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Schon
Ende Mai 1873 war ich zur Weiterreise nach Darfur einigermaßen gerüstet,
als Gerüchte nach Abesche drangen, der greise und blinde König
von Darfur, Hasin, sei gestorben und über die Thronfolge seines Sohnes
Ibrahim werde es wahrscheinlich zu Streitigkeiten kommen. Damit war an
Abreise vorläufig nicht zu denken. Sofort wurden Späher von
Wadai in das Nachbarland geschickt, um die Wahrheit zu erkunden. Mit der
Bestätigung des Gerüchts kam die Nachricht, ein Gesandter Darfurs
sei auf dem Wege.
Nach meiner
Rückkehr von der Reise nach Süden setzte ich mich mit diesem
in Verbindung. Er war ein noch junger Dschellabi namens Schems ed-Din
aus Kobe, der zweitgrößten Stadt Darfurs, wo die meisten fremden
Kaufleute wohnen; er war fast zwei Meter hoch, entsprechen breit, dick
und bequem, im Verkehr gewandt und liebenswürdig. Die Verbindunbg
mit Darfur war jetzt gesichert, doch dauerte es noch über ein Vierteljahr,
bevor ich Abesche verlassen konnte. König Ali, mein treuer Beschützer,
legte mir kein Hindernis in den Weg und bezeigte sein Wohlwollen noch
durch Beiträge zu meiner Ausrüstung. Eine größere
Geldsumme, die die Karawane aus Tripolis mir überbrachte, traf gerade
rechtzeitig ein.
Am 17. Januar
1874 konnte ich aufbrechen. Führer der großen Karawane war
der Gesandte aus Darfur, mit uns zog mein Freund Hadsch Ahmed und andere
Kaufleute aus Kordosan, Dongola und Thartum. Die Karawane trennte sich
schon von Anfang in zwei Teile. Denn diejenigen Mitglieder, die "warme"
Menschenware, nämlich gestohlene Sklaven, mit sich führten,
mußten bis zur Landesgrenze auf Schleichwegen ziehen. Sammelpunkt
war Bir-Tuil, der Hauptort der östlichen Grenzbezirke Wadais und
Wohnsitz des Statthalters. Hier lagen wir fast zwei Wochen und warteten
auf Nachzügler, bis nach dem großen mohammedanischen Opferfest
am 31. Januar. Als wir zwei Tage später fortziehen wollten, waren
der Statthalter, seine Leute und die meisten Einwohner total betrunken,
"sogar die Hühner im Dorfe", wie eine drastische Schilderung
dieser Orgie sich ausdrückte. Nirgendwo im Lande, die Hauptstadt
ausgenommen, war das Merissatrinken so maßlos; ohne Scheu wurden
große Krüge des verpöhnten Getränkes auf dem Markt
feilgeboten.
Endlich, am
3.Februar, ging es weiter unter militärischer Bedeckung durch die
ungewohnte und sehr unsichere Grenzwildnis zwischen Wadai und Darfur,
die wir aber unbelästigt passierten. Die Richtung blieb auf dem ganzen,
fast 500 Kilometer betragenden Marsch mit geringen Abweichungen östlich,
das überwiegend steppenartige, sandige und felsige Land stieg von
Abesche (500 Meter über dem Meer) fast beständig an. Nirgendwo
überragten die BErge die Umgebung um mehr als 300 Meter, die höchsten
Erhebungen schätzte ich auf 1100 Meter. Kurz hinter ihnen überschritten
wir die Wasserscheide zwischen dem abflußlosen Gebiet des Tsadsees
und dem des Nil.
Erst später
habe ich erfahren, welcher Gefahr ich während eines mehrtägigen
Aufenthaltes in Wadi Tinea entgangen war. Der Sohn des in der Hauptstadt
abwesenden Statthalters suchte meine Weiterreise zu verhindern. Er schickte
eiligst einen reitenden Boten an seinen Vater mit der Nachricht, ins Land
sei ein verdächtiges Individuum, Türke oder Christ, gekommen,
das bei dem immer schwieriger werdenden Verhältnis zu Ägypten
wohl als Spion zu betrachten sei. Die Folge war ein Ersuchen an König
Ibrahim, mich aus dem Wege räumen zu lassen, was dieser ablehnte.
Mich dem stellvertretenden Statthalter zuzuführen, hat der brave
Hadsch Ahmed rundweg verweigert.
Von der Wasserscheide
in die sandige Ebene von Kobe niedersteigend, erhielten wir als Begrüßungsmahl
einige hundert Schüsseln vortrefflicher Speisen. Da bei Schems ed-Din
etwa 100 Gäste einquartiert werden mußten, bekam ich nur ein
dürftiges Quartier. Die Verpflegung aber war ausgezeichnet an Güte
und Menge; die Hauptwohnung sah den ganzen Tag hindurch wie ein Wirtshaus
aus, in dem zahlreiche Frauen und Sklavinnen beständig Speisen zubereiteten.
Am 7. März stiegen wir über einen sandigen Hügelzug in
das flache Tal der Hauptstadt Darfurs el-Fascher, das durch seinen Reichtum
an Bäumen anmutig gegen die baumlose Umgebung abstach.
Meine Begleiter
erfüllte schwere Sorge, wie der König meine Ankunft aufnehmen
werde, und Hadsch Ahmed war in freudigster Bewegung, als er mir von der
ersten Audienz berichten konnte: Ibrahim sei vollkommen über meine
Person unterrichtet; er werde mich mit aufrichtigem Wohlwollen aufnehmen,
müsse mich aber sobald als möglich nach Ägypten weiterbefördern.
Genau dem entsprach mein Empfang beim König, einem vierzigjährigem,
schwarzen Mann von hohem Wuchs und vollem Antlitz. Meinen Wunsch, die
Reise nach Osten mit Hadsch Ahmed zusammen fortsetzen zu dürfen,
nahm er gnädig auf.
Dann besuchte
ich seinen einflußreichen Schwager Mohammed, dessen Bruder mir Briefe
und eine beträchtliche Geldsumme aus Ägypten übergab und
nicht einmal eine Quittung annehmen wollte. Nach reichlicher Bewirtung
bat ich Mohammed, mir beim König die Erlaubnis zu Reisen im Lande
zu erwirken. Er antwortete ausweichend, und vergeblich versuchte ich während
der nächsten Tage, mein Gesuch beim König selbst anzubringen,
was mir erst nach vielstündigen Warten gelang. Ich bat nur um Erlaubnis
zu einer kleinen Reise nach einer heißen Quelle, in der ich als
Arzt vielleicht Heilkräfte entdecken würde. Er lehnte unbedingt
ab. Bei dem Haß der Eingeborenen, die in mir einen ägyptischen
Spion vermuteten, könne er außerhalb der Hauptstadt nicht für
mein Leben bürgen, doch werde er gern behilflich sein, wenn ich Nachrichten
über Land und Leute zu haben wünsche.
Er hat mich
auch mit einem Mann in Verbindung gesetzt, der die beste Kenntnis von
der Geschichte Darfurs haben sollte. Leider war dieser Mann ein Merissatrinker
ersten Ranges, der vormittags wie nachmittags benebelt zu sein pflegte.
Ganze Tage mußte ich mit ihm trinken und ihm dabei allmählich
seine Kenntnisse ablocken. Auch bei anderen Berichterstattern stieß
ich bei meinen Erkundigungen über GEschichte, Organisation und Bevölkerung
Darfurs auf große Schwierigkeiten, die großenteils auf das
Übelwollen der Einwohner zurückging. Wo ich erscheinen mochte,
selbst auf dem Weg zu kranken, wurde ich beschimpft und verhöhnt.
Sogar im königlichen Palast war ich den größten Beleidigungen
ausgesetzt. Endlich mußte ich dem König erklären, daß
ich auf weitere Besuche verzichte, da er außerstande sei, mich gegen
das gemeine Volk zu schützen.
Vermöge
meiner Bekanntschaft mit den Negervölkern und der Art, sie richtig
zu behandeln, wrde es mir mit der Zeit gelungen sein, diesen Widerwillen
einigermaßen zu besiegen. Doch die Ereignisse drängten mich
aus dem Land. Im Süden wurde Darfur durch den berüchtigten Sklavenhändler
Siber bedroht, von OSten kamen Nachrichten von dem Anrücken ägyptischer
Streitkräfte, und das Verhältnis zu Wadai war sehr kühl.
Überall machten sich die Anzeichen der Katastrophe geltend. Schon
im nächsten Jahr wurde Darfur eine ägyptische Provinz, und Ibrahim,
der in der Schlacht viel, ist der letzte König von Darfur gewesen.
Mein persönliches
Verhältnis zu dem unglücklichen Herrscher blieb gut. Als ich
ihn ausnahmsweise wieder einmal besuchte, war er sehr gesprächig
und gut gelaunt. Er leß die Musikdose spielen, die ich ihm geschenkt
hatte, und nahm das von König Ali abgelehnte Fernrohr dankbar entgegen.
Als um die Mitte des Jahres die üblen Nachrichten sich häuften,
hat er mich zu Rate gezogen. Seinen Plan, noch einmal den friedlichen
Weg zu versuchen und alle Schätze, und alle Schätze deren er
augenblicklich habhaft werden konnte, durch einen besonderen Beamten an
den Vizekönig von Ägypten zu schicken, habe ich gebilligt, ohne
ihm zu verhelen, daß die Dinge wohl schon zu weit gediehen seien.
Ich versprach ihm auch, ein Schreiben von ihm an den Großsultan
zu Stambul in die Hände des Großwesirs niederzulegen, zum Dank
für seine Gastfreundschaft und sein redliches Verhalten.
Am 6. Juli
wurde der Marsch nach el-Obeid, der in Luftlinie rund 600 Kilometer entfernten
Hauptstadt der ägyptischen Provinz Kordosan angetreten, der im wesentlichen
wieder nach Osten ging. Die Karawane führte auf 250 bis 300 Kamelen
hauptsächlich Straußenfedern und Elfenbein mit sich, sowie
eine Anzahl Slkaven zur Bedienung und zum Verkauf. Der Osten von Darfur
ist unfruchtbar, und dünn bewohnt, doch war der Weg außerordentlich
belebt von Kaufleuten aus den Nilgegenden.
Schon bald
zeigte sich, wie vernünftig es war, in der vorgeschrittenden Regenzeit
zu reisen, denn auch jetzt noch war zuweilen das nötige Wasser nur
sehr schwer zu beschaffen. Am dritten Tage entfaltete sich ein Insektenleben,
wie ich es noch nie gesehen hatte. Die ganze Gegend war mit kleinen purpurroten
Spinnen bedeckt, die Masse von Skorpionen, Ameisen und Heuschrecken war
wahrhaft unglaublich. Später wurde ich während meiner wiederholten
Fieberanfälle arg durch Ameisen und Wanzen geplagt.
Etwa in der
Mitte des Weges machten wir eine Woche lang (19. bis 26. Juli) in einem
weiten, öden Tal halt, in dem die den Bezirk Omn Meschana bildenden
Dörfer liegen. Der Hauptgrund für diesen langen Aufenhalt waren
Maßregeln der ägyptischen Regierung, den Handel mit Sklaven,
Straußenfedern und Elfenbein betreffend, namentlich das immer schärfer
gehandhabte Verbot des Sklavenhandels. Nach langen Beratungen wurde beschlossen,
die Sklaven entweder zurückzuschicken oder an Ort und Stelle zu verkaufen.
Viele hat ein Kaufmann vom Nil an sich gebracht, im Vertrauen auf seine
Wegkenntnis, auf die Lässigkeit der ägyptischen Beamten und
seine Fähigkeit, die Menschenware so lange zu verstecken, bis das
Verbot nicht mehr so streng durchgeführt würde.
Die Wartezeit
benutzte ich zu einem Asuflug in das fruchbare Tal von Zarnach, um die
zu Brunnen umgewandelten Affenbrotbäume zu besichtigen. Da es nämlich
östlich von Omn Meschana keine Brunnen mehr gibt, dienen diese mächtigen
Bäume als Zisternen. Wo der Riesenstamm sich in die Hauptäste
zu teilen beginnt, wird eine Öffnung gemacht und von dieser aus das
Innere in die Breit und Tiefe ausgearbeitet, worunter das Wachstum des
Baumes nicht leidet. Ist der Stamm ausgehölt, so wird der weiche
Holzabfall entfernt, die innere Wandung geteert, und der Brunnen ist fertig.
Erkann 30 bis 100 Kamelladungen Wasser zu je vier Zentner fassen. Eine
größere Karawane pflegt den Inhalt eines ganzen Baumes zu kafen,
der Rest gehört dem Besitzer.
In Omm Meschana
mußte ich mich von meinem Freunde Hadsch Ahmed und vielen anderen
Reisegefährten trennen. Sie wanderten direkt nördlich durch
die Steppe nach dem Nilbogen von Dongola, während ich die Ostrichtung
beibehielt. Am 2. August wurden wir an der Grenzstation durch einen Beamten
aus dem Darfurgebiet entlassen und passierten die wegen ihrer vielen Löwen
berüchtigte Grenzwildnis in zwei sehr starken Tagemärschen.
Sie ist auch in der Regenzeit fast wasserlos, überraschte uns aber
durch einen so starken und andauernden Regen, daß wir das Zelt aufschlagen
und den folgenden Vormittag mit dem Reinigen und Trocknen unseres arg
mitgenommenen Gepäcks verbringen mußten; vieles war auf immer
verdorben.
Am 6. August
1874 stießen wir auf das erste Dorf in Kordosan und vier Tage später
erreichten wir die Hauptstadt el-Obeid. In dem vor der Stadt gelegenen
Landhaus eines meiner Reisegefährten wurde ich vortrefflich aufgenommen.
Gern hätte ich mich hier einige Tage erholt, da ich an heftigen Milzschmerzen
litt. Aber schon war meine Ankunft in der Stadt bekanntgeworden, in der
sich gerade Ismail Pascha aufhielt, der Generalgouverneur des ägyptischen
Sudan, um den Feldzug gegen Darfur vorzubereiten. Bereits mit Tagesanbruch
erschien als sein Vertreter der Bürgermeister Elias und der griechische
Sanitätsinspektor Dr. Giorgi, und trotz großer Schmerzen wurde
ich genötigt, sofort nach el-Obeid aufzubrechen. Jetzt zeigten sich
die Folgen meiner jahrelangen Entwöhnung von europäischen Sprachen.
Der griechische Arzt verwirrte mich vollständig. Er sprach mich zuerst
französisch an, versuchte es dann mit ebensowenig Erfolg in italienischer
Sprache, selbst auf Deutsch konnte ich mich nur unzusammenhängend,
sozusagen Brocken stammelnd ausdrücken, nur in Arabisch war mir eine
flüssige Unterhaltung möglich. Schon unterwegs erzählte
man mir alles, was mir zu wissen am interessantesten war: die Umwälzungen
in Europa, insbesondere in Deutschland infolge des Deutsch-Französischen
Krieges, und daß Ismail Pascha nach vier Tagen in Darfur einmarschieren
werde - im letzten Augenblick vor Ausbruch des Krieges war ich aus dem
zum Untergang bestimmten Reiche entwischt.
Der Pascha
nahm mich mit äußerster Liebenswürdigkeit auf. Ich frühstückte
mit ihm im Regierungsgebäude; ich konnte auch wieder so geläufig
französisch sprechen, als hätte ich Europa nie verlassen. Nachmittags
spielte die Militärmusik mir zu Ehren europäische Märsche
und Tänze, sogar "Heil dir im Siegerkranz", und den Tag
beschloß ein glänzendes Abendfest bei dem reichen Vater des
Dr. Giorgi. Feenhafte Beleuchtung, üppige Tafel, Bedienung im Frack
und weißer Kawatte, der Luxus eines Tischtuches, der Servietten,
Löffel, Messer und Gabeln, deren ich mich ziemlich ungeschickt bedient
haben mag: alles das war mir nicht allein gewohnt, sondern bedeutete für
mich auch den Wiedereintritt in die zivilisierte Welt.
Mit diesem
Satz schließen Nachtigals Aufzeichnungen, den Rest der Rückreise
hat er nicht mehr beschrieben. Sie führte ihn östlich zum Nil,
den er in einem Sklavenschiff bis nach Chartum hinabfuhr. Von hier brachte
der Telegraph die erste Nachricht von seiner glücklichen Rückkehr
ins Vaterland. Über Land schnitt er den großen Nilbogen nach
Dongola ab und fuhr dann den Nil hinunter bis Siut. Hier erwartete ihn
ein vom Khedive entgegengeschickter Dampfer, der ihn nach Kairo brachte.
Mit fürstlichen Ehren empfangen, hat er den Winter in dem Wüstenbad
Heluan verbracht, um seine schwer erschütterte Gesundheit herzustellen.
Die beiden Negersklaven Mohammedu und Billama, seine Begleiter von Kuka
bis Kairo, hat er seinem Versprechen gemäß in die Heimat zurückgeschickt.
Im Frühjahr
1875 konnte Nachtigal endlich wieder den Boden des Vaterlandes betreten,
den er 13 Jahre vorher als junger Mann von 28 Jahren verlassen hatte.
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