zurück

Ikebana

Die japanische Kunst der Blumendekoration

Wie entzückend ist ein deutscher Apfelbaum zur Maienzeit, wenn jeder seiner weitausgebreiteten Zweige bis an die äußersten Spitzen in schwellende, rosigschimmernde Blüten gehüllt ist! Aber steht solch ein Baum ein wenig abseits von der allgemeinen Heerstraße, so verblüht er fast unbeachtet – niemand hat Zeit dafür, ihn aufzusuchen und sich seiner wonnigen Frühlingspracht zu freuen. – In Japan wäre ihm ein besseres Schicksal beschieden; hier würde der blühende Baum bald von einer bewundernden Menge umringt sein. Von nah und fern würden die Menschen herbeiströmen, nur um im Anblick seiner Blüten zu schwelgen. Sie würden sich auf Decken und Matten unter seinen Zweigen lagern und den ganzen Tag damit verbringen, Herz und Augen an der Schönheit des Baumes zu weiden. In kleinen Buden, die rund herum schnell aufgeschlagen sind, werden eingesalzene oder zu Tee gedörrte Apfelblüten verkauft, und beim Herannahen des Abends nehmen die Heimwandernden in winzigen Pozellannäpfchen die eingemachten Blüten mit nach Hause – alle stillzufrieden in dem Gefühl eines wohl erfüllten Tagewerkes.

 

Blumen und Blüten spielen in Japan eine ganz andere Rolle als in Europa. Der Japaner liebt die Natur über alles und besitzt vor allen Dingen die Fähigkeit, sich mit Freuden in ihre Kleinigkeiten zu versenken. Deshalb ist es ihm nicht genug, nur so zum Zeitvertreib die Blüten in ihrer mannigfaltigen Schönheit zu bewundern, sondern er will sich auch mit ihnen beschäftigen und sie für seine Zwecke verwenden. So hat sich im Lauf der Jahrhunderte eine ganz eigenartige, sorgfältig gepflegte Kunst entwickelt, die des Blumenbindens: das "Ikebana".

Bei uns wird der Blumendekoration keine besonders große Wichtigkeit beigemessen, etwas guter Geschmack und ein wenig Geschick ist alles,. was dafür nötig erscheint. In Japan ist's damit anders; hier ist das Blumenbinden zu einer Wissenschaft oder Kunst erhoben, deren Meisterschaft nur durch jahrelanges, eifriges Studium erworben werden kann.

Über den Ursprung dieser merkwürdigen Kunst sind verschiedene Geschichten im Umlauf. Die bekannteste davon schreibt dem bedeutenden Politiker des XV. Jahrhunderts, dem Shogun Yoshimasa, das Hauptverdienst daran zu. Yoshimasa hatte lange nach einem Mittel gesucht, um die kriegliebenden Ritter, die sich aus einer Fehde in die andere stürzten, zu einer friedlichen Beschäftigung zu zwingen. Zunächst erfand er zu diesem Zweck die Tee-Zeremonie, das sogenannte "Cha-no-ju". Die Einführung dieser Festlichkeit fand den lebhaften Beifall der Ritter, und Yoshimasa wurde dadurch ermutigt, eine ganz neue Kunst, das Ikebana, zu begründen.

Diese Kunst hat seit ihrem Entstehen das größte Ansehen beim japanischen Volk genossen. Zu Anfang wurde sie einzig und allein von Männern ausgeübt; Gelehrte, Fürsten und hochgestellte Persönlichkeiten widmeten sich ihr, wenn sie sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen hatten. Sie fanden in dem Ikebana eine Beschäftigung, die nicht nur angenehmer Zeitvertreib war, sondern sie befriedigte auch durch die Schwierigkeit ihrer Handhabung die Neigung für das Absonderliche und Außergewöhnliche, die in jedem vornehmen Japaner steckt. – Nach und nach fingen dann die Frauen an, sich ebenfalls in der neuen Kunst zu üben, und heutzutage gehört es zur Erziehung eines gebildeten Mädchens, wenigstens einige Kenntnisse und Geschicklichkeit im Blumenbinden zu haben. Das Ikebana ist aber darum durchaus nicht nur zur Beschäftigung oder gar Spielerei für Frauen geworden. Im Gegenteil: die beste seiner Schöpfungen verlangen einen kühnen Zug ins Große, der selten einer Frau gelingen wird.

 

Die japanische Blumenbinde-Kunst, d.h. einzelne Zweige in Vasen zu ordnen, ist von unserer europäischen Art, geschnittene Blumen zu verwenden, vollständig verschieden. Unsere bunten Feld- und Wiesensträuße gibt es hier ebensowenig, wie die kostbaren Arrangements unserer Blumenläden, bei denen der Hauptwert auf harmonische Farbenzusammenstellungen gelegt wird. Verschiedenfarbige Blumen ohne ganz bestimmte Regeln zusammenfügen, ist dem Japaner ebenso schrecklich, wie dem Epikureer das Mischen verschiedener Weine. (Nur mit weißen Blüten macht er eine Ausnahme, da weiß als farblos gilt.) Im Ikebana muß jeder Zweig und jede Blume für sich behandelt, sorgfältig geprüft und zurechtgestutzt werden; manchmal bleiben dabei nichts als eine Blüte und ein paar Blätter an einem kahlen Stengel übrig. Das, woran dem Japaner vor allem liegt, ist die Betonung des besonderen Charakters einer Pflanze, er will ihre hervortretenden Eigenschaften zur Geltung bringen, um die Farbenharmonie ist es ihm weniger zu tun.

Das japanische Wort "Hanna", die Übersetzung für unsere "Blume", bezeichnet nicht nur die Blüte an sich, sondern auch alle mit Blüten bedeckten Zweige und Stiele, ja sogar solche ohne irgendwelche Blüten daran. Die eigentliche Blume ist nur Nebensache und ohne Wert, sobald sie vom mütterlichen Stamm losgelöst ist und dadurch die zu ihrem Wesen passende Umgebung verliert. Im Ikebana nehmen überhaupt nicht die blühenden Pflanzen den höchsten Rang ein, z.B. Kiefer und Bambus gelten als weit vornehmer als selbst die üppigsten Blumen.

Die Hauptsache in den japanischen Blumendekorationen ist also weder Farbe noch Blüte – die ganze Aufmerksamkeit ist auf das Biegen der Zweige und deren Gesamtwirkung gerichtet, das harmonische Zusammenwirken der Linien ist der leitende Gedanke. Um Einförmigkeit zu vermeiden, werden die Zweige mit absichtlicher Unregelmäßigkeit zusammengesteckt, trotzdem muß das Ganze einen wohlerwogenen künstlerischen Eindruck machen. In allem, was sich japanische Kunst nennt, ist die Linienführung das Wesentliche. Nirgends außer in Japan ist auch für die Malkunst die Linie so ausschließlich zum Mittel geworden, das vom Künstler Geschaute wiederzugeben. Wasserfälle, Ströme, Wellen, ziehender Nebel und ähnliche Motive werden durch die einfachsten Umrisse dargestellt, oft in wirklich genialer Weise, so daß wir einen deutlichen Eindruck von Form und Bewegung empfangen.

 

Der europäische Blumenbinder legt bei seinen Arrangements keinen besonderen Wert auf künstlerische Wirkung durch die Linie. Zweige und Stile werden meist verdeckt und die Blätter nur als Hintergrund für die Blüten benutzt. Es wird auch nicht weiter darauf geachtet, ob das Laub, das zwischen die Blumen gefügt ist, wirklich das von der Natur dazu gehörige ist. So willkürlich darf im Ikebana nichts behandelt werden. Wenn der japanische Künstler daran geht, eine Blumendekoration zusammenzustellen, so sieht er sich zunächst die Zweige und Blüten, die er benutzen will, eine ganze Weile an. Er beobachtet ihren Wuchs, die Anordnung von Blättern und Blumen und fängt mit seinem Werk erst nach reiflicher Überlegung an. Die richtige Auswahl der Zweige ist eine der größten Schwierigkeiten, sie muß nach ganz bestimmten Regeln getroffen werden, um den in der Kunst erfahrenen Japaner zu befriedigen.

Die Grundform und zugleich die beliebteste Art für alle japanischen Blumenarrangements ist die der drei Linien, ihr folgen die Fünf- und Sieben-Linien-Zusammenstellungen. Wenn die drei Grundlinien richtig herausgearbeitet sind, dann kann der Künstler nach seinem Belieben verfahren und – falls es ihn Spaß macht – bis zu 360 Zweige hinzufügen.

Bei dem Drei-Linien-Stil erhebt sich die Mittellinie in kräftigem Schwung zu ziemlicher Höhe, die beiden anderen Linien sind kürzer, sie stehen, in entgegengesetzter Richtung, zu beiden Seiten des Hauptzweiges. Der Japaner, der gern allen Dingen einen tieferen Sinn beilegt, bezeichnet die drei Teile als Himmel, Mensch und Erde, oder auch als Vater, Mutter und das eigene Ich. In dem Fünf-Linien-System, wo die zwei weiteren Zweige nach genauen Regeln zwischen den drei Grundlinien angebracht werden, sind die vier Himmelsgegenden und deren Mittelpunkt dargestellt; die sieben Linien bedeuten Feuer, Wasser, Erde und andere Elemente.

 

Für die Blumendekoration werden die verschiedensten Vasen aus Bronze, Porzellan oder Bambus verwandt. In flachen, weit geöffneten Gefäßen werden meist kleine, phantastisch geformte Metalleinsätze benutzt, um die Blumen darin zu befestigen. In die schlanken, röhrenförmigen Vasen wird einfach ein kleiner gegabelter Zweig eingeklemmt, um einen Halt für die Pflanzen zu geben. Die Zweige werden am Ende schräg abgeschnitten und in der dreieckigen Öffnung der Holzgabel so gegen die Wand der Vase gestemmt, daß sie leicht zur Seite geneigt schlank und anmutig daraus hervorsteigen. Dies zu erreichen, ist für eine ungeübte Hand sehr schwierig; der japanische Künstler sieht den Zweig mit kritischem Blick an, bricht, biegt, dreht und schneidet ihn mit geschicktem Griff, so daß er bald die gewollte Form annimmt. Diese gewaltsame Behandlung beeinträchtigt natürlich die Haltbarkeit der Blumen. Aus diesem Grunde benutzt der Japaner allerlei Chemikalien, brennt oder klopft die Stielenden, ehe er die Pflanzen verarbeitet, und schützt sie auf diese Weise vor allzu schnellem Verwelken, ja er glaubt sogar, daß er ihnen das Leben um ein ganzes Stück verlängert.

Beim Ikebana wird auf alle möglichen, für unsere Begriffe höchst wunderliche Kleinigkeiten großer Wert gelegt, und selbst wenn ein Anfänger in der Kunst Verstöße gegen diese Regeln macht, gilt das als unverzeihlich, und der Ärmste wird noch dazu gehörig ausgelacht. Der gröbste aller Fehler ist es, wenn sich die Zweige kreuzen. An der Basis müssen sie, so dicht beisammen wie möglich, in gleicher Richtung nebeneinander laufen; alle Stiele zusammen sollen dort nur wie ein einziger Stamm erscheinen, der in elegantem Schwung aus der Vase herauswächst. Weiter aufwärts teilen sich die Zweige nach den verschiedenen Seiten, aber auch dann dürfen sich die Linien nirgends schneiden. Sehr wesentlich ist natürlich auch die Wahl der Blumen, denn sie müssen mit dem Charakter der Jahreszeit im Einklang stehen. Im Frühling soll alles duftig, frisch und leicht sein, im Winter muß Vergänglichkeit und Schwere ausgedrückt werden. Für die verschiedenen Zeiten sind ganz bestimmte Pflanzen vorgeschrieben; die grade nicht zeitgemäßen Blumen werden verächtlich beiseite gelegt und, selbst wenn sie in schönster Blüte stehen, als "Shikwa", d.h. "tote Blumen", bezeichnet. Pflanzen, die auf den Bergen wachsen, mit anderen aus den Tal zusammen zu gebrauchen, verstößt gegen die Regel, ebensowenig dürfen Wasser- und Landgewächse in einem Arrangement verwandt werden.

Die symbolische Bedeutung, die dem Ikebana beigelegt ist, verlangt ein Studium für sich. Schon das Verschieben eines Zweiges um Zollbreite verändert oft den ganzen Sinn eines Blumenarrangements. Wir Europäer haben ja auch eine Blumensprache, es ist aber meist nur die einzelne Blume, die wir reden lassen; beim Japaner hingegen hat jeder Teil für sich seine eigene Sprache.

 

Wenn ein Gast geladen ist, werden die Blumen herabhängend in einem kleinen Boot zurechtgemacht. Ist der Bug nach links gerichtet, so bedeutet das "Iri fune", das ist "heimkehrendes Schiff", nach rechts heißt es "De fune": "fortsegelndes Schiff", der Gast versteht daraus, daß er sich sobald wie möglich verabschieden muß. Segelnde Schiffe, Schiffe im Hafen, Schiffe, die in Nebel gehüllt sind, verankerte Schiffe usw. – alles wird durch die Biegung der Zweige und ihre Anordnung dargestellt. Der längste Zweig, der sich weit herabhängend über die Seite des Bootes neigt, bezeichnet das Ruder, der Mittelzweig ist der Mast und durch das kürzere oder längere Herunterbiegen der übrigen Zweige wird ausgedrückt, ob das Schiff mit vollen Segeln hinausfährt, ob es im Hafen liegt usw.

Das Arrangement "Shin Taku" wird beim Umzug in ein neues Haus gebraucht. Die Vase dafür ist aus einem Bambusrohr gemacht, das zu zwei kleinen Schalen ausgeschnitzt ist. Die Blumen werden in die unterste Abteilung getan, die oberste wird nur mit Wasser gefüllt. Da das Feuer der ärgste Feind der Japaner, vielmehr ihrer leichten Häuser ist, soll diese Blumendekoration den Wunsch ausdrücken, daß das neue Haus vor Feuer bewahrt bleiben möge. Für "Shin Taku" werden nur weiße Blumen verwandt, da leuchtende Farben an die Glut der Flammen erinnern. Die obere Schale wird der Jahreszeit entsprechend in verschiedenem Maß mit Wasser gefüllt. Im Sommer, wo während der Hitze das Wasser knapp ist, muß der Napf bis an den Rand voll sein, zur Regenzeit, wo's Wasser im Überfluß gibt, wird nur wenig hineingetan.

Das Neujahr-Arrangement besteht aus sieben einfachen, frischen Kiefernzweigen, die mit einem fünffachen, rot-goldenen Papierband zusammengebunden sind. Die Kiefer ist das Symbol langen Lebens und das sie umschlingende Band bedeutet die fünf Kardinaltugenden der Lehre des Konfuzius.

Bei den berühmten Tee-Zeremonien, bei Hochzeiten und bei Begräbnissen wird auf das Ikebana ebensoviel Wert gelegt, wie auf die eigentliche Feierlichkeit. Ja, manchmal wird sogar die Zeremonie unterbrochen, nur um die Zweige in der Vase ein wenig zurecht zu rücken und umzuordnen, so daß sie noch passender als vorher erscheinen. Für die Blumen, die dem Andenken der Toten geweiht sind, gibt es natürlich auch feststehende Regeln. Zwischen dem ersten und fünfzehnten Todestag müssen strengste Einfachheit und Ruhe in der Komposition herrschen, später kann sie etwas heiterer und abwechslungsreicher sein; vom neunundvierzigsten Todestag an dürfen Pflanzen jeder Farbe und jeden Stils benutzt werden.

Wenn lose Blumen verschenkt werden sollen, dürfen Zweige und Stengel in keiner Weise vorher gesäubert werden, um nicht den Anschein zu erwecken, daß die Blumen schon benutzt worden sind. Das untere Ende der Stiele muß in ein Papier eingewickelt werden, das eigens zu diesem Zweck gebraucht wird. Unter den Blüten, die als Geschenk vergeben werden, müssen immer irgendwelche Kirschblüten sein. Sie sind ein Symbol des Glücks und nehmen unter den blühenden Zweigen für das Ikebana den ersten Platz ein; die Kirschblüte ist die Königin all der reizenden, weltberühmten Blüten Japans.

So hat alles im Ikebana seine fast bis aufs Tippelchen vorgeschriebene Ordnung und Bedeutung. Uns Europäern erscheint es ziemlich unbegreiflich, soviel Zeit, Arbeit und Nachdenken an eine im Grunde doch kleinliche Sache zu verschwenden. Eine so raffinierte, bizarre Kunst, wie das Ikebana, hat eben nur im Hirn eines Japaners erdacht werden können, der von allen äußern Einflüssen vollständig abgeschlossen war und der seit Jahrhunderten dazu erzogen ist, sich auf Kleinigkeiten zu konzentrieren.

Quelle: Velhagen & Klasings Monatshefte 1910/1911 von Rogerli by Jadu 2002


Alle Bilder auf einem Blick

© Copyright 2002 by JADU


Webmaster