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Eine Theatervorstellung, die
den Europäer, obgleich er kein Wort der langen Wechselreden auf
der Bühne versteht, acht geschlagene Stunden lang so fesselt, daß
ihm die Zeit im Flugevergeht, muß ihre besonderen Reiz haben.
Wenn auch die Klappsitze in den großen Kabukiza, dem Tokyoer Theater,
in welchem nur Stücke im alten japanischen Stil aufgeführt
werden, niedrig und eng für abendländische Beine sind, wenn
auch der englische Erklärungstext, den man beim Eintritt als ein
mildebelächelter Weißer in die Hand gedrückt bekommt,
recht dürftig und unvollkommen ist, so lohnt es sich weiß
der Himmel, doch, die 7.80 Yen für den Parkettplatz auszugeben
und sich von unvergeßlichen Schauspielern ins farbenprächtige
japanische Mittelalter zurückzuzaubern zu lassen. Anders als auf unserem Theater,
wo in erster Linie die Handlung und Ihre Verwicklung den Zuschauer fesseln
sollen, ist das Kabuki eine prachtvolle und glänzende "Schau"
stellung im eigentlichen Sinne des Wortes, also mehr ein augen - als
ein Ohrenschmaus - für den Europäer noch besonders, denn die
japanische Begleitmusik der Vorgänge auf der Bühne wirkt auf
uns so unnatürlich und mißtönend, daß sie uns
an vielen Stellen ausgesprochen komisch vorkommt wie stets alles ganz
Fremdartige. Aber in der Tat unvergesslich bleibt die meisterhafte Darstellungskunst der Schauspieler, die auch den Europäer unmittelbar und unwiderstehlich gefangennimmt. Durch das Parkett führt seiner Länge nach ein erhöhter, breiter Steg zur Bühne, der "blumige Weg", über den von der Rückwand des Zuschauerraumes die meisten Schauspieler auftreten und abgehen. Das erweitert die darstellerischen Möglichkeiten ungeahnt; die Bühne und mit ihr das Spiel wird gewissermaßen weithin in eine vorgestellte Landschaft ausgedehnt. Außerdem können auf ihr die Schauspieler greifbar nahe die hohe Kunst der Gebärde und des Ausdrucks vorführen, welche hier von dem Publikum höher gewertet wird als alles andere. Dabei liegen Gebärden, Bewegungsfiguren, Tonfall der Stimme, Mienenspiel in den klassischen Stückenseit alters fest, und den höchsten Ruhm erlangt - wie in allen echten japanischen Künsten - nicht derjenige, der seine Rolle so neuartig und eigenwillig wie nur möglich spielt, sondern ein solcher schauspieler, der die genau überlieferten Formen des Spieles besonders treu und vollkommen beherrscht, höchstens hier und da eine noch würgigere, manchmal kaum merkbare Abwandlung der klassischen Bewegungen entdeckt. Die Schauspieler, die einer noch heute nach alten Gesetzen geregelten Gilde angehören, entstammen Familien, die seit fünf, sechs und mehr Generationen mit und auf der Kabukibühne lebten. Die Ahnen der heutigen Schauspieler, welche nach der vorstellung villeicht in großen amerikanischen Autos heimfahren, denn sie verdienen nicht weniger phantastische Summen als abendländische Kinoschauspieler, haben dieselben Stücke hundertfach wiederholt gespielt, mit den gleichen Bewegungen und der gleichen kunstvoll kompliziert übertriebenen Deklamation - und trtzddem muß man sich heute noch tagelang vorher Karten kaufen, wenn man einen leidlichen platz haben will: kein schlechter Beweis für die anscheinend unvergsiegliche Publikumswirkung dieser alten Dramen. Während einer Vorstellung werden mehrere Stücke, von denen manche noch zwei, drei Akte haben, aufgeführt. Manche sind eigentlich nur pantomimische Tänze, andere langatmige Lehrstücke mit ausdauernden Zwiegesprächen. ein anderes voller tragischer Konflikte; dann folgt villeicht ein dörfliches Rüpeldrama mit komischen Kraftrollen, das oft mit beinahe europäischer Realität aufgeführt wird. Aber alle spielen in einer längst untergegangenen Welt höfischer, zeremonieller Steifheit oder streng stilisierten ritterlichen Lebens, einer Zeit vollkommener Kastenscheidung, erbarmungslos unerbittlicher Ehrbegriffe, nibelungenhafter Vasallentreue und hochherzigen, bedenkenlosen Opfersinns der Kinder, der Frauen, der Freunde, der Diener und Lehensherren. Die Handlungen sind stets einfach, haben keine Spannung in unserem Sinne und bedienen sich nur so klarer, ohne weiteres verständlicher Gefühle wie Liebe, Haß, Hunger, Treue, Neid, Mitleid, Schadenfreude, Ruhmsucht: sie haben ja als Handlungen wenig Bedeutung; ihr wahrer Zweck ist, den Schauspielern Gelegenheit zu geben, diesen ewigen Gefühlen vollkommenen Ausdruck zu verleihen. Und in der Tat, die schauspieler tragen die Stücke, erheben sie erst zur Kunst. Unerhört prunkvoll und seltsame Gewänder der japanischen Vergangenheit, in denen sich nur richtig zu bewegen lange Übung kosten muß, verwandeln die Bühne in eine Austellung herrlicher Stoffe und Farbenmuster. Jede Einzelheit des Spiels ist überladen mit Bedeutung, die sich in vollem Umfang nur dem intimen Kenner enthüllt; jedes Wort, jedes Zittern der Augenbrauen verrät doppelt so viel, als es an der Oberfläche zu enthalten scheint; jede kleinste Bewegung, jedes Senken der Stimme ist gewollt - und wer ein solches Schauspiel wirklich vollständig genießen und kennenlernen will, der muß es Dutzende von Malen sehen, und die wahren Liebhaber des Kabuki werden deshalb auch nicht müde, sich stets dieselben Stücke wieder anzusehen. Jene mitteralterliche Welt, die auf dem heutigen Kabukitheater mit seinen Beleuchtungseffeckten, seiner modernen Drehbühne, seinem Kulissenzauber zu unheimlicher Wirklichkeit allabendlich wieder aufersteht, ist seit vielen Jahrzehnten tot und wird nie mehr auferstehen. Aber der Geist des Samurai, des kühnen und treuen Ritters, der grenzenlosen Opferbereitschaft für das göttliche Kaiserhaus Japans, welches ein Sinnbild des ewigen Bestandes der Nation darstellt, der Geist der Vaterlandsliebe und Selbstaufgabe, den alle Höhepunkte des Kabuki verherrlichen, lebt noch heute im japanischen Volk; in ihm liegt die Ursache für seinen glänzenden Aufstieg zur Vormacht des Fernen Ostens. Und deshalb allein spricht das Kabukispiel noch heute ebenso unmittelbar zu seinem japanischen Publikum wie ehemals. Quelle: Generäle, Geischas und Gedichte von A.E. Johann Seite 105-107 Ullstein 1937, Jadu 2000 |
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Am Rande Kabuki ist eine der ältesten traditionellen Theaterformen Japan und
geht in seiner jetzigen form auf das 16. Jahrhundert zurück. |
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