreifache übertrifft, und schaut außerdem auf eine mehr als tausendjährige, ruhmvolle Vergangenheit unter einheimischen souveränen Herrschergeschlechtern zurück, was weder bei Algier noch bei Tunis oder gar den Wüstensultanaten der Fall ist, denen sich Frankreichs kolonisatorische Aufmerksamkeit zugewandt hat. Reiche von einer derartigen Vergangenheit aber pflegten sich nicht kurzerhand über den Haufen werfen zu lassen, selbst wenn sie, was man bei Marokko ja keineswegs bestreiten kann, reichlich rückständig geworden sind. Jedenfalls hat Marokko durch seine Geschichte und seine kulturellen Leistungen eine wohlbegründeten moralischen Anspruch auf seine Weiterexistenz und die Erhaltung seiner wunderbaren, heute in der Welt geradezu einzig dastehenden kulturellen Eigenart. Wir sollten doch nicht vergessen, daß die herrlichen Werke arabischer Kultur in Spanien, daß die Mesquita in Cordoba, der Alkazar in Sevilla und vor allem die Alhambra in Granada auf die marokkanischen Mauren zurückgehen, die auf der Iberischen Halbinsel das Reich El Andalus gegründet und zu einer Kulturhöhe gebracht haben, die Spanien seitdem nicht wieder erreicht hat. Ihre schönste Blüte hatte diese Kultur allerdings nicht in Marokko getrieben. Den maurischen Bauten Spaniens können sich weder die Moscheen noch die Paläste Marokkos an die Seite stellen, und selbst an die Moscheenbauten Kairuans reichen sie kaum heran, so schön und großzügig auch einzelne von ihnen, zum Beispiel die Kairuinmoschee in Fes, sind. Aber schließlich ist diese Kultur denn doch in Marokko bodenständig gewesen. Von dort sind die Menschen ausgegangen, die diese Werke geschaffen haben, und dort haben sie mehr als ein Jahrtausend lang immer wieder eine gesicherte Zufluchtsstätte gefunden, wenn die Ungunst der Zeiten sie von den Stätten ihrer neuen Wirksamkeit vertrieb. Aber auch über Spanien und Italien hinaus, die beiden in direkte Berührung mit dem Maurentum traten, verdankt ganz Europa dem maurischen Einfluß sehr viel. Jahrhunderte lang galten die maurischen Sitten als die ersten und vornehmsten der Welt. Diese vielbewunderte westarabische Kulturwelt aber lebt heutigestages noch in Marokko und schafft noch immer sehr respektable Werke, wenngleich sich anderseits nicht leugnen läßt, daß sie sich bereits seit langem nicht mehr auf ihrer alten Höhe befinden.

Am besten kann man diese marokkanische Kultur in Fez selbst bewundern, die zweifellos eine der interessantesten Städte der Welt ist, zu der es jeden wieder zieht, der einmal in ihren Mauern geweilt hat. Durch eine vier- bis sechstägige Karawanenreise von der Küste und damit jedem europäischen Einfluß getrennt, schläft die heilige Stadt Mulay Idris heutigestages noch einen Dornröschenschlaf, aus dem sie in voraussichtlich nicht allzu langer Zeit der Pfiff der ersten Lokomotive und der unvermeidliche Strom fremder Reisender wecken wird. Dann wird der Bann ihrer Unberührtheit gebrochen und ihre Weltabgeschiedenheit dahin sein, unter deren Schutz über Stadt und Menschen Jahrhunderte spurlos dahingegangen sind -- ein wehmütiger Gedanke für jeden, der sie noch in ihrer unberührten Schönheit kennen gelernt und bewundert hat.

Heutigestags ist Fez wohl die einzige Stätte, an der man noch echtes, wahres Mittelalter aus eigener Anschauung kennen lernen kann, aber nicht etwa fossil, wie etwa im türkischen Orient oder in Ägypten und Algier, sondern in vollem Leben. Wie die Städte des deutschen Mittelalters umschließt Fez noch heute ein hohe, wehrhafte Mauer, innerhalb dessen sich die friedlichen Bürger wohl und behaglich fühlen, während es draußen vor den Toren, die mit Sonnenuntergang geschlossen werden, um unkontrollierbarem Gesindel den Eintritt zu wehren, selbst am hellen Tage nicht immer geheuer ist. Und wer gar noch Gelegenheit hat, an einem der großen Feste auf dem Felde der Mssala unter hunderttausend und mehr Menschen eine Vasallenschau zu erleben, zu der die Kaids und sechs aus allen Teilen den Landes mit ihren wehrhaften Mannschaften gekommen sind, und im Anschluß daran eine Hedija, eine feierliche Tributübergabe -- der wird sich dann auch mutatis mutandis vorstellen können, wie sich bei uns im deutschen Mittelalter ein deutscher Reichstag abgespielt haben kann.

Der schönste Blick auf Fez eröffnet sich von den Vorbergen des die Stadt überragenden Dschebel Salag; er erinnert in mancher Hinsicht an den berühmten Blick auf Moskau von den Sperlingsbergen, von denen aus Napoleon I. zuerst die Stadt erblickte, die das Grab seines Ruhmes werden sollte. Wie dort aus einem schier endlosen Häusermeer, dem die flachen, Grüngestrichenen Blechdächer den farbigen Stempel aufdrücken, die in allen Farben des Regenbogens, in Lila, Rot, Blau, Grün schimmernden Türme und Kuppeln der zahllosen Kirchen hervorleuchten, so steigen auch in Fez aus dem in dem Grün der Gärten eingebetteten weißleuchtenden Häusermeer die Minaretts und Kuppeln der Moscheen, Medressen und Heiligtümer hervor, deren Fez -- nach Angabe des sehr unterrichteten französischen Konsuls Gaillard in Fez -- rund 850 bei einer Bevölkerung von 120 000 bis 140 000 Einwohnern zählen soll.

Auf diesen luftigen Vorbergen des Dschebel Salag hatte das kunstgebildete Geschlecht der Meriniden, dem Fez so viel verdankt und an das heutigestags noch so viel erinnert, sich ein umfangreiches Schloß und in der Nähe seine Grabstätten erbaut. Von den letztere sind noch einige einigermaßen erhalten. Von dem umfangreichen Schlosse jedoch stehen nur noch einige hochragende Ruinen, darunter ein mächtiger Torbogen, der ein herrliche Umrahmung gibt zu dem imposanten Städtebild im Tale und dem wie eine schlanke Nadel aus der Tiefe aufragenden Minarett der Moschee von Mulay Idris, dem Begründer von Fez. Von hier aus läßt sich auch die gewaltige altersgraue Mauer von Fez, die in einzelnen Teilen auf die Meriniden und selbst auf die Almohaden zurückgeht, am besten in ihrer ganzen Ausdehnung übersehen, wie sie von der höher gelegenen Ebene von Sais in das zerrissene Tal des Fezflusses herabsteigt, trotz ihrer ungefügen Mächtigkeit sich allen Launen des Geländes anschmiegt, in Schluchten und Täler steigt und über Hügel klettert. Dabei ist sie kein Anachronismus, kein Stück Freilichtmuseum, welche Empfindung den Beschauer nur zu leicht bei derartigen mittelalterlichen Reminiszenzen in Deutschland überkommt, und ganz besonders in England, wo man das Altertum in einem kokett romantischen Stil konserviert, der das alte Bauwerk fast wie eine moderne Imitation wirken läßt. Dieser gewaltigen Mauer kommt die Aufgabe, die Stadt gegen den Feind von außen, und wäre es auch nur Räubergesindel, zu schirmen, auch heutigestags zu, weshalb ihre mächtigen Tore auch allabendlich pünktlich zu Sonnenuntergang geschlossen werden. Auch die Struktur des Stadtbildes läßt sich von dieser luftigen Höhe am besten erkennen. Allerdings treten infolge der zahllosen ineinander verlaufenden Gassen der Stadt keine eigentlichen Straßenzüge hervor, doch läßt sich an den um die Moschee von Mulay Idris und die Kairuinmoschee dicht gedrängten Häusern erkennen, daß sich dort der eigentliche Mittelpunkt des Handels und Verkehrs befindet, während die Häuser der vornehmen Araber mit ihren oft berückend schönen Gartenanlagen sich mehr an den Seiten erstrecken. Besonders interessant, wie in den meisten orientalischen Städten, ist auch in Fez der Basar, der aber nicht, wie der Basar in Konstantinopel und andere Basare des Orients, stattliche und interessante Gebäude aufweist, sondern nur aus dürftigen Holzbuden in engen Gäßchen besteht, in welchen die gleichen Gewerbe nachbarlich zusammen hausen. In jeder, fast an einen riesigen Kleiderschrank erinnernden Bude hockt inmitten seiner Waren ein würdiger, gewöhnlich etwas korpulenter Maure, der es sich dort so bequem wie nur möglich macht und ungeniert seine nackten Füße und Beine über seine Waren streckt, selbst wenn es Lebensmittel sind. Besonders interessant ist der Seidenmarkt, der Drogenmarkt mit seinen undefinierbaren orientalischen Wohlgerüchen, der Goldarbeitermarkt, wo man den Arbeiter bei der Arbeit beobachten und sehen kann, wie er an dem primitiven Holzfeuer Silber schmilzt und in Formen zu Armbändern gießt, der Schuhwarenmarkt, dessen gelbe Männerpantoffel und die farbigen, reich gestickten Frauenpantoffel einen wichtigen Ausfuhrartikel von Fez bilden, der sehr interessante Waffenmarkt und schließlich der Altmarkt, in dessen Buden alle möglichen alten und getragenen Sachen verkauft und zu bestimmten Stunden auch Gegenstände öffentlich versteigert werden. Der ganze Basar und die umliegenden Straßen sind des Nachts unbewohnt, wie die englische City, da der Orientale es nicht liebt, mit seinen so streng abgeschlossenen Familienleben an seiner Arbeitsstelle zu hausen und wohl auch nach des Tages Last und Hitze den Komfort eines behaglichen Heims nicht entbehren mag. Dieser ist aber tatsächlich in ganz Fez recht erheblich. Dafür sorgt schon die saubere und oftmals sehr fein ausgeführte feine Kachelmosaik an den Fußböden und Wänden auch de bescheidenen Bürgerhäuser, die keinen Schmutz aufkommen läßt, und ferner das von den Dichtern so hoch gepriesene Wasser des Fezflusses, das in einer seit rund sechshundert Jahren in Betrieb befindlichen Wasserleitung durch alle Häuser und Gärten der an einem Bergabhang gelegenen Altstadt hindurchgeführt wird und nicht nur dem Haushalt, sondern auch der Bewässerung der schönen, malerischen Hausgärten dient. Dem flüchtigen Beschauer der Stadt erschließt sich allerdings diese hinter grauen dräuenden Mauern verborgenen intimen Herrlichkeiten der Stadt nicht. Wer aber länger in ihr weilt und Zutritt zu den Häusern vornehmer Mauren oder gar dem einen oder anderen Sultanspalast erhält, wird mit Recht erstaunt sein über die ihm dort entgegentretende einfache und doch geschmackvolle Ausstattung, die auch für die künstlerische Ausgestaltung unserer Innenräume manche Anregung bieten dürfte.

Neu-Fez dagegen, die Stadt der Regierung, liegt getrennt durch den spärlich bebauten Stadtteil Bu Dschelud am Rande der vom Fezflusse durchflossenen Ebene von Sais im Westen der Stadt. Von der ehrbaren Stadt Alt-Fez, die noch Mulay Idris gegründet hat, und die der Sitz der alten westarabischen Kultur ist, ist die Beamten-, Soldaten- und Gesindestadt Neu-Fez in sozialer Hinsicht streng geschieden. Gewaltige altersgraue, mit Zinnen gekrönte Mauern, die von massigen, monumentalen Toren durchbrochen werden, umschließen sie ebenso wie Alt-Fez. Aber während dort diese wehrhaften Mauern die Stadt nur nach außen abschließen und die Stadt selbst dem Bürger gehört, ist Neu-Fez überall von diesen Mauern durchsetzt, die Festungen innerhalb dieser Festung bilden, Regierungsgebäude und Paläste mit ihren Gärten umgeben und das separat gelegene Judenviertel abschließen, um seine Bewohner in wilden Zeiten gegen Mord und Plünderung zu schützen. Ganz Neu-Fez erinnert infolgedessen an eine riesenhafte Burganlage, in der ja ebenfalls die zur Verteidigung dienenden Gebäude überwiegen. Tatsächlich treten dort die eigentlichen Wohngebäude, abgesehen von dem Palaisviertel, zurück; denn von den Ministern und den hohen Machsenbeamten wohnt niemand in dieser Stadt. Ihre einzigen Bewohner sind Soldaten, Machsenstämme und allerlei Gesindel, die dort um die lange, breite, die ganze Stadt durchschneidende Hauptstraße, die gleichzeitig den Markt bildet, in engen Gäßchen, in niedrigen, ärmlichen Lehmhäusern oder in verfallenen Hütten in den verschiedenen Kasbahs hausen. Von dem Luxus in den Häusern und Gärten der Altstadt ist hier nichts zu sehen. Gestampfter Lehm bildet den Fußboden der Häuser und der Höfe, in welchen man vergebens nach den schönen Gartenanlagen mit Orangenbäumen und Bananen späht, die für Alt-Fez charakteristisch sind. Denn da Neu-Fez auf der Hochebene liegt, fehlt ihm der Wasserreichtum der Altstadt, der diese herrlichen Gärten hervorsprießen läßt, durch die künstliche Bewässerung. Eine Ausnahme machen nur die Palastgärten des Sultans, während sonst für Neu-Fez fast nur die bescheidenen Feigenbäume charakteristisch sind, die mit ihren weit ausladenden, oft gestützten Ästen vielfach die ganze Straße mit einem schattigen Dach überdecken.

Der interessanteste Teil von Neu-Fez ist das Regierungsviertel, das Dar el Machsen, mit seinen ernsten, von hohen Mauern umgebenen Höfen, die auf den Fremden zunächst einen geradezu niederdrückenden Eindruck machen. Es beginnt mit dem Hof des alten Meschuar, des alten Ratsplatzes, auf dem der Sultan bis noch vor kurzem unter freiem Himmel hoch zu Roß die zu Fuß auf ihn harrenden Gesandten zu empfangen pflegte. Man betritt ihn durch ein hohes Tor, unter dem der Militärkommandant von Neu-Fez Gericht hält, während der Zivil-Gouverneur seinen Platz unter dem nächsten Tor hat, das wieder auf einen weiteren ähnlichen, dem Publikum ebenfalls zugänglichen Hof führt. An allen Tagen drängt sich hier eine lebhaft bewegte Menge zu Fuß und beritten auf Pferden, Maultieren oder Eseln, die Neugier oder Geschäfte dorthin geführt hat. Berberkaids mit ihrem Gefolge, stattliche, wildblickende Leute mit der langen Flinte, die sie wie unsre Kavallerie auf dem Schenkel gestützt halten, und allerlei Militär. Das nächste Portal ist verschlossen und militärisch besetzt. Es führt zum eigentlichen dar El Machsen und darf nur von Leuten passiert werden, die sich ausweisen können. Zunächst gelangt man auf einen weiten, von einfachen, weißgetünchten Gebäuden umgebenen Hof, dem ein Bogengang vorgelegt ist. Auf der einen schmalen Seite erhebt sich ein architektonisch etwas besser ausgeführtes Gebäude mit einer Loggia im ersten Stock für den Sultan. Auf den Bogengang, der den Gebäuden auf den Längsseiten vorgelegt ist, öffnen sich eine Anzahl einfacher Gemächer, in denen auf ihren Matten oder auf einem einfachen Teppich die höchsten Würdenträger des Reiches mit ihren Sekretären hocken und in einer Umgebung, deren Primitivität wirklich nicht übertroffen werden kann, mit den Parteien verhandeln, während draußen auf dem Platz das Militär bei einer unglaublichen Radaumusik umherläuft und gelegentlich einen Griff macht, um das Exerzieren zu markieren. Von dieser spartanischen Einfachheit schließt sich auch der Sultan selbst nicht aus. Mulay Hasid, wie auch vordem sein Bruder Abd ul Asis, erteilt seine Audienzen, umgeben von den Großen des Reiches, in einem offenen Torbogen seines Palastes, der nach dem neuen Meschuar, einen großen, gewöhnlich als Exerzierplatz benutzten Platz hinausführt. Unmittelbar an das dar El Machsen und den neuen und alten Meschuar schließen sich von schönen Gärten umgebene Palastbauten an, die natürlich unzugänglich sind, es sei denn, daß der Sultan den einen oder anderen in Audienz dort empfängt. Die Ausdehnung dieser Gebäudekomplexe kann man am besten von den oberen Stockwerken einiger Häuser des nahen Mellah, des Judenviertels, übersehen. Doch hat sich der Sultan das dort sehr beliebt Begaffen seine intimen Lebens mehrfach sehr entschieden verbeten. Dieser beim dar El Machsen gelegene Park ist der Park von Lalla amina, in welchem Abd ul Asis mit seinen Haremsfrauen Zweirad fuhr und sich auf einem künstlichen Kanal und einem kleinen Teich mit einem Motorboot vergnügte.

Halb zu Neu-Fez gehört auch noch die große Kasbah der Scherarda, eines zum Kriegsdienst verpflichteten Machsenstammes, ein wehrhaftes, mächtiges, gegen Norden nach dem dort gelegenen Friedhof vorspringendes Mauerviereck, in welchem in elenden Hütten die Insassen hausen. Außerdem zählt Neu-Fez noch mehrere Kasbahs, so nach Alt-Fez zu die Bordj Sidi Bu Nafa, von denen besonders die erstere von den tiefer gelegenen Teilen aus mit ihren zu einem kleinen Teich unnahbar abfallenden alten Mauern einen außerordentlich malerischen Anblick gewährt. Sie ist eine alte Zwingburg, die von dem Begründer der jetzigen Dynastie erbaut worden ist, um die kecke Maurenstadt in Ordnung zu halten. In dem Teiche waschen zahlreiche Leute ihre Wäsche, und zwar gewöhnlich, indem sie mit aller Wucht mit dem Fuße auf die am Boden liegende Wäsche schlagen. Gleichzeitig aber holen die Bewohner der oberen Stadt, die keine Wasserleitung besitzt, dort ihr Trinkwasser, indem die Frauen aus einer alten, ursprünglich für Kanonen bestimmten Luke an einem Seil einen Eimer in die schwindelnde Tiefe hinablassen und ihn gefüllt wieder freihändig heraufziehen -- daß die Öffnung kein Geländer oder sonst eine Sicherheitsvorrichtung besitzt, ist für Marokko selbstverständlich.

Zweifellos gehört Marokko nach Klima wie nach Bodenbeschaffenheit zu den bevorzugtesten Länder der Welt und kann Ägypten an die Seite gestellt werden, das es sogar vielleicht noch übertrifft. Denn Marokko ist nicht das Überschwemmungsgebiet eines großen Flusses und bezüglich seiner Fruchtbarkeit von den Humusstoffen abhängig, die seine Wasser als Sinkstoffe mitführen, sonder ein Land mit einem fast durchweg humusreichen Boden von großer Ertragsfähigkeit, das für den normalen Ackerbau nur mit Winterregen und Tau rechnet. Künstliche Bewässerungsanlagen dagegen, die schon jetzt von den Berbern zur Ergänzung der natürlichen Wasserläufe fast in der ganzen Ausdehnung des Westabfalles des Atlas angelegt worden sind, würden in den großen Ackerbauebenen nur die Aufgabe haben, für Ausnahmefälle Ersatz zu schaffen. Dabei ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß an geeigneten Stellen, besonders in Flußtälern, diese natürlichen günstigen Anbaubedingungen noch durch eine künstliche Bewässerung bedeutend gesteigert werden, was auch jetzt bereits schon gelegentlich geschieht. Auf derartigen künstlich bewässerten Flächen entwickelt der Boden dann eine geradezu staunenerregende Fruchtbarkeit, wie man sich auf jedem marokkanischen Gemüse- und Lebensmittelmarkt überzeugen kann. Aber auch die allgemeine, von einer künstlichen Bewässerung nicht abhängige Fruchtbarkeit des Landes ist außerordentlich groß und geradezu staunenerregend für jedermann, der Marokko zwar nicht für eine Art Sahara gehalten hat, wohl aber es vom landwirtschaftlichen Standpunkte aus nicht höher eingeschätzt hat als etwa das Innere Kleinasiens, auf das man in manchen deutschen Kreisen so große Hoffnungen setzt. Selbst auf der durchaus nicht fruchtbaren Strecke von Tanger nach Fez erinnert Marokko auch in der trockenen Jahreszeit, wo die Felder längst abgeerntet sind, etwa an eine mitteldeutsche Hügellandschaft von guter Lage. Welchen Ertragsreichtum der Boden besitzt, zeigt das auf ihm aufschießende dichte Unkraut, ebenso wie das hohe Stroh auf den Feldern, von dem man nur die Ähren abgeschnitten hat, oder die zahlreichen Maisfelder dieser Strecke, die, wie von Kennern versichert wird, den Durchschnitt der Fruchtbarkeit des Landes noch lange nicht erreichen. Dabei ist in Marokko von einer gründlichen Bodenbearbeitung noch keine Rede, sondern man begnügt sich, mit einem mehr als primitiven Hakenpflug, der notdürftig an der Spitze mit etwas Eisen beschlagen ist, flache Rinnen in den von Natur aus durchlässigen Boden zu ziehen, statt wie bei uns die ganze Ackerfläche gründlich durchzuarbeiten. Zweifellos sind große Teile von Spanien weit afrikanischen als Marokko, das nur äußerlich zu Afrika gehört, von ihm jedoch nach Klima und Bodenbeschaffenheit schon durch das hohe Atlasgebirge getrennt ist, hinter dem erst die Gegenden liegen, denen unser herkömmlicher Begriff von Afrika entstammt. Marokko neigt vielmehr klimatisch wie auch nach seiner Bodenbeschaffenheit zu den westwärts von seiner Küste aus dem Meere emporsteigenden Inselgruppen, den Azoren sowie Teneriffa und Madeira, die bekanntlich zu den gesegneten Gebieten der Welt gehören.

Ebenso wie das Land berechtigt aber auch seine Bevölkerung zu den besten Hoffnungen. Denn mögen auch in der Verwaltung zahlreiche, uns geradezu unerträglich dünkende Mißstände bestehen, und mag das Volk, teilweise infolge dieser Mißstände, die ihm nicht gestatten, die Früchte seines Fleißes zu ernten, lange nicht das leisten, was es leisten könnte, so rührt das alles nicht an das Mark des Volkes, das entschieden gesund ist.

Was das Volk an körperlicher Arbeit leisten kann, das läßt sich schon aus den Leistungen der Briefträger ersehen, die imstande sind, auch bei der glühenden Hitze den etwa 240 Kilometer betragenden Weg von Tanger nach Fez ohne größere Pause in dringenden Fällen in zirka 48 Stunden zurückzulegen. Ebenso ist das Volk zweifellos geistig hochbegabt und besitzt durchgehends einen sehr gesunden, oft an unsere Bauernschlauheit erinnernden Menschenverstand und Mutterwitz. Auch auf den anderen Gebieten, wie dem der Politik, des Verwaltungs- und Militärwesens, versteht ein Marokkaner trotz seiner geringen positiven Kenntnisse sehr kluge Fragen zu stellen und den Kernpunkt einer Sache leicht zu erfassen, und dasselbe Verständnis findet man unter Umständen auch bei dem einfachen Mann.

Jetzt wo Marokko unter französischer Herrschaft ist, wird es um seine reife und tiefe Kultur gegen den Ansturm der europäischen Sitten und modernen Kulturfaktoren zu kämpfen haben. Der diesem stolzen Volke innewohnende Haß gegen die fremden Eindringlinge dürfte noch manche blutigen Kämpfe zeitigen. Die französischen Eroberer werden noch großen Opfer an Geld und Menschenmaterial aufwenden müssen, um diese wilden kriegerischen Stämme zum Gehorsam und zur Anerkennung der französischen Gesetze zu zwingen. Und selbst dann, wenn durch Feuer und Schwert ein derartiges Volk scheinbar unterworfen ist, dürfte die innere Kolonisation durch das Klima und die zerklüftete Bodenbeschaffenheit noch auf recht große Schwierigkeiten stoßen.

Der deutsch Ausfuhrhandel nach Marokko hat leider durch diese Verhältnisse einen empfindlichen Stoß, wenn nicht gar den Todesstoß erlitten.

Quelle: Rund um die Erde 1906; © Verlag von W. Herlet GmbH; Th. Trommer jadu 2002