Der Kampf zwischen Bur und Brite
(Der dreijährige Krieg)

von General Chr. R. de Wet.
Deutsche Original-Ausgabe.
Mit Illustrationen, Kartenskizzen und dem Bildnis des Verfassers
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Zweites Kapital Nicholson Nek Wir hielten die Stellungen zu Rietfontein bis zum 29. Oktober besetzt. An diesem Tage kam Generalkommandant Joubert mit Teilen transvaalscher Kommandos bei uns an, und es wurde nun verabredet, daß die Transvaaler nördlich von Ladysmith und östlich von Nicholson Nek und die Freistaatler nordwestlich und westlich von diesem Dorfe Stellung nehmen sollten. Der Kop mit abgeplatteter Krone, 1 1/2 Stunden südlich von Nicholson Nek, von uns Zwartbooiskop und nach der Schlacht vom 30. Oktober Klein-Amajuba genannt, sollte von einem Teile der unter Kommandant Nel stehenden Kroonstader Bürger bewacht werden. Am 30. Oktober, kurz nach Sonnenaufgang, hörten wir aus der Richtung des entferntesten Punktes, an dem die Tranvaaler standen, den Donner von schwerem Geschütz, und alsbald wurde der Befehl zum Aufsatteln gegeben. Ich schlug dem Kommandanten Stenekamp, der tags zuvor von Bezuidenhoutspaß angekommen war, vor, sich nach General Cronjés Lager, das etwa zwei Meilen von dem unsrigen entfernt war, zu begeben und diesen zu ersuchen, nach der Stelle, von welcher aus geschossen wurde, zu marschieren. Dies wurde angenommen, Kommandant Steenekamp ging mit 300 Mann, unter welchen auch ich mich befand, dahin. Wir mußten am Kop südlich von Nicholson Nek vorbei - aber was sahen wir, als wir ihm gegenüber standen? Der Kop war von den Engländern besetzt! Es war dies eine sträfliche Nachlässigkeit des Kommandanten Nel gewesen, der hier Wache zu halten hatte, aber er entschuldigte sich damit, daß er geglaubt habe, daß sich einer seiner Feldkornetts mit einer Anzahl Bürger auf dem Berge befinde. Was war jetzt zu tun? Kommandant Steenekamp und ich beschlossen, den Berg mit den 300 Mann, die wir bei uns hatten, zu erstürmen. Wir taten dies, und es gelang uns, vom nördlichen Punkte Besitz zu ergreifen. Dort oben entdeckten wir, daß die britischen Truppen aber auch noch von der Mitte des Berges bis zu dessen südlichen Punkte in gesicherten Stellungen standen. Sie säumten dann auch keinen Augenblick, nachdem wir den Gipfel erreicht hatten, sondern eröffneten gegen uns ein heftiges Kleingewehrfeuer, welches wir ebenso heftig erwiderten. Zwanzig Leute von Nels Kommando stießen, während von beiden Seiten gefeuert wurde, zu uns und beteiligten sich am Angriffe gegen den Feind. Nachdem dies eine Zeitlang gedauert hatte, begriffen wir, daß uns nichts anderes übrig blieb, als kämpfend von Stellung zu Stellung den Engländern dichter auf den Leib zu rücken. Ich konnte jetzt sehen, daß die Krone des Berges aus einer langgestreckten Fläche bestand, die von Norden nach Süden lief und etwa 1000 Schritte lang war. An dem von uns besetzten Ende war sie kahl, aber etwas weiter vorwärts befanden sich Klippsteine, welche gute Deckung geben. Wir waren somit bei unserem Ansturm auf die Stellungen der Engländer deren Feuer wehrlos ausgesetzt, während diese prachtvolle Stellungen in alten steinernen Kaffernkralen, von denen sich viele Überbleibsel von der Mitte bis zum südlichen Ende des Berges befanden, innehatten. Wir richteten auf die Engländer ein heftiges Feuer, und es dauerte nicht lange, bis sie von der Mitte des Berges nach dessen südlichen Punkte zurückwichen. Dies verschaffte uns einen entschiedenen Vorteil, denn wir waren jetzt im Besitze der prächtigen Kripkralstellungen, welche die geräumt hatten. In den Stellungen, aus welchen wir die Engländer vertrieben hatten, machten wir einige Gefangene und fanden verschiedene Tote und Verwundete. Die Engländer befanden sich auch jetzt noch in sehr starker Stellung am südlichen Ende des Berges. Hier hatten sie nicht nur viele Kaffernkrale, sondern auch große Felsstücke, die ihnen eine ausgezeichnete Deckung gewährten. Sie unterhielten denn auch gegen uns ein heftiges Feuer, ihre Kugeln sausten um unsere Ohren und klatschten gegen die Felsblöcke. Aber auch unser Feuer war nicht weniger heftig, und es hatte einen solchen Erfolg, daß nach kurzer Zeit aus den Kralen auf dem linken Flügel ein paar weiße Flaggen zum Vorschein kamen, während das Schießen an dieser Stelle auch plötzlich aufhörte. Ich erteilte sofort den Befehl, das Feuer einzustellen und ging vorwärts in der Richtung auf den Feind zu. Aber plötzlich ging dieser wieder zum Angriff über, weshalb auch wir mit doppelter Kraft des Feuer wieder eröffneten. Es währte indessen nicht lange, so sahen wir aus allen Kralen die kleinen weißen Flaggen wehen - das Gefecht war zu Ende. Ich will nicht behaupten, daß mit der weißen Flagge ein Mißbrauch getrieben worden ist, ich nehme an, was man mir nach dem Gefecht sagte, daß man nämlich auf dem östlichen Flügel nicht gesehen hatte, was auf dem westlichen geschah und daß man deshalb weiter geschossen habe. Auf unserer Seite haben an diesem Gefecht nur die 300 Heilbronschen, 20 aus Kroonstad und 40 oder 50 Mann Johannesburger Polizei unter Hauptmann van Dam teilgenommen. Letztere waren während des Kampfes erschienen und hatten sich sehr tapfer gehalten. Von den 300 Heilbronschen waren übrigens durchaus nicht alle ins Gefecht gekommen: einige mußten wir bei den Pferden am Fuße des Berges zurücklassen, andere blieben, wie dies damals noch in der Regel geschah, hinter den Klippsteinen in der ersten, sicheren Stellung liegen. Ich habe nach Ablauf des Gefechtes genau darauf geachtet und kann erklären, daß es höchstens 200 Mann waren, von denen tatsächlich dieses Gefecht geliefert worden ist. Wir hatten 4 Tote und 5 Verwundete. Was die Verluste der Engländer betrifft, so kann ich sagen, daß ich selbst 203 Tote und Verwundete gezählt habe; ich stehe aber nicht dafür ein, daß an Stellen, die ich selbst nicht gesehen habe, deren nicht noch mehr gewesen sind. Die Anzahl der Gefangenen, die ich in Reihen zu vieren an mir vorbeimarschieren ließ, belief sich auf 817. Außerdem fielen zwei Maxims und zwei Bergkanonen in unsere Hände; diese waren aber, da verschiedene Teile fehlten, nicht zu gebrauchen, und der Feind hatte sie deshalb während des Gefechts auch nicht gegen uns verwenden können. Die Kriegsgefangenen sagten uns, daß ihr Geschütz auf Maulesel geladen worden sei, daß aber diese Tiere in der Nacht scheu geworden und durchgegangen seien, so daß nicht alle zu den Kanonen gehörenden Stücke auf den Berg geschafft werden konnten. An demselben Mittag und am folgenden Tag fingen wir auch die Maulesel mit dem fehlenden Teilen der Geschütze ein. Es war natürlich ein großer Vorteil für uns gewesen, daß die Engländer keine Artillerie gegen uns hatten verwenden können. Da sie nur auf ihre Gewehre angewiesen waren, so standen wir beide gleich, dagegen hatten sie den Vorteil gesicherter Stellung und einer fünffacher Übermacht. Außer den Geschützen fielen nach mehr als 1000 Lee Metford-Gewehre, 20 Kisten Patronen und einige Maultiere und Pferde in unsere Hände. Ich muß aber noch einige Einzelheiten erwähnen. Das Gefecht hatte von 9 Uhr morgens bis nachmittags 2 Uhr gedauert, der Tag war außerordentlich heiß, wir litten furchtbaren Durst, denn Wasser war nur in der Entfernung einer Meile vom Berg zu finden. Die Qualen der Verwundeten gingen mir sehr zu Herzen. Es war schrecklich, ihr Geschrei: "Wasser, Wasser!" zu hören. Ich ließ die Unglücklichen von meinen Bürgern aus den glühenden Sonnenstrahlen in den Schatten der Kamel- und Dornbäume, die dort wuchsen, bringen, wo sie von ihren Ärzten verbunden werden konnten. Meine Leute holten in den Feldflaschen der Kriegsgefangenen Wasser für die Verwundeten. Sofort, nachdem diese unter die Bäume gebracht worden waren, ließ ich Sir George White ersuchen, seinen Sanitätszug zu senden, um die Verwundeten abzuholen und die Toten zu begraben. Was die Ursache gewesen ist, daß dieser Zug erst am folgenden Morgen ankam, kann ich nicht sagen. Noch bis nach Sonnenuntergang blieben wir auf dem Berge, dann stiegen wir in unser Lager herab, nachdem ich meinen Bruder, Piet de Wet, zu mir befohlen hatte, der mit 50 Bürgern aus Bethlehem den Kop während der Nacht bewachen mußte. Aus dem Lager hatte man auch ein paar Wagen kommen lassen, welche die erbeuteten Geschütze und Gewehre mit der Munition wegbrachten. Um 8 Uhr erreichten wir unser Lager, und da unsere Leute den ganzen Tag nichts gegessen und getrunken hatten, kann man sich denken, mit welchem Hochgenuß sie das "bunte Gespann" am Spieße braten sahen. Mit noch ein paar "Sturmjägern" und einem Becher Kaffee restaurierten sie sich wieder vollständig. Wachdienst brauchten sie infolge ihrer Anstrengungen in dieser Nacht nicht zu tun, und so konnten sie sich nach den Mühseligkeiten dieses Tages ruhig dem Schlafe überlassen. Zu den Ereignissen dieses Tages habe ich noch nachzutragen, daß auch die Transvaaler an verschiedenen Punkten ihrer östlichen Stellungen, etwa 8 Meilen von Nicholsons Nek, gekämpft haben und daß von ihnen 400 englische Kriegsgefangene gemacht worden sind. Wachen der anderen Kommandos wurden in dieser Nacht mit großer Sorgfalt, nicht nur in weiter Entfernung vom Lager als "Brandwachen", sondern auch rings um das Lager selbst, ausgesetzt. Dies war um so nötiger, als sich das Gerücht verbreitet hatte, daß die Engländer die Zulus von Natal bewaffnet hätten. Verhielt sich dies wirklich so, dann mußten wir vor diesen Barbaren sehr auf der Hut sein. Schon in früheren Zeiten - bereits im Jahre 1836 - hatten wir diese schwarzen Rassen kennen gelernt und bittere Erfahrungen darüber gesammelt, wozu sie, namentlich die Zulus, während der Nacht fähig waren. Und wenn wir uns erinnerten, was die Bahnbrecher der Kultur in Südafrika, unsere Voortrekker, unter den blutigen nächtlichen Angriffen der Zulus zu leiden gehabt hatten, dann kann auch jedermann begreifen, daß wir die mit Recht Nachtwölfe nannten. Später hatten wir, Freistaatler, von den Basutos im Kriege von 1865-1867 ebenfalls viel zu leiden gehabt, unsere Geschichte hatte uns also gelehrt, daß es unerläßlich war, um unsere Lager des Nachts Brandwachen aufzustellen und sowohl bei Nacht wie bei Tag zu rekognoszieren. Voraussichtlich werde ich später in einem besonderen Werk ausführlich den Rekognoszierungsdienst behandeln, um zu zeigen, weshalb die Rekognoszierungen des britischen Heeres nie oder in den seltesten Fällen den erwarteten Erfolg hatten. Ich kann aber jetzt schon der Versuchung nicht widerstehen, an dieser Stelle ausdrücklich zu bemerken, daß die Engländer erst in den letzten Stadien des Krieges - als sie die sogenannten "Handsuppers" (besser gesagt: Burendeserteure) verwendeten - mit ihren Rekognoszierungen glücklicher waren. Was haben diese Deserteure für Unheil angerichtet! Später werde ich von ihnen mehr erzählen. Dann will ich ihnen auch den Namen geben, den sie zum ewigen Abscheu nicht allein bei den afrikanischen, sondern bei jedem Volke der Welt tragen sollten, welches der Gefahr ausgesetzt werden kann, in dieselbe mißliche Lage zu kommen, in welche die zwei früheren Republiken in Südafrika durch Zutun dieser verräterischer Bürger verstrickt worden sind. |
