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5. Die Flucht
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In der Nacht vom 3. zum 4. September
schlug die Stunde der Befreiung. Wir umgingen Bardai und folgten dem
Wege, den wir vor einem Monat nach dem Orte eingeschlagen hatten, bis
zum Kamm des Gebirges. Am Krater stieß Kolokomi mit seiner Kamelstute
zu uns. Nun bogen wir rechts ab und stiegen, parallel der auf dem Hinwege
befolgten Richtung, in die Ebene hinunter. Hier wurde Bu Zeid abgesandt,
um meine vor Antritt der Reise nach Bardai zurückgelassenen Kamele
zu holen, bei deren Ankunft sich Arami von uns trennen wollte. Wir machten
an einem köstlichen Wasserbecken eine mehrtätige Rast, die
auch unsere Erschöpfung gebieterisch forderte. Schon der zweite
Marschtag, dem eine böse kalte Nacht mit nur 6 Grad folgte, hatte
uns eine entsetzliche Anstrengung bei zehnstündigem steilem Anstieg
gebracht. Den Genuß des ersten reichlichen Trunks, der ersten
ausgiebigen Mahlzeit, des ersten Gefühls der Sicherheit kann nur
der ermessen, der in ähnlichen Lagen war. Die nächsten Tage brachten
uns in Gewaltmärschen auf unsern frühern Reiseweg. Ich fieberte
bereits, aber noch warteten unser die schlimmsten Leiden. Noch ehe wir
das Tümmogebirge sahen, verließ uns Kolokomi, dann versagte
das Mietkamel, und wir mußten seine Traglast verborgen zurücklassen.
Mein Herz klopfte, meine Schläfen pochten, meine Haut brannte,
und die Zunge klebte mir am Gaumen. Das getrocknete Kamelfleisch konnte
ich nicht herunterbringen, und die Süßigkeit der Datteln
widerstand mir. Ich hoffte zu schlafen, aber die Aufregung der Übermüdung
machte es unmöglich. Schon unmittelbar nach dem Wiederaufbruch
schleppte ich mich nur mit Aufbietung der letzten Kräfte durch
den Sand. Meine Knie zitterten, die sonst so trockene Haut bedeckte
sich mit Schweiß. Schon waren wir übereingekommen, bei der
drohenden Lebensgefahr seien wir alle gleich, und wer nicht mehr vorwärts
könne, müsse erbarmungslos zurückgelassen werden. Noch mehr als drei Stunden dauerte
die Qual der Bergwanderung, aufwärts und abwärts, durch den
Sand und über Felsen, Gerölle und Blöcke. Am Mittag endlich
lagerten wir in der schattigen Umgebung der Tümmobrunnen und beschlossen
hier zu bleiben, um bei vollständiger Ruhe und uneingeschränktem
Wassergenuß unsere Kräfte herzustellen. Zur Ergänzung
unserer kärglichen Nahrungsmittel wurden Knochen und Sehnen von
Kamelen gepulvert, mürbe geklopft und morgens zu sorgfältig
abgezählten Datteln, abends zu einem Näpfchen Mehlbrei genossen.
Die beiden Kamele wurden nachgeholt, und Valpreda kam uns ohne Hilfe
nach, allerdings sehr mürrisch und im rätselhaften Zustand.
Seine Bekleidung bestand aus einem Paar hoher Wasserstiefel und einem
Schurz, den er aus einem Hemd hergestellt hatte. Sein Gewehr wurde glücklich
aufgefunden, nicht dagegen seine übrigen Kleidungsstücke. Als wir zum Meschrubrunnen kamen,
waren wir der Rettung sicher, und ich konnte über den grotesken
Zustand unsere kleinen Gesellschaft wieder herzlich lachen: Zwei Diener
unbekleidet, die Wasserschläuche auf den Rücken, Mohammed
noch in seinem langen Hemd, Valpreda in dem schon beschriebenen Anzug,
Bu Zeid fast erliegend unter dem Gewicht eines Gepäcks, den er
in seiner Habsucht dem Versteck im Tümmo nicht anvertrauen wollte,
ich selbst barfuß, die Beine mit baumwollenen Fetzen umwickelt,
die man mit weitestgehendem Wohlwollen nicht mehr als Beinkleider bezeichnen
konnte, der Oberkörper in einem arg mitgenommenen Pariser Sommerüberrock
gehüllt, keuschend unter der Last zweier Gewehre. Am 28. September
erblickten wir Tedscherri, schleppten uns über den südlich
vorliegenden Dünengürtel, stürzten uns auf den ersten
reife Früchte tragenden Dattelbaum und erreichten spät abends
das Städtchen. In Gatrun herrschten unerquickliche
Zustände. Hunderte arabischer Nomaden waren in der Stadt, um ihren
Wintervorrat einzukaufen, benahmen sich roh und feindselig, der greise
Hadsch Dschaber wurde sogar mißhandelt. Unbemerkt machte ich mich
am 5. Oktober auf den Weg nach Mursuk, auf dem mir ein Bote des vortrefflichen
Hadsch Brahim mit verschwenderischen Vorräten entgegen kam. Ein
heftiger Magenkatarrh war die Folge, und ich war froh, am 8. Oktober
in meiner alten Häuslichkeit zu Mursuk Ruhe zu finden. Hier erledigte
ich meine Abrechnung mit dem habsüchtigen Bu Zeid und sorgte dafür,
daß die erpreßten Schuldverschreibungen herabgesetzt wurden. |
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