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DANTES GÖTTLICHE KOMÖDIE

 

 

 

Die größte Leistung in dieser Hinsicht vollbrachte jedoch Dante, der die Arbeiten in Sevilla und Palermo wiederaufnahm und weiterführte. In seinem bahnbrechenden Werk über die Landessprachen, „De vulgari eloquenria", beklagt sich Dante darüber (Bd.l, Kap.7), daß es andere Sprachen gab, die dem Italienischen überlegen waren; auch wenn er sie nicht identifizierte, waren die einzigen Sprachen, die damals in Frage kamen. Arabisch und Hebräisch, wovon Arabisch viel weiter verbreitet war. Bei der Suche nach Rohmaterial zur Formung einer italienischen Nationalsprache verwies er auf den sizilianischen Dialekt und das Palermo Friedrich II. als Geburtsort der italienischen Sprache. Gleichzeitig verwies er darauf, daß die spanischen Poeten und deren literarische Verwandte, die Troubadoure der Provence, Boten einer neuen Poesie und Sprache seien, die sich an arabischen Vorbildern orientierten. Dantes Lehrer Brunetto Larini war, wie er in der „Göttlichen Komödie" erzählt, Botschafter von Florenz am Hofe Alfons des Weisen gewesen und hatte, nachdem er dessen reich mit arabischen Werken bestückte Bibliothek studiert hatte, den „Tesoro" verfaßt, der in Dantes Augen die Summe der damaligen wissenschaftlichen Kenntnisse war.

Wie verhielt sich Dante nun zum Islam? Der viel verleumdete spanische Priester und Gelehrte Asin Palacios52 führte zu Beginn dieses Jahrhunderts grundlegende Arbeiten über den Einfluß des Islam auf Dame durch, der über das islamische Spanien vermittelt wurde. Sein Werk provozierte einen Aufschrei der „Dantisten" in Europa, die dies als Versuch werteten, Dante zu „ent-christianisieren". Die Ernsthaften unter ihnen mußten jedoch schließlich zugeben, daß er recht hatte.

Palacios wies nach, daß das Leitmotiv der „Göttlichen Komödie", der Aufstieg des Menschen (des Pilgers Dante) zum Paradies, auf eine Episode in Mohammeds Leben zurückgeht, die im Koran nur flüchtig skizziert ist, aber Gegenstand mehrerer langer arabischer Gedichte war. Die Episode, in der arabischen Literatur als Mi'raj bekannt, bezieht sich auf den Aufstieg Mohammeds von Jerusalem zum Paradies, und war im 13. Jahrhundert in Spanien (von Alfons übersetzt) und Italien sehr bekannt. Brunetto Larini berichtet von ihr in seinem „Tesoro".

Daß Dante mit der arabischen Philosophie vertraut war, ist in seinen eigenen Werken, im „Convivio" und der „Göttlichen Komödie" selbst, ausführlich dokumentiert. Dantes Darstellung des Mohammed, den er zu den Schismatikern zählte, war reich an Details über die inneren Fraktionskämpfe des frühen Islam, von denen sonst in Europa kaum jemand wußte. Außerdem erkannte Dante in seinen Prosawerken ausdrücklich an, daß er in der Schuld großer arabischer Philosophen wie Al-Kindi, Al-Farabi. Ibn Sina, Al-Fragani, Ibn Arabi und vieler anderer stand. Vor allem über die Araber hatte Dante Zugang zur griechischen platonischen Wissenschaft.

Ähnlich der Haltung Lulls, doch weit aufgeklärter sind für Dantes Verhältnis zum Islam nicht die „literarischen Motive" oder „Einflüsse" wichtig, sondern die Haltung des Poeten gegenüber der islamisch-arabischen Kultur. Man sollte Dantes "Komödie" als Antwort im Dialog mit dem Islam verstehen. Wenn man bedenkt, wie sehr die islamisch-arabische Kultur im 13. Jahrhundert, als Dante seine Werke verfaßte, Europa durchdrungen hatte - ob negativ im Kampf um den Averroeismus in Paris oder positiv in den bewundernswürdigen Leistungen Andalusiens oder Palermos — sieht man, daß Dante die Komödie bewußt sozusagen als Antwort auf den Islam geschrieben hat. Es war eine Antwort auf eine - islamische - Kultur, die in Spanien und Süditalien ein außerordentlich hohes soziales und kulturelles Niveau erreicht hatte, die geformt war durch das religiöse Weltbild des Koran, eines Gedichtes in der nationalen Sprache der Araber, das den meisten Moslems verfügbar war oder das sie sogar auswendig gelernt hatten. Dante verdeutlicht in „De vulgari eloquentia" seine Absicht, ein poetisches Meisterwerk zu verfassen, um eine italienische Nationalsprache zu scharfen, welche die epistemologische, moralische und religiöse Grundlage für einen italienischen Nationalstaat bilden sollte. Welch besseres Mittel konnte es also geben, als ein Motiv des Korans zu „zitieren", das in der arabischen Literatur ausgeführt worden war, nämlich Mohammeds Aufstieg, und es sodann in den Aufstieg des christlichen Pilgers Dante zum Paradies zu verwandeln. Dies war Dantes Weg; er legte seine Vorstellung von der Überlegenheit der christlichen Weltanschauung in Begriffen dar, die für diejenigen, die durch die arabische Kultur geprägt waren, verständlich waren.

Das zentrale Thema der „Komödie" ist die Dreieinigkeit, jenes Konzept also, welches das Christentum vom Islam unterscheidet. Nicht nur das Gedicht als solches hat eine trinitarische Form, auch der Prozeß, durch den der Pilger Dante (und mit ihm der Leser) von den intellektuellen und moralischen Parametern der Hölle durch das Fegefeuer zum Paradies aufsteigt, „beweist" die Dreieinigkeit. Durch den Prozeß der Selbstvervollkommnung des Pilgers Dante, der Schritt für Schritt die göttlichen Gesetze des Universums begreift, erreicht er den Zugang zur Welt der Wissenschaft, zum Paradies. Das irdische Paradies (welches man als das Paradies des Korans verstehen kann) erweist sich am Ende des Buchs über das Fegefeuer als Chimäre, und als polemischer Gegensatz dazu entfaltet sich das wirkliche Paradies als Prozeß, durch den das Individuum die göttlichen Gesetze begreife, als Wissenschaft. Durch diesen Prozeß beweist der Mensch die Kohärenz des menschlichen Geistes mit der göttlichen Schöpfungsordnung. Dantes Gedicht ist der endgültige Beweis der christlichen Idee des Imago viva dei und der Dreieinigkeit, der letzten Vision des letzten Gesangs.

Dantes poetisches Werk übte vor Kues und der Einberufung des Konzils von Florenz 1439 zweifellos den größten Einfluß auf die Renaissance aus. Beim Konzil, das in der Kirche Santa Maria Novella abgehalten wurde, konnten alle Teilnehmer Darstellungen der „Komödie" an den Wänden sehen. Das Gedicht war das poetische Mittel, mit dessen Hilfe nicht nur die italienische Bevölkerung auf ein höheres kulturelles Niveau gebracht, sondern auch die grundlegenden Konzepte des Christentums vermittelt wurden. Man sollte nicht übersehen, daß zu Dantes Zeit die Bibel der breiten Bevölkerung nicht zugänglich war; die „Komödie" hingegen wurde im 14. und l5. Jahrhundert in den Kirchen von Florenz wie ein Lehrbuch rezitiert und kommentiert — in auffallend ähnlicher Weise wie der Koran zur selben Zeit in anderen Teilen Europas. Brunelleschi hatte die Komödie auf seinem Nachtschrank. Leonardo kannte sie auswendig. Dantes Komödie verkörperte und vermittelte (wie Dante selbst zugab) unmittelbar oder über das Werk von Arabisten wie Roger Bacon und anderen die Gesamtheit der arabischen Wissenschaft in der Perspektive, der Physik, der Dichtung und der Musik. In diesem Werk feierte er die Bedeutung des christlichen Menschenbildes, wonach der Mensch kraft der ihm innenwohnenden Gottebenbildlichkeit die Macht erlangt, sich das im Werk vorgeführte neue Wissen anzueignen.

Dantes Gedicht ist implizit auch eine Antwort auf die Werke rührender islamischen Mystiker wie Al Hazm und Ibn Arabi, die Dante kannte und in seiner „Komödie" reflektierte. Wo sie den Weg zu Gort über die Meditation suchten, demonstrierte Dante, daß nur das Individuum die letzte Vision des göttlichen Lichtes erreichen kann, indem es wissenschaftliche Durchbrüche nachvollzieht und in wissenschaftlichen Erkenntnissen selbst erlebt.

Diese Betonung des konkreten, einzelnen Individuums als besonderem Abbild des universellen Gottes ist überall im Aufblühen kreativer Aktivitäten in der italienischen Renaissance spürbar. Auch hier liegt die Vermutung nahe, daß die herausragenden Werke der bildenden Künste eine indirekte Antwort auf den Islam waren. Auch wenn die Wissenschaft der Perspektive, wie unter anderen auch Dante bestätigt, von den Arabern weiterentwickelt und nach Europa vermittelt wurde, nutzte erst die platonisch-christliche Renaissance diese Wissenschaft der Perspektive zur Verherrlichung des Menschen im Universum. Der Islam bevorzugte das gesprochene Wort in Dichtung und Gesang sowie die Architektur, aber er hatte die Malerei nicht entwickelt. Die christliche Renaissance nutzte die visuelle Darstellung des Begriffs des Imago viva Dei (die in der früheren, byzantinischen Kunst völlig fehlt, auch wenn sie Menschen abbildete), um die Idee des Universellen durch das Individuum auszudrücken.

So kann der Prozeß, der sich von Lull und Dante bis zur Renaissance des 15. Jahrhunderts entfaltete, sehr gut als großer Dialog, als Große Fuge, betrachtet werden, in dem das Thema des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott von den platonischen Erben des islamischen F,uropa und ihren christlich-humanistischen Gesprächspartnern kontrapunktisch entwickelt wird, und in diesem Geiste sollte auch heute der ökumenische Dialog geführt werden.

Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000

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Anmerkungen


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