Götterkultus in Japan
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Die Religion des japanischen Volkes ist ein Mittelding oder vielmehr ein Gemisch von Schintoismus und Buddhismus. Als die Vorfahren des jetzigen japanischen Volkes im Süden von Nippon landeten, hatten sie einen Natur- und Ahnenkultur. Sie glaubten, daß die Geister berühmter verstorbener Männer, die "Kami" (Fürsten, Gelehrten, Künstler, Helden, tapfere Kämpfer in der Schlacht) nach dem Tode zu Göttern und Heiligen würden und Einfluß auf die Geschicke der ganzen Nation und des einzelnen Menschen hätten. Im sechsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung kam der Buddhismus über Korea nach Japan und entfaltete sich im dreizehnten Jahrhundert zu höchstem Einfluß. Im Jahre 1900 gab es in Japan 12 Buddhistische Sekten und etwa 72 000 Tempeln und 112 000 Bonzen. Dagegen zählte man bei den Schintoanhängern 196 000 Tempel und 90 000 Priester. Bei dem heutigen Gemisch von Schintoismus und Bhuddhismus werden den Göttern sehr viele menschlische Fähigkeiten, Neigungen, aber auch Schwächen zugeschrieben. Auf diese menschlichen Schwächen der Götter nimmt der Ahnenkultus Rücksicht. Unsere Bilder zeigen uns gottesdienstliche Handlungen, die ohne die vorstehende Erklärung ganz unverständlich sein würden. Auf dem ersten Bilde sehen wir das "Erwecken der Götter". Vor dem Altare sind hohle Bronzegefäße, Vasen aufgestellt, die vor Beginn des Gottesdienstes mit eisernen Klopfern geschlagen werden und ein lautes Getön verursachen. Auch das Christentum bedient sich ja der Glocken, um die Gläubigen zur Kirche zu rufen. Der Japaner aber will durch das Schlagen der hohlen Bronzegefäße und das laute Getön vor allem die Götter aus ihrem Schlafe wecken, wenn ihnen in den Gebeten irgendwelche Wünsche vorgetragen werden. Man verehrt die Götter aber nicht nur in Tempeln, sondern auch im Freien, und zwei senkrechte Hölzer mit einem Querholz darüber, das "Torii", deuten in Wald und Feld an, daß sich hier eine Stelle befindet, an der man zu den Göttern beten kann. Wir sehen auf unserem zweiten Bilde einen Japaner, der vor solchen türstockähnlichen Hölzern kniet und um Genesung von einer schweren Krankheit bittet. Da er aber nicht die Möglichkeit hat, durch das Schlagen von Bronzegefäßen die die Aufmerksamkeit der Götter auf sich zu lenken, hat er sein Gebet auf einen Papierstreifen geschrieben, den er an dem "Torii" befestigt. Er ist felsenfest überzeugt, daß die Götter doch früher oder später diese Andachtsstelle aufsuchen und den aufgehängten Papierstreifen lesen werden, sodaß sie auch von seinen Wünschen erfahren und ihm seine Bitte gewähren dürften. Das "Torii" gehört zum Shintokult und bildet in der Regel die Eingangspforte zu dem einfach gehaltenen Shintotempel. Infolge der Vermengung von Shintoismus und Buddhismus finden wir es aber auch häufig vor den roten, mit Pracht überladenen buddhistischen Gotteshäusern. Treten wir durch das "Torii" hindurch, so empfangen uns hier links und rechts zwei überlebensgroße, zinnoberrot angestrichene wilde gestalten von furchterregendem Äußeren. Das sind die Nio, ursprünglich die zwei Dêva Könige Indra und Brahma. Die Hauptaufgabe der Nio ist es, die bösen Geister vom Tempel fernzuhalten. Dem guten Menschen können die beiden Riesen nichts anhaben. Im Gegenteil, er bedient sich ihrer sogar als Fürsprecher bei höheren Gottheiten. Um sie von seinem Wunsch zu unterrichten, schreibt der Bittsteller diesen auf Papier, formt daraus durch kauen im Munde ein Geschoß und speit es auf das Idol. Durch den Speichel bleibt der Papierklumpen kleben, wodurch, zumal wenn es in Menge geschieht, Götzenbild und Wände, nicht gerade zu ihrem Vorteil verziert werden. Wenn der Japaner geboren wird, so weiht ihn sein Vater meist einer shintoistischen Gottheit. Nach seinem Tode wird er fast immer von buddhistischen Bonzen zu Grabe geleitet. Quelle: Das große Weltpanorama, Verlag W. Spemann, 1915, von rado jadu 2001 |