|
Sudan |
Sudan, arab. Bilad as Sudan (Länder der Schwarzen)
|
Geschichte Nubien, Sennar und Kordofan kamen unter Mehemed Ali 1815-1822 unter ägyptische Herrschaft. In den 1870er Jahren kamen durch den frühern Sklavenhändler Zobeir Pascha Darfur, durch Gordon die Äquatorialprovinz am Weißen Nil dazu; ersteres verwaltete Slatin, die letztere Emin Pascha. 1881-85 ging der Ägyptische Sudan an den Mahdi verloren (Untergang Gordons in Chartum). Nach der Rückeroberung durch Kitchener (Schlacht bei Omdurman 1898) wurde er durch Vertrag vom 19.01.1899 englischägyptisches Kondominium; seit dem Abzug der letzten ägyptischen Truppen 1924 ist er rein englisch. Der Vorstoß Frankreichs in dem östlichen Sudan wurde 1898 bei Faschoda zurückgewiesen, die Interessensphären durch den englischfranzösischen Vertrag am 21.03.1899 abgegrenzt. Der westliche und mittlere Sudan wurde größtenteils französisch (Französisch Westafrika und Französisch Äquatorialafrika), ein Teil englisch (Nigeria). |
Sahara und Sudan ein Reisebericht von Gustav Nachtigal
|
Die Staaten des mittleren und östlichen Sudan Im mittleren Sudan werden die Fulbes von einer Reihe von Mischvölkern zurückgedrängt, die numerisch in der Überzahl sind, so daß die erstgenannten nur noch eine sekundäre Rolle spielen. In erster Reihe haben wir es hier mit dem Staate Bornu zu tun, in welchem die Kanuri hausen, die sich auch häufig Kanembi nennen, was wohl soviel wie "Bewohner von Kanem" zu bedeuten hat. Sie mögen wohl in einer Zahl von 1½ Millionen vorhanden sein, und neben ihnen finden sich in Bornu noch die Kais und Tomagheras die ebenfalls den Kanembustämmen angehören. Außerdem bilden ein starkes Kontingent der Bevölkerung die Araber, die von Osten her eingewandert sind und als Krieger und Kaufleute tätig sind. Je mehr man nach Osten kommt, desto zahlreicher taucht die arabische Bevölkerung auf, so daß einzelne Staaten des östlichen Sudan wie Wadai, sowohl in sozialer, wie auch religiöser Hinsicht ein vollständig arabisches Gepräge tragen. Selbst die in der Zahl stärkeren Darfur, die zu 2 bis 2½ Millionen in den Gebirgen hausen, sind ihrem Einfluß unterlegen. Dagegen ist der Süden, wie Darbanda und Bagirmi, sehr stark mit Negern durchsetzt, die aber hauptsächlich als Sklaven dienen. Man kann also behaupten, daß sich in Darfur zwei Rassen aufhalten, während in Wadai das Araberelement die erste Rolle spielt. In Bagirmi und Bornu haben wir es dagegen mit einem seltsamen Gemisch aller möglichen Rassen zu tun, die weder einen einheitlichen Typhus, noch eine einheitliche Sprache besitzen, so daß man reinen Negern eben so wenig begegnet, wie reinen Arabern. Von den Reichen wollen wir zunächst Bornu betrachten, das den größten Flächeninhalts besitzt. Man schätzt es auf 148 400 qkm und die Einwohnerzahl wird auf 5 Millionen angenommen, was einer Bevölkerungsdichtigkeit von 34 Personen per qkm entspricht. Von diesen 5 Millionen stellen die Kanuri mit 1½ Millionen das stärkste Kontingent. Ihnen folgen die Kanembo mit etwa ¾ Millionen, die Fulbe mit einer halben, und die Araber mit einer viertel Million, während sich der Rest unter die Mischvölker verteilt. Zur Geschichte des Staates ist zu bemerken, daß seine Gründung in das 9. Jahrhundert fällt, und diese Mitteilung verdankt man Leo Africanus, der bereits von den Königen von Bornu berichtet. Im zwölften Jahrhundert bekehrten sich die Bewohner zum Islam und gewannen eine solche Machstellung, daß sie auch das Reich Fessan in ihre Gewalt brachten. Im 15. Jahrhundert hatte sich das Machtgebiet Bornus weit über den Niger hinaus ausgebreitet, Nach jahrhundertlanger Hegemonie eroberten 1808 die Fulbe die Hauptstadt Birni, doch gelang es dem tatkräftigen, von kriegerischer Leidenschaft beseelten Fakir Mohamed el Amin aus Kanem, die Gewalt wieder an sich zu reißen und sich auf dem Throne zu behaupten. Sein 1835 die Regierung übernehmender Sohn Omar verstand es, das von dem Vater überkommene Erbe energisch zu verteidigen; auch war er wegen seiner Europäerfreundlichkeit bei allen Forschungsreisenden äußerst beliebt. Er sandte den europäischen Herrschern mehrfach Geschenke, vornehmlich König Wilhelm von Preußen, der ihm 1868 durch Nachtigal ebenfalls verschiedene wertvolle Gaben überreichen ließ. Was die Staatseinrichtungen betrifft, so steht Bornu unter der Herrschaft eines Scheichs, der mit fast absoluter Gewalt bekleidet ist und den Rat zweier Minister und der Volksversammlung wohl mehr der Form wegen einholt. Die bedeutendste Stellung nimmt der Befehlshaber des Heeres ein, doch ist auch dessen Machtgebiet ein beschränktes, da man von einem eigentlichen Heer, wie es z.B. die Zulu oder die Aschanti aufzuweisen haben, kaum sprechen kann. Wie in den Fulbestaaten besteht auch hier die ganze Armee ausschließlich aus Sklaven, zu denen auch Kaschellawa, die Hauptleute, zu rechnen sind. Die Gesamtheeresstärke mag etwa 3000 Mann betragen, wovon die Hälfte Panzerreiter sind, während Zweifünftel mit Gewehren bewaffnete Fußsoldaten, 1/5 aus Bogenschützen besteht. Daneben gibt es noch etwa 4000 Reiter, die von den Prinzen des Hofes und den Würdenträgern des Reiches befehligt werden. Im großen und ganzen aber sind die Bewohner von Bornu ziemlich schlaff und verweichlicht und lassen den kriegerischen Mut, den so viele andere Völkerstämme Afrikas beseelt, vollständig vermissen. Viel dazu beitragen mag die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung, die vorwiegend dem Ackerbau ergeben ist, während der Handel in der etwa 60 000 Einwohner aufweisenden Hauptstadt Kuka seinen Zentralpunkt gefunden hat.
Das
Mutterland Kanem im Nordosten des Tsadsees hat einen Flächengehalt
von 56 660 qkm mit einer Bevölkerungszahl von etwa Östlich an Bornu schließt sich das Reich Bagirmi an, das einen Flächengehalt von 183 403 qkm besitzt. Die Einwohnerzahl wird von den Forschern verschiedenartig angegeben; Nachtigal spricht von 1 Million, während Barth 1½ Millionen annimmt. Die ersten historischen Aufzeichnungen datieren aus dem 15. Jahrhundert, als von Osten kommende Einwanderer die zuerst hier ansässigen Nulalastämme verdrängten, sich des Reiches bemächtigten und eine Hauptstadt gründeten. Diese Hauptstadt, Massenja mit Namen, soll um das Jahr 1523 erstanden sein, während der Islam um das Jahr 1600 zur Staatsreligion erklärt wurde. In den folgenden Jahrhunderten stand das Reich in hoher Blüte, bis Streitigkeiten unter den verschiedenen Kronprätendenten ausbrach und die Nachbarstaaten sich veranlaßt sahen, einzugreifen. Ganz besonders war das in den Jahren 1860-1870 der Fall, und 1870 kam es zum Kriege mit dem Sultan Ali von Wadai, in welchem Bagirmi unterlag. Ali eroberte die Hauptstadt Massenja, führte viele der Bewohner als Gefangene fort und brachte einen Teil des Landes, das übrigens wegen seiner schönen Frauen bemerkenswert ist, in seine Gewalt, indes der andere Teil Bornu tributpflichtig wurde. Das Reich Wadai, das sich an Bagirmi anschließt, ist wohl zur Zeit das bedeutendste des ganzen Sudan, obwohl es auf einen Flächengehalt von 44 550 qkm nur etwas über 2½ Millionen Seelen zählt, so daß also auf den Quadratkilometer nur fünf Personen kommen würden. Es war den Europäern zu verschaffen, nachdem Eduard Vogel und Beurmann bei dem Versuche, einzudringen, ihr Leben gelassen hatten. Wadai stand wohl am längsten unter der Herrschaft des Heidentums, denn erst im 17. Jahrhundert fielen die dem Islam anhängenden Maba unter Abdel Kerim in das Land ein und verjagten die hier ansässigen Tündschur. Abdel Kerim nahm von dem Lande Besitz und gab ihm nach seinem Großvater den Namen Wadai. Unter seinem Sohn und Nachfolger erstand die frühere Residenz Waraneu und gleichzeitig wußte er die umliegenden Gebiete Darfur, Bornu, Bagirmi und Kanem in seine Gewalt zu bringen. Dieselben gingen allerdings in der Folge wieder verloren, doch nimmt das Reich auch jetzt noch eine Machtstellung unter den östlichen Sudanstaaten ein. Die Hauptbeschäftigung der Bevölkerung ist Rinder- und Bienenzucht, während industriell das Schmiedehandwerk im Vordergrunde steht. An Stelle der früheren Hauptstadt Wara ist seit 1863 Abersehe getreten, das etwa 10 000 bis 15 000 Einwohner zählen mag und nach Nachtigals Aufzeichnung ("Sahara und Sudan") den Eindruck einer blühenden Stadt macht. Östlich an Wadai schließt sich Darfur an, das bei einem Flächengehalt von 451 984 qkm früher als selbständiges Reich 4 Millionen Einwohner besaß, die nach den letzten Festellungen auf 1½ Millionen zurückgegangen sind. Sie rekrutieren sich hauptsächlich aus Muhamedanern und setzen sich aus zwei großen Gruppen, den Arabern im Norden und Nordosten, und den Furs im Süden, zusammen. Auch hier wie in Wadai waren die ersten Herrscher die Tündschur, bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts unter Achmet Bokr der Islam eingeführt und die Tündschur verdrängt wurden. Infolge von Thronstreitigkeiten kam es zu den Kriegen mit Wadai, in welche das letztere Sieger blieb. Erst 1874 verlor es nach dem Siege Zebehr Paschas seine Selbständigkeit, und der Sultan schloß sich an Ägypten an, dessen Oberherrschaft er anerkannte. Doch auch Ägypten blieb nicht lange im Besitz des vielumstrittenen Landes; 1885 wurde es vom Mahdi erobert, nach dessen Tod es wieder an Ägypten zurückfiel. Es ist zweifelhaft, wie sich das Schicksal Darfurs in der nächsten Zukunft gestalten wird, und dürfte es auch Ägypten bald wieder entrissen werden. In früheren Jahren war Darfur hauptsächlich der Schauplatz von Sklavenjagden, und die Orte Kab Kabie, Dscheman und Kobeh hatten eigentlich nur als Sklavenmärkte Bedeutung, wenngleich hier auch Elfenbein gehandelt wurde. Die Hauptstadt El Fascher oder Tendelti war früher ein blühender Handelsplatz, ist aber infolge der politischen Wirren sehr zurückgegangen; doch bemühten sich die Ägypter, sie durch die Anlage einer Eisenbahn wieder zu heben. Die Anlage des Schienengeleises ist noch nicht zu Ende geführt, da die politischen Unruhen die Arbeit jeden Augenblick unterbrachen. Quelle: Länder und Völkerkunde von Gustav A. Ritter, 1904, verlagsdruckerei Merkur, von rado jadu 2000 |
![]() |
![]() |