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Erst
jetzt erhielt ich genauere Nachrichten über das schreckliche Schicksal
einer Dame, die meine interessanteste Bekanntschaft in Tripolis gewesen
war: Fräulein Alexandrine Tinne, mit der ich auch in Mursuk zusammengetroffen
war. Eine Dame, die schon so viele Proben hohen Strebens und festen
Willens abgelegt hatte, erfüllte sie mich zunächst nur mit
scheuer Ehrfurcht. Ihre edlen Züge, ihr vornehmes, zurückhaltendes
Wesen enttäuschten angenehm jeden, der sich unter ihr, wegen ihrer
abenteuerlichen Laufbahn, eine Emanzipierte vorgestellt hatte, vermochten
jedoch bei oberflächlicher Bekanntschaft nicht zu erwärmen.
Die Stadt war verwöhnt von dem Rufe ihres Reichtums. Während
meines langen Aufenthaltes in Mursuk fand ich sie ruhig, ernst, vornehm
wie immer, doch herzlicher und wärmer. Sie war entschlossen, ebenfalls
nach Bornu zu gehen, und wir verabredeten, die Reise gemeinsam zu unternehmen.
Vorher jedoch beabsichtigten wir, jeder für sich eine kleinere
Wüstenreise zu machen. Sie entschloß sich zu dem Ausflug
nach der etwa 400 Kilometer südwestlich liegenden Oase Chat, der
während meines Abstechers nach Tibesti ihr Verhängnis wurde.
Bei ihren Vorbereitungen übernahm
ich gewöhnlich die Vermittlung mit den Behörden; hierbei vermißte
ich jenes herzliche Entgegenkommen, das mir selbst so reich zuteil wurde.
Erst allmählich sah ich ein, welchem Umstande der Unterschied entsprang:
sie war nicht verheiratet, später wurde sie für meine Frau
gehalten und unter andern unsinnigen Gerüchten fand den meisten
Anklang die Beschuldigung, sie führe einen verzauberten Mann in
Gestalt ihres riesigen Lieblingshundes mit sich, der nur unter dem Dunkel
der Nacht menschliche Gestalt annehme. Als das Tier an Altersschwäche
starb und seine Herrin einen in Mursuk unbegreiflichen Schmerz über
seinen Tod zur Schau trug, zweifelten nur wenige mehr an der Richtigkeit
dieser Annahme.
Fräulein Tinne hatte von
dem berühmten Tuarikhäuptling Ichnuchen die bestimmtesten,
wahrscheinlich aufrichtigen Versprechungen erhalten, daß sie die
Oase Chat in voller Sicherheit besuchen könne. Sie verließ
Mursuk zusammen mit acht Tuarik aus dem Gefolge des Häuptlings,
darunter sein Schwestersohn Hadsch esch-Scheich. Mit ihr reisten zwei
holländische Diener, zwei junge Neger, der ganze weibliche Teil
ihres Hausstandes, drei in Tunis und in Fessan angeworbene Männer
und ein Troß von freigelassenen oder durch sie befreiten Sklaven,
der unter ihrem Schutze nach dem Sudan zu gelangen hoffte. Gleich nach
meiner Rückkehr aus Tibesti ließ ich mir von den Überlebenden
in Mursuk den Hergang erzählen und war nach wenigen Tagen, als
ich jung und alt, Männer und Weiber, Araber und Neger, und zwar
jeden einzeln ausgefragt hatte, wohl in der Lage, mir ein Urteil zu
bilden.
Einige Tagesreisen von Mursuk
entfernt war die Karawane, jenseits der letzten bewohnten Ortschaften,
in das Aberdschudschtal gekommen, wo sie die Nacht verbrachte. Am 1.
August frühmorgens begann man das Lager abzubrechen. Die Tuarik
standen, auf ihren Lanzen gestützt und ihrer Sitte gemäß
mit verschleierten Gesichtern, in der Nähe. Da gerieten, wohl auf
Verabredung, zwei der mit ihren Kamelen gemieteten Araber in Streit.
Einer der beiden Holländer suchte vermittelnd einzugreifen. Die
Streitenden verbaten sich seine Einmischung, Scheltworte flogen hin
und her.
Plötzlich sprang der Neffe des Tuarikhäuptlings - ein Teil
meiner Gewährsleute bezeichnet jedoch einen andern als Mörder
- dazwischen und durchbohrte den Holländer mit den Worten: "Warum
mischest du dich in den Streit von Muselmanen?" Der andere Holländer
sprang auf sein Kamel zu, um sein Gewehr zu ergreifen, doch ein Schwerthieb
über den Hinterkopf streckte ihn zu Boden, und ein Lanzenstich
vollendete die Tat.
Im Nu war das ganze Lager der
Schauplatz der größten Verwirrung. Die Frauen stürzten
heulend und händeringend aus den Zelten, Schuldige und Unschuldige
schrien und drängten durcheinander. Der wüste Tumult rief
Fräulein Tinne aus ihrem Zelt herbei, doch ohnmächtig verhallte
ihre befehlende Stimme. Ein Araber erhob zuerst die Hand gegen das wehrlose
Weib. Sein Hieb mit scharfer Waffe über Hals und Schulter streckte
sie noch nicht zu Boden, erst nach einem zweiten über den Vorderarm,
den ein Sklave des Hadsch esch-Scheich geführt haben soll, sank
die zarte Dame zusammen. Ihr Bewußtsein schwand glücklicherweise
bald, doch erst als die Sonne die Mitte ihrer Bahn überschritten
hatte, hauchte die Arme das Leben aus.
Im Bewußtsein der Schmach, mit der sie ihre Untat bedeckte - auch
in jener Welt der Rechtlosigkeit, des Raubes und Mordes gilt es für
eine Schande, ein Weib zu töten -, stellten die Mörder ihre
verräterische Tat als den Ausfluß ihres Hasses gegen die
Christen dar. Das gesamte Negerpersonal und die Frauen wurden von den
Verschworenen in die Zelte verwiesen mit der Versicherung, daß
man ihnen kein Haar krümmen werde, denn es se nur auf die Christen
abgesehen gewesen.
Darauf machten sich die Täter
an die Befriedigung ihrer Habsucht, die ohne Zweifel das einzige Motiv
zur Tat gewesen war. Der Reisenden ging ja der Ruf eines märchenhaften
Reichtums voraus. Schon ehe sie Fessan erreicht hatte, erzählte
man in den Hofkreisen in Kuka von ihren Schätzen, und das Gerücht
von der "Königstochter" hatte sich alsbald nach allen
Richtungen bei den Stämmen der Wüste verbreitet.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der tunesische Diener Mohammed
el-Kebir mit in der Verschwörung war. Er war mit der Sorge für
das gesamte Gepäck betraut, und nach der blutigen Tat war er es,
der die Kisten und Kasten öffnete und den Räubern das bare
Geld aushändigte, dessen geringer Betrag allgemein enttäuschte.
Der übrige Inhalt wurde versteigert, wobei das verteilte Geld,
Kamele und Waffen als Kaufmittel dienten.
Sogar während dieser Zeit war das Schlachtopfer, noch blutend und
leise stöhnend, nicht vor den Roheiten seiner Henker sicher. Vieles
blieb unverkauft und lag zerstreut auf dem Boden. Die Diener erhielten
von den Räubern ein Kamel und einige Wasserschläuche zur Rückkehr
nach Fessan. Die Mörder und Räuber kehrten auf verschiedenen
Wegen in ihre Heimat zurück. Bald lagerte wieder die Stille der
Wüste über dem Schauplatz des Verbrechens, und nur die Aasgeier
bewachten ihre Beute.
Die Tuarik sind wohl gewalttätig
und fanatisch, stehen jedoch im Ruf der Wortfestigkeit und eines gewissen
mannhaften Edelmuts. Henri Duvenrier, der beste Kenner der Tuarik, schrieb
mir, ohne vollgültige Beweise des Gegenteils sei er überzeugt,
daß die Schuld nicht ihnen, sondern den Arabern zufalle. Trotzdem
ist die Urheberschaft des ganzen Verrats auf seiten der Tuarik wahrscheinlich,
ihre Mitschuld sicher; man kann höchstens zweifelhaft sein, welcher
von beiden Teilen der intellektuelle Urheber war. Um hierüber klarzuwerden
und um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, geschah in zunächst
von den Behörden zu Mursuk und Tripolis ebensowenig als zur Feststellung
der Rolle, welche die verdächtigen Diener gespielt haben.
Später erfuhr ich in Bornu, der Prozeß sei zum Nachteil der
arabischen Kamelführer beendet. Die Tuarik hätten es verstanden,
alle Schuld auf die Araber zu wälzen, von denen mehrere verurteilt
wurden. Auch sei es wahrscheinlich geworden, daß Hadsch Brahim
sie angestiftet habe; dieser sei mit seinem Vater nach Tripolis gerufen
worden, und beide seien kurz nacheinander , wahrscheinlich durch Gift,
gestorben. Diese Nachricht vom Tode meiner besten Freunde in Fessan
erschütterte mich tief; an ihre Schuld habe ich keinen Augenblick
geglaubt.
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