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An der japanischen See

Verehrung der Toten

ES IST der fünfzehnte Tag des siebenten Monats, und ich bin Hoki. Grau windet sich der Weg eine niedrige Felsenküste entlang, der Küste der Japanischen See. Über einen schmalen Strich steinigen Landes oder einer Anhäufung von Dünen dehnt sich zur Linken unabsehbar ihre ungeheure Fläche blauwogend zum bleichen Horizont, hinter dem unter der selben weißen Sonne Korea liegt. Ab und zu blitzt durch jähe Klippenspalten die gleißende Brandung zu uns herüber. Zur Rechten dehnt sich unabsehbar ein anderes Meer von Grün, zu fernen nebelhaften waldigen Anhöhen mit hochragenden, verschwommenen Gipfeln dahinter - eine ungeheure Ebene von Reisfeldern, über deren Fläche lautlose Wogen sich haschen, von demselben großen Odem bewegt, der heute das Blau von Chosen (Korea) nach Japan treibt.

Obgleich der Himmel jetzt eine Woche lang wolkenlos war, ist das Meer seit einigen Tagen immer unruhiger geworden, und nun dröhnt das Tosen der Brandung weit über das Land. Man sagt, daß während der Zeit des Festes der Toten immer so unruhig wird - der drei Tage das Bon, die auf den 13., 14. und 15. des siebenten Monats der alten Zeitrechnung fallen. Und am 16. Tage, nachdem man die Shoryobune, die Schiffe der Seelen, hat hinausschwimmen lassen, wagt sich niemand mehr auf die See: da ist kein Boot zu bekommen, alle Fischer bleiben daheim, denn an diesem Tage ist das Meer die Heerstraße der Toten, die über seine Wasser zu ihrem geheimnisvollen Heim zurückkehren müssen; und an diesem Tage wird deshalb Hotoke-umi, die Buddha-Flut, genannt, die Flut der zurückkehrenden Geister. Und immer wieder in dieser Nacht des sechzehnten Tages, gleichviel ob die See ruhig oder bewegt ist, schimmert ihr ganzer Spiegel von zarten Lichtern, die ins offene Meer hinausgleiten - den matten Lichtern der Toten - und Stimmengeflüster ertönt wie das gedämpfte Murmeln einer fernen Stadt - die unverständliche Sprache des Meeres.

Aber es mag geschehen, daß ein verspätetes Schiff trotz verzweifelter Bemühung, rechtzeitig den Hafen zu erreichen, sich in der verhängnisvollen Nacht weit draußen im Meer befindet. Dann steigen rings um das Schiff die Toten riesengroß empor und recken ihre langen Hände danach mit dem Rufe: "Tago, tago o-kure! - tago o-kure!" (Einen Eimer, einen Eimer! - Gebt uns einen Eimer!) Nie weigere man ihnen die Gabe. Aber ehe der Eimer in das Meer geworfen wird, muß sein Boden herausgeschlagen werden. Wehe allen an Bord, fiele ein ganzer Tago, und sei es auch nur durch einen unglücklichen Zufall, ins Meer - denn die Toten würden ihn allzugleich dazu benutzen, das Schiff zu überschwemmen und zum Sinken zu bringen.
Aber die Toten sind nicht die einzigen unsichtbaren Mächte, die zur Zeit des Hotoke-umi gefürchtet werden. Da sind auch die Meergeister Ma und Kappa gar mächtig. - Aber die Schwimmer fürchten zu allen Zeiten den Kappa, den Affen des Meeres, der scheußlich und schamlos aus den Tiefen emportaucht, um die Menschen hinabzuzerren und ihre Eingeweide zu verschlingen.

Nur ihre Eingeweide.
Die Leiche, die von einem Kappa erfaßt wurde, kann erst nach vielen Tagen ans Ufer geschwemmt werden. Aber ist sie nicht von der Flut lange an den die Felsen geschleudert worden, so wird sie nur äußerlich keine Wunde zeigen, - sie wird nur leicht und hohl sein wie ein ausgetrockneter Kürbis.

 

Während wir so weiterfahren, wird die Monotonie des wogenden Blaus zur Linken und des wogenden Grüns zur Rechten ab und zu durch die Vision eines grauen Friedhofs unterbrochen - eines Friedhofs, der sich so lange hinstreckt, daß unsere Jinrikishamänner in vollem Trab eine ganze Viertelstunde brauchen, bis sie an der ungeheuren Schar seiner vertikalen Steine vorübergekommen sind. Solche Erscheinungen künden immer die Nähe von Dörfern an. Aber die Dörfer erweisen sich als ebenso überraschend klein wie die Friedhöfe überraschend groß. Um Hunderttausende übertrifft die zahl der stummen Hakaba-Bevölkerung die zahl der Bevölkerung des Dorfes, zu dem sie gehört - winzige Ansiedlungen mit strohgedeckten Hütten, der Küste entlang versprengt, nur durch Reihen dunkler Föhren vor Wind geschützt, Legionen und Legionen von Steinen, eine Schar düsterer Wahrzeichen des Tributs der Gegenwart an die Vergangenheit so uralt, daß der herumwirbelnde Dünensand sie zur Formlosigkeit verwischt und ihre Inschriften ausgelöscht hat. Es ist, als überschritte man die Begräbnisstätte derer, die seit dem Bestehen des Landes an diesem winddurchwehten Ufer jemals gelebt haben.
Und in allen diesen Hakabas sind vor den frischeren Gräbern neue Laternen - die weißen Totenlaternen -, denn ist der Bon. Heute nacht werden alle Friedhöfe im Lichterschein erglühen wie große erleuchtete Städte. Aber es gibt auch zahllose Gräber, vor denen keine Laterne brennt, Myriaden alter Gräber, ausgestorbener Familien, oder solcher, deren ferne Mitglieder sogar ihre Namen vergessen haben. Vergangene Generationen, deren geister niemand haben, der sie zurückrufen kann, denen kein liebendes gedenken geweiht ist, so lange ist alles versunken, was Bezug auf ihr Leben hatte.

 

Jetzt sind viele Dörfer verlassene Fischerniederlassungen mit alten, reisstrohgedeckten Heimstätten von Männern, die am Vorabende eines Sturmes fortsegelten und nicht wieder zurückkehrten. Aber jeder ertrunkene Seemann hat sein Grab im benachbarten Friedhof, und darin ist etwas, das ihm angehörte, mitbegraben worden.
Was?
Bei diesen Bewohnern der Westküste pflegt man immer etwas zu bewahren, was man in anderen Ländern unbedenklich fortwirft, den Hozo-no-o, den "Blumenstengel" des Lebens, die Nabelschnur des Neugeborenen. Sorgsam wird sie in viele Hütten eingewickelt, und auf die oberste schreibt man den Namen von Vater, Mutter und Kind und Datum und Tag der Geburt. Dann verwahrt man sie im Familien-O-mamori-bukuro. Vermählt sich die Haustochter, nimmt sie sie mit in ihr neues Heim. Für den Sohn wird sie von den Eltern aufbewahrt. Sie wird mit dem Toten beerdigt, und stirbt man in fremden Land oder ereilt einen der Tod auf dem Meer, so wird sie an Stelle des Körpers begraben.

Über die Schiffbrüchigen, die im Meere versunken sind, haben sich an diesen fernen Küsten seltsame Vorstellungen erhalten, Vorstellungen, die sicher älter sind als der sanfte Glaube, der weiße Laternen vor die Gräber hängt. Manche glauben, daß die Ertrunkenen nie zum Meido gelangen: sie treiben ewig in den Strömungen, wogen in den Fluten, sie arbeiten in dem Kielwasser der Djunken, sie tosen in der Brandung, ihre weiße Hand ist es, die sich in dem Schaume emporhebt, ihre Faust, die mit den Steinen am Meeresufer klirrt und im Wasserwirbel den Fuß des Schwimmers packt. Und die Schiffer sprechen euphemistisch von den O-bake, den ehrenwerten Gespenstern, und fürchten sie über alles.
Deshalb werden Katzen an Bord gehalten!
Eine Katze, so heißt es, hat die Macht, die O-bake fernzuhalten. Wie und warum, konnte mir noch niemand sagen, ich weiß nur, daß die Katzen im Rufe stehen, Macht über die Toten zu haben. Läßt man eine Katze mit einem Toten allein, wird sich da die Leiche nicht erheben und tanzen? Und unter allen Katzen wird die Mike-neko, die dreifarbige Katze, von den Seeleuten am meisten geschätzt. Aber können sie sich eine solche nicht verschaffen - und dreifarbige Katzen sind sehr selten -, so geben sie sich mit einer gewöhnlichen zufrieden. Fast jede Handelsdjunken führt eine Katze mit sich, und laufen die Djunken in den Hafen ein, kann man gewöhnlich ihre Katzen durch irgend eine kleine Seitenluke des Schiffes hinausgucken oder auf dem Verdeck neben dem großen Rad zusammengekauert liegen sehen - das heißt, wenn das Wetter schön ist und die See glatt.

Aber die schönen buddhistischen Gebräuche zur Zeit des Bon bleiben von diesem primitiven und gespenstischen Aberglauben unberührt, und in allen diesen kleinen Dörfchen läßt man am 16. Tage die Shoryobune hinausschwimmen. Sie sind an dieser Küste weit sorgfältiger gearbeitet und viel kostbarer als in manchen anderen Teilen Japans. Denn obgleich nur aus einem strohübersponnenen Holzgestell verfertigt, sind sie bis in jede Einzelheit entzückende Modelle von Djunken. Einige sind zwischen drei und vier Fuß lang; auf dem weißen Papiersegel steht das Kaimyo oder der Seelenname des Toten. An Bord befindet sich ein kleines, mit frischem Wasser gefülltes Gefäß und eine Weihrauchschale, und um das Dollbord flattern kleine Papierwimpel mit dem Zeichen des mystischen Manji, dem Sanskrit Svastika.
Die Form der Shoryobune und die Art und Weise, wie man sie ins Meer hinaustreiben läßt, ist in den einzelnen Provinzen sehr verschieden. An den meisten Orten läßt man sie für verstorbene Familienmitglieder im allgemeinen, gleichviel wo diese begraben sind, schwimmen, an machen Orten geschieht dies nur zur Nachtzeit und mit kleinen Laternen an Bord. Man sagt mir auch, daß es in manchen Fischerdörfern Sitte ist, statt der eigentlichen Shoryobune bloß Laternen im Wasser treiben zu lassen, Laternen von besonderer Form, die nur zu diesem Zweck angefertigt werden.

Aber an der Küste von Izumo und auch sonst an diesem Westufer läßt man die Seelenboote nur für diejenigen schwimmen, die im Meere ertrunken sind, und zwar geschieht dies des Morgens statt des Abends. Zehn Jahre lang nach dem Tode läßt man jährlich einmal ein Shoryobune in das Wasser hinausschwimmen, im elften Jahre hört die Zeremonie auf. Mehrere solche, die ich in Inasa gesehen habe, waren wirklich schön und mögen Summen gekostet haben, die zu zahlen so armen Fischerleuten sicherlich schwer gefallen sein muß. Aber die Schiffbauer, die sie verfertigten, sagten, daß alle Angehörigen der Ertrunkenen Jahr um Jahr zum Ankauf der kleinen Schiffchen beitragen.

 

In der Nähe eines verträumten kleinen Dörfchens namens Kami-ichi mache ich ein Weilchen Rast, um mir einen berühmten heiligen Baum anzusehen. Er steht in einen Hain dicht an der Heerstraße, aber auf einer kleinen Anhöhe. Beim betreten des Haines befinde ich mich in einer Art Bergschlucht, auf drei Seiten von niedrigen Klippen umgeben, über die ungeheure, uralte Föhren hinausragen. Ihre weit ausladenden, gekrümmten und gewundenen Wurzeln haben sich ihren Weg durch das Gestein gebahnt.

Unter ihren verschlungen Wipfeln herrscht ein grünes Zwielicht. Eine der Föhren hat drei enorme, sehr seltsam geformte Wurzeln, deren Enden mit Gaben von Seepflanzen und langen weißen Papierstreifen, auf denen Gebete geschrieben stehen, umwunden sind. Es scheint, daß die Form dieser Wurzel mehr noch als irgend eine Überlieferung dazu beigetragen hat, diesen Baum dem Volke heilig erscheinen zu lassen: er ist der Gegenstand eines eigenen Kults, und ein kleiner Torii ist davor errichtet, der eine Votivinschrift der kunstlosesten und seltsamsten Art trägt. Ich wage nicht, eine Übersetzung davon zu geben, obgleich sie zweifellos sowohl für den Anthropologen wie für den Folkloristen von ganz besonderem Interesse wäre. Die Anbetung des Baumes oder eigentlich des Kami, der sich in demselben befinden soll, ist ein seltener Überrest des Phallus-Kults, der wahrscheinlich den meistens primitiven Rassen gemeinsam, im alten Japan sehr verbreitet gewesen sein muß. Tatsächlich wurde er erst vor kaum einer Generation von der Regierung unterdrückt. Der kleinen Höhlung gegenüber sehe ich, sorgsam auf einen großen losen Block gestellt, etwas ebenso Kunstloses und beinahe ebenso Seltsames - ein Kitoja-no-mono oder eine Votivgabe. Zwei zusammengefügte Strohfiguren, Seite an Seite ruhend, eine männliche und eine weibliche Strohpuppe. Die Arbeit ist von kindlicher Unbeholfenheit, aber das Geschlecht dennoch erkenntlich durch den ingeniösen Versuch, die weibliche Frisur mittels eines Strohbündels nachzuahmen. Und da der Mann mit einem Zopf dargestellt ist, der jetzt nur von überlebenden Greisen aus der Feudalzeit getragen wird, vermute ich, daß dieser Kitoja-no-mono nach dem Vorbild irgend eines alten und streng konventionellen Modells angefertigt wurde.

Diese wunderliche Votivgabe hat ihre eigene Geschichte. Zwei, die sich liebten, wurden durch die Schuld des Mannes voneinander getrennt - der Zauber irgend einer Joro mag wohl die Versuchung zum Treubruch des Mannes gewesen sein. Da kam die Verlassene hierher und bat den Kami, den Leidenschaftswahn zu zerstören und das Herz des Abtrünnigen zu rühren. Das Gebet wurde erhört und das Paar wieder vereinigt. Nun fertigte die Frau mit eigenen Händen diese zwei wunderlichen Gebilde und brachte sie dem Kami des Baumes als Beweis ihres schlichten Glaubens und ihres dankbaren Herzens.

 

Die Nacht bricht schon an, als wir den hübschen Weiler Hamamura erreichen, unsere letzte Station am Meere, denn morgen führt unser Weg landeinwärts. Das Gasthaus, in dem wir einkehren, ist sehr klein, aber schmuck und behaglich. Es hat ein köstliches, natürliches, heißes Bad, denn die Yadoya liegt unmittelbar an einem natürlichen heißen Quell. Dieser dem Meeresstrand so merkwürdig nahe Quell liefert, wie man mir sagt, alle Bäder für die Häuser des Dorfes.
Das beste Zimmer wird uns zur Verfügung gestellt, aber ich bleibe noch eine Weile draußen, um ein wundervolles Shoryobune zu betrachten, das auf einer Bank neben dem Eingang für seine morgige Fahrt bereit liegt. Es scheint eben erst fertig geworden zu sein, denn frische Strohschnitzel liegen rings verstreut, und auf dem Segel ist das Kaimyo noch nicht geschrieben. Ich bin erstaunt, zu hören, daß es einer armen Witwe und ihrem Sohne gehört, die beide im Hotel bedienstet sind.

Ich hatte gehofft, in Hamamura das Bon-odori zu sehen, aber ich bin enttäuscht. Die Polizei hat in allen Dörfern den Tanz untersagt. Die Furcht vor der Cholera hat ernste sanitäre Maßregeln veranlaßt. Den Bewohnern von Hamamura ist es streng verboten, anderes Wasser zum Trinken, Kochen oder Waschen zu nehmen als das heiße Wasser ihrer eigenen vulkanischen Quelle.
Eine Frau von mittleren Jahren mit besonders süßer Stimme kommt, um uns beim Abendessen aufzuwarten. Ihre Zähne sind geschwärzt und ihre Augenbrauen rasiert, wie es vor zwanzig Jahren bei verheirateten Frauen üblich war. Trotzdem macht ihr Gesicht einen angenehmen Eindruck, sie muß in ihrer Jugend ungewöhnlich schön gewesen sein: Obgleich sie sich ganz als Dienerin gibt, scheint sie eine Verwandte der Wirtsleute zu sein und wird von ihnen mit liebenswürdiger Rücksicht behandelt. Sie sagt uns, daß das Shoryobune für ihren Gatten und ihren Bruder bestimmt ist, beide Fischer aus dem Dörfchen, die vor acht Jahren dicht vor ihrem eigenen Heim ertrunken sind. Der Priester des benachbarten Zentempels wird morgen erwartet, um das Kaimyo auf das Segel zu schreiben, da keiner der Hausgenossen im Schreiben chinesischer Schriftzeichen bewandert ist.

Ich gebe ihr das übliche kleine Geschenk und stelle ihr durch meinen Begleiter verschieden fragen über ihre Lebensgeschichte. Sie war mit einem viel älteren Manne verheiratet, mit dem sie sehr glücklich lebte, und ihr Bruder, ein achtzehnjähriger Jüngling, wohnte bei ihnen. Sie hatten ein gutes Boot und einen kleinen Grundbesitz, und die war geschickt am Webstuhl, so daß sie ihr gutes Auskommen fanden. Im Sommer fischen die Fischer bei Nacht. Wenn die ganze Flotte draußen ist, nimmt sich die zwei bis drei Meilen entfernte zeile der Fackellichter im offenen Meer wie eine aufgereihte Sternenschnur aus. Wenn das Wetter drohend ist, fahren sie nicht aus, aber in gewissen Monaten kommen die großen Stürme, Taifun, mit solcher Plötzlichkeit, daß die Boote kaum Zeit haben, die Segel zu reffen.
Glatt wie ein Tempelweiher war das Meer an dem Abend, an dem ihr Mann und ihr Bruder zum letzten Male fortsegelten, aber vor Tagesanbruch erhob sich der Taifun. Was folgte, erzählt sie mit einem schlichten Pathos, das ich in unserer nicht so einfachen Sprache kaum wiedergeben kann.

"Alle Boote waren zurückgekehrt, nur das meines Mannes nicht. Denn mein Mann und mein Bruder waren weiter hinausgefahren als die anderen, so konnten sie also nicht so schnell wieder zurück sein. Alle Leute warteten und starrten hinaus. Und mit jedem Augenblick schienen die wellen höher und der Wind schrecklicher zu werden. Und die anderen Boote mußten weit von Ufer weggezogen werden, um sie vor dem Anprall der Fluten zu schützen. Da plötzlich sahen wir das Boot meines Mannes herankommen - schnell, sehr schnell. Wir waren so froh! Es kam ganz nahe heran, so daß ich das Gesicht meines Mannes und das Gesicht meines Bruders sehen konnte. Aber plötzlich schlug eine große Welle das Boot auf eine Seite, es sank in die Tiefe und kam nie wieder herauf. Und dann sahen wir meinen Mann und meinen Bruder schwimmen, aber wir konnten sie nur sehen, wenn die Wogen sie emporhoben. Groß wie Hügel waren die Wogen, und der Kopf meines Mannes und der Kopf meines Bruders stiegen hoch, hoch hinauf und sanken dann wieder tief, tief hinab; und jedesmal, wenn sie zu einem Wellenkamm emporgehoben wurden, so daß wir sie sehen konnten, schrien sie: 'Tasukete, tasukete!' (Hilfe, Hilfe!) Aber alle die starken Männer hatten Furcht - das Meer war so schrecklich, ich selbst bin ja nur ein Weib -, dann konnten wir meinen Bruder nicht mehr sehen. Mein Mann war alt, aber sehr kräftig, und er schwamm lange, so nahe, daß ich sehen konnte, daß sein Gesicht das eines Menschen in großer Angst war. Und er schrie: 'Tasukete!' Aber niemand konnte ihm helfen. Und schließlich sank auch er unter. Aber ehe er hinabsank, konnte ich sein Gesicht noch sehen.

Und viele Jahre nachher, jede Nacht, tauchte sein Gesicht vor mir auf, wie ich es damals gesehen hatte, so daß ich nicht schlafen konnte, sondern immer nur weinte. Und ich betete und betete und flehte zu den Buddhas und zu Kami-Sama, diesen Traum von mir zu nehmen. Nun kommt er nie mehr, aber sein Gesicht kann ich noch immer sehen, selbst jetzt, während ich spreche.... Damals war mein Sohn noch ein kleines Kind."Am Schluß dieser schlichten Erzählung wird sie von einem Tränenstrom und schluchzen überwältigt; aber plötzlich neigt sie sich zur matte, trocknet die Tränen mit ihrem Ärmel und entschuldigt sich wegen dieses Gefühlsausbruchs mi den sanften, obligaten Lächeln der japanischen Höflichkeit. Ich muß gestehen, dieses Lächeln ergreift mich noch mehr als die Erzählung selbst. Bei einem passenden Anlaß gibt mir mein Begleiter dem Gespräch eine andere Wendung. Er plaudert über unsere Reise, erwähnt des Danna-Samas Interesse an den alten Bräuchen und Legenden dieser Küste, und es gelingt ihm, sie durch einige Mitteilungen über unsere Wanderungen in Izumo zu erheitern.
Sie fragt, wohin wir jetzt gehen wollen. Mein Begleiter antwortet: "Wahrscheinlich bis nach Tottori."

"Ah nach Tottori! So degozarimasu ka... Da gibt es eine alte Geschichte, die Geschichte von dem Futon von Tottori. Aber der Danna-Sama kennt wohl die Geschichte?"
"Nein, der Danna-Sama kennt die Geschichte nicht und ist sehr neugierig, sie zu erfahren." Und so wie ich sie von den Lippen meines Dolmetschers höre, schreibe ich die Geschichte nieder.

(Quelle: Das Japanbuch von Lafcadio Hearn, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a.M. 1919; Übertragung aus dem Englischen von Berta Franzos; Jadu 2000)

Teil II



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