Aus H.C. Andersens Heimat
von Emil Jonas
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Als der Märchendichter Hans Christian Andersen wie er selbst erzählte kaum Student geworden, vom Teufel besessen wurde und 1828 unter die Schriftsteller ging, schrieb er seine phantastische "Fußreise vom Holmenskanal nach der Ostspitze der Insel Amager". Damals war Kopenhagen eine kleine Stadt, die kaum 110 000 Einwohner zählte, während sie jetzt schon die Zahl von dreihunderttausend überschritten hat. Man wußte überhaupt nur wenig im Auslande von ihr. Bei den damaligen Verkehrsverhältnissen kamen nur wenig Reisende nach dem Norden, höchstens verirrten sich Diplomaten und einige Probereiter Hamburgischer oder Lübecker Handelshäuser dahin. Im Allgemeinen glaubte man im Auslande, sogar in Deutschland, daß die Eisbären bei hellem Tage in den Straßen der Stadt spazierten, und eigentlich erst nach dem ersten deutschdänischen Kriege schien man sich von der Haupt- und Residenzstadt Kopenhagen, die in der Geschichte des Nordens doch eine sehr hervorragende Rolle gespielt hatte, einen anderen Begriff zu machen, wozu die Entwicklung der Verkehrsmittel durch Dampfer- und Eisenbahnrouten wesentlich beitrug. Heute gehört die dänische Hauptstadt zu den meistbesuchtesten Städten Europas und verdient es auch der Eigenart ihres volkstümlichen Lebens sowohl als der herrlichen Umgegend wegen, wo die prächtigen Buchenwälder und das blaue Meer, üppige Felder und Wiesen eine reiche Kette von schönen Naturszenerien darbieten. Außerdem sah schon damals, als er seine erste Reise beschrieb, im Geiste das Erblühen der Stadt, als andere diese der insularen Lage wegen für unwahrscheinlich hielten. Er stand schrieb er auf einer Anhöhe, von wo er die Stadt überschauen konnte: "dort wo alles so verändert, daß ich es kaum wieder zu erkennen vermochte." Teilweise sah er seine Prophezeiungen in Erfüllung gehen; aber heute würde er wenn er noch lebte den Weg, den er damals auf seiner "Fußreise" zurückgelegt, nicht wiedererkennen können; denn alles ist verändert worden, die Stadt hat den Charakter einer Großstadt angenommen. Als Andersen seine "Fußreise" von der Holmensbrücke aus antrat, da überschritt er eine schmale, hölzerne Zugbrücke; heute wird der Kanal von einer breiten, prächtigen steinernen Brücke überwölbt, die dem Schloßplatze zur Zierde gereicht. Dicht vor der Brücke erhebt sich die von Christian IV. in Kreuzform erbaute Holmenskirche, das Pantheon der Marine , in deren hart am Kanal gelegenen Gewölbe die Seehelden Niels Irel und Toudenskiold ruhen; aber damals war diese kleine, hübsche Kirche von einer hohen, häßlichen Mauer umgeben, während sie heute frei steht und ihr gotischer Baustil ganz zur Geltung gelangt.
Betrat er nunmehr den Schloßplatz, dann stand vor ihm das mächtige Schloß Christiansborg, das nachdem das alte Schloß an derselben Stelle 1794 durch eine Feuersbrunst vernichtet gerade 1828 vollendet, kurz zuvor bei der Vermählung des Prinzen Frederik (späterem Könige Frederick VII.) mit seiner Cousine Wilhelmine von Dänemark eingeweiht worden war; heute steht auch dieses Schloß wieder in Ruinen, ein verheerendes Feuer legte die stolze Königsburg in der Nacht zum 4. November 1884 in Asche; aber vor demselben erhebt sich unversehrt die mächtige Reiterstatue des Königs Frederik VII., in dankbarer Anerkennung seiner dem Volke freiwillig 1848 verliehenen Verfassung. Andersen erzählt dann von der Börse, die ebenfalls von dem großen Bauherrn, Christian IV., in seinem eigentümlichen gotischen Stil erbaut worden und mit einem aus drei Drachen gebildeten Turm, der von der Stadt Lund ( im jetzigen Schweden) herübergebracht sein soll, geschmückt ist. Das Börsengebäude, das der Holmenskirche gegenüber liegt, ist seit jener Zeit unverändert geblieben, wenn auch in neuester Vergangenheit durch eine durchgreifende Restaurierung verschönert. Das Innere, das früher zu beiden Seiten des Börsensaals allerlei Kaufläden enthielt, hat einem großen Prachtsaal für die Börsenbesucher und mehreren wichtigen merkantilen Anstalten, als der Privatbank und Assekuranzgesellschaften gegen Feuer- und Seegefahr, Platz gemacht, welche wiederum Zeugnis ablegen von der großen Entwicklung des Handels und der Schiffahrt der Stadt. Breite, von mächtigen Häusern umrahmte Straßen, wo früher schmale Durchgänge sich befanden oder Wasser war, sind entstanden; eine mächtige Zugbrücke, die mittels Hydraulischer Kraft geöffnet und geschlossen wird und den größten Seeschiffen den Durchgang gewährt, erhebt sich jetzt über dem Meeresarm, der die Insel Amager von der Insel Seeland trennt, statt einer alten, schmalen Knüppelbrücke (Knibbelsbro), deren Andersen in seiner Reisebeschreibung gedenkt. Am wenigstens hat sich seit jener Zeit der auf Amager gelegene Stadtteil Christianshavn verändert; nur die Zuchthäuser daselbst haben Neubauten und leider auch Erweiterungen erfahren, während der 95 m hohe, schlanke Turm der Erlöserkirche unverändert den Seefahrern im Sunde als Merkmal dient, obgleich ihm durch die mächtige, 80 m hohe Kuppel der noch nicht vollendeten Marmorkirche, welche alle anderen Türme überragt, eine starke Konkurrenz erwachsen ist. Aber der Turm
ist einzig in seiner Art. Eine Spiraltreppe zieht sich an der Außenseite
des Turmes bis zur Kuppelspitze empor, und damals wie heute verläßt
kein Engländer Kopenhagen, der den schwindelnden Aufstieg nicht versucht
hätte. Die schöne Kirche wurde unter Frederick III. 1694 erbaut,
doch der Turm erst 1749 vollendet. Die Statue des Erlösers in Gethsemane,
umgeben von den Erzengeln, in weißem Marmor, bildet den Altar. Unter
den Grabgewölben ist das der Gräfin Vieregg der seltsamen Inschrift
wegen hervorzuheben. Sie war die Geliebte des Königs Frederick IV.
und starb bald nach der Geburt eines Kindes, das ihr acht Monate später
schon nachfolgte. Die Inschrift ist in deutscher Sprache abgefaßt
und lautet:
Andersens Weiterreise nach Amager, wo sich eine großartige Fabrikwirksamkeit entwickelt hat und ganze Kolonien von Arbeitern sich niedergelassen haben, legt man jetzt in unserer materiellen Zeit mittels Pferdebahn in solch kurzer Frist zurück, daß es nunmehr gar nicht möglich sein dürfte, seine Phantasie in Wirksamkeit treten zu lassen, geschweige eine phantastische Reisebeschreibung darüber zu liefern. Lebte Andersen heute noch, wahrlich er würde die Entwicklung des Landes, das Emporblühen der so sehr von ihm geliebten Stadt Kopenhagen und ihrer Umgebung, das Aufblühen der Industrie und des Handels für ein Märchen halten. Aber was würde er, der der reine Kosmopolit in der besten Bedeutung des Wortes war, gesagt haben, wenn er den bisher märchenhaft gehaltenen Gedanken, das Meer zwischen der Ostspitze der Insel Amager und der jenseits des Sundes 30 Kilometer fernen gegenübergelegenen schwedischen Stadt Malmö mit einer Dampffähre zu überbrücken, in nächster Zukunft realisiert sehen würde? Wie heute schon Eisenbahnwaggons vom Rhein und Süddeutschland direkt bis nach Kopenhagen über die Belte gelangen, so dürfte dann eine direkte Eisenbahnverbindung vom mittelländischen Meere bis zum Bottnischen Meere und dem Eismeere geschaffen sein! Und doch ist es kein Märchen, das wir hier erzählen, spricht man doch schon von einem Tunnel zwischen Amager und dem schwedischen Festlande unterhalb des Meeres; aber schon jetzt hat die nüchterne Wirklichkeit Andersens phantastische "Fußreise der Ostspitze Amagers" überflügelt. Andersen hat sowohl in seinem "Bilderbuch ohne Bilder", wie auch in einer ausführlichen Biographie die Geschichte seines intimen Freundes, des Bertel Thorwaldsen, erzählt. Er schildert uns in rührendster Weise das Märchen von Thorwaldsens Leben und Triumph, wie Glück und Sieg ihm überall folgten und wie die Menschen ihn bereits im Leben als Meister erkannten und ihm als solchen huldigten. Er berichtete, mit welcher Begeisterung das dänische Volk Thorwaldsens Idee alle seine Meisterwerke seiner Vaterstadt Kopenhagen zu schenken und in einem eigenen Museum zu vereinigen, in dessen Lichthofe er, umgeben von seinen Werken, sich seine letzte Ruhestätte erbat ergriff, wie alle, ja das geringste und ärmste Dienstmädchen, im ganzen Lande ihr kleines Scherflein zur Verwirklichung dieser mächtigen Idee beitrugen, und als endlich König Frederick VI. einen in nächster Nähe des Schlosses Christiansborg gelegene Bauplatz anwies, da erhoben sich bald die Mauern, die jetzt den Stolz des dänischen Volkes umschließen. Als in der nacht des 4. November 1884 die Flammen das Königshaus, die Christiansborg, vernichteten, waren die zunächst gelegenen Straßen und Plätze mit gaffenden, fast gleichgültigen Menschen erfüllt, nur dem schrecklich schönen Schauspiel zuschauend; aber in dem Augenblick, wo das Flammenmeer nach neuer Beute zu lechzen schien und dem Thorwaldsen Museum Gefahr drohte, da erhob sich ein Wehklagen und ein Jammern alle wollten retten helfen; alle fühlten sich in ihrem Innersten tief ergriffen. Sofort eilten Studenten und Offiziere herbei, bedeckten das Dach mit großen Segeln, die aus den Magazinen der Flotte herbeigeschafft worden waren, und nun übergoß man Dach und Mauern mit einer Flut von Wasser, und der Energie und der Ausdauer trotz der nahen brennenden Burg gelang es, Thorwaldsens Grab und Werke der Welt zu erhalten! Der Verlust des Schlosses war klein im Vergleich zu der Größe des Glücks, das Museum bewahrt zu wissen! Ohne uns hier auf die Details des reichen Inhalts des Thorwaldsenschen Museums, das bekanntlich zu den berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Welt gehört, heben wir nur das imposante Vestibule hervor, das die ganze Vorderseite des Museums einnimmt. Im demselben befinden sich die Modelle zu den mächtigen Denkmälern, die man berühmten Größen gesetzt hat. Auf unserem Bild sehen wir an der Wand, deren Fries mit dem Triumphzug Alexanders zu Babylon (Original im Vatikan) geschmückt ist, das Monument des Papstes Pius VII., welches sich in der Petrikirche in Rom befindet, zu beiden Seiten desselben die Weisheit und die Stärke. Daneben Gutenbergs Statue (Original in Mainz) und geradezu die Reiterstatue des Kurfürsten Maximilians I. von Bayern (Original in München). Thorwaldsens von ihm selbst gemeißelte Statue, die sich in einem Zimmer der unteren Etage des Museums befindet, wird wegen ihrer Porträtähnlichkeit gerühmt. Bewunderungswert ist es, namentlich an den Sonn- und Festtagen, zu sehen, mit welcher Andacht, ja mit welchem Verständnis der Bauer und der Arbeiter mit den Prinzen sich von Zimmer zu Zimmer bewegen. Der Sinn für die Schönheit und die Bedeutung der Kunst ist in alle Stufen der Bevölkerung eingedrungen. Bekanntlich verkehrte Andersen während einer langen Reihe von Jahren in der Familie des Stadtrats Melchior, dessen Gattin Dorothea, geborene Henriquez, ihn während seiner letzten Krankheit in ihrer Villa " Rolighed" am Strande bei Kopenhagen bis zur letzten Minute mütterlich pflegte, in intimster Weise; die ganze Familie betrachtete Andersen als zu ihnen gehörend. Er ging auch in dem Hause des Bankiers Henriquez aus und ein und fand in demselben Anziehungskraft genug, um sich auch dort heimisch zu fühlen. Frau Henriquez war sehr musikalisch, und ihr Salon war lange der Sammelplatz aller hervorragenden Persönlichkeiten der Kunst und der Literatur. Für Andersen mußte das Haus, worin der Bankier Henriquez wohnte, noch eine besondere Anziehungskraft haben, denn in demselben soll Christians II. Geliebte, Dyweke, das Täubchen von Amsterdam, gewohnt haben und gestorben sein. Der Baustil des Hauses deutet auf eine spätere Zeit, auch wollen neuere Forschungen beweisen, daß Dywekehaus fünf Häuser weiter davon sich befinde; aber im Bewußtsein des Volkes steht es fest, daß das Haus Nr. 4 auf dem Amagermarkt das richtige ist, und allgemein heißt es "Dywekes Haus". Nicht fern von dem eben bezeichneten Hause befindet sich wenn wir uns so ausdrücken dürfen das "lateinische Viertel", in welchem sich die mit der Universität verbundenen Institute gewissermaßen konzentriert haben. Unser Bild zeigt uns einen Teil der Chtystalgade, wo sich rechts das im Rundbogenstil erbaute Zoologische Museum, daneben die eine Breite der Universitätsbibliothek, im altgotischen Stil, befinden, und ganz unter die "Regung" (domus regia), wo 120 Alumnen Wohnung, Holz und eine gewisse jährliche Unterstützung erhalten. Auch Andersen hatte das Glück, von dieser von Christian IV. errichteten Anstalt während seiner Studentenzeit unterstützt zu werden. Ganz im Hintergrunde unseres Bildes erhebt sich der "Runde Turm", der 15 m im Durchschnitt mißt und zu dessen Plattform keine Treppen, sondern ein breiter Schneckengang allmählich hinaufführt. Peter der Große von Rußland soll bei einem Besuche in Kopenhagen hinaufgeritten sein. Hier befand sich lange Zeit das Observatorium, nunmehr dient er nur noch als Kuriosität und als Aussichtspunkt, meist für Fremde. Fast mitten in der Stadt erhebt sich in einem herrlichen Park das ebenfalls von Christian IV. erbaute hübsche Schloß"Rosenborg" im gotischen Stil mit drei ungleich hohen, schlanken Türmen. Hier wohnte der König mit seiner morganatischen Gemahlin im Kreise seiner sieben begabten Kinder. Schon seit langer Zeit unbewohnt, befinden sich jetzt hier die reichen und berühmten Sammlungen der dänischen Könige aus dem Oldenburger Geschlecht, das bekanntlich mit Frederick VII. ausstarb. Dieser König hatte stets ein großes Interesse für diese chronologisch geordneten Gegenstände und besuchte sie oft, obgleich ihm bei seiner bekannten Korpulenz das Ersteigen der schmalen Treppen beschwerlich fiel. Einst erschien er in Begleitung eines etwa zwanzig Jahre alten ägyptischen Prinzen Ali Mehemed, eines Bruders des verjagten Khedive, gegen dessen Beleibtheit der König jedoch ein Kind war. Es mußte der Prinz von seinen beiden ihn stets begleitenden Sekretären buchstäblich die Treppen hinaufgeschleppt werden, worüber sich der König höchlichst amüsierte. Der an das Schloß grenzende große Park, "Königsgarten" oder Rosenborggarten genannt, ist der Sammelplatz größerer und kleinerer Kinder, die hier unter Aufsicht spielen. Die schattigen Alleen und Gänge laden auch zum Besuch von Erwachsenen ein und in richtiger Erkenntnis, daß Andersen für kleine und große Kinder seine Märchen erzählte, hat man ihm hier 1880 ein Bronzedenkmal errichtet. Er sitzt in einem Lehnstuhl und scheint eines seiner herrlichen Märchen vorzutragen. Hans Christian Andersen war es kurz vor seinem Tode vergönnt, das Modell zu diesem Denkmal zu sehen, was wie er selbst sagte ein neues Blatt in dem "Märchen seines Lebens" bildete! Quelle: Vom Fels zum Meer, Verlag Spemann, Stuttgart, 1887, von rado jadu 2001 |
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