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Der Nil als Segenspender

So wie die Nilquellen als solche der Menschheit gewaltige Rätsel aufgaben, deren Lösung, wie wir gesehen haben, Jahrtausende erforderte, unzählige Opfer an Gut und Blut der Besten, so gab der Strom eine zweite Aufgabe auf, das waren seine alljährlichen Schwellungen, seit Jahrtausenden bekannt, bewundert, hochgeschifft und zugleich gefürchtet, wenn der Strom zuviel des Segens über das Land ergoß.

Lange stritten sich die Gelehrten, wie das Wunder geschah, daß der Nil in Ägypten gerade in den trockenen Monaten das meiste Wasser führte. Bei Kenntnis der im Innern Afrikas herrschenden Verhältnisse wäre die Lösung der Frage höchst einfach gewesen, denn sie hängt von der Regenzeit ab, die in diesen Gegenden zu ganz bestimmten Monaten, ja fast auf den Tag herrscht.

Im nördlichen und westlichen Teil Abessiniens, also in den Gegenden, wo die Hauptzuflüsse des Blauen Nils, sowie dessen nördlichster Nebenfluß, der Atbara, sowie Dinder und Rabat entspringen, regnet es über drei Monate lang mit großer Heftigkeit von Ende Mai bis etwa Mitte September, und nun führen diese Ströme, deren hohe, senkrecht abfallende Ufer wir in der Trockenzeit bestaunen, gewaltige Wassermengen zu Tale. Mit starkem Gefäll überfluten sie weithin das Land, reißen, ihr Bett ständig verbreiternd, große Mengen des fruchtbaren, schweren roten Bodens mit sich, führen ihn dem eigentlichen Nil zu. So wird der Blaue Nil mit seinen Nebenflüssen der eigentliche Wohltäter Ägyptens.

Aber schnell, wie sie gekommen, verlaufen sich die Wasser, sie treten zurück in ihre Strombetten, der Spiegel fällt und fällt, und bald ist der Bahr cl Azrak ein so wasserarmer Fluß, daß er nur noch mit besonders gebauten, flach gehenden Schiffen zu befahren ist. Von Mitte September an fällt kein Tropfen Regen oder Tau mehr. Dürre, Trockenheit herrschen, die Natur geht zur Ruhe, alles welkt, die Felder verwandeln sich in Wüsten. Als trockne Schluchten liegen die Strombetten da, in denen noch vor wenigen Tagen die rotgelben Wogen gurgelnd und schäumend rauschten, nur in tieferen Stellen halten sich oft während der ganzen Trockenheit Tümpel, die Aufenthaltsorte für Flußpferde, Schildkröten und Krokodile, welch letztere an den unzähligen, liier dicht zusammengedrängten Fischen einen ewig gedeckten Tisch finden. Die aus den hohen Gebirgslagen kommenden Nebenflüsse des Atbara haben wohl in ihrem Oberlauf Wasser, aber in dem sandigen Bett, aufgesogen durch die glühenden Sonnenstrahlen, verschwindet es, wie im Rabat und Dinder. Nur der Blaue Nil, aus dem Tsana-See und den Hochgebirgen von Abessinien gespeist, führt seinem großen Bruder, dem Weißen Nil, ständig Wasser zu.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die Bezeichnung des weißen und blauen Flusses zu sprechen kommen, denn die Namen werden in vielen Reisewerken falsch gedeutet. Da ich beide Ströme bereist habe — wir werden später auf diese Expeditionen noch zurückkommen —, kann ich aus eigenstem Wissen die Fragen beantworten. Der Bahr el Abiad hat tatsächlich, ehe er Khartum erreicht, eine weißliche Farbe, ehe von den Unmassen faulender Pflanzenteile herrührt, die in seinem Strombett, bei dem langen Wege unter sengenden Sonnenstrahlen zugrunde gehen. Gießt man das Wasser in ein Glas, so sieht es aus, als wären einige Tropfen Milch beigemischt. Dementsprechend ist auch der Geschmack etwas fade. Ganz anders ist das des Blauen Nils. Es schmeckt ausgezeichnet, obgleich es etwas gewagt ist, zu behaupten, „das Nilwasser sei der Champagner unter den Wassern". Und doch hat mir selbst das Wasser des Bahr el Abiad wunderbar gemundet, als ich seine schattigen Ufer erreichte, nach einem fast viertägigen Wüstenmarsch vom Blauen zum Weißen Nil.

Also die Bezeichnung „weiß" — „rein" im Gegensatz „blau" = „dunkel, schmutzig" stimmt nicht. Im Gegenteil: der Bahr el Azrak hat kristallklares Wasser. Aber infolge seiner hohen Ufer sieht dieses Wasser dunkel aus, der Himmel spiegelt sich in ihm in so auffälliger Farbe, daß ich, als wir nach einem trostlosen Marsch in der Nähe von Senga plötzlich den Fluß erblickten, unwillkürlich meinem Hassan zurief: „Jetzt weiß ich, warum er der ,blaue' heißt, bei noch keinem ändern der Erde habe, ich eine solche wunderbare Farbe gesehen." Andere Reisende mögen ihn anders gefunden haben, aber auch im Sudan ansässige englische Offiziere teilten meine Ansicht und, wie ich später las, auch Baker.

Doch zurück zur Nilschwelle. In unsern Wintermonaten fällt in Zentralafrika der Regen, die Ströme schwellen. Bis die Wassermassen Gondokoro erreicht haben, vergeht einige Zeit; das Steigen tritt hier Ende Februar ein. Für die mehr als 1000 Kilometer lange Strecke bis Khartum brauchen die Fluten etwa 5 bis 6 Wochen, so daß wir hier das „Nilwunder" Ende März erleben, und erst Ende Juni erreicht es Oberägypten, im Juli beginnt der Nil in Kairo zu steigen und hat im September seinen höchsten Stand.

Wir haben gesehen, daß die Regenzeit für die Quellflüsse des Blauen Nils vom Mai bis September liegt. Demnach beginnt zuerst der Weiße Nil mit der Befruchtung, ihn unterstützt dann, wenn von seiner Seite der Zufluß nachläßt, der kleine ,,blaue" Bruder. Gerade in diesen verteilten Rollen liegt der ungeheure Wert, denn langsam, anhaltend steigen die Fluten, monatelang währt die immer von neuem gespeiste Überschwemmung, so daß die Wassermassen Zeit haben, den Schlamm abzusetzen, dem man, vielfach über Gebühr, eine befruchtende Tätigkeit zuspricht. Genaue Untersuchungen haben ergeben, daß die chemische Zusammensetzung des Schlammes gar nicht derartige düngende Bestandteile hat, wie man früher annahm.

Ich glaube, die Fruchtbarkeit des Bodens, der durch diesen Schlamm nur in gewissem Grade wieder neu ersetzt wird, hängt mit einer lange anhaltenden Durchlüftung des Bodens zusammen, die allerdings auf ganz natürlichem Wege, ohne Pflügen, aber gründlich geschieht. Wir reißen bekanntlich, nachdem wir geerntet haben, das Erdreich mit dem Pfluge auf, damit die Luft ihm frischen Sauerstoff zuführt und die Düngung wirksam wird. Der sudanesische und ägyptische Bauer braucht sich nicht in dieser Hinsicht anzustrengen, bei seinem schweren, lehmigen Boden besorgen dies die Sonnenstrahlen. In der ungeheuren Hitze dörrt der Boden ganz unglaublich aus, er reißt, immer klaffender ziehen sich die Sprünge in die Erde hinein, die allmählich in unzählige kleine Stücke zerfällt, zwischen denen man mit dem Stock tief in das sonst steinharte Erdreich hineinfahren kann. Also muß eine Durchlüftung bis tief hinein geschehen. Kommt nun das Nilwasser mit seinem Schlammgehalt, so dringt es schnell in das Erdreich, verhältnismäßig wenig fließt ungenutzt ab, der Schlamm deckt obendrein die Spalten, und so haben wir eine gute und gründliche Wiederauffrischung des Erdreiches. Ob meine Ansicht die richtige ist, weiß ich nicht, recht erfahrene Landwirte glauben es aber.

Diese Überschwemmungen wirken natürlich nur für die Ernte selbst, in der übrigen Zeit trocknen die Sonnenglut, die glühenden Stürme, die aus der Wüste wehen, bald das Land aus, und da muß der Landwirt, der Gartenbesitzer auf andere Weise für Bewässerung seines Landes Sorge tragen. Daher finden wir allenthalben am Nil entlang, bis weit hinauf, die charakteristischen Schöpfräder, meist von einem Ochsen in Bewegung erhalten, die tagaus, tagein das Wasser im Göpelwerk auf die Felder heben, und jedem Reisenden wird nicht nur ihr häufiger Anblick in Erinnerung bleiben, sondern vor allem das Quietschen der ganz aus Holz gebauten Anlagen, das geradezu zu Ägypten gehört wie die blaugekleideten Fellachenfrauen mit der schwarzen, lang herabwallenden Gesichtsmaske, wie der charakteristische Geruch der Dörfer und — die bettelnden Kinder: „Bakshish, Bakshish!" hört man oft noch im Traum.

Als bezeichnend für die frühere, sinnlose Ausnützungspolitik der sudanesischen Gouverneure möchte ich erwähnen, daß auf diese Schöpfräder eine besondere Steuer gelegt war; hier wurde also der Arbeitsfleiß nicht etwa gehoben und gefördert, sondern durch eine recht hoho Steuer bestraft, der Faulenzer und Tagedieb aber ging steuerfrei aus. Heute ist das erfreulicherweise anders geworden.

Neben der getrennten, sich ergänzendem Nils laue zwischen Weißem und Blauem Nil kommt noch ein anderer Umstand fördernd hinzu, das ist das außerordentlich geringe Gefälle namentlich des Bahr el Abiad. Bei einer Länge von 6000 Kilometern beträgt es vom Viktoria-See bis zur Mündung nur etwa 1000 Meter, ja auf der 3000 Kilometer langen Reise von Khartum bis zur Mündung nur 3-8 Meter, im eigentlichen Ägypten auf den Kilometer nur 75 Millimeter! Dabei darf man nicht vergessen, daß die Geschwindigkeit durch eine große Anzahl Stromschnellen und Felsenbarren auch noch gehemmt wird.

Nun ist der Nil aber nicht immer so liebenswürdig, den Anwohnern gerade so viel Wasser zu liefern, wie sie brauchen. Schon aus der Bibel wissen wir, daß bereits zur Zeit der Pharaonen von ,,mageren" und „fetten" Jahren die Rede war, also auch damals bereits hatte der Vater Nil seinen eigenen Kopf. Ist die Überschwemmung nicht stark genug, d. h. bleibt sie mir um 1 Meter hinter der gewöhnlichen zurück, so treten in Oberägypten bereits Dürre und Hungersnot ein. Ist der Segen aber zu reichlich, so wird der Druck zu stark, die Bewässerungsdämme, die das Wasser nach den Feldern leiten und hindern sollen, unbefugt eigene Wege einzuschlagen, brechen, überfluten wild dahinströmend das Land, nehmen vom Erdreich weg, statt befruchtend zu spenden, und verfließen im Meere. —

Um diese drohende Gefahr rechtzeitig bemerken, ihr vorbeugen zu können, waren schon in alter Zeit die „Nilmesser" angebracht, von denen heute noch zwei erhalten sind, einer auf der Insel Elephantine bei Assuan, also in Oberägypten, gewissermaßen als vorgeschobener Wasserwachtposten, ein zweiter bei Kairo zum Schutz des fruchtbaren Deltas.

Der Nilmesser auf Elephantine wird bereits von Strabo, also um Christi Geburt, erwähnt; dieser Gelehrte schreibt darüber: „Der Nilmesser stellt einen Brunnen am Ufer des Nils dar. Er ist aus dicht aneinandergefügten Steinen gebaut, auf denen der höchste, der tiefste und der Durchschnittsstand des Nils verzeichnet sind. Das Wasser in dem Brunnen und im Nil steigt und fällt in korrespondierender Weise. Die Brunnenwächter teilen der Bevölkerung den Wechsel des Wasserstandes mit, damit sie sich danach richten kann. An der Hand dieser Wasserstandsmarken und im Vergleich zum Beginn der Nilschwellung ist es möglich, eine ganze Zeit zuvor Schlüsse auf die zu erwartende Nilsteigung zu fassen. Diese Benachrichtigungen sind besonders für den Landwirt von höchstem Wert in bezug auf die Verteilung des Wassers mit Hilfe von Dämmen zur Bewässerung seiner Felder. Er weiß, welche Kanäle er zu öffnen, welche Dammdurchlässe er zu schließen hat. Aber es ist auch für die Steuererheber von höchstem Wert; sie können hiernach den Steuersatz in gewissem Sinne vorher festsetzen, denn man darf im allgemeinen annehmen, daß, je höher der Nil steigt, um so größer das landwirtschaftliche Erträgnis des Landes sein wird."

Plutarch gibt an, daß der Nil bei Elephantine etwa 15 Meter stieg. Diese Angabe dürfte stimmen, denn in dem heiligen Brunnen am Tempel des Horus in Edfu findet sich die Inschrift, daß man die Nilschwelle als befriedigend ansehen kann, wenn das Wasser in Elephantine 12 Meter gestiegen ist.

Man darf es sich aber nun nicht vorstellen, als bilde zur Zeit der Überschwemmung das ganze Niltal einen ungeheuren See. Das wäre irrig. Vielmehr ist das ganze Land schon seit Jahrtausenden in eine Unzahl großer Recken eingeteilt, die, durch Dämme getrennt, durch Kanäle verbunden, terrassenförmig weite Strecken des Niltales, namentlich in seinem unteren Teil, bedecken.

Steigt das Wasser, so wird es sorgfältig den einzelnen flachen Becken, den Feldern, zugeleitet. Ist eines gefüllt, so wird es abgedämmt, damit das Wasser nicht abfließen kann, denn 60 Tage muß es auf dem Boden stehen. Ist es eingesickert, so wird frisches zugelassen. Auf diese Weise kann bei genügendem Hochwasser jedes Feld anhaltend bewässert werden.

Wir ersehen hieraus, daß diese Dämme und Kanäle die Bedingung für das Gedeihen des Landes, für die richtige Ausnutzung der Nilschwelle bedeuten. Daher haben auch schon im grauen Altertum die hochbegabten Könige sich ihre Ausnutzung möglichst angelegen sein lassen, und bereits Amenemhet III. regulierte den jetzt Bahr Jusuf genannten Nilarm, legte künstlich den Möris-See an, leitete das Nilwasser hinein und gewann so einen Bewässerungssee, von dem aus er die Felder beliebig mit Wasser versorgen konnte. Ständig war der Möris gefüllt, und erreichte einmal die Nilschwelle nicht die gewünschte Höhe, so konnte von hier aus das umliegende Land, das fruchtbare Fayum, bewässert werden.

Begünstigt wurde diese Maßregel noch durch die im Fayum herrschende Bodenbeschaffenheit. Das Gelände fällt vom Möris-See aus nach Westen in zwei Terrassen ab. Die oberste der beiden nahm das Becken des Sees ein, dann folgte unterhalb das überaus fruchtbare Gebiet, das wir heute als Fayum bezeichnen, das früher „das Land der Rosen und des Weines" genannt wurde. Heule sind die Menschen praktischer, wir müßten es als „Land der Baumwolle" bezeichnen, die ganz prächtig gedeiht, nicht gerade zum Besten der Bevölkerung, der Getreidebau mehr von Vorteil wäre. Aber die Baumwolle bringt höheren Gewinn, zumal den großen Aktiengesellschaften, denen heute, das Land gehört! Nicht ohne kluge Berechnung haben die heutigen Herren des Landes die Fellachen des Ackerbaues entwöhnt: denn auf diese Weise werden sie von der Zufuhr abhängig, und da diese durch englische Getreidehändler auf englischen Schiffen erfolgt, so verdient England hieran. Ja, noch mehr, es kann gegebenenfalls dem Land den Brotkorb etwas höher hängen, wenn die Bevölkerung einmal gar zu lebhaften Freiheitsdrang zeigt!

Was die alten Ägypter in weiser Voraussicht geschaffen hatten, ist, wie die meisten ihrer Kunstwerke, im Laufe der Jahrtausende verfallen. So ist der Möris-See, wohl durch Verschlammung und Vernachlässigung der Schleusen, inzwischen ausgetrocknet, die Dämme, die ihm das Wasser zuführten, sind gebrochen, und nur mächtige Steinmauerreste geben noch Kunde von dem Wunderwerk, das hier ein kluger Pharao hatte errichten lassen.

Seit etwa einem Jahrhundert hat man endlich wieder die Notwendigkeit einer geordneten Nilbewässerung erkannt. Aus diesem Grunde, baute Mohammed Ali südlich von Kairo den Barrage du Nil, ein großes Stauwerk, das in Gestalt von zwei Brücken, die über die Nilarme geschlagen sind, dadurch eine Stauung ermöglicht, daß sich unter ihnen 120 Schleusen befinden. Querverlaufende Verbindungskanäle regulieren den Wasserstand der beiden Flußarme. Schon 1835 begonnen, wurde das Werk erst 1890 vollendet. Durch diese Anlage kann man bis zu einem gewissen Grade den Nil stauen und die oberhalb gelegenen Landstriche von Unterägypten bewässern. Zwar hatte man gehofft zu erreichen, daß der Wasserstand bis zur Hochwasserhöhe steigen würde, doch traf das leider nicht zu.

In neuerer Zeit ist mit allen technischen Hilfsmitteln der Gegenwart bei Assuan eine gewaltige Staumauer errichtet worden. Sie ist gedacht zur Ergänzung und Unterstützung dos Dammes bei Assiuth, durch den das Wasser des das fruchtbare Fayum versorgenden Jusuf-Kanales reguliert und das Land selbst in genügender Weise bewässert wird. Durch diesen gewaltigen Steindamm hat man es vollkommen in der Hand, dem unterhalb gelegenen Land beliebig viel Wasser zuströmen zu lassen.

Eine gewaltige Mauer von zwei Kilometer Länge, ganz aus mächtigen Granitblöcken erbaut, sperrt, quer durch den Nil laufend, das Land ab; oberhalb derselben sammeln sich die braunen Fluten, weit mehr als eine .Milliarde Kubikmeter bilden hier einen mächtigen See. Eine Unzahl Durchlasse geben die Möglichkeit eines geordneten, der jeweiligen Notwendigkeit entsprechenden Abflusses. Seitlich verläuft ein mit Schleusen versehener Kanal, um die Schiffahrt nicht zu behindern.

So ist die Fruchtbarkeit, die Ertragfähigkeit des Landes ganz bedeutend gesteigert worden; wurden doch durch den kleineren Staudamm bei Assiuth allein 120000 Hektar Land mehr kulturfähig. Ein großes Kanalnetz sorgt für möglichst gleichmäßige Bewässerung.

Natürlich ging durch diese Sammelseen auch auf der andern Seite Land verloren, aber in der Hauptsache war es eine öde, vegetationslose, dürre Geröll wüste, die allerdings in früheren Jahrtausenden wohl einmal fruchtbares Land gewesen war, denn gerade hier oberhalb des Dammes von Assuan liegen die wundervollen Tempelanlagen von Philä. Wie der Traum eines Künstlers, wie Märchen aus Tausendundeiner Nacht muten diese herrlichen Bauwerke an. Rings von Wasser umschlossen, teils von diesem unterspült, heben sich Säulenhallen und bildwerkgeschmückte Mauern, ragen Palmen und Akazien, und über dem Ganzen ein erhabenes Schweigen. Ruhe rundum, kein menschlicher Laut, nur hin und wieder der Schrei eines einzelnen Geiers. Von großen Helden, früheren gewaltigen Fürsten sprechen die Bildwerke, mahnen an Vergangenes. Und die Gegenwart zeigt uns, wie vergänglich alles Irdische ist. Jahrtausende haben die gewaltigen Sandsteinmauern, Säulen und Bildwerke überdauert, jetzt nagt an ihnen das Wasser. Hochgestaut, um der Menschheit .Nahrung zu geben, hat es die Bauwerke unterspült, frißt laugend an den Quadern. Schon senkt hier und da eine Säule ihr Lotosblütenhaupt, da und dort klafft ein Riß in der Mauer. Langsam geht diese Zerstörung weiter, unaufhaltsam, bis eines Tages die erste Halle stürzt, ein Pylon zusammenbricht, das andere folgt. Trümmer bezeichnen dann die Stätte einstiger unerhörter Pracht, der Wunder ägyptischer und römischer Baukunst.

Doch noch stehen die Tempel, unser Hirn und Auge weidet sich an ihrer Schönheit. Welch ein Bild, wenn das silberne Mondlicht auf dem glatten Wasser liegt, in dem sich die uralten Mauerwerke spiegeln! Dann gleiten wohl die Gedanken zurück in jene Zeiten, als die Ptolemäer hier der Isis opferten, als später römische Kaiser hier weilten. —

Verstärkt wird das erhabene Bild der Schönheit und Ruhe noch durch den Gegensatz zu den düsteren Felsgruppen der jenseitigen Gestade des Nils. Früher ragte die ganze Insel mit ihren Anlagen aus dem Fluß heraus, heute haben die Wasser des hochgestauten Sees ihren Weg zwischen die Tempel, die Hallen gefunden, aber vielleicht ist das Bild gerade dadurch so schön, daß die langen Säulengänge aus dem Wasser emporzuwachsen scheinen, als hätten die Baumeister selbst diese Anordnung getroffen wie fern im Osten die Japaner, die ihre Tempelanlagen auf der traumhaft schönen, versonnenen Insel Mijashima sich auch aus dem Meere erheben ließen.

Quelle: Der heilige Nil, Dr. A. Berger, Wegweiser Verlag 1924, von Björn copyright jadu 2001

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