Die schönste Handelsstadt - Rotterdam
von
Franz von Löher

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Erst ein hölzernes, dann ein steinernes und endlich ein ehernes Denkmal setzten die Rotterdamer ihrem Erasmus. Er ist ja einmal ganz der ihrige, nannte er sich in seinen Büchern und Briefen nur Erasmus von Rotterdam, obwohl diese Stadt kein anderes Anrecht an ihn hatte, als das ihn hier im Jahre 1467 ein schönes Mädchen gebar, die Tochter eines armen Arztes, die dem reichen Holländer Gerhards oder Gerritz gar zu gut gefallen hatte. In der Nähe seines großen Denkmals hat Erasmus oder, wie er eigentlich hieß, Gerhard Gerhads (holländisch: Gerrit Geritzs) noch ein kleineres Standbild bekommen, nämlich vor seinem Geburtshause in der weiten Kirchstraße, und das neue, große Gymnasium ist ebenfalls nach ihm benannt. Und doch besuchte er nicht einmal die ersten Schulen in Rotterdam, vielmehr in Deventer und Utrecht, und ist auch später nach der Vaterstadt nur zum Besuche gekommen. Seine Wirksamkeit brauchte einen Boden wie London, Paris, Oxford, und zu seinem Hauptsitz wählte er die Bücherstadt Basel. Die Rotterdamer aber, deren Mehrzahl sich gar wenig um Wissenschaft bekümmert, es sei denn soweit sie Geld und Vergnügen bringt, haben den großen Gelehrten in einem lang niederwallenden Doktormantel aufgestellt und ihm ein ansehnliches Buch in die Hand gegeben, und sie flüsterten ihren Kindern geheimnisvoll zu, wenn Erasmus vom nahen Laurenziturm die Mitternachtsstunde schlagen höre, wende er jedesmal ein Blatt um in den großen Buche. Das wird den Kleinen als gewißlich wahr so lange vorgesagt, bis sie endlich dahinter kommen. Das bronzene Standbild wurde, und das ist wahrlich eine Ehre für die damaligen Bewohnern der Stadt, schon im vierten Jahre des dreißigjährigen Krieges errichtet. Den Bildhauer weiß man mit Sicherheit nicht mehr anzugeben, er soll der Vater des berühmten Malers de Kaijser gewesen sein. Er setzte es mitten ins Marktgewühl, auf den sogenannten großen Markt, der aber hauptsächlich nur eine Brücke ist, welche einen Kanal überwölbt, in dessen Nähe, was täglich die Küche braucht, ausgebreitet und verhandelt wird. Erasmus kehrt dem Gewühl den Rücken zu und schaut auf den stilleren Kanal. Will man von hier nicht nach der Maas zu, sondern in der entgegengesetzten, nördlichen Richtung, so gibt es gleich viele Stufen zu steigen, bis man oben auf der Hoogstraat (Hochstraße) steht, die ehemals ein langer Damm war, welcher die Stadt gegen den Fluß abschloß und gegen seine Überschwemmungen Schutz gewährte. Jetzt ist die weite Stätte zwischen der Maas und der langen Dammstraße verwandelt in die schönste Handelsstadt, wie sie nur irgendwo auf dieser Erde zu erblicken. Was nördlich liegt, war die alte Binnenstad, noch jetzt eine Handwerker- und Krämerstadt voll enger Gassen, in denen jedoch auch hübsche Häuser stehen. Das andere ist die Buitestad (Außenstadt), prächtig am breit wogenden Strom hin.
Um das ganze Stadtbild zu überschauen begeben wir uns zur "Großen Kirche", (Groote Kerk), die dem h. Laurentius geweiht worden, um ihren Turm zu besteigen, der wie eine ungeheure Säule ohne Spitze von allen Seiten über die Dächer hoch emporragt. Diese Kirche ist ein Backsteinbau und wurde erst im letzten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts errichtet, aber keineswegs in dem edlen und feingeschmückten Stil, wie man damals in Deutschland Kirchen baute. Auch das weite leere Innere dieses Domes bietet nichts Anziehendes als die marmornen Grabmäler berühmter Admirale, deren Holland ja im siebzehnten Jahrhundert nicht wenige gehabt hat. Jeder hat sein Denkmal bekommen; denn die Holländer hatten von jeher die schöne Gewohnheit, das Andenken an ihre großen Männer durch Grabmäler und Denksteine in ihren Kirchen zu verewigen. Auch von den hier bestatteten Seehelden Corneliszoon, de With, Cortenaer, van Brakel, de Lief, Han van Rees, Cornelius Matelief und Mooi Lambrechts wissen lange Inschriften große Taten und Verdienste zu rühmen. Und doch ragten sie den wahrhaft bewundernswerten Seehelden, wie de Ruyter, de Witt, van Gaten, Tromp, Evertsen, noch nicht bis an die Schultern. Die Wappen aber der Grabmäler sind zerstört: denn als die Heerscharen der ersten französischen Republik in Holland eindrangen, warfen sie sich mit lächerlichem Ingrimm auf die Adelswappen und schlugen sie so eifrig herunter, als würden damit auch die geschichtlichen Erinnerungen vernichtet. Einen großen Schatz aber besitzt die Laurenzikirche, das ist ihre Orgel, die beinahe fünftausend Pfeifen, darunter wahre Riesen, hat und prachtvolle wie äußerst mannigfaltige Töne. Das holländische Gehör scheint für feine und gedankenreiche Musik weniger eingerichtet zu sein als für das gewaltige Brausen und Hallen und süße Flöten der Orgel. Hat man nicht das Glück, einzutreten, wenn gerade Gottesdienst ist und die Orgel gespielt wird, so lassen man sich den hohen Genuß nicht entgehen, diese herrliche Orgel zu hören: der Organist, man braucht es nur dem Küster zu sagen, ist jede Stunde für ein paar Gulden bereit zu spielen und ist gewöhnlich Meister darin. Wir besteigen nun den Turm, es ist keine geringe Arbeit, denn es sind 326 Stufen. Ist man aber endlich oben, welche weite, freie, herrliche Aussichten! Ringsumher das Rundbild einer Stadt, deren Bestandteile sich klar und deutlich abzeichnen: drüben über der Hochstraße ein Gewirr von grauen und rötlichen Dächern; auf der entgegengesetzten Seite große blinkende Wasserbecken, eines am anderen, umsetzt von stattlichen Wohn- und Lagerhäusern; auf der bald gelb, bald grünlich schimmernden Maas zahllose Boote und Schiffe; am Flusse hin Baumreihen, lockend zum Spaziergang, die sich nach Westen hinziehen, wo ein schöner Park, natürlich wieder helle Weiher dazwischen, sein Laub- und Wiesengrün ausbreitet. Die ganze Stadt aber durchzieht von Norden nach Süden in scharfer Linie der Viadukt, der auf eisernen Stützen und steinernen Unterbauten die Eisenbahn trägt und auf langen Brücken über die Maasarme, welche die Inseln Noordereiland und Feijenoord umfassen, hinzieht.
Rings aber um das Stadtbild breitet sich bis in halbdunkelnde Weiten eine unermeßliche grüne Ebene, durchzogen von Kanälen und Flüssen, besät mit Landhäusern und Windmühlen. Fern und nahe, noch im tiefen Horizonte steigen Kirchtürme empor, die ein Wahrzeichen, daß dort eine Ortschaft sich ausbreitet, und zwar so bedeutende Städte wie Schiedam, Briel, Deflt, Haag, Leiden, Gouda, Dordrecht, Willemstad und noch andere eine eigentümliche Landschaft, da sie auf weite Entfernungen stets genau den gleichen Charakter zeigt. An Berghöhen ist ja nicht zu denken. Wohin man sich wendet da oben auf dem Turme, ist alles offen, kein Vorsprung, kein Fensterbogen hindert; den der gewaltige Turm hat auf seiner Höhe nur eine Fläche. Entweder ging seinen Erbauern die Lust oder das Geld aus; statt eines Steingipfels hielten sie eine Art hölzerner Turmspitze für hinreichend. Mit dieser aber spielten Sturm und Wetter, bald hing hier, bald dort ein Balken schief und stürzte herunter. Nachdem man wieder und wieder daran geflickt hatte, wurde endlich das gesamte Holzwerk abgeworfen: es war kurz vor dem Westfälischen Frieden, um dessen Zustandekommen man auch in Holland flehte mit aufgehobenen Händen. Denn auch dieses Land litt gräßlich unter den verheerenden Kriegsstürmen, obgleich seine Opfer und Verluste gar nicht im Vergleich zu setzen mit den unabsehlichen Trümmerstätten im Inneren von Deutschland. Im Westfälischen Frieden erhielt Holland die heißersehnte Unabhängigkeit zugestanden, und nun begannen seine rasch sich ausdehnenden, reich sich lohnenden Eroberungen im Handel und Kolonialwesen. Deutschland lag ja da wie gelähmt im Starrkrampfe und mußte sich die Preise für die Waren gefallen lassen, die ihm die Holländer zuführten und die sie ihm abnahmen. Den größten Vorteil dieses geldreichen Handels zogen Amsterdam und Rotterdam, jenes versorgte Nord-, dieses Mittel- und Süddeutschland. Rotterdam hatte aber damals noch nicht den zehnten Teil seiner jetzigen Größe. Diese Stadt hat sich überhaupt spät entwickelt. Gegründet am Einfluß der Rotte in die Maas und davon benannt, erhielt sie erst im Jahre 1272 Mauern und erst 70 Jahre später Stadtrecht. Der älteste Teil hieß die Polderstad; denn Stück für Stück war der Boden dem Flusse abgewonnen, indem man Polder anlegte, d.h. ein kleines Stück nach dem anderen mit dämmen umzog, auspumpte und trocknete. Fast in jedem Jahrhundert wurde deshalb Rotterdam ein paarmal vergrößert. Als die Stadt recht aufzublühen anfing, geriet sie 1572 durch Verrat in die Hände der Spanier, die sie gründlich ausplünderten. "Zur Rekreation" gab der Statthalter, Wilhelm von Oranien, Rotterdam, als der ersten unten den sogenannten kleinen Städten, Sitz und Stimme im Parlament der Staaten von Holland. Auch die Franzosen nahmen den Reichtum der Bevölkerung schrecklich mit, seit dem Sturze aber des ersten Napoleon ging es rasch mit Handel und Schiffahrt und Gewerbefleiß in die Höhe, und zwar ganz im gleichen Schritt mit dem Aufschwunge Deutschlands. Rotterdam ist ja der große Rheinhafen am Ausflusse unseres Stromes ins Meer. Die Bevölkerung, die sich in den letzten sechzig Jahren verdreifachte, hat bald das zweite Hunderttausend überschritten, und die vier- bis fünftausend Schiffe, die in Rotterdam landen, bringen aus Deutschland Wein, Tuch, Seiden- und Leinenzeuge, Eisenwaren und Erzeugnisse des Kunstfleißes, und für Deutschland bringen sie Tabak, Kaffee, Zucker, Reis, Gewürze nebst Getreide, Butter und Rauchfleisch und was sonst alles aus Ostindien und Amerika kommt. Leider bezahlen wir das, außer mit Kohlen und Gewerbsware, mit den großen Massen von Holz und Brettern, die unsere schönen Wälder hergeben müssen. Mit jedem Waldstück, das bei uns die gefräßigen Äxte der Holzhändler wegnehmen, geht auch der Umgegend ein Wahrort von Gesundheit wie Fruchtbarkeit verloren. In dieser Beziehung liegt uns Holland zu nahe, da es so viel Holz für seine Schiffe und Dämme verbraucht, und wir müssen noch froh sein, daß seine guten Klinkers oder Backsteine und Eisengerüste am Holze sparen lassen. Rotterdam selbst spielt eine Rolle in der Erzeugung aller Arten von Branntwein und beschäftigt auch reichlich Fabriken für Mineralfarben, Maschinen und Herrichtung von Zucker und Tabak.
Die anderen holländischen Städte läßt der Aufschwung Rotterdams namentlich in den letzten dreißig Jahren weit hinter sich. Sie haben ja nicht seine glückliche Lage, welche auf kürzestem Wege Frachten und Personen auf Eisenbahnen und Dampfschiffen von und nach dem großen Deutschland gehen und kommen läßt. Noch längst hat sich die Stadt nicht ausgewachsen, davon überzeugt ein Gang durch die Stadtteile hüben und drüben an der Maas. Die Größe wie die Menge der stattlichen Geschäftshäuser, die hier in kürzester Zeit entstanden, die geschäftigen Volksmassen, die zwischen den Wasserbecken sich hin und her treiben, das unaufhörliche Brausen und Pfeifen der Dampfschiffe und Dampfwagen, die unzählbaren Boote und Lastschiffe, die hier und dort ihre Segel ausspannen alles trägt das Gepräge eines neuen, mächtigen Lebens, das mitten in seiner Entwicklung und Ausdehnung begriffen ist. Schon jetzt hat Rotterdam so viele Schiffe als Antwerpen, und Amsterdam kaum noch die Hälfte davon. Es ist eine seltsame Wanderung da zwischen den vielen Wasserbecken, die eine Tiefe und Weite haben, daß die größten Ostindienfahrer hineinlaufen können. Frischende Seeluft weht einem entgegen mitten zwischen all den Werften, auf denen unaufhörlich gehämmert, gesägt und geschnitten wird. Läßt doch die Flut, wenn sie von dem fünf Wegstunden entfernten Meer herandringt, in wenigen Stunden das Wasser bis zwei Meter höher erheben, ja noch höher, wenn es draußen stürmt und die Wogen klatschend heranstürzen. Auf der rechten Maasseite sind dieser bald breiten, bald langen Hafenbecken ein Dutzend, auf der anderen Seite zwar nicht so viele, aber doch noch größere, die bereits rings von einem Geflecht der Eisenbahnen umzogen sind, welche den Warenverkehr beschleunigen. Man kommt da von einer Brücke auf der anderen und sieht und hört beständig Schleusen sich öffnen und schließen. Die größten Seedampfer zeigen sich in allen möglichen Lagen, hier hebt einer seinen Bug hoch über dem Wasser, dort taucht ein anderer noch tiefer ein, um leichter ein- und ausladen zu lassen. Boote und Segelschiffe legen sich dicht an, gleichwie Sklaven, um diese großen Herren zu bedienen. Leicht ist es zu merken, das heutzutage die Dampfschiffe die Meeresherrscher sind; gering erscheinen dagegen die Segelschiffe an Zahl und Bedeutung, wenn ihr Bauch und Segelwerk auch noch so breiträumig sich darstellt. Die ganze Geschäftsherrlichkeit von See und Strom entfaltet sich, wenn man über die Wilhelms- und Königsbrücke, die neben dem stolzen säulengetragenen Bahnviadukt herlaufen, über die Maas und das Noordereiland nach der Insel Feijenoord geht. Fort und fort seiht man man Dampfschiffe auslaufen, welche in die Nachbarschaft gehen nach Briel, Gouda, Dordrecht, Midelburg, Antwerpen oder weiter nach deutschland hin oder weiter nach Hull und Liverpool, Havre und Bordeaux, Hamburg und Petersburg. Einen fröhlichen stimmenden Vorzug hat Rotterdam vor den meisten Seestädten voraus: das ist die Menge frischen Baumgrüns, das sich in den Gewässern spiegelt oder am Ende der langen einförmigen Häuserseiten hervorlauscht. Fast das ganze linke Maasufer, von der Osterkade die Reihe der Boompjes (Bäumchen) entlang bis zum Willemsplain hat man Fluß und Schiffe und belaubte Bäume, Häfen, Wohn- und Lagerhäuser bei einander. Kade aber heißt ein Quai und Plain ein Platz; die Holländer denken nicht daran, Wörter, die sie von den Franzosen entnehmen, ihnen ängstlich nachzusprechen, machen sie sich vielmehr gleich bequem und mundgerecht; das Comptoir de la mer wird deshalb zum verständlichen Seekantoor (Zeekantoor), wie ein Missionshaus zum Sendelingshuis und das Theater zur Schouwbourg oder Schauburg. Dem Willemsplain nahe liegen zwei Anstalten, die ganz dem Seedienst angehören. Das eine ist Seemannsheim, Seemannshuis in welchem es viele verwitterte Seebären gibt, die hübsch von ihren Abenteuern erzählen, sei es von den Wilden auf Borneo oder von den eisigen Schrecken des Nordpols. Auf ihr Rotterdam lassen sie nichts kommen, ist es doch nächst dem Hamburger Berg das beliebteste Matrosenparadies. Das andere Gebäude beherbergt den k. niederländischen Yachtklub mit seinem reichen Museum, in welchem man, sei es in Gerätschaften oder Bildwerk oder Büchern, alles beisammen findet, was in den letzten drei Jahrhunderten für die Entwicklung der Schiffahrt merkwürdig wurde. Auch die neuesten Erfindungen sind in fortwährender Ausstellung wohl vertreten. Man kann sich dort stundenlang unterhalten und sich leichter Mühe mit dem Seewesen vertrauter machen. Einige Schritte weiter führen in den Park, dessen grüne Stille wenigstens am Morgen ist es einsam darin der Seele wie den Augen ungemein wohltut. Hier hat sein Marmordenkmal Hollands Lieblingsdichter Tollens, der in Rotterdam geboren und dort Kaufmann wurde wie jeder andere. Er besaß keine klassische Bildung, jedoch mit dem praktischen Geschick, mit welchem ein Holländer das für ihn Brauchbare rasch sich herausgreift, verschaffte er sich so viel Sprachkenntnisse, daß er das Vorzüglichste der europäischen Literatur sich in der Ursprache aneignen konnte.
Seine Gedichte sind voll Kraft und Wärme, rein und würdig in der Sprache und von so einem schönen Wohllaut, wie man im Holländischen ihn nicht vermuten sollte. Schade, daß Tollens bei uns so wenig bekannt ist, während französische Phrasendichter nachgeahmt werden. Die rührende Schönheit seiner Ode " An ein gefallenes Mädchen" machte Tollens so beliebt, daß auf die dritte Auflage seiner Gedichte, die 1817 erschien, sofort mehr als zwanzigtausend Abnehmer sich einzeichneten, also von zweihundert Holländer einer, ein Triumph, wie er anderswo niemals vorgekommen. Freilich mit Vorliebe wählte Tollens vaterländische Stoffe, den Bürgerkrieg der Hoeks und Kabelhaus, in welchem die Herzogin Jakobäa von Bayern glänzte, Hugo der Groot, Egmont und Hoorn, die Überwinterung auf Nowaja Semlja. Sein Waffenschrei und Kriegslied 1815 erscholl von Haus zu Haus. Die Rotterdamer wollten ihm schon zu Lebzeiten ein Standbild setzen: der bescheidene Mann aber verbat sich die Ehre. Eines anderen Mitbürgers Bildsäule erhebt sich im Inneren der Stadt, es ist die des Grafen Hogendorp, des berühmten Predigers der Handelsfreiheit. Seine erste Erziehung erhielt er im Berliner Kadettenhaus und machte als Fähnrich den bayerischen Erbfolgekrieg mit. Darauf sah er sich in Amerika um, wo man ihn nicht wieder weglassen wollte, weil er Lafayette so ähnlich sah. Nach Rückkehr in die Vaterstadt wurde er der eifrigste Parteigänger für den Erbstatthalter von Oranien und machte, indem er sein Vermögen dafür opferte, den Plan, im Kaplande eine Kolonie der Anhänger des Hauses Oranien zu gründen. "Orange boven!" war sein Feldgeschrei, und als es 1813 Wahrheit geworden, ernannte ihn der dankbare Statthalter zum Minister. "Vorkämpfer des freien Handels" und "Verfasser von Niederlands Grundgesetz" wird er auf dem Denkmal genannt, und wie redlich er es mit der Volksfreiheit meinte, gab er darin zu erkennen, daß er lieber auf seinen Sitz in der ersten Kammer verichtete, als zulassen wollte, daß ihre Verhandlungen nicht öffentlich seien. Auf dem Hogendornplatze hinter dem Denkmal ist das neugebaute Haus des Museums Boymans. Das vorige Gebäude ging mit dreihundert Ölgemälden und zahlreichen Handzeichnungen vor etwas über vierzig Jahren in Rauch und Flammen auf. Die Sammlung ist jedoch durch den löblichen Gemeinsinn der Rotterdamer wieder auf den alten Stand gebracht, und wenn sie auch nur Niederländer, und gar meistens nur zweiter Klasse zeigt, so befinden sich unter ihnen außer ausgezeichneten Stücken von Rembrandt, Eckhout, Bol, beiden van der Velde, Hals, Aalbert, Cuyx und anderen doch auch ein par köstliche Landschaften von Jakob Ruisdael, der es, wie wahrlich kein anderer Maler, verstanden hat, das geheime Leben der Natur, fast möchte man sagen die Naturseele darzustellen, wie sie trauert und wie sie lächelt, und zwar in stets schönen, künstlerisch vollendeten Gemälden.
Noch eine lange Reihe von öffentlichen Gebäuden müßte man besichtigen, um Rotterdam kennen zu lernen: das Rathaus mit seiner Eintrittshalle von schlanken ionischen Säulen, der neue Seefischmarkt, der sogar mit bronzenen Reliefs geschmückt ist, die Börse mit dem großen glasgedeckten Hofe, um welchen Säulengänge laufen, und dem Kunstgewerbemuseum im oberen Stock, auf dem neuen Markt der Brunnen, der mit seinen Bildhauerwerk zugleich ein Denkmal an den dreihundertsten Jahrestag der niederländischen Unabhängigkeitserklärung ist, dessen Feier vor vierzehn Jahren mit einer gewissen ernsten Prächtigkeit und allerlei Seitenblicken auf das gefürchtete Deutschland statthatte, das Denkmal des Rotterdamer Ingenieurs Stieltze, der vor ein paar Jahren gestorben, das Admiralitätsgebäude oder Seekantoor, und noch mehrere andere öffentliche Gebäude und Plätze. Die Rotterdamer wissen sie wohl zu zieren, sparen kein Geld dabei und verbannen das Kleinliche. Nur schöne Kunstwerke aus dem Mittelalter, ja nur aus dem vorletzten Jahrhunderten darf man auf ihren Straßen nicht suchen. In dieser See- und Handelsstadt hat alles das Merkzeichen der neuen Zeit. Natürlich tragen deshalb auch die meisten Stadtteile das schachbrettartige Gepräge, das ebenso ungesund als langweilig. Besuch verdienen auch die bedeutenden Sammlungen der Gesellschaft für Naturkunde oder, wie sie hier heißt, der Batavischen Genossenschaft, die Musikschule, die Schulschiffe der Matrosen, die Lesehalle, die Bibliothek und das städtische Archiv, nicht zu vergessen den zoologischen Garten, der einer der vorzüglichsten in Europa ist. Läßt sich auch keineswegs sagen, daß in Rotterdam wissenschaftlicher Geist herrscht, so ist doch entschieden ein ernstliches Streben vorhanden, von allem Wissenswerten rasch etwas Ordentliches einzuheimsen. In der Stadt der Rheinmündung markt man eine geistige Zuströmung aus Deutschland, und ist ihr vielleicht zu danken, daß in der Rotterdamer höheren Gesellschaft sich eine freiere und allgemeinere Bildung angesiedelt hat als selbst im nahen Haag, wo Hof und Akademie doch eine Anzahl bedeutenderer Menschen heranzieht. Die Rotterdamer sollten nur nicht zögern und dreist in ihrer Stadt eine große freie Universität für Holländer, Brabanten und Flamänder errichten, wie sie vor einigen Jahren in Brüssel geplant war. Der Menschenfreund wird sich angezogen fühlen durch die vielen mildtätigen Stiftungen, als da sind Waisenhaus, Armenhäuser, Krankenhäuser, Irren-, Blinden- und Besserungsanstalten, Zufluchtsorte für arme Greise und Greisinnen. Diese dauernden Werke der Barmherzigkeit sind in einem großen Zuschnitt angelegt, und es wird darin eine fabelhafte Sauberkeit, Pünktlichkeit und Ordnung beobachtet, die fast etwas Beängstigendes hat. Eigentümlich aber ist Rotterdam die Menge und Verschiedenheit der Kirchen. Jede Religionsgesellschaft ist vertreten, auch die der Taufgesinnten, Bischöflichen, Schottischen, Waalschen, Remonstranten, Jansenisten, Altkatholischen. Nur in amerikanischen Großstädten findet sich eine ähnliche Mannigfaltigkeit, und auch spürt man in Rotterdam etwas von amerikanischen Kirchentum. In Städten, wo Handel und Gewerbe einförmig einen Tag wie den anderen anfüllen, reicht die Religion für viele das einzige geistige Brot, dessen alle bedürfen, die nicht zu den ganz Verwahrlosten, zu den in menschlich-sittlicher Beziehung Untergegangenen gehören. Auf diese Wanderung durch die Stadt bleibt man wiederholt betroffen stehen, so eigentümlich, so malerisch bieten sich Ansichten dar, große, zusammengesetzt aus Schiffen und Gewässer, Straßen und Gebüsch, kleine Ansichten des zierlichsten wie des schmutzigsten Fluß- und Kanalgewerbes. Das Volk aber der niederen und mittleren Klassen, durch dessen Haufen man sich wohl mal durchzwängen muß, hat nichts besonders Anziehendes. Die Leute benehmen sich höflich und gewandt und zeigen in ihrem Wesen etwas Verständiges und Entschlossenes. Jedoch ein lachendes Gemüt, eine frische Schönheit, feineres Empfindungsleben ist selten ausgeprägt. Gar zu viele Frauen erinnern in Schritt und Rundungen an fette Enten, schlanke Friesinnen muß man nördlichen suchen. Das Mannsvolk liebt das Kurzröckige und statt des Hutes die bequeme Mütze und ersichtlich auch zu viel Branntwein. Manchen sieht man es an, daß sie keinen festen, regelmäßigen Verdienst haben, sondern auf zufälligen Erwerb lauern.
Tritt aber ein gut Empfohlener in einen der zahlreichen Paläste bei reichen Kaufleuten und Reedern ein, so empfängt ihn ein Wohlleben von beinahe fürstlicher Art. In Paris und am Rheine kann man sich köstlich auftischen lassen, nirgends als dort versteht man, so feine Suppen, so reizenden Salat zu bereiten, aber die üppige Fülle alles Guten auf der Welt geben nur die Tafeln in Hamburg, New York und Rotterdam. Die Bestandteile liefern Nordsee und Mittelmeer, norwegisches und bayerisches Hochgebirge, ost- und westindische Küsten, und der hoch entwickelte Gartenbau der Niederlande. Nach der Tafel wird gewöhnlich eine Ausfahrt vorgeschlagen nach Croowyck, Portegat, der Ysselmondschen Beer oder einen anderen Lustort. Allerwärts begegnet man in der Landumgebung Rotterdams einem tüchtigen und redlichen Volksschaffen und gediegenem Wohlstand. Die schönste Fahrt bleibt immer die Maas hinunter, bald an der einen, bald an der anderen Seite. Nicht satt kann man sich da sehen an herrlichen Strombildern, weit, weit auf wogender Fläche, und an den Ufern fast möchte man sagen an den Küsten, denn alles ist hier breit und seeartig laden freundliche Gehöfte und Ortschaften zwischen Bäumen und Gebüsch zur Einkehr ein. Dort ein paar Wochen zu ruhen, unbehelligt vom Leben und Treiben auf dem Strom, aber täglich im Anblick des vorbeiziehenden Welthandels, möchte seinen eigenen Reiz haben. Überschlägt man, wie weit und tief dieser Welthandel nur im letzten Menschenalter von dieser einen Stelle aus in die Länder der Erde eingegriffen, wie er allerorten neues Leben und Streben erweckt, aber den Menschen auch bessere Wohnungen erbaut und reichlichere Tafeln gedeckt hat, so kann man sich nicht groß und mächtig genug den Fortschritt vorstellen, welchen die Völker nach etwa zehn Menschenaltern müssen gewonnen haben.
Wohl nur dreimal gab es in der Weltgeschichte eine Epoche der so rasch nach allen Zonen vordringenden Tätigkeit in Handel und Gewerbe, in Ansiedlung und Landbau: das erste Mal, als Alexander, der große Eroberer und Staatsmann, Morgen- und Abendland miteinander verbunden hatte, das zweite Mal, als Amerika und Indien hinter den Wogen des der Ozeane auftauchten, und das dritte Mal eben in unserer Zeit. Quelle: Vom Fels zum Meer, Verlag Spemann, Stuttgart, 1887, von rado jadu 2001 |
Dutch painters: Ruisdael, Rembrandt, van Gogh, Frans Hals, Vermeer, Bruegel
The Letters of Thomas Jefferson to G. K. van Hogendorp

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