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DAS AVERROES-PROJEKT DER VENEZIANER

 

 

 

Einen Vorläufer findet die Kontroverse um die arabische Theorie in dem arabischen „Philosophen" Ibn Rushd, den Lateinern auch als Averroes bekannt, der maßgeblich mit dazu beitrug, die Beziehungen zwischen dem maurischen Spanien und der europäischen Renaissancekultur zu verwischen. In der Geschichtsschreibung gilt Averroes als der letzte arabische Philosoph, der Europa sowohl die Texte als auch die Aristoteles-Interpretation hinterließ, und der, wie es heißt, damit eine Renaissance der klassischen griechischen Kultur eingeleitet hätte. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt als diese Behauptung.

Averroes war weder Philosoph noch Repräsentant der arabischen Kultur.40 Er war ein „Trojanisches Pferd", das von der venezianischen Oligarchie gegen den platonischen Einfluß der europäischen Renaissance eingesetzt wurde. Geboren 1126 in Córdoba wurde der junge Averroes in der antihumanistischen Tradition der Ashariten ausgebildet, d.h. mit den Ideen der philosophiefeindlichen Schule von AI Ghazali vertraut gemacht. Einen besonderen geistigen Einfluß übte dabei sein Lehrer Ibn Tofail aus, der Averroes später den Auftrag gab, den Aristoteles zu kommentieren und ihn damit einer breiteren Schicht zugänglich zu machen. Averroes, von dem kein einziges Werk in arabischer Sprache existiert und selbst 100 Jahre nach seinem Tod so gut wie unbekannt war, schrieb zahlreiche Kommentare zu Aristoteles. Dabei stützte er sich nicht auf griechische Orginaltexte sondern Übersetzungen. Seine „Spekulative Dogmatik" war einzig mir dem Ziel geschrieben worden, einen künstlichen Gegensatz zwischen einerseits den arabischen Philosophen AI Ghazali, der auf der Basis der islamischen Doktrin die Philosophie als solche verurreilte, und andererseits den in der platonischen Tradition stehenden Philosophen Al Kindi, Al Farabi, Ibn Sina aufzubauen. Dabei war Averroes eindeutiger Gegner der platonischen Tradition, sein Tun hatte alleine den Zweck, den Einfluß des Aristoteles hegemonial zu machen.

Man sollte hier anmerken, daß zum damaligen Zeitpunkt insbesondere die berühmte Übersetzerschule des Erzbischofs Raimundus von Toledo (1130-1150), an der die führenden Gelehrten der damaligen Zeit, darunter der jüdische Gelehrte Jean Avendeath und Johannes von Sevilla sowie andere wirkten — als erste eine systematische Übersetzung der bedeutendsten wissenschaftlichen und philosophischen arabischen Werke einleitete. Dazu gehörten die Übersetzungen der Platoniker Al Farabi, Ibn Sina und Al Kindi, die in der Mitte des 12. Jahrhunderts, als die arabische Poesie ihre Blütezeit in Europa erlebte, den Kern der in Europa bekannten arabischen Philosophie darstellte. Der Einfluß ihrer Ideen zeigte sich in der Schule von Chartres, dem Quadrivium Studium (Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie), ebenso wie in Toledo, wo der platonische Einfluß vorherrschte. Damals gab es noch nicht die Spaltung zwischen religiösem Glauben und wissenschaftlichen Ideen, wie es Thierry von Chartres ausdrückte, der die Biblischen Texte als „nach den Gesetzen der Physik buchstabengetreu" betrachtete. 41

Im 12. Jahrhundert entwickelte sich gegen diese Tradition Paris zur Hochburg des Averroismus bzw. Aristotelismus. Zu den fanatischsten Verfechtern des Aristotelismus gehörte Bernard von Clairvaux, der die Studenten gegen so bedeutende platonische Humanisten wie Abaelard aufhetzte. Wie sehr der Aristotelismus das geistige Leben der Universität von Paris durchdrungen hatte, hielt Daniel de Morlay, ein Mitglied der Übersetzerschule von Raimundus von Toledo, in einem Bericht fest, wo er schrieb: „Die Studienleidenschaft hat mich aus England vertrieben. Ich blieb einige Zeit in Paris. Ich sah dort nur Wilde, die mit würdevollem Gewicht auf ihren Lehrstühlen throhnten, vor ihnen zwei oder drei Schemel mit riesigen, die Lehren des Ulpian in Goldschrift wiedergegebenen Werken; sie hielten Bleifedern in Händen, mit denen sie ernsthaft Asterisken und Obelen in ihre Bücher malten. Ihre Unwissenheit zwang ihnen die Haltung von Statuen auf, doch sie gaben vor, ihre Weisheit gerade durch ihr Schweigen zu demonstrieren. Wenn sie den Mund zu öffnen versuchten, hörte ich nichts als Kindergestammel. Sobald ich die Lage begriffen hatte, dachte ich darüber nach, wie ich diesen Risiken entgehen und mich jenen Künsten zuwenden könnte, die die Schriften der Alten erhellen, ohne sie nur im Vorübergehen zu grüßen oder ihnen auf Abkürzungswegen auszuweichen. Und weil Toledo heute der Ort ist, an dem die Lehren der Araber, die fast ausschließlich aus den Künsten des Quadrivium bestehen, verbreitet werden, begab ich mich eilends dort hin, um die Vorlesungen der weisesten Philosophen der Erde zu hören.42 Neben Paris wurde Padua, Vorort von Venedig, zur geistigen Hochburg des Averroes. Hier übten die Arbeiten Averroes' von der Mitte des 14. Jahrhunderts bis zum Ende des 17. Jahrhunderts einen beherrschenden Einfluß aus. Die andere geistige Hochburg des Aristotelismus und Averroesmus war Venedig.

Dabei nutzten die Venezianer das Averroes-Projekt nicht nur zur Verbreitung der Ideen des Aristoteles, sondern Zweck war auch, dem Studium der antiken griechischen Texte, die in Italien direkt aus dem griechischen Original übersetzt wurden, einen Riegel vorzuschieben. Dies wurde über die Einführung von Kommentaren und entsprechenden akademischen „Debatten" erreicht. 1334 veröffentlichte der Serviten-Priester Fra Urbano aus Bologna einen Kommentar über den Aristoteles-Kommentar des Averroes. 1492 ließ Antoine Alabanti, der Ordens-General der Seviten, dieses Buch in Venedig herausgeben, und kündigte an, daß auch er einen ähnlichen Kommentar über Averroes' Kommentar über Himmel und Erde zu verfassen beabsichtige.43 Im fünfzehnten Jahrhundert gab es zahlreiche Kommentare zu den Kommentaren des Averroes. Die scholastische Praxis des Kommentars und der Aristoteles-Exegese führte dahin, daß die Originaltexte von Aristoteles und anderen gar nicht mehr gelesen wurden. Diese Praxis erreichte ihren Höhepunkt im 16. Jahrhundert, als der letzte Averroeist, Cesare Cremonini, seine Vorlesungen (über die Kommentare der Kommentare der Kommentare) niederschrieb und diese als Lehrbuch veröffentlichte.

Mit Pietro Pomponazzi begann im 16. Jahrhundert eine neue Phase des Averroes-Projektes, denn jetzt wurde Averroes in die „aktuelle Debatte" eingeführt. Zu diesem Zweck teilte er willkürlich die Averroeisten in zwei Schulen, die Averroeisten und die nach Alexander von Aphrodisias benannten Alexandristen Kern der fraktionellen Auseinandersetzungen war die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele. Pomponazzi hatte erreicht daß die akademische Debarte über die Unsterblichkeit der Seele sogar am Hofe Papst Leo X. das meistdiskutierte Thema wurde. Auch hier wurde eine künstliche Debatte veranstaltet. Unter Papst Leo X. beschloß das Lateran-Konzil eine Bulle, die diejenigen verdammte, welche die Unsterblichkeit der Seele leugnen die Einheit der menschlichen Seele predigten und die „doppelte Wahrheit" verteidigten. Sie befahl den Professoren, diese Irrlehren zu erklären und sie zu widerlegen, aber erlaubte den Klerikern, Philosophie und Dichtung zu studieren, solange sie auch Theologie und kanonisches Recht studierten.44 Das Lateran Konzil hatte nicht viel Wirkung. Nur vier Jahre später veröffentlichte Pomponazzi „De immortalitate animae", worin er seine averroeistischen — oder besser alexandristischen Ansichten wiederholte.

Der Papst erteilte damals seinem engsren Vertrauten, dem Theologen Augustin Niphus, einem anfanglich glühenden Averroesanhänger, der eine vollständige Werkausgabe von Averroes (1495-97) herausgegeben hatte, den Auftrag, Pomponazzi zu widerlegen. Nach Veröffentlichung seiner Arbeit 1518 in Venedig wurde Niphus zu der eigentlichen Lehrautorität. Es war ihm gelungen, den eher antichristlichen Averroeismus des Pomponazzi mit einer verwässerten Version zu ersetzen, die damals... „den Lehren des Aristoteles allerhöchste Zustimmung (erteilte); Kardinal Pallavicini ging sogar so weit zu sagen, daß ohne Aristoteles der Kirche einige Dogmen fehlen würden.45

Als Konsequenz erfreuten sich Averroes' Werke einer neuen Popularität. Konkordanzen, Indizes, Kommentare und eine neue Ausgabe von Übersetzungen seiner Werke, die von Gianbattista Bagolini von Verona besorgt wurde, folgten im Venedig des 16. Jahrhunderts schnell aufeinander.

So hatte das venezianische Averroes-Projekt den Erfolg, Aristoteles auch innerhalb der Teile der Kirche, die von Venedig kontrolliert oder beeinflußt wurden, als die philosophische Autorität zu konsolidieren, und gleichzeitig Averroes als den Vertreter arabischer Philosophie und Kultur darzustellen.

Im Gegensatz dazu hatte die Florentinische Renaissance das große Ziel, dem Einfluß des Averroes und Aristotles entgegenzuwirken, indem sie die Philosophie Platons mit neuem Leben füllten und die Klassiker direkt aus dem Griechischen übersetzten. Zu den Hauptvertretren dieser Richtung gehörten Gemisto Plethon und Bessarion - beide am Konzil von Florenz beteiligt —, die Platons Lehren den intellektuellen Kreisen zugänglich machten und damit den Grundstein für den Beginn der Goldenen Renaissance in Europa legten, was Venedig einen entscheidenden Rückschlag versetzte.

Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000

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