HOME
Asia
Turkei

 

"Aus der Sicht eines Europäers um 1900"

Am Goldenen Horn

von Ernst Böttcher

Am schönsten zeigt sich die dreifache Stadt Konstantinopel dem ihr zur See Nahenden. Die Fahrt durch den reich mit schmucken Ortschaften und stolzen Palästen geschmückten Bosporus bereitet den vom Schwarzen Meere kommenden auf ihre Erscheinung vor, aber auf den, der von den Dardanellen kommt, wirkt dieselbe ganz unvermittelt und um so bezaubender. So sah ich die malerische Stadt in der warmen Beleuchtung eines sonnigen Nachmittags, als ich auf einem türkischen Dampfer von Schliemanns Troja zurückkehrte. Solch ein Bild ist unauslöschlich. Weithin dehnt das blaue Marmarameer sich aus und spiegelt das Sonnenlicht auf glitzernden Wellen, währen fern am Horizont die hell beleuchteten Kuppeln und Minareh der Moscheen aus den Fluten auftauchen. Die malerischen Umrisse der Prinzeninseln erscheinen zur Rechten, und links erinnert der weiße Leuchtturm von San Stefano an große Ereignisse. Es ist unbeschreiblich schön, wie sich nun allmählich das herrliche Panorama der Stadt entrollt und mit dieser Augenweide wetteifert die Fülle der Gedanken, welche der Anblick von geschäftlich so bedeutenden Orten und Bauten wachruft. Bald schweift das Auge nach Asiens Küste hinüber, wo an einer schönen Bucht die Stadt Kadiköi, das antike Chalcedon, und weiter zurück aus dunklen Zypresse Skutari, das antike Chrysopolis winkt, bald haftet der Blick auf Stambul, dem antiken Byzanz, und seinen im Meere sich badenden Mauern und Türmen, auf dem malerischen Gewirre seiner kleinen, weiß flachbedachten Häuser und auf den schöngewölbten Kuppeln der zahlreichen Moscheen (türk: Dschani und Dschamisi), neben denen schlanke Minareh, gewöhnlich zwei oder vier, emporsprießen.

Aussicht

Auf der Höhe im Hintergrund erscheint die großartige Moschee Mohamed II., des Eroberers, nicht weit davon nach Osten die prächtige Suleimanje Dschani, näher nach dem Meere Schah Sade und die Laleli Dschani, sowie das Seraskierat (Kriegsministerium) mit seinem hohen Feuerturm, dann die Sultan Bajezzid und die Nuri Osmanje Dschani, und, dem Meere am nächsten, über dem weißen Leuchtturm, die große Sultan Ahmed Dschani mit ihren sechs Minareh. Ihr zur Rechten steht ein langer säulengeschmückter Bau, das Justizministerium und Gerichtsgebäude, im J. 1877 Sitz des schnellverlebten türkischen Parlaments, und hinter ihm ragt die altehrwürdige Hagia Sofia empor, der berühmte Kuppelbau, dem der Islam vier Minareh gesellt hat. Ganz in der Nähe liegt der Atmeidan ("Rossplatz"), der die Stätte des Hippodrom einnimmt, das in der byzanthinischen Geschichte eine so große Rolle spielte. Es war der Kampfplatz der Blauen und Grünen, der bekannten politischen Cirkusparteien, und Belisar tränkte seinen Boden, als er (532) den Nikaaufstand niederwarf, mit dem Blute von dreissigtausend Menschen. Wo der als Weltwunder angestaunte Kaiserpalast stand, zwischen dem Hippodrom, der Agia Sofia und dem Meere, ziehen sich ärmliche Stadtviertel hin, und die Stelle der antiken Akropolis, eine in das Meer vortretende Höhe, wird von der türkischen "Hofburg", dem Alten Serai, eingenommen, das aber seit Abdul Medshid nicht mehr Residenz des Sultans ist.

Hippodrom

Während der Fahrt um die Seraispitze entfaltet sich gegenüber auf dem asiatischen Ufer das schmucke Skutari, das die abhänge des Bulgurlu hinan steigt, und es öffnet sich die herrliche Perspektive des hier 2 km breiten Bosporus, dessen bergige Ufer wie die eines Stromes mit prächtigen Gebäuden und freundlichen Ortschaften besetzt sind. Nur etwa 3 bis 5 km entfernt stehen in bezaubernd schöner Lage dicht an der blauen Flut die schneeweißen Marmorpaläste Dolmabagtsche und Tschiragan und darüber auf der Höhe in reichen Parkanlagen Jildiz Kiosk, wo Sultan Abdul Hamid II. residiert. Alle bieten herrlichen Ausblick auf das Meer. Etwas näher grüßt uns hoch am Bosporus das Gebäude der Deutschen Botschaft, das sich in imponierender Lage gar stattlich darstellt, so wenig der Stil von "Unter den Linden" in eine orientalische Umgebung hineinpaßt. Dicht vor uns liegen die Vorstädte Fyndykly und Tophane mit den großen, unmittelbar am Wasser gelegenen Artilleriewerkstätten und zwei Moscheen, das im Vordergrund e steil emporsteigende Galata mit seinem gewaltigen byzanthinischen Turm, und das hochgelegene Pera. Zur Linken öffnet sich der prächtige Hafen, das "Goldene Horn", ein Golf von der Breite des Rheins bei Köln, der fast 7½ Kilometer in das Land eindringt und die europäischer gearteten Stadtteil von dem durchaus türkischen Stambul oder Konstantinopel im engeren Sinne, dem antiken Byzanz, scheidet.

Die Lage der Stadt am Berührungspunkte von Asien und Europa und an der leicht verschließbaren Verbindungsstraße zwischen dem Schwarzen und Ägäischen Meere ist politisch eine überaus glückliche. Dazu kommt der Besitz einer vortreffliche Reede, wo im Durchschnitt jährlich 7500 Dampfer und 25 000 Segelschiffe aller Nationen verkehren, und eines für die größten Flotten ausreichenden Hafens, sowie der Segen eines milden Klimas. So erfüllt Konstantinopel die Bedingungen für eine Weltstadt ersten Ranges und würde als Mittelpunkt eines wohlorganisierten Staatswesen wieder eine weltbeherrschende Stellung einnehmen. Es besteht aus Stambul, das sich als ein Dreieck von 2½ d. Meilen Umfang zwischen dem Marmarameer und dem Goldenen Horn ausbreitet, aus den Vorstädten Galata, Pera und anderen, die das Dreieck zwischen dem Goldenen Horn und dem Bosporus einnehmen, und aus Skutari auf asiatischem Boden. Daher der Name "bilãd-i-selese" d.i. "die drei Städte". Diese reiche Gliederung bedingt die unvergleichliche Großartigkeit des Panoramas. Soweit das Auge reicht, sieht es amphitheatralisch an mäßigen Höhen emporsteigende Stadtteile, zwischen denen die von Schiffen und böten belebte blaue Flut bald hier hald da hervorglänzt, erblickt es malerische Gruppen von Gebäuden, die sich hier im Wasser dort im Äther baden, einfache Häuser meist mit flachen Dächern, prächtige Paläste und kuppelreiche Moscheen, starke Türme und schlanke Minareh, und das ist, umflutet von dem Sonnenglanz des Südens, ein Bild, wie es so reich und mannigfaltig, so großartig und in der Fülle von Gegensätzen so malerisch nirgends seines Gleichen findet.

Hagia Sofia

Es mag auch nicht leicht eine durch gleiche Mannigfaltigkeit der Völker und Sprachen, Trachten und Sitten ausgezeichnete Stadt wie Konstantinopel geben. Eine kaum zu bewältigende fülle von Eindrücken nimmt den Sinn des in diese ihm ganz fremde Welt Eintretende gefangen, und es dauert einige Zeit, bis er in dem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen das Einzelne festzuhalten vermag. Das Leben und Treiben in den meist engen und winkeligen, oft unbequemen Straßen, die bergauf und bergab führen und zuweilen richtige Treppen sind, spottet aller Beschreibung und macht den Eindruck, als ob die gesamte Bevölkerung (1885 nach amtlicher Statistik 873 565 Seelen) tagsüber unterwegs sei. Die orientalische Sitte, alle gewerbliche Hantierung auf und an die Straße zu verlegen, vermehrt noch den fast betäubenden Lärm und Wirrwarr. Wir sind daheim bei allem Lärm an eine gewisse Ordnung und Regelmäßigkeit gewöhnt, hier scheint das Belieben jedes Einzelnen frei zu schalten, "kein Schutzmann wacht", und 1001 Bestimmungen einer Straßenordnung bestehen nur auf dem Papier. Aber gerade in dieser Freiheit und Ungebundenheit, in diesem malerischen Wirrwarr beruht einguter Teil des Reizes, den dies Treiben auf den stillen Beobachter ausübt. Der türkische Typus desselben ist natürlich in Stambul am schärfsten ausgeprägt, wo ganze Straßen mit Läden und Werkstätten besäumt sind, in denen Schmiede, Tischler, Drechsler, Schneider, Schuster u.s.w. ihr Handwerk ausüben, und wo auch der große Bazar liegt, ein labyrinthischer Bau von der Größe eines Stadtviertels, in welchem ein jedes Gewerbe seine Gassen einnimmt.

Orient und Occident haben dort ihre Waren ausgestellt, unter denen uns namentlich die prächtigen orientalischen Juwelierarbeiten, Stickereien und Kuriositäten (sogenannte "Antiken") anziehen, und in den überwölbten Kreuz- und Quergassen herrscht stets das bunteste Leben. Die Straßen von Stambul sind eng, schlecht gepflastert und schmutzig, und die meist von Holz gebauten Häuser sehen unansehnlich und obendrein melancholisch aus mit ihren dicht vergitterten Fenstern, hinter denen die Frauen gelangweilt den "Franken" nachschauen, die im Innern Stambuls eine seltene Erscheinung sind. Das Internationale Leben flutet vom Bahnhof über das Goldene Horn nach Galata und Pera hinüber. Zwei eiserne etwa 450 Meter lange Schiffbrücken führen über das Goldene Horn, die ältere Mahmud- und die neuere Sultan Valide (Sultan Mutter) Brücke. Die letztere, die kurzweg Galatabrücke genannt wird und um die Hälfte Breiter als die Kölner Schiffbrücke ist, gewährt eine großartige Aussicht auf die Stadt, den Hafen und den Bosporus bis hinüber nach Skutari. Auf der blauen Flut wimmelt es von Fischerbooten und Kaiks, welche letzteren einen lebhaften Wasserverkehr zwischen den Stadtteilen vermitteln, große Segelschiffe liegen majestätisch auf der Reede, und Lokaldampfer fahren hin und her, die einen nur im inneren Hafen, die anderen in den Bosporus nach Skutari und nach Kadiköi und den Prinzeninseln hinaus. Die drei Landeplätze der letzteren liegen an der Brücke, was den gewaltigen Verkehr derselben noch vermehrt.

Ein Spaziergang auf dieser Brücke bereitet das größte Vergnügen. Man sieht sich nie satt an dem herrlichen Panorama und dem bunten geschäftigen Treiben. Geht man dann nach Galata und Pera, so verwirrt das Gewühl fast die Sinne. Namentlich die große Verkehrsader, die als rue Asap Kapu, rue Jorghandschilar, grande rue de Galata und grande rue de Tophane parallel dem Hafen und der Reede läuft und mittels zahlreicher Seitenstraßen den gesamten Brücken- und Hafenverkehr aufnimmt, dann die nach Pera, das an italienische Städte erinnert, hinaufführende grande rue Pera sind von dem buntesten internationalen Leben erfüllt. Vom frühen Morgen bis zum Abend wogen dichte Menschenmassen durch die engen und schmutzigen, auf beiden Seiten mit Läden und Werkstätten, Kaffee- und Wirtshäusern besetzten Straßen und Gassen, und ihr Geschrei und Gesumme verstummt nicht einen Augenblick. Verkäufer in den buntesten Trachten, die große flache Holzteller mit Früchten, Gemüsen, Fischen oder Süßigkeiten auf dem Kopfe tragen, oder allerlei Gerätschaften, Bekleidungsstücke, Teppiche u. dgl. feilhalten, preisen kreischend Ihre Ware an. Alles Erdenkliche wird derart ausgeboten. Jeder hat seinen besonderen, eigentümlichen modulierten Ruf, und alle möglich Sprachen werden laut. Mitten hinein mischen sich musikalische Klänge.

Galatabrücke

Da geht einer mit einer Harfe flach über den Kopf gelegt und greift von Zeit zu Zeit einige Akkorde, eine Anfrage, ob Niemand zur Tafelfreude Musik haben wolle. Drehorgelspieler ziehen mit der Orgel auf dem Rücken daher, der eine geht voran, der andere hinterher und dreht. Zeitungsverkäufer schreien ihr Blatt aus, und bettelnde Derwische heischen mit dem Rufe Hu Hu ("Er") oder Hakk Hakk ("Gott") milde Gaben. Bettler gibt es unzählige, viele haben oder heucheln ein Gebrechen, die meisten betteln unverschleiert. Unverschämt sind alle. Ich gab einmal einem Mädchen etwas, es verschwand, um mich sofort von der anderen Seite von neuen anzubetteln. Junge türkische Zigeunerinnen von heller Hautfarbe und mit hübschen braunen Augen schmeicheln in süssklingenden Lauten um die Erlaubnis, wahrzusagen, aber in dem Gedränge ist nicht der Ort dazu. Da heißt es aufpassen, denn da die Bürgersteige meist fehlen, so schiebt und drängt sich Alles auf den Straßendamm daher, und kaum ist man noch rechtzeitig einem Pferde- oder Eseltreiber und seinen Tieren, die in breiten Tragkörben allerlei Lasten tragen, ausgewichen, so warnt wieder das "Warda" (Achtung, v. guarda) der Reiter oder einzelner Wagen, oder das Tuten der Pferdebahn, von der --echt orientalisch -- ein Läufer mit Trompete herläuft, um die Bahn frei zu machen. Die Pferdebahnanlage weiß sowohl in Pera-Galata als auch in Stambul nichts von all den Bedenken unserer Polizeibehörden. Da geht es bergauf und bergab, den tutenden Läufer voran, durch enge Straßen und alle Augenblicke scharf um die Ecke, immer in schneller Gangart, und doch passiert nie ein Unglück, denn das Publikum ist gewöhnt, acht zu geben. Überhaupt ist es sehr interessant, wie dies gewaltige Straßenleben ganz gut ohne Schutzmann auskommt.

Eine auffallende Erscheinung sind die Lastträger, die in Konstantinopel's engen und oft steilen Straßen den "Rollwagen" ersetzen, meist Armenier, muskulöse Gestalten, die unter überraschend großen Lasten gebeugt daherschreiten und den Unachtsamen, der nicht ausweicht, einfach umwerfen. Ein einziger Mann Mann trägt bis zu acht Zentner. Die Last ruht auf einem Tragsessel auf dem vorgeneigten Rücken. Besonders merkwürdig ist der Transport schweren Kisten und Fässer durch mehrere Träger, die bis acht an der Zahl und zu zwei oder vier nebeneinander und in zwei Gliedern aufgestellt, an langen, über die Schultern gelegten Stangen solche Last den steilsten Weg hinauftragen, indem sie in etwas schräger Richtung mit kurzen Schritten gleichmäßig voranschreiten. Eins der seltsamsten Straßenbilder liefert die freiwillige Feuerwehr. Seit einem Dezennium gibt es zwar eine von dem ungarischen Grafen Széchény militärisch organisierte Feuerwehr nach europäischem Vorbild, die sehr leistungsfähig ist, doch kann dieselbe mit ihrem schweren Fuhrwerk in den engen und oft steilen Straßen nicht schnell genug vorwärts und an manche Orte überhaupt nicht hingelangen. Daher kommt es, daß eine ältere, freiwillige Feuerwehr noch fortbesteht, obwohl sie mehr Schaden als Nutzen bringt. Es gibt hier auch eine freiwillige Straßenreinigungstruppe und auch sie ist von absonderlicher Art.

Wer hätte nicht schon von den Hunden von Konstantinopel gehört! Sie sind eine Rasse für sich, häßlich, ruppig, struppig, schmutziggelb, vorne Wolf, hinten Schakal oder Hyäne, und haben das Wesen der letzteren. Ihre Zahl ist unberechenbar, da sich aber schnell genug ihrer hundert zählen lassen, so mag es leicht hunderttausend geben. Sie sind sämtlich herrenlos und haben nur Rechte, keine Pflichten außer der einen, nämlich die Straßen rein zu fressen. Sie säubern dieselben in der Tat von allerlei Abfall und Unrat, von Knochen, fleisch- und anderen Speiseresten, deren Fäulnis die Luft in den engen Stadtvierteln noch mehr verpesten würde, und sind sozusagen in Gemeinden organisiert. Jede Hundegemeinde betrachtet ihr Stadtviertel als untastbares Gebiet, und wehe jedem fremden Hund, der sich hineinwaft. Er wird erbarmungslos niedergebissen. Oft genug verkündet wütendes Geheul solche Kämpfe und stört nicht selten die Nachtruhe. So nützlich diese häßlichen Köter in einer Stadt sind, wo aller Abfall auf die Straßen geworfen wird, so lästig sind sie doch dem Straßenverkehr, da sie einzeln und in Rudeln überall umherlungern und grundsätzlich Niemand aus dem Wege gehen. Oft liegen ihrer mehrere auf dem Bürgersteig und sonnen sich. Dann geht man wie alle Welt hübsch um sich herum, denn der Gebrauch des Stockes würde, wenigstens in den reintürkischen Vierteln, nicht nur ihrer eigenen "Opposition", sondern auch derjenigen der Einwohner, ihrer Patrone, begegnen.

Dem malerischen Bilde lärmender Händler, Musikanten und Bettler im buntesten Aufzuge, keuchender halbnackter Lastträger und anmaßender struppiger Hunde verleihen die verschiedenen Typen aus den besitzenden Klassen und fremden Nationalitäten noch größere Mannigfaltigkeit. Türkische Beamte in europäischer Kleidung mit dem roten Fes, Europäer mit Rundhut oder Zylinder, stattliche Perser in hohen Mützen von schwarzem Lammfell, arabische Scheiks, sonnverbrannt, bärtig, mit Adlernase und blitzenden Augen, Typen von wilder Schönheit in wehenden seidenen Gewändern, vermummte Türkinnen aus allen Ständen, europäische Damen in vornehm einfacher Kleidung, zuweilen im Geleit eines den Weg bahnenden Kawassen ihrer Gesandtschaft, stolze Tscherkessen in ihrer ritterlichen Tracht, gravitätische Alttürken mit Turban und langseidenen Kaftan, weiten Hosen und Weste mit Ärmeln, Griechen meist in europäischer Tracht mit rotem Fes, Albanesen in ihrer reichgestickten Kleidung, malerisch aufgeputzte Zigeuner von schlankem Wuchs mit tiefschwarzem Haar und schönen dunklen Augen, kurz alle Völker des Orients und Occidents scheinen sich hier ein Stelldichein zu geben. Die europäischen Türken unterscheiden sich in Folge unausgesetzter Rassenmischung nur wenig von den anderen europäischen Südländern. Man sieht alle möglichen Gesichtsbildungen von der mongolischtartarischen bis zu den edelsten kaukasischen, aber dem türkischen Urtypus, der mit dem mongolischen verwandt ist (kurzer gedrungener Körperbau mit groben starken Knochen, großer Rundschädel, niedrige breite Stirn, glatte Nase, spärlicher Bartwuchs, dunkles straffes Kopfhaar und dunkle bis gelbliche Hautfarbe), begegnet man nur selten, und dann sind es meist türkische Nomaden aus Kleinasien. In Konstantinopel herrschen durchweg vorderasiatische, kaukasische und griechischslavische Typen vor.

Cafe
Typ

Das weibliche Geschlecht ist, umgekehrt wie bei uns, auf den Strassen in der Minderheit und geht überdies dicht verschleiert, was dem Straßenleben einen besonderen und uns um so eigener berührenden Zug gibt, als wir gewohnt sind, von Zeit zu Zeit in ein hübsches Frauen- oder Mädchenantlitz zu schauen und Wuchs, Haltung und Gang, je nachdem zu bewundern. Von alledem nichts, soweit es Moslems angeht, denn bekanntlich müssen die türkischen Damen auf der Straße Alles verbergen, was die unsrigen zu zeigen lieben, das Gesicht unter dem Jaschmak (Schleier), die Gestalt unter dem Feredsche (eine Art Domino). Der Jaschmak von weißem Musselin soll nur die Augen frei lassen, doch lüften ihn die Frauen auch über Mund und Nase, um unbehindert sprechen und Atmen zu können. Die vornehmen Damen tragen europäische Schleier und diese oft so dünn, daß man das Gesicht deutlich durchscheinen sieht. Gegen diese Neuerung wenden sich polizeiliche Verbote unter Hinweis auf das Gebot des Propheten ebenso häufig wie vergeblich, trotzdem unter Umständen sofortige Verhaftung angedroht ist.

Viele Damen kleiden sich vollständig nach Pariser Mode, was ihnen gestattet ist, doch müssen sie auf der Straße den Feredsche überwerfen. Dies ist ein weiter Mantel ohne Ärmel, der in der Taille zusammengeschnürt bis auf die Füße herabfällt, während der Oberteil wie eine spanische (d.h. ursprünglich maurische) Mantille über Kopf und Schulter geworfen und unter dem Kinn zusammengehalten wird. Vermögende tragen ihn von Seide, die mittleren und unteren Stände in möglichst schreienden Farben, ganz rot, grün, blau, violett und gelb oder mehrfach gemustert. Unter dem Feredsche trägt die nicht europäisierte Türkin den Jelek, eine enganliegende Weste, die mit einem Gürtel über dem Shalwar, das sind wollene oder seidene Beinkleider, zusammengehalten wird. Als Fußbekleidung tragen alte Frauen noch die Terlik genannten gelbledernen Socken, aber die junge Welt bevorzugt europäische Stiefletten. Die Trennung der Geschlechter ist im Aussenleben eine so strenge, daß sich kaum Gelegenheit bietet, eine rechte Vorstellung von den türkischen Schönen zu gewinnen, denn selbst wo die öffentlichen Verkehrsmittel sie mit Männern zusammenbringen, auf dem Schiff oder auf der Pferdebahn, ist ein abgeschlossener Raum ihnen vorbehalten, und sogar die Metropolitan Railway, eine zweigleisige Drahtseilbahn, die von Pera unterirdisch nach Galata hinausführt, hat dem Rechnung tragen und ihre Wagen an der einen Schmalseite mit einem Vorhang ausstatten müssen, welchen eine rechte Türkin, sobald sie Platz genommen, vor sich zieht.

Frau
Frau
Frau

Die Einwohnerschaft von Konstantinopel setzt sich zusammen aus ca. 750 000 türkische und ca. fremden Untertanen. Von den ersteren sind etwa 450 000 Muhamedaner, 150 000 Griechen und 150 000 Armenier. Die europäische Bevölkerung wohnt unter dem Schutze ihrer Konsuln größtenteils in Pera und Galata, etwa 110 000 Seelen, darunter 50 000 Hellenen. Aus der Vermischung der Europäer mit Orientalinnen (Armenierinnen und Griechinnen) sind die Levantiner hervorgegangen, eine Mischrasse, von der so ziemlich dasselbe wie von den Kreolen gilt. Das europäische Leben ist ein in sich abgeschlossene, denn der Verkehr mit den Türken bleibt im Allgemeinen ein geschäftlicher und amtlicher.

Der Verkehr der Europäer untereinander ist naturgemäß ein Spiegelbild der politischen Verhältnisse des Weltteils; die verschiedenen Kolonien stehen zu einander wie die Nationen im Ganzen. Der Gesellige Mittelpunkt der deutschen Kolonie ist der Verein Teutonia, der ein stattliches eigenes Haus in der grande rue de Pera besitzt und in seinen schönen Räumen Konzerte, Liebhabertheater und Tanz veranstaltet.

Botschaft

Im Hochsommer freilich, wo Konstantinopel unleidlich wird, flieht wer nur kann an die erfrischenden Ufer des Bosporus oder an das Meer. Eigentlich sind nur die Botschaften gut gelegen, am besten wohl die deutsche auf ihrer schönen Höhe frei am Bosporus, die anderen sehr angenehm in Gärten innerhalb von Pera, das in seinen oberen, nach dem Brande von 1870 neu und meist in Stein erbauten Teilen überhaupt wohnlicher ist. Die Mehrzahl der Europäer muß sich aber so gut es geht behelfen und in behaglichster Ausstattung Ersatz für schlechte Lage und kleine räume suche. Viele passen sich in der Zimmereinrichtung der türkischen Art an, die durch reiche Ausstattung mit Teppichen wirkt und in der Vermeidung raumbeengender Möbel an die französische und italienische erinnert. In solchen Zimmern sieht man teppichüberdeckte Divane (soffa) an den Wänden, die ebenfalls mit Teppichen behängt sind, niedere Tabourette (tabla) für Kaffee und sonstige Erfrischungen, zuweilen noch einige Lehn- und Schaukelstühle und allenfalls eine Kommode, auf welcher Stutzuhr und Lampen stehen, wenn diese Dinge nicht auf dem Sims eines Kamins ihren Platz finden. Die Einförmigkeit des orientalischen Lebens wirkt auf das europäische zurück. Auf Theater, guter Konzerte, und andere Kunstgenüsse muß man verzichten. Man ist also lediglich auf das Vereins- und Familienleben angewiesen, denn auch die Hotels, von denen für Landsleute Kittreya's "Stadt Wien" empfehlenswert ist, die Restaurants, Cafés und Bierhäuser bieten wenig Annehmlichkeit. Das Nachtleben der europäischen Großstädte fehlt hier, was an und für sich kein Fehler ist, die frühzeitig verödeten Straßen sich schlecht oder gar nicht beleuchtet, und so geht man in der Regel zeitig zur Ruhe und amüsiert sich im Einschlafen über den Wächter, der in kurzen regelmäßigen Pausen seinen eisenbeschlagenen schweren Stock dröhnen auf das Pflaster stößt, jedenfalls, um den Dieben rechtzeitig sein Kommen anzuzeigen, bis man weder dies noch das Heulen der Hunde mehr hört und von Abenteuern träumt, die nur im Roman vorkommen.

Mauer

Quelle: Moderner Kunst in Meisterholzschnitte, Verlag von Rich. Bong, 1900, von rado jadu 2000

 



© Copyright 2000 by JADU

www.jaduland.de

 

Webmaster