Aus Portugal
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Wir sind gewöhnt, Portugal als ein "pays négligeable" anzusehen. Das ist in mannigfacher Beziehung richtig, aber was die Flora dieses kleinen Landes betrifft, darf man es teilweise "erstklassig" nennen, und zwei seiner Städte, Lissabon und Oporto, sind für Touristen Anziehungspunkte, wie man sie in Europa nur selten findet. Ich möchte Portugal ein Oasenland nennen, denn herrliche Oasen wie die an den Mündungen des Duro und des Tejo liegen in wenig fruchtbaren, vielfach ganz sterilen oder mit unbrauchbaren Büschen bedeckten weiten Strecken. Soweit das Auge reicht, stehen 1½ bis 2 Meter hohe Büsche mit oleanderartigen Blättern und über und über bedeckt mit weißen, innen gelb und schwarz oder rot getupften reizenden Blüten. Das ist eine Cistuswüste im April und anfangs Mai. Kein Baum, kein fremder Strauch steht dazwischen, nichts als Cistus weit und breit, ein entzückender Teppich für den Touristen und Maler, das Entsetzen der Landbebauer. Die Cistusbüsche kann man zu nichts brauchen, aber schwer ausrotten. Ist die Blütezeit vorbei, so vertrocknen auch bald die Blätter. Dann breitet sich an Stelle des vielfarbigen Teppichs eine einfarbige braune Buschwüste aus; die Portugiesen nennen sie Buschwald. Durch solchen fährt der Reisende, welcher aus Estremadura nach Portugal kommt. Anders, schöner die Ankunft von der Seeseite. Da steigt die schöngeformte Küste aus der Meer auf, wir unterscheiden Weinberge, Häuser, Villen, Gott sei Dank einen guten Hafenmolo. Leixoes heißt
der Name. Von hier führt eine elektrische Bahn nach Oporto. Die Landschaft
wird immer malerischer, die Bergabhänge zur Linken sind mit Weinanlagen
bedeckt, auf den Höhen breiten sich Laubwaldungen aus, Landhäuser
erheben sich in hübscher Gärten, und der Duro bricht zwischen
Felsen nach dem Meere hindurch. Man muß gleich die obere Fahrbahn des Ponte de Dom Luis I. ersteigen, um einen Überblick und eine Aussicht zu genießen, die an Pracht ihresgleichen schwer in Europa findet, abgesehen davon, daß die Brücke als solche ein Meisterwerk ersten Ranges ist. Sie überspannt in einem Eisenbogen von 170 Meter Weite den Strom, hat eine obere 60 Meter und eine untere 10 Meter über dem Wasserspiegel liegende Fahrbahn und sieht dabei ungemein graziös aus. Was doch der Menschengeist alles ersinnt! Diese Brücke ist einer seiner größten Siege über eine wilde Natur. In der Stadt drängt sich der Hauptverkehr auf der baumbepflanzten schönen Praça de Dom Pedro zusammen. Ein Bogenmosaikpflaster, ein Reiterdenkmal und das Rathaus machen diesen Platz sehenswert. Durch reinliche Straßen gelangt man zum Jardim da Cordoaria. Wollte ich meinen Lesern nicht die noch großartigere Flora bei Cintra zeigen, so würde ich auf die ganz überraschende Pracht des Wachstums von Oporto in diesem Garten eingehen. Aber dort ist sie noch schöner. In der unteren Stadt muß man die Kirche Sao Francisco mit ihrem überreichen, in sogar überladenen, vergoldeten Holzschnitzwerk, dann das neue, schöne Denkmal auf dem Börsenplatz ansehen und hierauf einen Spaziergang über die hoch an den Häusern entlang geführte Rua Cima do Muro machen. Da sieht man echte Volkstypen, altertümliche Häuser und hat einen entzückenden Blick auf die Brücke. Die Hotels
in Oporto sind gut und verhältnismäßig reinlich, im Grand
Hotel do Porto speist man preiswert, und hier wie in vielen kleinen Weinkneipen
trinkt man vorzüglich. Aber der Oportowein hat es in sich. Man hüte
sich vor einem Glas zu viel. Über eine rauhe Hochebene, längs der Ausläufer der Serra da Estrella, vorbei an Coimbra mit seinem mächtigen Kloster de Santa Cruz, bringt uns die Bahn nach Lissabon. Ein langer Tunnel, und wir halten im dritten Stockwerk des Bahnhofes. Ein Aufzug bringt uns hinunter in die Stadt. An die Station angebaut ist das elegante Avenida Palace Hotel, das einzige, welches man einem verwöhnten Fremden in Lisboa empfehlen kann. Bei den Rechnungen erschrickt man anfangs förmlich. Steht da z.B. Pension für einen Tag 4000 Reis. Wenn man sich die Sache aber umrechnet, ist es nicht so schrecklich, denn 1 Milreis gilt nach unseren Geld 4 Mk. 50, also die ganze Riesensumme beträgt 18 Mk. In Portugal kann man leicht Millionär sein. In Brasilien übrigens noch leichter. Wer von Lissabon einen richtigen Eindruck gewinnen will, muß am ersten Morgen, etwa früh 9 Uhr, sich auf das linke Tejoufer übersetzen lassen, die Festungswerke bei Almada ersteigen und vom Flaggenstock aus die Stadt betrachten. Lissabon macht von unserem Beobachtungspunkt aus einen reizenden Eindruck, wenn das Auge über die sich amphitheatralisch aufbauende, hellen Häusermassen, zwischen denen dunkle, durch Gärten und Wäldchen gebildete Stellen als Schattenstriche wirken, dahinschweift, und wenn es dann den breiten Strom, welchen zahlreiche Fahrzeuge aller Art beleben, überblickt. Ganz rechts über der an 12 Km breiten Erweiterung des Tejo liegt eine wunderbare beleuchtete Landschaft. Blauer Dunst schwebt über dunkelgrünen Waldungen, Flüsse schlängeln sich wie Silberbänder dazwischen, eine bläuliche Gebirgskette schließt das fesselnde Landschaftspanorama ab, und man glaubt ein französisches Gemälde, einen Poussin oder Claude Lorrain vor sich zu sehen. Den ganzen Halbkreis von Westen über den Norden nach Osten nimmt Lisboa ein. Manchmal meint man, die Häuser seien aufeinander gebaut. Besonders leuchten die weiße Kuppel der Estrellakirche, die hellgrauen Bogen der Wasserleitung, einige alte Klöster und das halbverfallene Castello, früher eine Maurenburg, hervor. Die Hauptstadt Portugals ist eine Stadt der neuesten Zeit; denn große Erdbeben, besonders 1755, haben die Andenken an frühere Zeiten zerstört. Daher gibt es wenig sogenannte Sehenswürdigkeiten. Also kann man seine ganze Zeit zum Besuche der herrlichen Aussichtspunkte und der modernen Stadt verwenden. Der Blick von der Kuppel der Estrellakirche ist ganz großartig. Diese muß man nachmittags ersteigen. Umgekehrt die Terrasse von Nossa Senhora da Monte vormittags. Die Stadt als solche bietet eine Reihe von Überraschungen. Selten sieht man so auffallende Kontraste dicht neben einander. Hier ist ein herrlicher Platz mit schönen Brunnen und großen Denkmälern, und dicht daneben befinden sich enge schmierige Gassen mit ruinenhaften Gebäuden. Die ausgedehnte Praça do Commerzio sowie die Praça de Dom Pedro IV. würden Zierden einer jeden Großstadt sein; der in halbmaurischem Stil neuerbaute Zentralbahnhof, das Munizipium und andere Bauten könnten sich überall sehen lassen, und eine Promenade genau in der Mitte der Stadt, wie die Avenida da Liberdade mit ihrem 30 m hohen Monumento dos Resztauradores de Portugal findet man nicht oft. Was aber Lissabon besonders schmückt, ist seine herrliche Flora. Der botanische Garten wird der schönste Europas genannt. Mit Recht. Ich weiß keinen schöneren auf unserem Erdteil. Seine Palmenallee erinnert an indische Gärten, und einen besonderen Reiz verleiht es den Anlagen von Lissabon, daß die verschiedenartigste Flora der Tropen, der Subtropen und der südlichen gemäßigten Zone neben einander gedeiht. Im allgemeinen liegt die Mitte der Stadt in einem Tal, an das sich östlich und westlich Reihen von Hügeln anschließen, die allmähliche alle in den Bereich von Lissabon gezogen wurden. Das geht immer hinauf und hinunter und zwar oft mit einer Steilheit, daß man meint, es sei unmöglich zu fahren. Und trotzdem traben sogar die Droschken bergauf, bergab. Die Pferde Lissabons sind durchschnittlich sehr gut. Staunenswert ist es auch, welche Steigungen die elektrischen Bahnen, die Unterleitung haben, überwinden. Wer in Lissabon im Sommer einen Sonntag zur Verfügung hat, soll eines der Stiergefechte besuchen. Sie sind schöner wie in Spanien, denn man sieht dort sehr elegantes, sogar häufig prächtiges Reiten, weil das Pferd nicht verwundet und getötet werden darf, sondern durch die Kunst des Reiters und die eigene Leistung vor jeder Verletzung durch den Stier bewahrt werden muß. Die dazu verwendeten Pferde sind ausgezeichnete arabische, aber im Land gezogene Halbbluttiere. Ferner wird auch der Stier nicht getötet, sondern nur verwundet. Der Glanzpunkt einer Reise nach Portugal bleiben aber die Ausflüge nach Cintra, Schloß Penha, Collares und Cascaes. Eine Oase mit so prächtiger Vegetation gibt es in Europa nicht wieder. Da treten Sizilien, die Riviera, Frankreich und die Krim in den Hintergrund. Schon die Fahrt von Lissabon nach Cintra gibt einen kleinen Beweis davon. Wie reich das Land erscheint! Was da alles wächst! Und welch reizende Villen und Schlößchen dort stehen! Man sieht Gerste und Mais, Kirschen und Orangen, Fichten und Palmen; man meint, Nord und Süd hätten sich hier vereint, um dicht neben einander ihre Erzeugnisse blühen und reifen zu lassen. Dazwischen sorgen die Lissabonner Wasserleitung, Windmühlen nach türkischer Art, Gruppen von hohen Eukalyptusbäumen, Dörfer, Weiler und Höfe für malerische Abwechslung, und bald bringen die Berge von Cintra wieder ein neues Motiv in das schöne Landschaftsgemälde. Auf einer Felsspitze erscheint Schloß Penha; die zackigen Mauern einer alten arabischen Burg tauchen auf, wir halten in Cintra. Wir steigen in die Höhe. Diese wunderbare, üppige Vegetation aus allen Zonen, die uns hier umgibt! Wir wandeln durch Kiefern- und Eukalyptushaine; es umgeben uns Ahorn und Zypressen, deutsche Edeltannen und afrikanische Korkeichen, Weißbuchen und Palmen neben- und durcheinander, alle reich und vorzüglich entwickelt. Hier blühen Oleander und Rosen, dort Magnolien und Yuccas; Araukarien stehen bei Linden, Pappeln bei Gykomoren; hier hängt ein wahrer Teppich von blühendem, farbenprächtigem Portulak über eine Mauer herab; dort verschwindet eine andere ganz unter rot leuchtenden Bougainvilleas oder dunkellila schillernden und herrlich duftenden Heliotrops; überall eine nicht geahnte Flora, ein Paradies. Wir besuchen den Park von Montserrat. Alles ist hier noch großartiger, noch üppiger entwickelt und durch die Kunst des Gärtners geradezu raffiniert neben einander gestellt. Nördliche und südliche Flora ist hier zu wahren Pflanzenorgien vereint. Es erscheint ein phantastisches, im maurischen Stil erbautes Schlößchen. Von innen aus können die Durchblicke durch die arabischen Hufeisenbögen gar nicht zauberischer sein. Da tritt die Erinnerung an die Villa Pallavicini bei Genua, an die Villa Tasca bei Palermo und an die Parks von Massandra, Alupka Oreanta Livadia auf der Krim zurück. Das hier erreicht beinahe die Märchenwelt von Indien, Ceylon und Java. Der Glanzpunkt des Gartens ist die Schlucht. Man durchschreitet einen gemauerten Bogen und sieht plötzlich ein zauberhaftes Bild vor sich. Sind dies Palmen? Nein, es sind gleich Palmen erscheinende Farnbäume, ähnlich wie im Urwald des Himalaja. Dazwischen stehen echte Palmen, dann nordische Laubbäume, indische Bambus, Phönix, Blumen aller Arten; man entdeckt meterlange Blütendolden von Yuccas; farbenprächtige Kletterrosen ranken sich an hohen Eukalyptus empor. Da unten liegt ein mächtiger Lapis lazuli. Nein, es ist ein kleiner dunkelblauer Weiher, in der Mitte Papyrus, auf der Flut weiße Schwäne, in ihr goldene Fische. Dort an der Mündung des Collares spritzt weißer Schaum in die Höhe. Ein himmlischer Maler hat hier ein Licht aufgesetzt. Wer Zeit hat, fahre bis dorthin. Es lohnt sich, und der Collarswein mundet vorzüglich. Wir verlassen den Park und steigen höher. Der Königspark beginnt, der nordische Nadelbaum herrscht vor. Die Wege sind ausgezeichnet. Wir stehen vor einem niederen Tor, durchschreitet es und wandeln auf musterhaft gehaltenem Weg vorwärts zur alten Maurenburg. Wunderbare Flora, herrliche Waldlaubäume, prächtiger Efeu, kostbare würzige Luft! Wir finden alte, halbverfallene Mauern, eine arabische Zisterne, Moscheeruinen und wiederum ein altes Tor. Nun geht es auf verfallenen Treppen aufwärts. Efeu und Ruinen, die alten Zinnenmauer, eingestürzte Gemächer, alles begraben unten uraltem, aber stets neu grünendem Efeu. Wir müssen weiter, hinauf zum Schloß Penha. Sprachlos stehen wir von dem Eingang. Das ist die Höchste Romantik, die man sich vorstellen kann. Einen solchen Eingang in eine alte Ritterburg gibt es kaum mehr. Ein Tor, reich verziert, führt auf eine Zugbrücke. Es folgt ein zweitens und nun eine so hochromantische, in den Felsen gehauene Galerie, daß ich mir nicht denken kann, wie dieser Burgeingang noch an Poesie zu übertreffen wäre. Vorhangartig der großblätterige Efeu über den Felsen herab. Die in überreichen, dem gotischen ähnlichen Emanuelstil ausgeführten Bogen bieten ganz entzückende Ausblicke, teils auf die wilden Granitblöcke des Gebirges, teils auf die herrliche Vegetation des Parks, teils auf die leuchtende, bunte Ebene. Das Schloß selbst ist etwas überladen an Zierwerk, und uns Nordländern erscheint das Bedecken der Außenwände einer Ritterburg mit blauweißen ornamentierten Kacheln fremdartig. Aber nochmals zeigt sich die Romantik von Penha mit voller Macht, beim Umgang um die Mauer. Man übersieht das Tejotal und die ganze Provinz Estremadura. Hier kann man lange weilen und wird nicht müde zu schauen. Von Lissabon aus führt uns ein anderer Ausflug nach Belem mit dem schönsten, zweistöckigen Klosterkreuzgang der Erde und dem interessanten Turm von Belem. Dann geht es weiter durch immer malerische Landschaft. Von Estoril bis Cascaes reiht sich eine reizende Villa an die andere. Diese Badeorte sind mit allem Luxus der Neuzeit ausgestattet, und die wunderbare Flora dieses Landes sorgt für den herrlichsten Schmuck. Von Cascaes aus gelangen wir zur Bocca do Inferno. Ja, es ist ein Höllenschlund. Zuerst hat Vulkan hier gewütet, die Felsen gehoben, zersprengt und zerrissen. Dann ließ Neptun seine Meeresgötter los. Die rasen und wüten nun seit Jahrtausenden und bohren und waschen aus dem Gestein heraus, was heraus geht. Da sind mächtige Spalten und Löcher entstanden; durch ein gewaltiges Tor, über das man hinweggehen kann, stürzen die Wogen in einen Schlund, und hochaufspritzend schäumt die Gicht über Blöcke und Steine, über Platten und Felsspitzen. Wer die geschilderten Oasen gesehen hat, mußte erkennen, es sind in diesem Lande Partieen, wie sie Europa nicht leicht wieder bietet, und wenn es auch zu viel ausdrückt, etwas Wahres ist doch an dem portugiesischem Sprüchwort, welches sagt: "Dejar á Cintra, y ver al mundo entera, es con verdad caminar en capuchera". ( "Die ganze Welt ohne Cintra zu sehen, heißt warlich als Vermummter gehen".) Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Weltverlag 1905, von rado jadu 2001 |
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Sintra
(Cintra)
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