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~ Auf den klassischen Stätten von Hellas. ~

Von Paul Gisbert

Wir sind auf dem Wege von Brindisi nach Korfu. Das Schiff verläßt um Mitternacht den Hafen. Am Adriatischen Meer ist die Mitternachtsstunde sehr oft die Abfahrtszeit für die Dampfer. Es ist eine wunderbar märchenhafte Nacht, eine Mondscheinnacht von einer Farbentönung, wie wir sie oft auf den venezianischen Mondscheinbildern sehen und für übertrieben halten, für in der Wirklichkeit nicht erreichbar. Lau und lind sind die Lüfte und ein Meerleuchten ringsum, soweit das Auge reicht. Diese Pracht des Meereleuchten ist nicht zu beschreiben, etwas Ähnliches bringt die Natur vielleicht nur noch im Alpenglühen hervor. Aber das Meerleuchten greift noch mehr an die Seele, an die Sinne, es ist wundersamer, geheimnisvoller. Es ist, als ob das Meer, das gewaltige Element, Feierstunden hielte und sich für die Menschenkindlein, die es befahren, schmücken wollte. Der Nachtschmuck der Venus Anadyomene.

Alles ist an Deck, keiner von den Passagieren hat die Schlafkabinen aufgesucht. Es wäre auch geradezu ein Verbrechen an dem Schönsten gewesen, das die Natur des großen Urewigen und Rätselhaften, des Meere, zu bieten hat. Alles ist an Deck und staunt und bewundert und einer zeigt es dem andern, in nicht endenden Entzücken darüber, wie tief und wie weit es in dem Schwarzblau des nächtlichen Meeres glänzt und leuchtet. Vergebens bemüht sich ein Naturforscher unter den Passagieren mitten im Entzücken der anderen den Ursprung dieses Leuchtens, die Phosphoreszenz zu erklären und daß dieses Wunder gar kein Wunder sei, sondern durch mikroskopische kleine Organismen, Tiere und Pflanzen hervorgebracht werde. Man will diese Erklärung gar nicht hören, in solcher erhobenen Stimmung stört jedes Wort, das die Naturerscheinungen mechanisch zergliedert.

Uns, die wir das Meer oft in aufgeregter Stimmung, in beinahe gefahrdrohender, gesehen, uns war dieses Leuchten, welches gerade in dieser Nacht intensiver war als selbst in tropischen Gewässern, wie eine günstige Vorbedeutung für das Schöne, das sich nun in den nächsten Tagen vor uns auftun sollte. Ging es doch nach den Gestaden jenes Landes, dessen bestrickende Kunstfülle unter dem Wahrzeichen der Schönheitsgöttin, der Aphrodite, stand. Nach Griechenland, nach Hellas ging die Fahrt und das nächste Ziel war Korfu, die "Insel der Phäaken".

In den frühen Morgenstunden, als wir wieder an Deck waren, lag die bergige Küste Albaniens vor uns, der türkischen Provinz, in der noch ursprünglich noch der Kultur wenig beleckte Gebirgsvölker in einer Verfassung leben, die sich seit vielen Jahrhunderten um nichts verändert hat.

Bald hebt sich von dem Hintergrunde der albanischen Küste die nördlichste der ionischen Inseln, Korfu ab, eine hohe Gebirgsmasse aus Juragestein, an den sich nach Süden zu ein flaches Hügelland anschließt. Die Hauptstadt der Insel, die auch der Hafenort ist, an dem wir landen, liegt auf einem Vorsprung der Ostküste zwischen zwei zum Teil noch jetzt befestigten Hügeln, sie gewährt dem Ankömmling einen wohltuenden Anblick. In der Mittagsstunde fahren wir in den Hafen ein und haben nun den ganzen Nachmittag noch für unsere Besichtigungen zur Verfügung. Am nächsten Tag schon soll die Reise fortgesetzt werden. Und es ist mancherlei hier zu besichtigen, wenn auch noch nicht viel spezifisch Griechisches, das heißt auf die griechische Antike Bezügliches, denn Korfu war immer so in den Streit der Mächte hineingezogen, die um die Herrschaft im Adriatischen Meere rangen, daß beinahe alle Reste aus dem Altertum zertstört wurden. So ist es uns nur in Bezug auf die hellenische Landschaft eine Einleitung zu der Natureigenart von Hellas. Die Stadt mit einer Einwohnerzahl von ungefähr 30 000 ist ein lebhafter Handelsort. Das wird uns an der Belebtheit des Hafens schon augenfällig. Griechen und Albaner mit ihren frauenähnlichen "Fustanellen", Türken und Italiener wimmeln hier durcheinander. Ausgeführt wird zum größten Teil Olivenöl, zumeist nach Konstantinopel und Rußland. Öl ist denn auch das Hauptprodukt der Insel; die Olive bedeckt weite Flächen.

Das Originellste im Stadtbilde Korfus ist das Judenviertel, das etwas Orientalisches in das Bild bringt. Die Israeliten, spanische Juden, sogenannte "Spaniolen", haben einen beträchtlichen Teil des Handels in der Hand. Schön ist die Promenade, die sich oberhalb der Stadt hinzieht, die Esplanade die von den Engländern angelegt wurde. Waren doch die ionischen Inseln lange Zeit unter britischem Protektorat, bevor sie endgültig wieder zu ihrem Mutterlande Griechenland geschlagen wurden. England hatte vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1859 die eigentliche Herrschaft über die ionischen Inseln, und man muß es zugestehen, daß sie in materieller Beziehung, in der Verbesserung der Wege, in der Sicherung des Handels u.a.m. dem englischen Einflusse viel zu danken hat. Dem Touristen kommt er zweifellos sehr zu statten, daß die Insel Korfu in allen Richtungen von trefflichen Fahrstraßen durchzogen ist. Eine Stunde südlich von Korfu, auf der Kuppe von Gasturi, erhebt sich die in den letzten Jahren vielgenannte Villa Achilleion, bekanntlich ein Lieblingsaufenthalt der so schmählich hingemordeten kunstsinnigen Kaiserin Elisabeth von Österreich.

Es wäre eine Lücke im Programm der Besichtigung von Korfu, wenn man dieses schöne Bauwerk nicht besichtigte. Es ist von dem italienischen Architekten Carito in einfachem Renaissancestil errichtet und mit Statuen, Hermenbüsten und Malereien im klassischen Stil verziert. Das Wirkungsvollste an diesem Bau ist natürlich seine herrliche Lage. Für Literarturfreunde ist dieses Lustschloß insofern von eigener Bedeutung, als hier in einem Rundtempelchen ein Marmorbildnis von Heinrich Heine, einem Lieblingsdichter der Kaiserin Elisabeth, prangt. In spiritistischen Kreisen erzählt man sich, daß die schwärmerische Fürstin, die selber eine überzeugte Spiritistin war, im Trance Gedichte von Heine aus dem Jenseits empfangen habe. Auf einer Parkterrasse regt die kolossale Marmorfigur des sterbenden Achilles ( von Herter gefertigt), die dem Palast seinem Namen gegeben.

Zwei Tage und zwei Nächte währt die Fahrt auf dem Ionischen Meer und dann durch den Golf von Korinth — eine schöne abwechslungsreiche Fahrt, bei der wir alle ionischen Inseln zu Gesicht bekommen. Vertraute Namen tönen aus unser Ohr: Paxos und Antipaxos, Leukas, Ithaka, des Odysseus Land Kephalonia und Zante, Patras, der Strand des gebirgigen Achaja, und nun Korinth. Wir sind im Herzen von Griechenland. Eine kurze Fahrt noch durch die Straße von Korinth und der Golf von Aegina öffnet sich uns. Unser Ziel, Piraeus, die Hafenstadt von Athen, ist nahe; sie liegt kaum eine deutsche Meile südwestlich von der Hauptstadt, an einer geräumigen Hafenbucht, die durch die Halbinsel von Munychia von dem Saronischen Golf geschieden wird. Themistokles schon gründete hier eine Hafenstadt, die später von Sulla zerstört wurde. Die jetzige Stadt, die an 50 000 Einwohner zählt, ist jüngeren Ursprungs und erst im Jahre 1837 auf der alten Stätte unter dem alten Namen neu aufgebaut worden. Sie hat sich rasch entwickelt und wird als zweite Hafenstadt von steigender Bedeutung; sie ist Hauptausfuhrort für Öl und Oliven und auch in mannigfachen Industriezweigen, zumal in Textilwaren und Maschinenfabrikation, betriebsam. Naturgemäß ist hier von antiken Überresten wenig vorhanden, nur einige Theater- und Mauerrudimente, aber der Fremde wird sich an den Toren Athens mit diesem weniger nicht aufhalten, winkt doch die Stadt Athenes selber, mit der Fülle von Andenken an die Glanzzeit von Althellas, die durch viele Generationen schon über die Kulturwelt strahlt, — das Mekka für alle Kunstfreunde, die zu den Trümmern der alten Tempel wallen.

Eine kurze Eisenbahnfahrt, und wir sind am Ziel. Der Berg zur Rechten ist der Hymettos und etwa 2 km vom Fuße dieses jedem Gebildeten bekannten Berges erhebt sich isoliert ein Felsenhügel — die Akropolis, die Burg der Pallas Athene, früher der der Mittelpunkt der alten Stadt und jetzt noch ihr Stolz, wie der Kopf der Tochter Jovis heute noch ihre Wappenzier ist.

Unmittelbar nördlich vom Felsen der Akropolis liegt in einem Halbkreise das heutige Athen, die Hauptstadt des Königreichs Griechenland. So neu wie das Königreich der Hellenen, so neu ist auch die Kapitale; sie wurde unter dem König Otto (dem aus Baiern zur Herrschaft berufenen Prinzen) nach einem Plan des bairischen Baumeisters v. Klenze wieder hergestellt, fast neu geschaffen. War die Stadt doch unter türkischer Herrschaft zu einem unbedeutenden häßlichen Landstädtchen herabgesunken.

So zeigt denn auch das Straßenleben Athens einen ganz modernen Charakter. Gleich vom Bahnhof kommen wir in eine der Hauptstraßen, in die Hermesstraße, die die Stadt in zwei ungleiche Hälften teilt. Auch andere Hauptstraßen kommen uns bald zu Gesicht, die alle klassiche Namen tragen: die Piräos-, die Athene-, die Aeolos- und die Stadionstraße.

Aber sie können unser Interesse nicht lange fesseln, nach einem nur streben wir: die Akropolis zu sehen, uns in die Vergangenheit von Hellas zu versenken.

Bald schreiten wir durch die Propyläen, die Trümmer altgriechischer Kunst umgeben uns, wir sind auf der Akropolis.

Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Welt Verlag, 1905, von rado jadu 2001