zurück

An der Westküste Afrikas
von G.Johannes

 

Von Kapstadt nach Angra Pequena in Deutschsüdwestafrika

Von Kapstadt aus begann unsere Küstenbummelfahrt an der Westküste Afrikas, die uns nach Angra Pequena, von da nach Mossamedes (im portugiesischen Angola), dann nach Benguela, Loanda, Majumba, Lagos, Monrovia (in Liberia), dann an die Küste von Senegambien und am Ende an die Gestade der Kanarischen Inseln bringen sollte. Ein schönes Programm, hoffentlich wird es durch keine vis major gestört! Das waren unsere Gedanken und zugleich unsere heißen Wünsche, als wir von der Stadt am Tafelberg Abschied nahmen und nordwärts dampften.

Nach Angra Pequena! Mit diesem Namen sind die ertsen Erinnerungen an den Beginn der neueren Kolonialpolitik Deutschlands in Afrika verknüpft. Ich sage: der neueren, denn schon einmal, vor über zweihundert Jahren, war von deutschland aus, und zwar von dem damals kleinen Kurbrandenburg die Küste von Guinea in Afrika als Stätte für deutsche Ansiedlungen ersehen worden. Der weitblickende "Große Kurfürst" hatte den Gedanken einer brandenburgischen Kolonie in Afrika in seiner kühnen Art erfaßt und energisch durchgeführt. Unter dem Schutze der berühmten Feste Groß Friedrichsburg begann die deutsche Niederlassung an der Küste von Oberguinea sich verheißungsvoll zu entwickeln, als die Feindschaft der Holländer und Engländer die ersten Keime deutscher Kolonialtätigkeit zerstörte. — Nach dem Tode des Großen Kurfürsten wurde man in Preußen der weiteren Unterstützung der Ansiedlung überdrüssig und überließ sie ihrem Schicksal, Friedrich Wilhelm I. trat dann das Gebiet an die "Holländische Handelskompanie" ab. — Damit war auf lange Zeit hinaus das deutsche Kolonialstreben begraben.

Erst im April des Jahres 1884 feierte dieser Gedanke seine Auferstehung an der Westküste Afrikas. Die Bremer Firma Lüderitz gab den mittelbaren Anlaß zu dieser Neubelebung. Ein Jahr vorher hatte dieses hanseatische Handlungshaus, das schon lange Geschäfte an der afrikanischen Westküste getrieben, von dem Namahäuptling Frederiks ein Gebiet an der Küste erworben und in der Bucht von Angra Pequena (von den Portugiesen so benannt, d.h. "kleine Bucht") eine Handelsstation "Fort Vogelsang" angelegt. Dieses Gebiet nun wurde im Jahre 1884 unter deutschen Reichsschutz gestellt und ein Reichskommissar in das "Lüderitzland" entsandt. Es war hier das erste Mal, daß die deutsche Reichsflagge in fremden Erdteilen gehißt wurde. "Angra Pequena" wurde bald sehr populär und in manchem scherzhaften Liede gefeiert.

Aber leider ist die Geschichte dieser ersten deutschen Kolonie, die dann später die Gesamtbezeichnung "Deutschsüdwestafrika" erhielt, nichts weniger als scherzhaft, nicht einmal erfreulich. Sie blieb ein Schmerzenskind von Beginn an. Im Augenblick, wo diese Blätter in Druck gehen, tobt noch der Kampf zwischen den Eingeborenen, den Hereros und der deutschen Schutztruppe, die immer und immer wieder durch Zuzug aus Deutschland ergänzt werden muß. Aus der Niederwerfung eines Aufstandes, wie es schien, eines Aufstandes gegen die deutsche Schutzherrschaft, ist ein regelrechter Krieg geworden, in dem die ganze Kraft der Eingeborenen gegen die des Deutschen Reiches eingesetzt wird. Es ist nicht hier der Ort, um zu untersuchen, ob dieser Krieg hätte vermieden werden können.

Alte Kenner dieses Teils der afrikanischen Küste behaupten allerdings, daß es überflüssig gewesen wäre, wenn man die Natur der Hereros und die Art ihrer Lebensexistenz rechtzeitig erkannt hätte. Man gibt den Händlern die Schuld, daß sie zur Eintreibung ihrer Forderungen eine Staatshilfe in Anspruch genommen haben, die naturgemäß den Anschauungen der Hereros ganz entgegen sein mußte, nämlich die des Gerichtsvollziehers, der die herden der Hereros "Versiegelte". Gerade diese Herden aber sind für diese Bantuleute mehr noch als ihr Vermögen, sie sind ein Teil ihres Volksbewußtseins. —

Die Herero sind, wie Sievers schreibt, das einseitigste Hirtenvolk in Südafrika. "Ihr ganzen Reichtum besteht in Herden, ihre Kleidung in Fellen, Ihre Nahrung aus Milch, meist saurer Milch, aber gewöhnlich nicht aus Fleisch, wie auch bei anderen Hirtenvölkern, denen die Herde vile zu kostbar ist, als daß ihr die tägliche Nahrung entnommen werden könnte. Die Viehzucht hat auch auf die übrigen Lebensverhältnisse der Herero den größten Einfluß geübt. Schon von früher Jugend an lernen sie die Tiere der Herde und erhalten bereits als Kinder einzelne Stücke Vieh als Eigentum. Auch das Erbrecht beruht auf der dominierenden Stellung der Viehzucht, da Familie und Herde nicht getrennt werden dürfen. Stirbt also ein Besitzer großer Herden, so erben nicht die Frau und die unmündigen Kinder den Viehstand, sondern der nächste erwachsene männliche Verwandte übernimmt die Familie und die Herden, weil letztere ohne die kräftige Leitung eines Mannes leicht verloren gehen könnten."

Von Anfang an, war die Kapkolonie ein Schmerzenskind der deutschen Kolonialpolitik, denn sie hatte vom Beginn der Besitzergreifung an mit feindseligen Bestrebungen zu kämpfen, die zuerst von englischer Seite ausgingen. Der Engländer Lewis hette die Führer der Namas, Henrik Witboy, gegen die Deutschen auf, und von da an setzten die Feindseligkeiten gegen die deutsche Schutzherrschaft ein.

Betrachten wir abseits von diesen Kämpfen die Boden- und Lebensverhältnisse von Deutschsüdwestafrika: Die Küste ist im allgemeinen sehr einförmig — brauchbare Einbuchtungen sind nur: Angra Pequena, Sandwichhafen, Walfischbai und Swakopmündung. — Die erstgenannte ist eine felsige, von Klippen umgebene Bucht, für die Schiffahrt nicht ungefährlich und hat nicht einmal einen Süßwasserbrunnen; alles Trinkwasser muß aus der 900 Kilometer entfernten Kapstadt herbeigeschafft werden.

Die nördlicher gelegene Swakopmündung dagegen ist eine verhältnismäßig gute Landungsstelle, wo auch Trinkwasser stets in ausreichender Menge zu haben ist. So ist sie denn auch die meist benutzte Eingangspforte in das Land, das jetzt leider vom Schweiß und Blut deutscher Ansiedler und Krieger gedüngt ist. —

Die Physiognomie des Landes stellt sich zumeist wie folgt dar: Hinter dem weißen Sandstreifen der Küste breitet sich ein steiniges Gebiet aus, dann erhebt sich das Terrain zu weiten Hochflächen, aus dem im Hereroland bedeutende Gebirgszüge emporragen. In die Hochplateaus sind tiefe Flußtäler eingeschnitten, in denen allein Ackerbau möglich ist. Die Bevölkerung ist auf Viehzucht direkt angewiesen, und nur von der Ausnutzung dieser kann einmal ein Vorteil für die Kolonie erzielt werden.

Es gibt hier nur zwei Jahreszeiten. Der Sommer (September bis Mai) setzt mit heißen Winden ein, auf die Gewitterregen folgen. Von Mai bis zum September rechnet man hier den Winter und dieser ist absolut trocken; im Küstengebiet fällt aber zu dieser zeit Regen. Die Gegenden am Kubango und Tschobe sind zur Regenzeit undurchdringliche Sümpfe, aber trotz alledem kann man dieses ganze Gebiet als ein klimatisch sehr günstiges bezeichnen.

Die Bevölkerung besteht aus zei Hauptstämmen: den Bantu und Hottentotten, die sich seit langem bekämpfen. Zu den Bantus zählen die Osampos und Herero im Norden, zu den Hottentotten die Nama im Süden. Einen wichtigen Volksbestandteil bilden noch die Bastarde (Mischlinge aus Weißen und Afrikanerinnen), die zumeist zum Stamm der Mutter halten und die über das ganze Gebiet verstreuten, unstet umherziehenden Bergdama und Buschmänner.

Es wird in der Kolonie Gold und Kupfer gefunden, aber ersteres nicht in so ausreichenden Quantitäten, daß sich ein Abbau lohnt — mannigfache Versuche haben bislang mit einem Minus abgeschlossen, was aber nach allen Erfahrungen auf diesem Gebiete nicht ausschlaggebend sein kann.

Die Verwaltung hat ihren Sitz weder in Angra Pequena, noch in Swakopmund, sondern in Windhoek im Binnenlande, wo die verhältnismäßig zahlreichste Deutschensiedlung sich befindet. Dieser Verwaltungsmittelpunkt ist auch mit Swakopmund durch einen Schienenstrang verbunden. In der Nähe dieses Koloniehauptortes wirkt die deutsche protestantische Mission in ihrer großen Station Neubarmen.

Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Welt Verlag 1905, von rado jadu 2001

Auf den Spuren der deutschen Kolonien

Mail - Post