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Das Königreich Griechenland

Griechenland, das jedermann bekannte Hellas der alten Griechen, ist der südlichste Teil der Balkanhalbinsel und fiel um die Mitte des 15. Jahrhunderts ebenfalls den Türken zur Beute. Erst im Jahre 1821 brach ein allgemeiner Aufstand gegen die Türkenherrschaft los, der unter Beihilfe von Rußland, England und Frankreich mit der Befreiung Griechenlands und seiner Anerkennung als eigenes souveränes Königreich endete. 1863 wurde das Gebiet desselben noch durch die Abtretung der Ionischen Inseln an der Westküste und 1881 auf Anordnung der europäischen Großmächte durch Thessalien erweitert, so daß das Königreich gegenwärtig 65 000 qkm mit 2,5 Millionen Einwohnern umfaßt.

Je weiter nach Süden, desto reicher wird die Flächengliederung des Landes, und zahlreiche vorzügliche Häfen haben die Griechen von jeher vornehmlich auf die See angewiesen. Von Westen her schneidet der Golf von Korinth tief in das Land hinein, von Osten her kommt ihm der Meerbusen vom Ägina entgegen, so daß der ganze südliche Teil des Landes, Morea oder der alte Peloponnes, nur durch die schmale Landenge von Korinth mit dem Festlande der Balkaninsel zusammenhängt. Da dem sehr gebirgigen Lande größere Täler fehlen, so können sich auch keine Flüsse von Bedeutung entwickeln. Unter den Seen sind der Topolios oder Kopais und der Brachori oder Trichonis hervorzuheben.

Die Bewohner des Landes sind die Nachkommen der alten Hellenen, die mit vielen slawischen, illyrischen, albanischen und andern Stammelementen gemischten Neugriechen, große, schöne Gestalten mit scharf geschnittenen Gesichtszügen und von feurigem Temperament. In den verschiedenen Landschaften findet man die malerischsten Volkstrachten. Der, allerdings nur zum Teil, sehr fruchtbare Boden liefert ihnen Weizen, Gerste, Hirse und Mais, dazu treten Hülsenfrüchte und Gemüsepflanzen aller Art, vor allen Dingen Tabak, denn nicht nur ist das Rauchen eine hervorragende Leidenschaft des Griechen, auch unter den Frauen vielfach gebräuchlich, sondern Tabak ist auch ein bedeutender Ausfuhrartikel. Auch der Weinbau ist sehr ausgedehnt, denn griechische Weine sind in der ganzen Welt bekannt und beliebt; nur der ehemals so berühmte Malvasier soll gegenwärtig nicht mehr hergestellt werden können.

Nächst dem gekelterten Wein sind aber die getrockneten Weintrauben, die wichtigste Form, in welcher diese Frucht im menschlichen Verkehr und Haushalt auftritt, für Griechenland von der höchsten Bedeutung, namentlich die kleinfrüchtigen Sorten, die früher nur am Golf von Korinth gezogen wurden, daher ihr Name Korinthen, jetzt aber über fast ganz Griechenland, die Ionischen Inseln und die Inseln des Archipels verbreitet sind. Man rechnet, daß die Korinthenausfuhr allein fast die gesamte Einfuhr des Landes deckt. Ungeheure Mengen kommen von Patras, Korfu, Licata, Zante und aus andern Häfen. Die getrockneten Früchte werden in große Fässer eingepackt und kommen so in den Handel. Noch heute werden die kleinfrüchtigen Weinsorten im Peloponnes überall gezogen, wo der Boden es nur irgend zuläßt, und die Pflanzungen geben dem Lande ein ebenso eigentümliches Gepräge wie die Wohnhäuser der Landbebauer. Die Bauart läßt sich als ein Gemenge von italienischem und türkischem Stil bezeichnen. Die Häuser sind nämlich quadratisch und nur bis zum ersten Stock aus Stein, weiter hinauf aber aus Lehm und Stroh mit eingelegten Holzknütteln gebaut, was in den hier gar nicht seltenen Erdbeben seinen Grund hat. Der obere Teil wird aber mit Kalk beworfen, der untere bleibt häufig rohe Steinwand.

Der Grieche ist ein geborener Handelsmann. Nicht nur im Lande selbst bietet der Handel die Haupttätigkeit, sondern in allen größeren Handelsplätzen des Auslandes, in der Türkei, Rußland, Ägypten, Kleinasien, Italien, selbst in Frankreich und England sind auch griechische Kaufleute angesiedelt, die einen bedeutenden Umsatz zu erzielen wissen. Man hat berechnet, daß Griechenlands Gesamthandel in Ein- und Ausfuhr in fünf Jahren 536 Millionen Drachmen oder, die Drachme nach unserem Gelde zu 75 Pfg. genommen, 402 Millionen Mark betragen haben muß; die Korintherernte allein ergibt eine durchschnittliche Einnahme von 30 Millionen Drachmen. —

Das Königreich Griechenland wird einschließlich seiner reichen Inselwelt an der West- und Ostküste in 16 Monarchien geteilt. Diese sind auf dem Festlande von Süden nach Norden: Lakonia, Messenia, Arkadia, Argolis und Korinthia, Elis und Achaia, Akarnania und Ätolia, Phthiotis und Phokis, Attica und Böotien, Arta, Irikkaja, Karissa; auf den Inseln: Euböa, Kykladen, Kerkyra oder Korfu, Kephalonia, Zakynthos oder Zante. Unter den vielen Inseln sei hier nur die südlichste der Kykladen, Santorin oder Thira, hervorgehoben, als der Schauplatz häufiger unterseeischer vulkanischer Tätigkeit.

Besonders zu erwähnen ist aber noch Samos, eine 468 qkm große Insel, hart an der Westküste Kleinasiens, mit 50 000 Einwohnern völlig griechischer Nationalität. Sie bildet ein eigenes Fürstentum, das aber von der Türkei abhängig ist und an die Hohe Pforte, welche auch den Fürsten zu ernennen berechtigt ist, jährlich 300 000 Piaster, nach unserem Gelde etwa 54 000 Mark Tribut zahlen muß.

Überall in Griechenland wandelt man auf den Spuren einer großen Vergangenheit von der nichts geblieben ist, als Schutt und Trümmer. Wo Sokrates und Plato lehrten, wo Phidias und Praxiteles ihre herrlichen Götterbilder formten, die noch jetzt in den Gesängen jener Zeit leben, wo ein Volk lebte, das den zahllosen Heeren eines Xerxes Widerstand zu leisten vermochte, da sieht man nichts als Ruinen, und selbst die in neuerer Zeit allmählich wieder aufblühende Landeshauptstadt Athen ist neu erstanden zwischen den Trümmern des Altertums.

Quelle: Länder und Völkerkunde, Gustav Ritter, Verlagsdruckerei 1904, von rado jadu 2001

 

 



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