![]() |
23. Ins geheimnisvolle Reich
|
![]() |
|
Die Aussichten besserten sich erst, als am 10. Januar 1873 ein Bote des Königs von Wadai mit Briefen an Scheich Omar und günstigen Nachrichten über die dortigen Zustände ankam und sich auf Wunsch des Scheich bereit erklärte, mich als Reisegefährten mitzunehmen. Sei ich, meinte er, erst einmal in der Hauptstadt Abesche unter dem Schutz des Königs Ali, so drohe mir keine Gefahr mehr; doch dürfe ich das Land nicht "ausschreiben", unterwegs die Leute nicht ausfragen und in Abesche keinen Versuch machen, im Lande herumzureisen. Nun konnte ich endlich an die Vorbereitungen zur Verwirklichung meines Planes gehen. Schwierigkeiten machte noch mein Geldmangel. Zwar hatte die heimische Regierung, wie mir Briefe aus Tripolis mitteilten, 2000 Mariatheresientaler angewiesen, aber angekommen waren sie noch nicht. Die Güte des Scheich hat mich in den Stand gesetzt, die nötige Ausrüstung und die Geschenke für die Könige von Wadai und Darfur rasch zu beschaffen, und am 1. März 1873 konnte ich mich von dem edlen Bornufürsten verabschieden und den Weg von Kuka nach Abesche antreten, der etwa 1000 Kilometer beträgt und von den Karawanen in 28 bis 34 Tagen zurückgelegt wird. Er ging mit geringen Abweichungen immer nach Osten. Mit mir reisten der Wadaigesandte Otman, ein Schoa-Araber Abo, der aus Wadai verbannt war und jetzt die Gnade des Königs zu erlangen hoffte, einige in Wadai geborene Leute von Bornu und zahlreiche Pilger. Bei der Stadt Gulfei am Schari endigte das erste Viertel unseres Weges, das in das Gebiet von Bornu fällt; für das zweite Viertel bis zum Fitrisee mußten wir uns mit Getreide versehen. Der tropische Pflanzenwuchs am Schari wird hier durch die Steppenvegetation abgelöst. Fruchtbarer ist wieder das unter der Botmäßigkeit Wadais stehende Land um den Fitrisee, ein etwa zwei Tagereisen im Umfang messendes ovales Becken ohne Ablulß, das während der Regenzeit weithin die Ufer überschwemmt. Das Fitrigebiet soll etwa 100 Ortschaften zählen. Sein Beherrscher Dschurad behandelte mich freundlich. Wir fanden ihn in einer gewöhnlichen Hütte auf einem einfachen Teppich sitzend, mit einer langen Tobe von mäßiger Reinlichkeit bekleidet. Der gegen 60 Jahre zählende kräftige Mann rechtfertigte in der Unterhaltung den ausgezeichneten Ruf, den er in Bornu wie in Wadai genoß. Er zeigte sich verständig, im Sinn der dortigen Welt gelehrt und versicherte mir, daß ich ungefährdet meine Reise fortsetzen könne. Auf kurze Strecke berührten wir den Batha, den von Osten kommenden Zufluß des Fitrisees. In der Regenzeit ist er ein starker Strom, jetzt war sein Bett trocken. Aber sobald man Löcher in den Sand bohrt, findet man süßes, klares Wasser mit kleinen Fischen. Zwischen dem Fitrigebiet und der Grenze des Kernlandes von Wadai folgt eine Steppe, die zuzeiten von Abteilungen mehrerer arabischer Stämme durchstreift wird. Sie wurde durch Löwen und Rhinozerosse sowie durch Diebe unsicher gemacht, so daß wir dicht beieinander lagern und das Lager mit einem Dornverhau umgeben mußten. Otman, unser beständiger Warner vor Diebereien, war das erste Opfer; er verlor ansehnliche Partien von Toben, und mir stahl man mein stärkstes Kamel von der Weide. Abgesehen hiervon wurde ich auf der ganzen Reise nicht belästigt. In Bukko, der damaligen Residenz des Fitrigebiets, war ich den ganzen Tag von Besuchern belagert, die sich durchgängig höchst bescheiden, anspruchslos und höflich betrugen. Wo es mir gelang, mit Eingeborenen zu verkehren, bemerkte ich, daß ich als Pilger und Scherif, also als Abkömmling Mohammeds, galt und hoch angesehen war, obwohl ich mich wiederholt als Nasara, als Christ bekannte. Man schien dies für den Namen einer entfernt wohnenden, etwas sonderbaren mohammedanischen Sekte zu halten. Nach Überwindung einer Wüstenstrecke, die sich durch Wasserarmut und Mangel an Bäumen auszeichnete, hatten wir noch vier Tagemärsche bis nach Abesche. Otman wurde immer nachdenklicher, wie König Ali meine Ankunft aufnehmen würde. Er schickte einen Boten voraus, und als am vierten Tag noch keine Antwort da war, weigerte er sich weiterzuziehen. Auch ich war unruhig, und als ich den gewohnten Mittagsschlaf halten wollte, kam ich nicht über einen Halbschlummer hinaus, den wilde Träume störten. Endlich kam
eine freundliche Botschaft mit dem Versprechen sicheren Geleits, aber
auch mit der bedenklichen Weisung, durch den Boten meine Pferde und meine
Waffen nach der Hauptstadt bringen zu lassen. Sofort brachen wir auf.
Ein heftiges Gewitter machte meine Stimmung noch düsterer, die grausige
Nacht in felsiger und waldiger Gegend erschien mir wie ein böses Vorzeichen,
und als wir, nach rastlosem Marsch über tief in den felsigen Boden gewühlte
Rinnsale, gegen Mitternacht die Residenz des gefürchteten Herrschers erreichten
und still zwischen den finstern, niedrigen Häusern dahinzogen, die von
der düstern Masse der kastellartigen Königswohnung überragt wurden, hatte
ich das Gefühl, meinem Untergang entgegenzugehen. |
© Copyright 2000 by JADU