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Die Zeit der Emporkömmlinge (1573-1600)

Nobunaga

Den Sturz der Asikagafamilie hatte einer ihrer eigenen Anhänger, Ota Nobunaga, herbeigeführt. Der Knabe stammte von einem Enkel Taira no Kijomoris ab, den seine Mutter auf der Flucht vor den Soldaten der Minamoto bei dem Schulzen des Dorfes Tsuda verborgen hatte; dieser trat ihn kurze Zeit darauf an einen Schintopriester aus Etzisen ab, der ihn als Sohn annahm. Der Knabe wuchs heran, wurde wie sein Pflegevater Schintopriester und gründete eine Familie, der beinahe 400 Jahre später, 1533, Nobunaga entsprang. Die unmittelbaren Vorfahren des letzteren hatten an den Wirren der Zeit tätigen Anteil genommen; und sein Vater Ota Nobuhide (gest. 1549) hinterließ ihm nicht unerhebliche Besitzungen, die der Sohn im Dienste der Asikaga vergrößerte, bis er sechs Provinzen und die Hauptstadt besaß. Unter ihm dienten Kinoschita Hidejoschi und Tokugawa Ijejas (Minamoto), zwei Männer, die in der Geschichte Japans noch große Rollen spielen sollten. Nobunaga überwarf sich 1574 mit den Asikaga, zog gegen sie, schlug den Schogun Josiaki, nahm ihn gefangen und setzte ihn ab. Das war das Ende der Asikaga-Dynastie. Er selbst übernahm als Naidaijin die Reichsregierung, da er, als nicht von den Minamoto abstammend, nicht Schogun werden konnte. Von seinen Kämpfen gegen die buddhistischen Mönche und seiner Bevorzugung der Christen war bereits die Rede. Aber während der kurzen Dauer seiner Herrschaft (1574-82) gelang es ihm nicht, Ruhe im Lande herzustellen. Die Kämpfe gegen die mächtigen Fürsten im Westen Honschius und auf Kiuschiu dauerten fort; und während Hidejoschi mit dem größten Teile der Truppen seines Herrn gegen Mori in Westen kämpfte, fiel Nobunaga einem Verrate zum Opfer.

Er hatte einen seiner Generale, Akeschi Mitsuide, beleidigt; dieser machte, als er mit dem Reste der Truppen auf einen anderen Zug entsandt wurde, vor den Toren Kiotos halt, forderte seine Soldaten zur Empörung auf, kehrte mit ihnen in die Stadt zurück und umzingelte den Tempel von Honnoji, worin sich Nobunaga befand. Überrascht und durch die Anwesenheit so vieler Soldaten beunruhigt, öffnete Nobunaga ein Fenster, um sich persönlich vom Stande der Lage zu überzeugen; ein Pfeilschuß verwundete ihn am Arme; sich verloren sehend, tötete er sich selbst; nachdem er die ihn begleitenden Frauen zur Flucht aufgefordert und den Tempel in Brand gesteckt hatte. Der Verräter nahm den Schoguntitel an, wurde aber zwölf Tage später von dem herbeieilenden Hidejoschi besiegt und fiel auf der Flucht.

Hidejoschi

Hidejoschi, der Sohn eines Bauern, war 1536 zu Nakamura in Owari geboren. Er trat jung unter dem Namen Kinoschita Tokischiro als Soldat in die Dienste Nobunagas; unter ihm zeichnete er sich schnell durch Tapferkeit und militärische Kenntnisse aus und stieg zu seinem besten und vertrautesten Heerführer auf. Bei dem Angriff auf Nobunaga stand er mit dessen Sohne Nobutaka den Truppen Moris gegenüber; ein schnell mit diesem abgeschlossener Vergleich erlaubte ihm, um Nobunaga zu rächen, nach Kioto zurückzukehren. Von den drei Söhnen seines früheren Herren war der eine gestorben und hatte einen Sohn hinterlassen, der als Sanhosi von 1582-86 dem Namen nach die Herrschaft seines Großvaters weiterführte; ein zweiter befand sich bei Ijejas, der sich verpflichtet hatte, ihn ruhig zu halten. Der dritte, Nobutaka, verbündete sich mit einem Schwager seines Vaters, Schibata, der Etzisen hielt, vermochte aber Hidejoschi nicht zu widerstehen. Er wurde geschlagen, und auch der Bundesgenosse erlag dem nachdringenden Feind in Etzisen.

Die Erzählung von dem Tode Schibatas ist eine der packendsten Einzelheiten in der solchen Ereignissen überreichen Geschichte Japans. In seinem Schlosse zu Fukui eingeschlossen und ohne Hoffnung auf Entsatz, beschloß Schibata zu sterben; er lud alle seine Freunde und Begleiter zu einem Fest ein, an dessen Ende er seiner Gattin, der Schwester Nobunagas, seinen Entschluß mitteilte und ihr freistellte, das Schloß zu verlassen und so ihr Leben zu retten. Aber die stolze Frau lehnte es ab, davon Gebrauch zu machen, und verlangte, das Schicksal ihres Gemahls zu teilen. So töteten Schibata und seine Genossen ihre Frauen und Kinder, die ihnen dafür dankten, mit ihnen sterben zu dürfen, und begingen dann Harakiri; sie alle wurden von den Trümmern des vorher angezündeten Schlosses begraben.

In seinen Bemühungen, Ruhe und Ordnung im Lande herzustellen, war Hidejoschi, wenn auch nach schweren Kämpfen, erfolgreich. In Kwanto, womit er selbst ihn belehnt hatte, herrschte Ijejas, der sich in Jedo eine Hauptstadt gebaut hatte, wie man sagt: auf den Rat Hidejoschis, dem es vielleicht wegen politischer Rückerinnerungen und Anklänge nicht erwünscht scheinen mochte, den mächtigen Minamoto, der sich erst nach längeren Kämpfen unterworfen hatte, in Odawara, dem Sitz der Schogune nach der Zerstörung von Kamkura, residieren zu sehen. Zwischen Ijejas und Hidejoschi bestand ein allgemeines, freilich stark mit Argwohn vermischtes Einvernehmen: jener weigerte z.B., nach Kioto zur Audienz beim Mikado zu gehen, bevor Hidejoschi, der sich dort aufhielt, ihm nicht seine Mutter als Geisel übergeben hätte. Der wichtigste Fürst des Westens, Mori von Nagato, hatte sich gleichfalls Hidejoschi unterworfen; und der mächtigste Fürst auf Kiuschiu, Schimadzu von Satzuma, der nach langen Kämpfen mit Riuzogi von Hiizen und Otomo von Bungo fast alleiniger Herr der Insel war, wurde nach einem wechselvollen Feldzuge (1586-87), in dem Hidejoschi schließlich selbst die Führung übernahm, besiegt. Warum Hidejoschi diesen mächtigsten und unruhigsten Gegner nicht vollständig vernichtete, ist unklar. Daß er ein so altes Haus nicht ausrotten wolle, wie er selbst als Grund für seine Milde angab, als er dem Sohne des Besiegten, der abdanken und dem Sieger als Geisel nach Kioto begleiten mußte, im Besitze seiner Erblande ließ, ist bei einem Realpolitiker, wie Hidejoschi es war, kaum anzunehmen; vielmehr mochte er hoffen, durch diese Milde die Dankbarkeit des Fürsten von Satzuma und des Vaters zu erwerben und sie als Gegengewicht gegen die anderen Fürsten des Südens und Westens zu benutzen.

Nachdem im Reiche Ruhe hergestellt war, ging Hidejoschi an die Ausführung seines Lieblingsplanes, den er seit früher Jugend mit sich herumgetragen haben soll, die Eroberung Koreas und Chinas. Schon 1582 hatte er den König von Korea aufgefordert, die früher üblichen Tributgesandtschaften nach Japan wieder aufzunehmen; als dies und das spätere Verlangen: Korea solle ihm bei seinem Kriege gegen China, wo die Mingdynastie herrschte, als Vorhut dienen, erfolglos blieben, entsandte er im Frühjahr 1592 ein annähernd 20 000 Mann starkes Heer gegen Korea. Die ersten Erfolge waren schnell und groß: 18 Tage nach der Landung bei Fusan fiel Söul in die Hände der Japaner; bald standen diese am Tatung (Tai-dong) und bemächtigten sich des am Nordufer gelegenen Pingan (Pjöngjang). Hier aber kam der Vormarsch zum Stehen, zum Teil wegen der Schwierigkeiten der Ernährung, hauptsächlich aber, weil die japanische Flotte, die den weiteren Vormarsch decken sollte, der koreanischen unterlegen war. Bald darauf erschienen auch die Chinesen, an die sich die Koreaner mit der Bitte um Hilfe gewendet hatten; Eifersüchteleien unter den japanischen Befehlshabern, von denen der eine, der Christ Jukinaja Konischi, an der Spitze einer ganz aus Christen gebildeten Abteilung stand, während der andere, Kato Kijomassa, ein christenfeindlicher Buddhist war, begünstigten die Pläne der Chinesen. Beinahe ein Jahr nach der Einnahme von Söul mußten die Japaner die Stadt räumen, die ein japanisches Heer erst 300 Jahre später (1894) wieder betrat.

Kriegerische Ereignisse und Verhandlungen zwischen Kioto und Peking füllten die Zeit bis Ende 1598. Als die letzteren ergebnislos verliefen, sandte Hidejoschi 1597 weitere Verstärkungen nach China, während auch die Chinesen ein neues Heer abschickten, das weit über Söul hinaus gelangte. Am Anfang drangen die Japaner im Oktober wieder bis dicht vor Söul vor; aber ein zweiter Sieg der vereinigten chinesisch-koreanischen Flotte und ein drohender Vorstoß der Chinesen nötigten zum Rückzug, wobei sie die Gegend, die sie durchzogen, furchtbar verwüsteten. Die Chinesen folgten dem weichenden Feinde bis Urusan, wo das geschlagene japanische Heer Zuflucht fand; die Chinesen versuchten vergeblich, sich der Festung zu bemächtigen, bis nach einigen Wochen, am 13. Februar 1598, eine japanische Abteilung ihre eingeschlossenen Landsleute entsetzte. Damit war der große Krieg beendigt. Einzelne kleinere Zusammenstöße fanden noch statt; aber Hidejoschi, der am 8. September 1598 starb, rief mit seinem letzten Atemzuge die Expedition zurück. Als sichtbarer Erfolg blieb nur der Mimizuka (Ohrenhügel), ein bei Kioto errichtetes Denkmal, unter dem die Nasen und Ohren von 185 738 erschlagenen Koreanern und von 29 014 Chinesen vergraben sein sollen.

Ob Hidejoschi bei dem Unternehmen gegen Korea wirklich nur den von ihm angegebenen Zweck verfolgte, oder ob er damit nicht auch die Absicht verband, einerseits die Unruhigen im Lande zu beschäftigen und andererseits die militärische Macht der Christen möglichst zu schwächen, muß dahingestellt bleiben; er hat zahlreiche Verbote gegen die christlichen Lehrer und Bekenner erlassen, aber er hat auch die Politik Nobunagas gegen die buddhistischen Mönche fortgesetzt und unter anderem deren Kloster zu Kumano zerstört. Jedenfalls ist er in der japanischen Geschichte eine der bekanntesten Erscheinungen, noch heute von allen Klassen des Volkes verehrt, wozu seine Koreafahrt nicht am wenigsten beigetragen hat. Aber auch in anderen Beziehungen war seine Regierung für das Land segensreich. Im Namen des Kaisers sorgte er für Recht und Gerechtigkeit, schuf in vielen Zweigen der Verwaltung Ordnung und trug auch durch neue Gesetze und Verordnungen wesentlich zu deren Verbesserung bei. Ohne ihn wäre voraussichtlich der Versuch seines Nachfolgers Ijejas, dauernd geordnete Zustände im Lande zu schaffen, vergeblich gewesen. Wenn es auch heute Sitte geworden ist, den Stein auf die Dynastie der Minamoto-Schogune zu werden, so darf man doch nicht vergessen, daß sie dem seit Jahrhunderten von dem Kampf aller gegen alle zerrissene Reich über 250 Jahre des Friedens gegeben haben.

Hidejoschi erscheint in der japanischen Geschichte unter verschiedenen Namen. Dessen, unter dem er zuerst in die Dienste Nobunagas trat, ist bereits Erwähnung geschehen; als Heerführer hieß er Haschima, und später verlieh ihm der Mikado den Namen Toitomi. Am bekanntesten ist er aber als Taiko samma, unter dem Titel, den die Kwambaku zu führen pflegten, nachdem sie ihr Amt niedergelegt hatten. Da er nicht aus der Minamotofamilie stammte, deren Angehörigen seit beinahe 400 Jahren der Titel Schogun ausschließlich verliehen worden war, konnte er diesen nicht erhalten; er ließ sich aber in reiferem Alter von einem der Familie Fujiwara angehörigen Kuge adoptieren und konnte so Kwambaku (Premierminister) werden. Wie jedem großen Mann sind ihm Spottnamen nicht erspart geblieben; er wurde Momen Tokitschi, d.h. Baumwolle Tokitschi, genannt, da er, wie die Baumwolle, zu allem brauchbar sei, und wegen seiner Häßlichkeit, nachdem er die Kwambakuwürde erlangt hatte, Saru Kwanja, der gekrönte Affe. Trotz seiner hohen Stellung und der ihm dargebrachten Verehrung ist der Platz, wo er in Kioto begraben liegt, nicht genau bekannt.

Tojotomi Hidejoschi

Ijejas, Begründer des Tokugawa-Shogunats


Der Sieg des Ostens (Ijejas)

Nach japanischer Sitte hatte Hidejoschi 1591 die Kwambakuwürde niedergelegt und die seinem Sohn übertragen, übte aber auch weiterhin die tatsächliche Herrschaft aus; vor seinem Tode vermählte er seinen sechsjährigen Sohn (oder Adoptivneffen?) Hidejori mir einer Enkelin des Ijejas, um ihm die Unterstützung dieses mächtigsten der Reichsfürsten zu sichern. Zu Regenten ernannte er fünf Staatsräte: tatsächlich lag die Regierung aber wohl in der Hand der Mutter des Erben, einer Frau von seltener Schönheit und Tatkraft. Der Friede blieb indessen nicht lange erhalten. Wer ihn zuerst gebrochen hat, ist schwer festzustellen; der Ehrgeiz des Ijejas, der wie andere Große sich vor den Vorzügen des Vaters hatte beugen können, aber den Sohn verachtete, mag die Veranlassung gewesen sein, wie andererseits die Furcht vor den wirklichen oder angeblichen Plänen des Ijejas die Regentin dazu getrieben haben mag, den ja doch unvermeidlichen Kampf zu eröffnen. Die Tatsache, daß die mächtigsten Fürsten des Westens und Südens; besonders die von Mori und Schimadzu, auf seiten Hidejoris standen, wird außerdem Ijejas, dem Vorkämpfer des Ostens, unter die Waffen gerufen haben.

Nach längeren Vorbereitungen und verschiedenen Zusammenstößen, bei denen Ijejas sich als der stärkere und auch nachsichtigere erwies, kam es 1600 zum vollständigen Bruch. In der Schlacht bei Sekigahara am Biwasee, nicht weit von Kioto, besiegte Ijejas die Verbündeten zum Teil durch Verrat und nutzte den Erfolg mit beispielloser Tatkraft aus. Osaka, Fuschimi, der durch Taiko samma stark befestigte Schlüssel von Kioto, und die Hauptstadt selbst fielen schnell hintereinander in die Hand des Siegers. Viele der feindlichen Führer begingen Harakiri; andere, die wie Konischi als Christen Selbstmord zu begehen verschmähten, wurden öffentlich hingerichtet, die feindlichen Fürsten unterworfen und die befreundeten mit Ijejas durch Belehnungen und Heirat noch fester verbunden. Trotz dieser Erfolge beließ Ijejas Hidejori im Besitze seiner Stellung und Würden und sorgte nur dafür, seine Einkünfte durch die Auferlegung kostbarer Bauten und anderer kostspieliger Unternehmungen zu schmälern, während ihm selbst die neuentdeckten Goldminen auf Sado reiche Mittel für seine weiteren Pläne lieferten. Ijejas wurde 1603 Schogun, dankte indessen bald ab und ließ seinem Sohn Hidetada die Würde verleihen, behielt aber die tatsächliche Macht. Hidetada residierte in Jedo, während Ijejas von Suruga aus die Gegner überwachte. Wohl infolge der wachsenden Beliebtheit Hidejoris kam es 1614 zu einem neuen Zusammenstoß. Ijejas und Hidetada griffen Osaka, die Residenz Hidejoris, anscheinend erfolglos, an und zogen nach Abschluß eines Abkommens wieder nach dem Kwanto zurück, machten dann aber plötzlich kehrt, warfen sich aufs neue auf Osaka und eroberten es nach kurzem Kampf, angeblich durch Verrat. Hidejori verschwand bei der Erstürmung der Feste; Ijejas selbst, der dabei verwundet wurde, starb im Mai 1616. Aber der Osten hatte endgültig über den Westen gesiegt und bewahrte den so errungenen Erfolg bis zur Wiederherstellung des Mikadotums (1868).