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~ Phantasien auf der Akropolis ~

Jahrtausende steigen aus dem Strom der Geschichte, viele Millionen von Menschen wallen vor unserem geistigen Auge vorüber, Vergangenes steht auf und wird wieder lebendig; wir stehen auf der Akropolis, dem Mittelpunkt der Stadt, die selber der Mittelpunkt von Hellas war, ja "das Auge von Hellas", "Hellas von Hellas", wie es genannt wurde. Wir sehen die Stadt erstehen und wieder vergehen, bis wieder ein Neues daraus wurde, etwas ganz anderes.

Theseus taucht vor unserem Auge auf, der kühne Held und Schützling der Athene, noch ganz in Dunkel gehüllt, und in helleren Umrissen schon Pisistratos, der "Verschönerer der Stadt", wie er der stadtschützenden Athene das Gelübde tat, Athen zur herrlichsten Stadt Griechenlands zu machen. Und die Stadt wuchs um den Burgfelsen herum, der alte Markt, die "Agora" wurde belebter, dem olympischen Zeus, dem Vater ihrer klugen Göttin, wurde am Fuße der Burg ein großer Tempel errichtet, zu dem alten Athenetempel wurde ein Säulenumgang hinzugefügt und der Burgeingang mit einem Festtor geschmückt. Und Tausende kamen zu opfern. Die Zahl der Bewohner stieg und die Heiligtümer mehrten sich. Fremde Gestalten mischen sich jetzt mit denen der Griechen, Asiaten, Perser sind es, die die Stadt erobern und verwüsten. Alles was Menschenfleiß und frommer Sinn errichtet und aufgebaut, wird zerstört, das Wehgeschrei der Kreatur erfüllt die heiligen Stätten.

Themistokles schreitet vorüber, der Retter des Vaterlandes, der die Feinde vertreibt. Und sie kehren auf die Trümmerstätten zurück und beginnen ihr großes Stadtwerk wieder von neuem. Eine gewaltige Stadtmauer entsteht ringsum mit riesigen Türmen versehen und 10 Toren, darunter das heilige Tor, das zum Richtplatz führt. — Cimon folgt, er große Staatsmann, die Stadt kommt wieder zur Ruhe, die Künste beginnen von neuem zu blühen, die alten Tempel werden hergestellt, neue erheben sich, es ist als ob sie ihres Tagewerkes nicht froh sein könnte, wenn sie ihrer Götter nicht gedenken.

Und immer weiter breitet sich die Lebensfreunde, wie Sonnenschein liegt es über der Stadt, fröhliche Scharen ziehen an uns vorüber, Altäre zu schmücken und des Lebens Güter zu preisen, ein Menschenpaar, ein schönheitskundiges, ist unter ihnen, die Fröhlichen anzuspornen und die Freude, "die Tochter des Elysiums", zu erhöhen — Perikles und seine schöne Freundin Aspasia. Das Odeion ersteht, ein Holzbau, wie ein persisches Königszelt anzuschauen, als wolle man sich in Freuden der schrecklichen Perserzeit erinnern; die Akropolis, die finstere Zitadelle wird geschmückt und verziert, auf das sie immer heller und dem Auge der kunstfreudigen Griechen gefälliger werde, die Propyläen werden hervorgezaubert, Mnesikles, ihr Schöpfer, schreitet an uns vorüber — der Parthenon wächst in seiner Pracht vor uns auf und das Theseion, das über der Agora, dem Markthügel, sich erhebt. Hephaistos und Athene sollen hier gemeinsam verehrt werden.

Die Griechen waren ein wahrhaft frommes Volk Volk und wollten keine Gottheit vernachlässigen, von der sie je gehört. Und wieder schreiten Krieger vorüber, die die Freude und den Frieden stören, die rauhen Spartaner, die Feinde des frohlebigen Athens. Aber bald erfüllt leuchtender Geistesglanz die folgenden Reihen, die jetzt wie in einem frohen Reigen vorüberziehen, Dichter und Denker, die das Höchste, was die Menschenbrust erfüllt, auszudrücken versucht.

Aeschylos, der strenge düstere Tragiker, Sophokles, der große, gewaltige, der bis in sein Greisenalter den Musen die Gunst abgetrotzt, Euripides, der sein Geist, der die Geistesfrüchte seiner Vorgänger mehrte, Phidias, der große Bildhauer und Zeuxis und Apelles, die Maler, sind dabei und die Weisen, Sokrates, Plato und Aristoteles mit den Schülern, die sie umringen. Das alles zieht vorüber. Und eine Lichtgestalt tritt jetzt in unseren Kreis, der jugendliche Fürst von Mecedonien, Alexander, der, obwohl ein Macedonier und den Griechen fremd, fremd durch seine Herkunft, aber nahe durch seinen Geist, durch seinen feurigen, weltumfassenden, kunstsinnigen, alles das zusammenfassen wollte, was Griechentum und vor allem Athenertum hieß, damit den Orient zu befruchten.—

Die Ptolemäer, die kleinen Nachfolger des großen Alexander, erscheinen und syrische Könige, die das Kunsterbe der Hellenen antreten — dann die stolzen Römer, zuerst gegen die Hauptstadt der Hellenen wütend, als sei der alte troische Haß ihres Urahns Aeneas noch in ihnen lebendig, aber zuletzt doch von dem Kunstgeist der Stadt bezwungen. Die Göttin Roma und dem Cäsar Augustus errichtete man Tempel. Überall erhoben sich Andachsstätten, griechischen und römischen Gottheiten geweiht. Und unter den Altären befand sich auch einer, dem "unbekannten Gott" errichtet.

An diesem Altar steht eines Tages ein Welteroberer besonderer Art, ein Mann von kleiner Gestalt, aber voll gewaltigen Geistes und glutvoller Beredsamkeit und lobt der Athener Klugheit, daß sie auch dem unbekannten Gotte einen Altar geweiht, denn von diesem unbekannten Gotte wolle er reden. Und von diesem sprach er denn zu ihnen mit feuriger Zunge, von diesem Gott der Liebe, die aber anderer Art sei, als die Liebe der Venus Anadyomene. Apostel Paulus war es, der ihnen solches kündete und die Zahl derer, die von seinen Worten bezwungen wurden, war groß und mehrte sich. Das Christentum, die neue Weltreligion, hatte in der Stadt Athenes Fuß gefaßt. Die Mehrheit aber hing noch an den alten Göttern und ein neuer Förderer erstand ihren Tempeln und dem Kunstgeist der Stadt.

Hadrian, der mächtige Kaiser, wird ihr Schützer und Gönner. Athen blüht wieder wie in der besten Zeit, prächtige Bauten erheben sich, darunter das Olympion, der Tempel des olympischen Zeus mit der Kolossalstatue des Gottes aus Gold und Elfenbein. Ein neues Stadtviertel baut man um diesen geheiligten Tempelbezirk, das man dem kunstsinnigen Kaiser zu Liebe "Hadrianopolis" nannte. Und Inschriften an einem Torbogen künden davon, daß Hadrian sich als Neugründer der Stadt fühlte. "Nichtdes Theseus Stadt ist Athen, sondern die des Hadrian" und "Hadrian baute die Stadt von neuem" lesen wir heute noch.

Die Herrlichkeit Roms sank und die Byzantiner durchschreiten die Stadt. Mit dem schwindenden Heidentum schwindet auch die Bedeutung der Stadt und ihre Pracht. Die Götter wandern ins Exil. Der Sturm der Völkerwanderung zieht über die Länder Europas. Auch Athen wird von ihm betroffen. "Barbaren" dringen ein. Goten, Normannen, Bulgaren, Albanesen, die in großer Zahl sich hier niederlassen. Die vornehmen Familien wandern nach Kleinasien, nach dem alten Ionien aus. Die Stadt verödet mehr und mehr. Jahrhunderte schwinden. Athen schläft den Todesschlaf. Fränkische und italienische "Condottieri", kühne Söldnerführer bemächtigen sich der Stadt.

Dann die kunstfeindlichen Türken, und unter dem erstarrenden Wüstenhauche des Islam wird Athen gänzlich begraben. Dem schwarzen Obersten der Eunuchen fällt es als Beute anheim, dem Khislar Aga wird "das Auge von Hellas", das Kleinod der Pallas Athene, vom Khalifen als Geschenk überwiesen. Das ist der Tiefstand im Schicksal der Stadt. Tiefer konnten die griechischen Götter nicht gedemütigt werden.

Und mählich dämmert es wieder — die Morgenröte einer neuen Zeit zieht auf. In der Kulturwelt wird das Erinnern an die Schätze wach, die ein hochbegabtes, feinempfindendes Volk hier angehäuft. Die Griechen besinnen sich auf ihr Volkstum, das so lange verschüttet lag — Freiheitskämpfer durchschreiten die Stadt. Die Akropolis wird wieder ein Palladium, um das gerungen wird im männermordenden Krieg. Das neue Hellas ersteht und das neue Athen. Germanische Fürsten beleben es. Neue Blüten, neue Früchte — aber das alte Leben ist unwiederbringlich dahin. Niemals mehr kehrt die Zeit zurück, wo hier ein ganzes Volk einmütig und in göttlichem Frohsinn verbunden, dem Kultus des Schönen oblag und die Götter zu Menschen wandelte — nie mehr leuchtet der Himmel von Hellas so ungetrübt über Athen, wie in den Zeiten des Perikles.

Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Welt Verlag, 1905, von rado jadu 2001

- Die Akropolis -
Athen: Akropolis
Die grosse Göttin der Liebe: Aphrodite
Ionien

Milet (Miletos) einstige Metropole in Ionien