Der Kampf zwischen Bur und Brite
(Der dreijährige Krieg)

von General Chr. R. de Wet.
Deutsche Original-Ausgabe.
Mit Illustrationen, Kartenskizzen und dem Bildnis des Verfassers
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Siebenunddreizigstes Kapitel Der Beschluß der Volksvertreter. Das Ende des Krieges Am Morgen des 15. Mai kam ich mit einigen freistaatlichen Abgeordneten in Vereeniging an, wo sich die anderen wie auch die 30 transvaalschen Volksvertreter mit den Generalen Botha und de la Rey bereits eingefunden hatten. Außerdem waren die beiden Staatspräsidenten Burger und Steijn mit den Mitgliedern der beiderseitigen Regierungen und General J. C. Smuts aus der Kapkolonie erschienen. Was mir besonders zu Herzen ging, war die heftige Erkrankung des Präsidenten Steijn. Er war damals bereits sechs Wochen in ärztlicher Behandlung, und seit wir in Pretoria waren, stand ihm Dr. van der Merwe aus Krügersdorp zur Seite. Dieser erklärte, daß, wenn Steijn den Versammlungen beiwohne, dies außerordentlich schädliche Folgen für ihn haben könne, und er gab deshalb den Rat, daß der Präsident in sein Haus nach Krügersdorp gebracht werde, wo er weiter gepflegt werden könne. Das war für uns ein Tag voll Wehmut, jener 15. Mai, als der Arzt uns diese Mitteilung machte. Was sollten wir auf der Versammlung ohne Präsident Steijn tun? Wir alle wußten, daß er geradezu unentbehrlich war, denn er war ein von allen hochgeachteter genialer Staatsmann und eine überall beliebte Persönlichkeit. Wenn jemand nachgerühmt werden kann, daß er seine Pflichten gegen sein Land und Volk mir voller Hingebung erfüllt hat, dann ist es Präsident Martinus Steijn gewesen. Keine Mühe und Arbeit war ihm zu viel, bei Regen, Hitze und Kälte war er heiter, aufgeräumt und zufrieden. Er hat für sein Volk gelitten und gestritten, bis er nicht mehr konnte, und Erschöpfung und Krankheit ihn niederwarfen, freilich nur seinen Körper, denn sein großer Geist blieb hell, stark und mutig, wie vorher. Er konnte nur zwei Versammlungen beiwohnen, denn am 29. Mai, noch ehe die Volksvertreter zu einem Beschluß gekommen waren, wurde er von Dr. van der Merwe nach Krügersdorp gebracht. Während ich diese Zeilen schreibe, sind sechs Monate verlaufen, während deren er an das Krankenlager gefesselt ist, aber es hat mein Herz mit unendlicher Freude erfüllt, als ich in Holland hörte, daß die Ärzte die Hoffnung auf seine Wiederherstellung noch nicht aufgegeben haben. Die Volksvertreter begannen am 15. Mai 1902 vormittags ihre bedeutungsvolle Tätigkeit. Nachdem man die Lage während dreier Tage besprochen hatte, wurde eine aus den Generalen Botha, de la Rey, Richter Hertzog und Staatsprokurator Smuts bestehende Kommission ernannt, welche mit Lord Milner und Lord Kirchener in Pretoria unterhandeln sollte. Nachdem diese Kommission vom 18. bis 26. Mai mit den Vertretern der britischen Regierung Konferenzen gehabt hatte, erstattete sie den Volksvertretern Bericht darüber. Am 31. Mai wurde beschlossen, die Bedingungen der britischen Regierung anzunehmen, und damit war das Ende der Unabhängigkeit und Selbständigkeit der Südafrikanischen Republik und des Oranjefreistaates besiegelt. Der Leser wird im Anhange in den Protokollen den näheren Hergang der Verhandlungen finden. Es waren Folterqualen für die Versammlung gewesen, ehe sie die Bedingungen der britischen Regierung annahm, und auf jedermanns Antlitz war der Todeskampf zu lesen, der hier gestritten werden mußte. Es waren 60 Abgeordnete, die beim Ablesen ihrer Namen auf die Frage, ob sie die Bedingungen der britischen Regierung annehmen wollten, mit "Ja" oder "Nein" zu antworten hatten. England hatte ein Ultimatum gestellt - bessere Bedingungen waren nicht zu bekommen, und Lord Kitchener und Lord Milner hatten alle anderen Auswege für uns verschlossen. Was sollten wir tun? Den Krieg weiter fortzuführen hätte uns einer stockfinsteren Nacht entgegengeführt. Man konnte daran nicht denken, weil unsere Frauen und Kinder sonst ausgerottet worden wären, denn die Hungersnot stand vor der Tür. Es gab zwar noch einzelne kleine Teile unseres Landes, wie Boshof und Hoopstad, wo General Badenhorst den Oberbefehl hatte, wo man den Krieg noch recht gut hätte fortsetzen können, dasselbe war auch in den Distrikten der Generale Brand und Nieuwoudt der Fall, wo man Schafe und Ochsen von den Engländern erbeutet hatte und wo man noch für eine geraume Zeit mit Proviant für die Kommandos versehen war. Aber in den Distrikten dieser zwei Generalen waren keine Frauen und Kinder mehr, sie konnten deshalb überall hinziehen und sich in Boshof und Hoopstad und selbst in der Kapkolonie das Nötige verschaffen. In den übrigen Teilen des Staates sah es aber ganz anders aus. Im Osten und Norden, wie in Ladybrand, Winburg, Ficksburg, Kroonstad. Heilbron, Bethlehem, Harrismith und Vrede wohnten noch viele Familien, die nicht nach Boshof und Hoopstad oder nach der Kapkolonie geschickt werden konnten. Wenn die Kommandos aus diesen mit Hungersnot bedrohten Distrikten hätten wegziehen müssen, dann wären die zurückgelassenen Frauen und Kinder Gefahr gelaufen, Hungers zu sterben. So war die Lage in Transvaal. Wir im Freistaat waren der von mir auch in der Versammlung ausgesprochenen Meinung, daß sich, ehe wir unsere Unabhängigkeit preisgaben, die Männer, auf deren Höfen noch Frauen und Kinder wohnten, den Engländern ergeben sollten, um auf diese Weise ihre Familien vom Hungertode zu retten. Aber wir sahen ein, daß dies doch nicht anginge, denn wir hätten in diesem Falle einen großen Teil unserer Mannschaften verloren. Aber selbst wenn wir auf diese Weise für unsere Frauen und Kinder hätten sorgen können, so wären wir, die zurückblieben, doch noch dem Hunger preisgegeben gewesen, denn die wenigsten hätten, da sie keine Pferde besaßen, aus den ausgesogenen Distrikten in die Kapkolonie oder sonstwohin kommen können. In allen östlichen Teilen Transvaals waren die Bürger ohne Pferde; die noch vorhanden waren so erschöpft, daß sie für einen weiteren Marsch völlig unbrauchbar waren. Außerdem waren unsere Streitkräfte auf 10 000 Mann in Transvaal und 6000 im Oranjefreistaat herabgesunken, was mit den 4000 Mann in der Kapkolonie einen Bestand von nur 20 000 ausmachte. Wir hätten aber den Kampf doch nicht aufgegeben, wenn die Berichte aus der Kapkolonie günstiger gelautet hätten. Wir hatten also keinerlei Aussicht mehr. Alle diese Tatsachen standen in nackter Wahrheit vor uns, und jeder kann sich denken, welche Gefühle hier in Vereeniging unser Herz bewegten. Wir hörten von jeden, wie es in seinem Distrikt aussah, der eine schilderte die Zustände womöglich noch schwärzer als der andere. Wir mußten uns also, so schwer es uns auch ankam, dem Schicksal ergeben, die britischen Bedingungen annehmen und unsere Waffen niederlegen. Am bittersten war uns bei alledem der Gedanke, daß wir unsere Brüder in der Kapkolonie und in Natal, die ihr Los mit dem unsrigen verknüpft hatten, im Stiche lassen mußten. Deshalb habe ich schlaflose Nächte gehabt. Es ging aber einmal nicht anders, weil England an Bedingungen, unter welchen es uns den Frieden gewähren wollte, unerschütterlich festhielt. Man darf schließlich aber doch erwarten, daß die Regierungen der Kapkolonie und von Natal sich der Einsicht nicht verschließen können, daß es am besten sein werde, zu verzeihen und die Amnestie zu erweitern. Es ist dies keine unbillige Forderung, wenn man bedenkt, daß das was, die Kolonisten getan haben, nur den Banden der Blutsgemeinschaft zugeschrieben werden muß. Und Blut ist, wie man weiß, ein ganz besonderer Saft. Von dieser Einsicht der Regierungen wird auch die Entwicklung der Volkswohlfahrt in Südafrika in der nächsten Zukunft abhängen. Am Abend des 31. Mai 1902 kamen die Mitglieder der beiden Regierungen in Pretoria an, wo sie sich sogleich in die Wohnung des Lord Kitchener begaben. Hier befand sich auch Lord Milner. Der Friedensvertrag, d.h. die britischen Bedingungen, welche die Volksvertreter angenommen hatten, wurden unterzeichnet. Es war ein unvergeßlicher Abend! Welch eine gewaltige Veränderung wurde hier innerhalb weniger Minuten besiegelt! Was hier geschah, stand unerschütterlich fest, denn der in einer Versammlung gefaßte Beschluß kann von dieser wieder abgeändert werden, aber eine von zwei Parteien in solcher Weise, wie es hier geschah, unterzeichnetes Dokument ließ weder dem einen noch dem anderen freie Wahl. Jeder von uns, der seinen Namen unter das Schriftstück setzte, fühlte, daß er seine Pflicht erfüllt habe. Es war hart für uns, dies tun zu müssen, aber noch viel härter war es gewesen, als die Volksvertreter an demselben Tage beschlossen hatten, daß das Dokument unterzeichnet werden sollte. Das war die bitterste Stunde! Am 2. Juni verließen die Volksvertreter Vereeniging, von wo aus sich jeder nach seinem Kommando begab, um die traurige Kunde vom Verlust der teuren Unabhängigkeit den tapferen und standhaften Bürger mitzuteilen und sie von dem Tage und Orte in Kenntnis zu setzen, an welchen die Waffen niedergelegt werden mußten. Am 3. Juni reiste ich mit General Elliot von Pretoria ab, der letzte sollte die an den verschiedenen Stellen niedergelegten Waffen in Empfang nehmen. Am 5. Juni legte das erste Kommando in der Nähe von Vredefort die Waffen nieder, auch dies war für mich und jeden Bürger ein unbeschreiblicher trauriger Anblick. An manchem Sterbebett habe ich gestanden und manchem Begräbnis habe ich beigewohnt, ich habe Vater, Mutter, Bruder und Freunde sterben und begraben sehen, aber was ich damals fühlte, kann der Vergleich mitdem, was jetzt meine Brust durchstürmte, als ich das Begräbnis meines Volkes mit ansehen mußte, gar nicht aushalten. Am 7. Juni kam ich nach Reitz, wo die Kommandos von Vrede, Harrismith, Heilbron und Bethlehem die Waffen niederlegten. Es war mir fernerhin unmöglich, von Kommando zu Kommando zu gehen und das jammervolle Schauspiel der Niederlegung der Waffen mit anzusehen, ich beschloß deshalb,. die Bürger von nun an mit der veränderten Sachlage bekannt zu machen und ihnen auseinander zu setzen, weshalb man habe Frieden schließen müssen, dann aber rasch mich zu entfernen, ehe die Waffen dem General Elliot ausgeliefert wurden. Überall fand ich laute Unzufriedenheit und tiefe Niedergeschlagenheit, bis endlich am 16. Juni die letzten Kommandos, die Bürger der Generale Nieuwoudt und Brand, die Waffen gestreckt hatten. Das Volk fügte sich in sein Los. Wir hofften, daß die Großmacht, welche siegreich aus dem Kampfe hervorgegangen ist, der wir jetzt zu gehorchen gezwungen sind und die wir durch die Niederlegung der Waffen als unsere Obrigkeit anerkannt haben, uns durch eine taktvolle Behandlung gewinnen würde. Ein letztes Wort an mein Volk: Seien wir unserer neuen Regierung treu, seien wir dies in unserem eigenen Interesse, und seien wir das auch, weil es sich so für ein Volk geziemt, welches das getan hat, was wir getan haben. Ende |
