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An der japanischen See

Legenden aus Japan

Vor vielen Jahren empfing eine kleine Yadoya in Tottori ihren ersten Gast, einen herumziehenden Krämer. Er wurde mit ganz besonderer Zuvorkommenheit aufgenommen, denn der Wirt war sehr darauf bedacht, seiner kleinen Herberge einen guten Ruf zu machen. Es war ein ganz neues Gasthaus, aber da sein Eigentümer unbemittelt war, hatte er den größten Teil der Dogu (Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände) von dem Furuteya (Laden mit Trödlerwaren - Furute) erstanden. Trotzdem aber war alles rein, behaglich und hübsch. Der Gast aß mit Appetit, sprach dem guten, warmen Sakewein reichlich zu, dann wurde sein Bett auf der weichen Bodenmatte bereitet, und er legte sich zur Ruhe.

Aber hier muß ich die Erzählung für einige Augenblicke unterbrechen, um ein Wort über japanische Betten einzuflechten. In einem japanischen Hause wird man sich bei Tage überall vergebens nach einem Bett umsehen, es sei denn, daß sich in der Familie gerade ein Kranker befindet. Tatsächlich existieren dort keine Betten im abendländischen Sinne des Wortes. Das, was die Japaner Bett nennen, hat kein Bettgestell, keine Sprungfedern, keine Matratzen, keine Laken. Es besteht einfach nur aus dicken, wattierten baumwollenen oder seidenen Decken, die man Futon nennt. Man legt eine bestimmte Anzahl solcher Futon auf die Tatami (Bodenmatte), und eine bestimmte Anzahl anderer wird zum Zudecken benutzt. Der Reiche kann auf fünf oder sechs Futon liegen und sich mit so vielen, als ihm beliebt, zudecken, während arme Leute sich mit zwei oder drei begnügen müssen. Und es gibt natürlich viele Arten: von dem baumwollenen Dienstbotenfuton, der nicht größer ist als ein abendländischer Kaminteppich und auch nicht viel dicker, bis zu dem schweren, prächtigen, acht Fuß langen und sieben Fuß breiten Futon aus Seide, den nur der Kanemochi (reicher Mann) erschwingen kann. Außer diesen gibt gibt es noch den Yogi, eine massive, schlafrockartige Decke, mit langen weiten Ärmeln wie ein Kimono, in der man sich bei großer Kälte sehr behaglich fühlen kann. Alle diese Dinge bleiben dem Auge tagsüber entzogen. Nett zusammengefaltet, werden sie in Wandnischen aufbewahrt. Diese schließt man mit Fusumas - hübschen Papierschiebetüren, die gewöhnlich mit zierlichen Zeichnungen bedeckt sind. Dort werden auch jene seltsamen Holzkisten verwahrt, die erfunden wurden, damit die Frisur der japanische Frau beim Schlafen nicht in Unordnung gerate. Das Kissen besitzt eine gewisse Heiligkeit, aber den Ursprung und die Beschaffenheit des darauf bezüglichen Aberglaubens konnte ich nicht erfahren. Ich weiß nur so viel, daß es als sehr unrecht angesehen wird, es mit dem Fuße zu berühren und daß, wenn es in dieser Weise, sei es auch nur durch Zufall, gestoßen oder weggerückt wird, man für die Unschicklichkeit Buße tun muß, indem man das Kissen mit den Händen ehrfurchtsvoll an die Stirn führt und dabei die Worte spricht: "Go-men" = Ich bitte um Vergebung.

Im allgemeinen pflegt man, nachdem man viel heißen Sake getrunken hat, sehr fest zu schlafen, insbesondere, wenn die Nacht kühl ist und das Bett sehr behaglich. Aber der eingekehrte Gast war noch kaum recht eingenickt, als ihn Stimmen in seinem Zimmer aufweckten, Kinderstimmen, die sich immer wieder dieselbe Frage stellten: "Ani-San samukaro?" "Omae samukaro?"
Die Anwesenheit von Kindern in seinem Zimmer mochte den Gast verdrießen, konnte ihn aber nicht überraschen, denn in diesen japanischen Hotels gibt es zwischen einem Zimmer und dem andern keine Türen, sondern mit Papier beklebte Schiebewände. Er glaubte daher, daß die Kinder im Dunkeln irrtümlicherweise in sein Zimmer geraten seien. Er verwies es ihnen also sanft. Aber nur einen Moment herrschte Schweigen. Dann fragte eine süße Stimme dicht an seinem Ohr: "Ani-San samukaro?" (Dem älteren Bruder ist wohl kalt?), und eine andere süße Stimme antwortete zärtlich: "Omae samukaro?" (Nein, dir ist wohl kalt?)
Er stand auf, zündete das Licht im Andon (Papierlaterne) wieder an und sah sich um. Es war niemand da, alle Shojias waren geschlossen; er untersuchte die Schränke - sie waren leer. Betroffen legte er sich wieder nieder, ließ aber das Licht brennen. Allsogleich begannen dicht an seinem Kissen die Stimmen wieder zu sprechen: "Ani-San samukaro?" "Omae samukaro?"
Da fühlte er sich von einem kalten Schauer überrieselt. Und wieder und wieder vernahm er die Stimmen, und seine Angst steigerte sich immer mehr. Denn nun wußte er, daß die Stimmen aus dem Futon kommen mußten. Die Bettdecke war es, die so klagte und jammerte.
Hastig raffte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen, eilte über die Stiege in das Zimmer des Wirtes, weckte ihn auf und berichtete, was geschehen war. Der erzürnte Wirt antwortete: "Den ehrenwerten Gast zufriedenzustellen, wurde alles aufgeboten. Aber der viele Sakewein hat dem ehrenwerten Gast böse Träume gebracht." Doch der Gast bestand darauf, seine Rechnung gleich zu bezahlen und anderswo Unterkunft zu suchen.

Am darauffolgenden Abend kam ein anderer Gast, der ein Zimmer für die Nacht verlangte. In vorgerückter Stunde wurde der Wirt von seinem Mieter mit derselben Erzählung aus dem Schlaf aufgestört, und seltsam - dieser Gast hatte überhaupt kein Sake getrunken. In der Meinung, es handle sich hier um irgend eine übelwollende Intrige, die auf den Ruin seines Geschäftes abgesehen war, sagte der Wirt in großer Erregung: "Dich zufrieden zustellen geschah alles gebührend, dennoch sagst du unheilvolle und ärgerniserregende Worte. Das ich vom Ertrag meines Wirtshauses leben muß, ist dir bekannt - keinerlei Grund zu solch böser Nachrede ist vorhanden." Da ließ sich der Gast von seiner Heftigkeit zu noch schlimmeren Äußerungen hinreißen, und sie schieden in höchster Erregung.
Aber nachdem der Gast fortgegangen war, kam es dem Wirte doch zum Bewußtsein, wie seltsam dies alles sei, und begab sich selbst in das Zimmer, um den Futon zu untersuchen. Nun vernahm er auch Stimmen und merkte, daß die Gäste nichts als die Wahrheit gesprochen hatten. Es war nur eine der Decken, die so wehklagte. Die übrigen waren still. Er trug die Decke in sein Zimmer hinab und legte sich für den Rest der Nacht darunter. Und die Stimmen fuhren fort zu klagen bis der Morgen anbrach: "Ani-San samukaro?" "Omae samukaro?" so daß er nicht schlafen konnte.
Aber bei Tagesanbruch stand er auf und machte sich auf den Weg, um den Besitzer der Furuteya, wo dieser Futon gekauft worden war, aufzusuchen. Der Händler wußte nicht. Er hatte den Futon in einem kleineren Laden erstanden, und der Besitzer diese Ladens von einem noch ärmeren Händler, der im entlegensten Vorort der Stadt lebte. Und der Wirt ging von einem zum andern, um der Sache nachzuforschen.
Schließlich erwies es sich, daß der Futon einer armen Familie gehört hatte und dieser von dem Eigentümer eines kleinen Häuschens, in dem sie gewohnt hatte, abgekauft worden war. Und die Geschichte des Futon ist folgende:

Die Miete des kleinen Hauses betrug nur sechzig Sen monatlich, aber selbst dieser geringe Betrag fiel den armen Leuten schwer. Der Vater konnte nur zwei oder drei Yen monatlich verdienen, die Mutter war krank und arbeitsunfähig. Sie hatten zwei Kinder, einen Knaben von sechs Jahren und einen von acht Jahren, und dazu waren sie in Tottori ganz fremd.
An einem Wintertage erkrankte der Vater, und nach einer Woche schweren leidens starb er und wurde begraben. Dann folgte ihm die sieche Mutter, und die Kinder blieben allein. Sie kannten niemand, den sie um Hilfe hätten ansprechen können, und um ihr leben zu fristen, verkauften sie nach und nach alles, was sie besaßen.
Das war nicht viel - die Kleider der verstorbenen Eltern und alles, was sie nur von ihren eigenen entbehren konnten; ein paar baumwollende Decken und ein paar armselige Hausgeräte, Hibachis, Schüsseln, Schalen und andere Kleinigkeiten. Jeden Tag verkauften sie etwas, bis nichts mehr übrig blieb als ein einziger Futon. Aber eines Tages hatten sie wieder nichts zu essen, und die Miete war nicht gezahlt.
Die furchtbare Dai-kan war gekommen, die Zeit der größten Kälte, und an diesem Tage lag der Schnee so hoch, daß sie sich aus dem Häuschen gar nicht herauswagen konnten. Es blieb ihnen nichts übrig, als sich bebend unter ihren einzigen Futon zu legen und in ihrer kindischen Weise einander liebevoll zu bemitleiden. "Ani-San samukaro?" "Omae samukaro?"

Sie hatten weder Feuer noch Licht, und die Dunkelheit kam, und der eisige Wind pfiff durch das kleine Häuschen. Sie waren vor dem Winde bang, aber noch mehr vor dem Hausherrn, der sie barsch anfuhr und den Mietzins verlangte. Er war ein harter Mann mit einem bösen Gesicht. Als er sah, daß niemand da war, der ihn bezahlen konnte, jagte er die Kinder in den Schnee hinaus, nahm ihnen ihren einzigen Futon und sperrte das Häuschen ab.
Sie waren jeder nur mit einem dünnen blauen Kimono bekleidet - die anderen Kleider hatten sie ja alle verkaufen müssen, um nicht Hungers zu sterben, und sie hatten niemanden, zu dem sie hätten gehen können. In einer kleinen Entfernung befand sich ein Tempel der Kwan-on, aber der Schnee lag so hoch, daß die Kinder ihn nicht erreichen konnten. Sie schlichen also, als der Hausbesitzer fortgegangen war, hinter das Häuschen zurück. Dort befiel sie die Betäubung des Frostes, und dicht aneinander geschmiegt, um sich zu wärmen, schliefen sie ein. Während sie so schliefen, breiteten die Götter einen neuen Futon über sie, geisterhaft weiß und schön. Und sie fühlten keine Kälte mehr. Viele Tage schliefen sie dort. Dann fand sie jemand, und nun machte man ihnen ein Bett in der Hakaba des Tempels der Kwan-on mit den tausend Armen. - - -

Als der Wirt diese Geschichte vernommen, gab er den Futon den Priestern des Tempels und ließ das Kyo für die kleinen Seelen lesen, und fortan hörte der Futon auf zu klagen.
Nun löst eine legende die andere ab, und ich höre heute sehr viele seltsame. Die allermerkwürdigste ist eine Geschichte, deren sich mein Begleiter plötzlich erinnert, eine Legende aus Izumo.

Einstmals lebte in einem Dorfe Mochida-no-ura in Izumo ein Bauer, der so arm war, daß er davor zurückschreckte, Kinder aufzuziehen. Und jedesmal, wenn ihm seine Frau ein Kind gebar, warf er es in den Fluß und gab vor, es sei tot zur Welt gekommen. Manchmal war es ein Sohn, manchmal eine Tochter, aber immer wurde das Kind zur Nachtzeit in den Fluß geworfen. So waren schon sechs gemordet worden.
Aber im Laufe der Jahre besserte sich die Lage des Bauern. Er konnte Land kaufen und Geld zurücklegen. Und nun gebar ihm seine Frau das siebente Kind, einen Knaben.
Da sagte der Mann: "Nun können wir schon ein Kind erhalten, auch werden wir einen Sohn gebrauchen, der uns helfen kann, wenn wir alt sind. Und dieser Knabe ist schön, so wollen wir ihn also aufziehen."
Und der Knabe gedieh; und jeden Tag verwunderte sich der harte Bauer mehr über sein eigenes Herz, denn mit jedem Tag glaubte er seinen Sohn mehr zu lieben.

An einem Sommer abend ging er mit seinem Söhnchen auf dem Arm in den Garten hinaus; der Kleine war fünf Monate alt.
Und der Abend war so schön im Glanze des Mondes, das der Bauer ausrief: "Aa! kon ya medzurashii e yo da!" ("Ah, welch wundervolle Nacht ist doch heute!")
Da blickte das Kind ihm ins Gesicht und sagte in der Sprache der Erwachsenen: "Nun Vater als du mich zum letztenmal ins Wasser warfst, war die Nacht gerade so schön, und der Mond schien ebenso hell, nicht wahr, Vater?"
Und nachher war das Kind wieder wie andere Kinder seines Alters und sprach kein Wort mehr.
Aber der Bauer wurde ein Mönch.

Nachdem ich zu Abend gegessen und gebadet habe, gehe ich, da es mir zum Schlafen zu warm ist, allein aus, um die Hakaba des Dorfes anzusehen - einen langen Friedhof auf einem Sandhügel, oder eigentlich einer sehr großen, merkwürdigen Düne, deren Spitze mit einer dünnen Erdschicht bedeckt ist, deren abbröckelnde Seiten jedoch die Geschichte ihrer einstigen Entstehung durch mächtigere Fluten als die heutigen, verraten.
Ich wate bis an die Knie im Sande, um zum Friedhof zu gelangen. Es ist eine helle, von einer starken Brise bewegte Mondnacht. Man sieht viele Bon-Laternen (Bondoro), aber der Wind hat die meisten ausgelöscht. Nur hier und da verbreiten einige von ihnen einen matten Schein - hübsche schreinförmige, mit weißem Papier beklebte Holzkästchen, deren Seitenwände symbolische Zeichnungen aufweisen. Außer mir sind keine Besucher da, denn es ist zu spät. Aber liebevolles Walten hat sich heute schon hier betätigt. Denn alle Blumenvasen sind mit frischen Blumen oder Zweigen geschmückt, die Wasserbehälter mit klarem Wasser gefüllt und die Monumente sauber geputzt. Und im abgeschiedensten Winkel des Friedhofs finde ich vor einem schlichten Grabe ein hübsches Zen oder lackiertes Servierbrett mit Schüsseln und Tellern, auf denen ein vollständiges zierliches kleines Mahl aufgetragen ist. Auch ein Paar neue Eßstäbchen sind da und ein Täßchen Tee, und manche der Schüsseln sind noch warm. Die liebevolle Gabe einer zärtlichen Frau - die Fußspuren ihrer kleinen Sandalen sind auf dem Pfade noch frisch eingedrückt.

In Irland sagt man im Volke, man könne sich an jeden Traum erinnern, wenn man es nur beim Erwachen vermeidet, sich - in dem Bestreben, den Traum zurückzurufen - den Kopf zu kratzen. Aber läßt man diese Vorsicht außer acht, entschwindet der Traum auf nimmer. Ebensowohl könnte man versuchen, die flüchtigen Rauchringe wieder neu zu gestalten.
Und allerdings, neunhundertneunundneunzig von tausend träumen verflüchtigen sich unwiederbringlich. Aber gewisse seltene Träume, die kommen, wenn die Phantasie von seltsamen, fremdartigen Eindrücken angeregt ist, Träume, die ganz besonders auf Reisen zu kommen pflegen, haften in der Erinnerung mit der greifbaren Lebendigkeit wirklicher Erlebnisse.
So war der Traum, den ich in Hamamura träumte, nachdem ich die eben erwähnten Dinge gehört und gesehen hatte.
Ein weiter, bleicher, mit Steinfliesen bedeckter Platz - vielleicht die Vision eines Tempelhofes von einer matten Sonne beschienen - und vor mir ein Weib, nicht jung, nicht alt, am fuße eines großen grauen Sockels sitzend, der ich weiß nicht was, trug, denn ich konnte mein Auge nicht von dem Gesicht des Weibes abwenden. Einen Augenblick glaubte ich sie zu erkennen - war es nicht eine Frau aus Izumo? Dann schien sie ein Schemen, ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Augen blieben geschlossen, und ich konnte nicht anders, ich mußte immer nur sie ansehen.

Und mit einer Stimme, die wie aus weiter Ferne dünn zu mir herüberzuklingen schien, stimmte sie einen süßen, klagenden Sang an; und wie ich so lauschte, tauchten vage Erinnerungen an ein keltisches Wiegenlied in mir auf. Und im Singen löste sie mit der Hand ihr langes schwarzes Haar, daß es sich auf die Steine herabringelte. Aber als es herabgefallen, war es nicht mehr schwarz, sondern blau, matt himmelblau, und wogte in hurtigen blauen Wellen hin und her. Und dann plötzlich sah ich, daß die Wellen weit, weit weg waren, auch die Frau war verschwunden und nichts zu sehen als das Meer, blauwogend bis zum Himmelsrand, mit den langen Gischtblitzen der stummen Flut.
Und erwachend vernahm ich das nächtliche Brausen des wirklichen Meeres, die mächtige, dumpfe, geisterhafte Sprache der Hotoke-umi, der Flut der zurückkehrenden Geister.

(Quelle: Das Japanbuch von Lafcadio Hearn, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt a.M. 1919; Übertragung aus dem Englischen von Berta Franzos; Jadu 2000)


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