Emins Befreiung und Tod
Je
mehr der Mahdismus an Ausdehnung gewann, um so seltener wurden die Nachrichten,
die Emin, der seinen Sitz von Lado nach Wadelai verlegt hatte, aus der
übrigen Welt erhielt. Als schließlich Hicks-Pascha mit seinem
Heere vernichtet, Slatin-Pascha gefangen war, blieb Emin ohne jede weitere
Verbindung. Er war ein ägyptischer Beamter, der nun, vollkommen
auf sich selbst angewiesen, vom Mutterland abgeschnitten, für dieses
kämpfte, soweit es seine Mittel gestatteten. Und doch, er klagte
kaum, er harrte aus mit der ganzen ihm eigenen Zähigkeit.
In Europa war es aber
nicht verborgen geblieben, daß dort, im Herzen von Afrika ein
aufrechter Mann stand und kämpfte. Die Zeitungen nahmen sich seiner
an, brachten Aufrufe zu seinerBefreiung", die Regierungen
gewannen Interesse, sie sagten, eine christliche Pflicht"
sei es, den armen, von der Kultur Abgeschnittenen zu befreien. England
entdeckte sein gutes Herz, sorgte für ihn", und als
Emin selbst auf gütliche Zurede nicht das Land verlassen wollte,
wurde der ägyptischen Regierung klargemacht, daß es doch
keinen Zweck habe, dort oben, fern im Herzen Afrikas, noch eine große
Provinz zu halten, die nichts einbringe und die über kurz oder
lang doch vom Mahdi genommen werden würde. Den Ägyptern lag
in Wirklichkeit auch nicht viel an Emins Standhaftigkeit, und so gingen
sie auf den englischen Rat ein und erteilten Emin schriftlich den Befehl,
die Provinz zu räumen. Doch wie ihm den Befehl übermitteln?
Das war eine andere Frage. Aber auch sie wurde gelöst. Stanley
wurde mit einer Expedition zur Befreiung Emin-Paschas" ausgesandt.
Er trug den Abberufungsbefehl in der Tasche. Wollte Emin nicht freiwillig
gehen, so sollte dieses Schriftstück den Starrkopf zur Vernunft
bringen, denn England wollte doch dieses schöne, reiche Land lieber
selbst haben; es fehlte ihm als Baustein für seine Pläne die
Verbindung KapKairo, an der langsam und geheim, aber zielbewußt
gearbeitet wurde.
Doch nicht nur in England
hatte man auf Emin ein Auge, auch in Deutschland hatte sich ein Komitee"
gebildet, daß sich die Rettung Emins zur Aufgabe gestellt hatte,
auch diesem fehlte der politische Hintergrund nicht, und gar nicht gern
sahen die Engländer, mit welcher Begeisterung in Deutschland, das
damals bescheiden angefangen hatte, sich ein Kolonialreich zu schaffen,
der Gedanke aufgefaßt wurde, wie schnell sich um den tatkräftigen
Dr. Carl Peters die Geber sammelten. In Leutnant von Tiedemann hatte
dieser einen energischen Reisegefährten gefunden, auf dessen eiserne
Tatkraft er sich verlassen konnte. Aufmerksam hatten die Engländer
die Fortschritte der Expeditionsvorbereitungen von Peters verfolgt,
war doch nicht mit Sicherheit vorauszusagen, daß Stanleys große,
mit gewaltigen Trägermengen durch den ganz unbekannten Kongourwald
vordringende Expedition wirklich oder wenigstens rechtzeitig das Ziel
erreichen, Emin zur Aufgabe seines vorgeschobenen Postens veranlassen
könnte.
Deshalb
mußten nach Möglichkeit der Expedition von Dr. Peters Schwierigkeiten
in den Weg gelegt werden. Da dieser willensstarke Mann sich aber nicht
einschüchtern ließ, sondern, den Blick gerade auf das Ziel
gerichtet, es zu erreichen suchte, so wandten sie sich an die deutsche
Regierung, und um England einen Gefallen zu tun, wollten sogar die Herren
in der Berliner Wilhelmstraße Peters die Ausführung seiner
Reise verbieten! Aber auch ihnen beugte er sich nicht, reiste ab, warb
in Sansibar und an der Küste Leute, offen, unter den Augen der
Engländer.
Als er aber zum Festland
hinüber wollte, da suchten sie ihm den Weg zu versperren, sogar
Kriegsschiffe patrouillierten die Küste auf und ab, aber dem kühnen
Peters gelang es doch, in einer furchtbaren Sturmnacht mit seinem ganzen
Gepäck auf einer arabischen Dhaw (sprich Dau) die Küste zu
erreichen. Daß er so entschlossen vorgehen würde, hatten
die Engländer doch nicht gedacht.
Immer neue Schwierigkeiten türmten sich vor ihm auf, es war, als
habe sich alle Welt gegen ihn und sein Unternehmen verschworen. Doch
er überwand sie. Wohin er kam, stellten sich die Eingeborenen dem
mit seiner kleinen Schar kühn, ohne Tribut zu entrichten durch
ihr Land ziehenden Weißen entgegen. Doch er warf sie alle. Mochten
die speerschwingenden Masai auch zu Tausenden anstürmen, an seinem
Willen zerschellte ihre Macht.
So drang er westwärts
vor, überwand weite Landschaften, die zu betreten bisher noch keine
Expedition gewagt, ließ sich nicht durch das wasserlose Leikipiaplateau
schrecken. Näher kam er, Schritt für Schritt sich erkämpfend,
dem großen Viktoria-See, nur von dem einen Wunsch beseelt, noch
rechtzeitig, früher als Stanley, Emin zu erreichen.
Aber seine .Hoffnung wurde
getäuscht. In Uganda traf ihn wie ein Schlag die Nachricht, daß
Stanley bereits Emin den Befehl der ägyptischen Regierung zum Rückzug
überbracht habe und mit ihm auf dem Weg zur Ostküste Afrikas
sei.
So waren also scheinbar
alle Mühen umsonst gewesen. Doch beugen ließ sich Peters
nicht. Mit dem König von Uganda schloß er einen Protektoratsvertrag
ab, durch den Deutschland dieses fruchtbare, zukunftsreiche Land zufiel.
Leider wurde später dieses Abkommen von der deutschen Regierung
nicht als vollgültig anerkannt. Abermals ließ man Peters
fallen, zugunsten Englands, und heute entwickelt sich hier eine Baumwollkultur,
die dereinst einen großen Teil des Bedarfes der englischen Spinnereien
decken wird.
Peters und Tiedemann eilten
nun Emin nach.
Der gewaltige Viktoria-See
wurde überschifft, südostwärts ging es weiter, auf der
alten Karawanenstraße, die vom See" zur Küste
führt.
Aber noch
einmal stellte sich ihnen ein Hindernis in den Weg: die Wagogo. Diese
hatten noch nie eine Expedition ohne hohe Tributabgabe durch ihr Land
ziehen lassen, selbst Stanley hatte ihnen, trotz einer gewaltigen Zahl
von Trägern und Soldaten, die demütigende Abgabe entrichtet.
Peters aber war nicht gewillt, den Wegzoll zu zahlen. Er verweigerte
ihn, und als sich die Wagogo kampfesmutig und siegesgewiß auf
die kleine Schar stürzten, empfing sie ein so wohlgezieltes Feuer,
daß sie flüchteten und in Zukunft den kühnen Fremden
um Frieden baten. Der Ruf aber lief auf dem Weitermarsch vor Peters
her, daß er die dreisten Wagogo, den Schrecken aller Karawanen,
gezüchtigt habe.
Wenige Tage
später traf er in Mpapua mit Emin-Pascha zusammen, der, bereits
von der Küste zurückkehrend, nun in deutschen Diensten nach
Zentralafrika zurückging. Nun erfuhr Peters erst, daß der
Pascha halb von Stanley gezwungen seine Provinz verlassen und nach Ostafrika
gegangen war. Stanley hatte ihm drei Angebote gemacht: Entweder seine
Provinz den Engländern zu übergeben, oder in Dienste des Kongostaates
zu treten, oder drittens eine hohe Stellung in der Englisch-Ostafrikanischen
Gesellschaft einzunehmen. Alle drei für ihn ehrende und glänzende
Angebote, die Emin aber ablehnte. Wohl hoffte Stanley ihn umzustimmen
und kam auf dem langen Marsch durch Ostafrika wiederholt auf seine Anerbieten
zurück. Doch Emin hatte offenbar innerlich sich bereits anders
entschieden, wenngleich er, wie er im Orient hinreichend gelernt hatte,
mit seiner Erklärung zurückhaltend war.
Glücklich war Dr.
Schnitzer so mit Stanley nach Bagamojo, der damaligen bedeutendsten
deutschen Küstenstadt, gelangt, in aufrichtiger Freude taten die
Offiziere alles, den nach vierzehnjähriger Abgeschlossenheit zum
erstenmal aus dem Innern des schwarzen Erdteiles zurückkehrenden
großen Landsmann und seine englischen Befreier zu ehren. Doch
da wollte es das Unglück, daß Emin, der halb blind war, sich
im Dunkel der Nacht etwas zu weit über das niedrige Geländer
des Balkons neigte, um den tanzenden Eingeborenen zuzusehen. Hierbei
verlor er das Gleichgewicht, stürzte herab und lag mit schwerer
Kopfwunde bewußtlos auf der Straße. Das Gesicht war stark
geschwollen, Blut tropfte ihm aus dem Ohr, so daß die Ärzte
einen Schädelbruch fürchteten. Glücklicherweise hatten
sie sich getäuscht, der Fall war nicht so schwer gewesen, wie sie
angenommen, und wenn der große Reisende auch längere Zeit
im Hospital liegen mußte, so erholte er sich doch allmählich
und konnte wieder seinen Posten im Innern, nunmehr in deutschen Diensten,
antreten. Auf dem Wege dorthin war er, als Peters ihn in Mpapua traf.
Durch die ganze Art und
Weise, wie Stanley Emin befreit" hatte, den Mann, der, wenn
ihm nur einigermaßen Unterstützung zuteil geworden wäre,
nie aus Äquatoria weggegangen wäre, war zwischen ihm und Stanley
eine gewisse Mißstimmung entstanden.
Wie ganz anders wäre es gekommen, wenn man Peters nicht von Berlin
und London aus die großen Schwierigkeiten gemacht hätte,
er rechtzeitig bei Emin eingetroffen wäre. Dann stände es
vielleicht heute um unser ganzes Kolonialreich, vielleicht um Deutschland
anders. Wir besäßen ganz gewaltige zentralafrikanische Kolonien,
nicht nur die, welche wir vor dem Kriege innehatten, sondern das weite,
volkreiche Uganda, die nördlichen Provinzen wären hinzugekommen,
wir hätten uns im Weltkrieg ganz anders unserer Haut wehren können.
Vor allem
wären wir eine ständige Bedrohung im Rücken der Engländer
gegenüber Ägypten gewesen, die Sudanesen hätten für
ihren Aufstand deutsche Unterstützung haben können. Wer weiß,
ob nicht unter solchen Verhältnissen der ganze Weltkrieg einen
ändern Ausgang genommen hätte. Man darf nicht vergessen, daß
es die Engländer bei einem kriegerischen Einfall in Uganda ungemein
viel schwieriger gehabt hätten als in Deutsch-Ostafrika, namentlich
gesundheitlich. Vor allem wären die Buren und Südafrikaner
niemals als Kriegsfreiwillige in die Sumpfgegenden Ugandas gegangen.
Zieht man nun vollends in Betracht, welche ungeheuren Verluste die Engländer
durch Krankheit selbst in dem relativ gesunden Ostafrika gehabt haben,
so kann man sich eine Vorstellung machen, wie es ihnen ergangen wäre,
wenn sie in von Schlafkrankheit, Malaria und Wechselfieber durchaus
verseuchten Gegenden hätten Krieg führen sollen, namentlich
bei ihrem außerordentlichen Mangel an Ärzten.
Durch die hohe Diplomatie
vom grünen Tisch in der Wilhelmstraße wurde der von Dr. Carl
Peters geschlossene Vertrag nicht anerkannt, Uganda an die Engländer
verschachert, Deutschland verlor hiermit, ahnungslos, die erste große
Schlacht in dem schon seit Jahren drohenden Weltkrieg. Es ist schlimm,
wenn es den Diplomaten am Blick in die Zukunft fehlt, wenn sie nicht
den Worten welterfahrener Männer glauben, wenn sie zur Politik
die Parteibrille aufsetzen und danach die Taten ihrer großen Männer
beurteilen, sie stürzen, wie sie es mit Peters getan haben. Aber
auch dieser Mann blieb trotz aller Anfeindungen, trotz aller ihm von
jenseits des Kanals gemachten glänzenden Anerbieten deutsch bis
in die Knochen, genau so wie Emin-Pascha, der nach der Begegnung mit
Peters westwärts weiterzog. In Tabora, der alten Handelsmetropole,
hißte er die deutsche Flagge, zeigte den bisherigen Herren, den
arabischen Sklavenhändlern, daß es nun mit ihrer Willkür
ein Ende habe.
Voller Hoffnung zog er
nordwärts weiter, dem Viktoria-See zu. Da traf ihn schon nach wenigen
Tagen in Ussongo die niederschmetternde Nachricht, daß zwischen
England und Deutschland ein Abkommen über Uganda getroffen »ei,
und daß Deutschland auf dieses Land verzichte. Also alles, was
Peters zustande gebracht hatte, der dringende Wunsch des Königs
von Uganda, nur unter deutsche und nicht unter eine andere Herrschaft
zu kommen da Peters ihm gegen seine Feinde nicht nur geholfen,
sondern sein Reich vor dem drohenden Untergang bewahrt hatte ,
alles, all das war nun mit einemmal null und nichtig, man hatte mit
einem Federzug anders verfügt.
So mußte Emin sich vorläufig darauf beschränken, im
deutschen Gebiet Stationen zu gründen, Ruhe und Ordnung zu schaffen,
vor allem aber den arabischen Sklavenhändlern auf die Finger sehen,
denn deren Geschäft hatte bisher, da ihre Überwachung fast
unmöglich gewesen war, geblüht.
Frohgemut ging er an die
Erschließung des Landes, arbeitete zoologisch und geographisch,
ließ sich nicht beirren durch die Anfeindungen, die ihm sogar
von Deutschland zuteil wurden. Die Saat, die Stanley gesät hatte,
ging auf. Er war verbittert darüber, daß nicht auch Emin
,sich seinem Willen gebeugt hatte wie sonst die meisten Menschen. Selbst
in Deutschland mißverstand und verlästerte man den großen
Landsmann im Innern Afrikas, glaubte immer noch, daß es reine
Menschenliebe gewesen sei, die Stanley und seine Auftraggeber veranlaßt
hatten, Emin zu befreien". Und doch klingt aus seinen Briefen
wenig Enttäuschung; er hatte zu lange im Orient, in engster Fühlung
mit den Mohammedanern gelebt, kannte ihre Philosophie zu gut, um sich
durch solche Nebensächlichkeiten" beirren zu lassen.
Als ein Verhängnis muß man es ansehen, daß es uns so
oft im Laufe der Geschichte an Staatsmännern fehlte, die sich den
Plänen bedeutender Landeskenner anschlössen, auf ihre hochfliegenden,
wohldurchdachten Pläne eingingen.
So wurden
Emin aus allen möglichen Kleinlichkeitsgründen Schwierigkeiten
gemacht, die diesen tatkräftigen Mann in seiner Bewegungsfreiheit
behinderten. Was hatte er alles ersonnen, um das deutsche Kolonialreich
groß zu machen, zu einer Zeit, als es noch möglich war. Wohl
wußte er, daß viele von seinen einstigen Soldaten ihm noch
treu ergeben waren; mit diesen wieder vereinigt, wollte er westwärts
vordringen und hoffte weite Länder dem Deutschen Reich zu unterwerfen,
so eine Verbindung zwischen Ost- und Zentralafrika und den Waldgebieten
von Kamerun herzustellen. Heute ist es gar nicht mehr auszudenken, welche
Wirkung das auf die ganze Entwicklung von Afrika gehabt hätte,
denn daß wir Deutschen zu kolonisieren verstanden, mindestens
ebensogut wie die Engländer, tausendmal besser als die Franzosen
und Belgier, wird von keinem Kolonialkenner der Welt in Abrede gestellt.
Leider konnte
Emin seine große Tatkraft unter der damals auch in Ostafrika herrschenden
bürokratischen Verwaltung nicht zur Geltung bringen. Es kam zu
Reibungen, und schließlich sandte Wißmann, der persönlich
ein großer Verehrer von Emin war, ihm den Befehl, zur Küste
zurückzukehren.
Das tat
aber der alte Afrikaner nicht. Westwärts zog er, verließ
das deutsche Gebiet, suchte Anschluß an seine früheren Truppen
und wollte nach Westen durchbrechen. Aber seine alten Offiziere und
Soldaten hatten sich inzwischen an der Westseite des Albert-Sees seßhaft
gemacht, hatten keine Lust mehr zu Abenteuern. So versuchte er auf eigene
Faust mit wenigen Getreuen den Weitermarsch. Doch die gewaltigen Wälder
am Ituri sperrten ihm als unüberwindliches Hindernis den Weg. Niedergeschlagen
mußte er umkehren, da brach eine schwere Blatternepidemie aus,
die einen großen Teil seiner Leute hinwegraffte. In Undussuma
wartete er das Abflauen der Seuche ab, aber immer hoffnungsloser wurde
seine Lage, denn sein Augenlicht erlosch langsam.
Hierzu kam
eine ständige Mattigkeit, Schlaf fand er überhaupt nicht mehr.
Da brach seine Spannkraft, er sehnte den Tod herbei.
Wieviel glücklicher war er doch gewesen, als er noch, umgeben von
Feinden, seine Provinz verwaltete, noch nicht gerettet" war.
Nun siechte er langsam dahin, aber an die Ostküste wollte er nicht
zurück. Seinen Begleiter Dr. Stuhlmann sandte er mit den Gesunden
der Expedition heim, er selbst wollte noch ausharren und dann, wenn
der Zustand sich gebessert hatte, westwärts ziehen.
Die einzige
Möglichkeit hierzu bot ihm ein Anschluß an eine nach dem
Kongo vordringende Araberkarawane, die in der Hauptsache aus den menschenfressenden
Manjema bestand. Schlimme Zeiten waren es für die Expedition, Hunger
und böses Wetter. Als sie in dem Dorfe des Häuptlings Kinena
ankamen, mußten sie halten, erst abwarten, ob der mächtige
König Kibonge, der am Oberlauf des Kongo saß, freien Durchzug
gewähren würde. Die Zeit des Wartens auf Antwort füllte
Emin noch mit wissenschaftlichen Arbeiten aus, trotz seines körperlichen
Zusammenbruches, seiner fast völligen Erblindung. Dann kam endlich
der ersehnte Brief Kibonges, der Emin freies Geleit zusagte.
Ein Lichtblick,
aber er ahnte nicht, daß der verräterische König, der
Todfeind aller Weißen, die ihm ja sein einträgliches Geschäft
mit Sklaven unterbanden, gleichzeitig einen ändern Brief an Kinena
geschickt hatte, in dem er den Tod des Paschas forderte.
Hätte Emin geahnt, was sich inzwischen in der Welt, von der er
abgeschnitten war, abgespielt hatte, so wäre er der Einladung Kibonges
sowie seinem Gastgeber gegenüber auf der Hut gewesen, aber zu ihm
war ja keine Nachricht davon gedrungen, daß die Truppen des Kongostaates,
die bisher nicht nur nicht gegen den Sklavenhandel der Araber eingeschritten
waren, sondern ihn vielmehr stillschweigend geduldet hatten, nun endlich
Ernst machten, gezwungen durch die öffentliche Meinung der ganzen
Welt. So waren die Kongosoldaten nach außerordentlich blutigen
Kämpfen allenthalben siegreich gegen die Araber vorgegangen, hatten
ihre Dörfer, ihre Stapelplätze gestürmt, ungeheure Mengen
von Elfenbein, Waren aller Art, Vieh und Sklaven erbeutet, die sie nun
obendrein gegen ihre früheren Herren verwandten.
Natürlich
war darob große Empörung unter den geschädigten Handelsleuten,
Wut bei ihren Spießgesellen, den beutehungrigen, grausamen, Manjema.
Dieser Haß herrschte aber auch gegen Emin, weil er am Viktoria-See
gleichfalls scharf gegen die Araber vorgegangen war. Bisher hatten sie
ihn, solange er noch über eine große Macht verfügte,
gefürchtet, ihn als Mohammedaner betrachtet. Jetzt aber sahen sie
in ihm nur noch den deutschen Offizier, den man achtet und fürchtet,
wenn er eine starke Macht bei sich hat, den man aber vernichtet, wenn
es irgend geht.
So war die
Lage am 28. Oktober 1892. Emin arbeitete ahnungslos inmitten seiner
den ganzen Tisch füllenden ornithologischen Sammlungen, als der
Häuptling Kinena mit Ismaili, einem Mann, dem Emin bisher immer
volles Vertrauen geschenkt hatte, und noch einigen Leuten in sein Zelt
trat. Auf Kinenas trügerischen Rat schickte Emin seine Leute in
eine Bananenpflanzung, um zu furagieren. Als das geschehen, sprangen
Ismaili und ein anderer Mann auf ein Zeichen Kinenas zu, faßten
Emin an beiden Armen und hielten ihn fest. Emin wehrte sich empört,
berief sich auf den Freibrief von Kibonge, aber lachend zeigte Kinena
ihm das Todesurteil, das gerade dieser tückische, wortbrüchige
Araber ausgeschrieben hatte.
Da ergab
sich Emin in sein Schicksal, leistete keinen weiteren Widerstand, sondern
ließ sich ruhig auf den Boden legen. Die Arme und Beine wurden
von je einem Mann gehalten, Ismaili, der solange sein Führer gewesen
war, hielt ihm den Kopf, während Mamba (Krokodil!), ein Diener
Emins, ihm den Hals durchschnitt. Das Blut spritzte über die Mörder,
sie achteten es nicht. Darauf trennte Mamba nach einiger Zeit den Kopf
vom Rumpfe, Kinena aber packte ihn in eine Kiste und schickte ihn als
Zeichen des ausgeführten Befehles an den König Kibonge.
So
starb Emin-Pascha. Wahrlich, der Mann, der so Gewaltiges erduldet, geleistet,
hätte ein besseres Los verdient.
Was half es, daß ein furchtbares Strafgericht gehalten, die Mörder
und Spießgesellen hingerichtet wurden? Emin war tot, mit ihm war
einer der größten deutschen Forschungsreisenden, der besten
Kenner Afrikas, dahingegangen.