In Nordeuropa blickte man mit Ehrfucht und mit ein wenig Mißtrauen auf das Wunder Al-Andalus. Man stellte sich die Frage, was das Geheimnis hinter dem Glanz des arabischen Spanien sei und gelegentlich wurde das Gerücht verbreitet, in den Hallen der Akademien von Toledo lehre man Hexerei. Aber dies entsprach nicht dem, was die islamische Kultur in Spanien wirklich war. Das islamische Spanien war eine humanistische Kultur, die auf einer entscheidenden wissenschaftlichen Entdeckung beruhte: der arabischen Sprache. Mohammed, den die Moslems als den letzten einer mit Abraham beginnenden Reihe von Propheten betrachten, war ein Analphabet, der die Erleuchtung halte, die im heiligen Buch des Islam, dem Koran, mit dem Gebot Gottes, „Lese! Rezitiere!" enthalten ist. Das Wunder, das die neue Religion entstehen ließ, war also das Wunder der Sprache, dessen Erscheinen vor Mohammed dem Akt gleicht, mit dem Gott dem ersten Menschen Adam die Sprache gab. Es handelte sich nicht nur um die Sprache im allgemeinen, sondern um die arabische Sprache, die, auf der vom Quayrash-Clan in Arabien gesprochenen Sprache beruhend, erst durch die Poesie des Korans zu einer Hochsprache erhoben wurde. Damit vollzog sich eine sprachliche Entwicklung hin zu einer, von Dante später so bezeichnelen, gehobenen Landessprache, eine Sprache, die zwar vom Volk gesprochen wurde, die aber durch die Vermittlung universeller Ideen, in diesem Fall der göttlichen Offenbarung, in ein Instrument verwandelt wurde, mit dessen Hilfe man die Idee vom Menschen und vom Universum vermitteln konnte. Den Koran selbst betrachten die Moslems als das, was man ein einzigartiges Experiment nennen kann; auch wenn man auf die Gültigkeit der Ideen, die darin enthalten sind, vertraut, weil man an sie glaubt und weil sie vor der Vernunft standhalten, wird oft die Form des Ausdrucks als Beweis ihrer Gültigkeit angeführt: Es wäre unmöglich, die gleichen Gedanken, die in irgendeiner der Strophen des Koran enthalten sind, in anderer Form auszudrücken. Die Dichtung selbst ist den Moslems Beweis. Die Rolle der Sprache in der arabischen Kultur ist einzigartig. Da es für Moslems selbstverständlich ist, den Koran im täglichen Geher zu lesen und zu rezitieren, mußten die Gläubigen, die für den Glauben gewonnen wurden, die Sprache des Koran sprechen, lesen und schreiben lernen. Seine Verbreitung entsprach einer Bildungsinitiative. Während sich der Islam in der nicht-arabischen Bevölkerung rapide ausbreitete, im Osten breitere er sich über Persien und Indien bis nach China und Südostasien aus, und westwärts verbreitete er sich über Nordafrika nach Spanien, mußten Maßnahmen ergriffen werden zum Erhalt der Reinheit der Sprache, da sie von denjenigen, die sie als Fremdsprache lernen, leicht verunstaltet wird. So gehörte zu den ersten Neuerungen, die der Kalif 'Uthman einführte, eine Revision der Schrift, deren Zweck es war, den Laut festzulegen. Ein Problem, das damals existierte, war, daß mehrere Buchstaben für verschiedene Laute verwendet wurden (wie im Deutschen das „s" stimmhaft, wie in „singen", oder stimmlos, wie in „essen" ausgesprochen werden kann). Das andere Problem war, daß der Vokallaut nicht durch diakritische Zeichen angezeigt wurde. Das erste Problem wurde von al-Hajjaj b. Yusuf gelöst, der Punkte über oder unter den Zeichen einführte, mit denen der Laut unterschieden wird; das zweite wurde durch den Gebrauch von Strichen behoben, die ein „a", „i" oder „u" anzeigen. Diese Maßnahmen stabilisierten die Schrift durch ein vollkommen phonetisches Alphabet. Die Sorge um die Reinheit der Sprache des Gebets war auch ein Antrieb für philologische Studien, die im 7. Jahrhundert in den irakischen Städten Basra und Kufa begründet wurden. „Die Wissenschaft der arabischen Sprache ist das Herz der Religion selbst," so Abu 'Amr b. al-'Ala.7 Dort, in Basra und Kufa, arbeiten Generationen von Philologen daran, die Sprache durch grammatikalische und lexikalische Studien zu kodifizieren, was zur ersten vollständigen arabischen Grammatik führte. Diese wurde von Sibawaihi (gest. 793), dem Panini der arabischen Sprache, verfaßt. Das monumentale Werk wurde einfach als „das Buch" bekannt und galt als höchste linguistische Autorität. In ihm legte er ein revolutionäres Konzept der Phonetik dar, das das komplexe I.autsystem des Arabischen entsprechend der Stellen und Modalitäten der Lautartikulation ordnete, ausgehend von den gutturalen Lauten über den Hals bis zu den Labialen. Er legte auch die Vokalendungen der Inklinationen fest, die als 'irab bekannt sind (woher die Sprache ihren Namen hat). Sibawaihis Schule in Basra, deren Lehren von Al Qali (901-967) nach Andalusien gebracht und in Córdoba unter al-Hakem II. von dessen Schüler al-Zubaydi (gest. 989) fortgesetzt wurden, legte nach dem Prinzip der Analogie Regeln für die Erzeugung neuer arabischer Worte fest. So konnte ein neuer Begriff durch einen gesetzmäßigen morphologischen Prozeß, der aus analogen Konstruktionen bekannt ist, geschaffen werden. Dies entsprach einem Durchbruch in der Philologie. Eine der dabei verwendeten Methoden ist das Ishtiqaq (die Ableitung). Alle arabischen Worte sind von Verben abgeleitet, deren Wurzeln aus drei Konsonanten bestehen, die durch Vokale moduliert werden. Es gibt drei Formen des Ishtiqaq, die große, die mittlere und die kleine. In einer kleinen Ableitung bleibt die Anordnung der Vokale oder Radikale die gleiche, obwohl andere Vokale hinzugefügt werden. „So kann aus den Radikalen K-T-B eine Reihe von Worten gebildet werden... KaTaBa, KuTiBa, KaTiBa, KaTiB maKTuB, usw." Die mittlere Ableitung entsteht durch die Änderung der Anordnung der Konsonanten. Die große Ableitung geht davon aus, daß zwei Worte, bei denen zwei der drei Radikale gleich sind, auch eine ähnliche Bedeutung hat. In dieser Methode reflektiert sich ein revolutionäres
Verständnis der Philosophie der Sprache, das erst später von Leibniz
artikuliert wurde. Diese systematische Behandlung über die Wortbildung war grundlegend für das monumentale Übersetzungswerk, das unter den Abbasiden in Bagdad begann und in der gesamten arabischen Welt, insbesondere in Spanien, in Córdoba und Toledo, fortgesetzt wurde. Um die in der griechischen Philosophie und Wissenschaft enthaltenen Ideen vermitteln zu können, mußten neue arabische Begriffe geschaffen werden, und die Sprache wuchs durch diesen Prozeß zu einem außerordentlich flexiblen Ausdrucksmittel.9 In Bagdad räumte der Kalif Harun al-Raschid arabischen Übersetzungen höchste Priorität ein. Er verkörperte die oft zitierte Maxime des Islam „suche das Wissen, und wäre es in China", und schickte Boten nach Byzanz und in andere Teile der Welt, um alte Manuskripte zu suchen, die ins Arabische übersetzt werden sollten. Unter Kalif al-Mamun (813-833) fand die Übersetzungsarbeit im Haus der Weisheit statt, einem Gebäudekomplex, das unter seinem Dach sowohl ein Übersetzungszentrum, eine Akademie, ein astronomisches Observatorium und eine der reichhaltigsten Bibliotheken der Welt vereinigte. Eine Gruppe von 90 Übersetzern arbeitete unter Leitung des nestorianischen Christen Hunayn Ihn-lshaq (809-877), der anstelle der wörtlichen Übersetzung die Methode der konzeptionellen Übersetzung einführte. Alle Werke des klassischen Griechenland, die man auftreiben konnte, wurden ins Arabische übertragen, das reichte von den medizinischen Werke von Galens und Hippokrates über die Philosophie Platons und Aristoteles', bis zur Wissenschaft und Geometrie von Ptolemäus, Euklid und Archimedes. In den Städten Córdoba und Sevilla entstanden ähnliche Einrichtungen nach dem Vorbild des Hauses der Weisheit. Die Tatsache, daß Hunayn ibn-Ishaq für jedes übersetzte Buch dessen Gewicht in Gold ausbezahlt bekam, zeugt dafür, welche Bedeutung man dem Wissen - und der Verbreitung des Wissens - beimaß. Wie Ihn 'abd Rabbihi im zehnten Jahrhundert schrieb, sind das Wissen und die Verbreitung von Wisseil durch Bildung „die Säulen, auf denen die Achse der Religion und der Welt ruht. Sie unterscheiden den Menschen von den Tieren, und das rationale vom irrationalen Wesen."10 Der andalusische Dichter und Philosoph Ihn Hazm (gest. 1064) pries die Rolle des Wissens für die Entwicklung der Tugend und verurteilte jene, die mit ihrem Wissen geizen. Das beste Mittel für die Verbreitung des Wissens, so Ibn Hazm, seien Bücher, deren Besitz ein Kennzeichen gebildeter Menschen wurde.¹¹ Eine solche Haltung reflektiert die Liebe zum Wissen, welche die Grundlage des Islam ist. Zu den prophetischen Traditionen, die Ibn Khayr in sein „Farasah" mit einschließt, gehört folgendes: „Nichts ist größer vor Gottes Auge, als ein Mann, der eine Wissenschaft erlernt (ta'allama 'ilman), und diese den Menschen lehrt." „Ein Moslem kann seinem Bruder kein besseres Geschenk machen als diesem ein Wort der Weisheit zu übermitteln. Wenn der Bruder dieses wahrnimmt, versteht, und weitergibt, wird ihn Gott führen und vom Bösen fernhalten, da das Wort der Weisheit die Seele erhebt." „Gelehrte und Lehrer werden gleichermaßen belohnt, und es gibt keine besseren Menschen als sie." „Ungenutztes Wissen ist wie Reichtum, der nicht ausgegeben wird. Um den Reichtum zu sammeln, arbeitet der Besitzer des Reichtums sein Leben lang, ohne je einen Nutzen davon zu haben." „Wenn Gott dich auch nur zu einem [gelehrten] Mann führt, so ist dies besser für dich als die ganze Welt und alles, was diese enthält."¹² Von diesem Geist war Andalusien durchdrungen. „In keinem Land und keiner Kulturperiode ist der Trieb zu weitausgedehnten wissenschaftlichen Reisen so verbreitet gewesen, wie im moslemischen Spanien, namentlich seit dem zehnten Jahrhundert. Es war etwas ganz Alltägliches, daß Bewohner der Halbinsel den ungeheuer langen Weg längs der afrikanischen Küste nach Ägypten und von da nach Buchara oder Samarkand zurücklegten, um die Vorlesungen eines berühmten Gelehrten zu hören."¹³ Aus diesem Geist heraus wurden öffentliche Schulen für die Kinder der Armen gegründet, reich ausgestattete öffentliche Bibliotheken eröffnet, von denen noch im dreizehnten Jahrhundert siebzig geöffnet waren, und ein so hoher Grad an Alphabetisierung erreicht, daß „fast jeder Lesen und Schreiben konnte, während dies im nördlichen Europa nur dem Klerus vorbehalten war."14 Treibende Kraft bei der Suche nach dem Wissen durch Übersetzungen, Bücher und Bildung war der Koran, ein poetischer Text, der den Gläubigen zur Vermehrung seines Wissens als Mittel des Lobs des Allmächtigen anhielt. Der Koran war der Grundstein für den weiteren Ausbau der Sprachkultur. Auch wenn schon die vor-islamische Dichtung in Arabien blühte: Es war die Geburt des Islam, die der Dichtkunst den größten Auftrieb gab. Die Dichtung war das Herz der andalusischen Kultur. Eine Anthologie der andalusischen Poesie („Der Garten"), die im zehnten Jahrhundert von Ibn Ferradsch zusammengestellt wurde, hatte 200 Kapitel, wovon jedes in hundert Doppelversen abgefaßt war. Die Dichtung war ein Teil des Lehens. Nicht nur Staatsmänner wurden wegen ihrer poetischen Werke gerühmt, sondern „jeder Bauer habe die Gabe der Improvisation besessen, und selbst der Ackersmann hinter dem Pfluge über jedes beliebige Thema Verse gemacht." Wie die Chroniken berichten, war die Dichtung ein unverzichtbares Werkzeug für die Gestaltung des sozialen und politischen Lebens. „Gedichte, sich in vielfachen Verschlingungen um Wände und Säulen windend, bildeten einen Hauptschmuck der Paläste und selbst in den Staatskanzleien spielte die Dichtung eine Rolle. ... Männer aus den niedrigsten Schichten stiegen nur durch ihr poetisches Talent zu den höchsten Ehrenstellen, zu fürstlichem Ansehen empor; Verse gaben das Signal zu blutigen Kämpfen und entwaffneten ebenso auch wieder den Zorn des Siegers; die Poesie mußte ihr Gewicht in die Waagschale legen, um diplomatischen Verhandlungen mehr Nachdruck zu verleihen; und eine glückliche Improvisation sprengte oft den Kerker des Gefangenen oder rettete das Leben des zum Tode Verurteilten."15 Der Poet genoß am Hofe dasselbe hohe Ansehen wie der Übersetzer oder Lehrer, und wurde wie diese gleichermaßen reichlich belohnt. Als Abd al-Rahman II. 822 den berühmten Dichter Ali ibn Nafi aus Bagdad, bekannt als Zirjab, mit einer großen Zeremonie an seinem Hof in Gordoba empfing, bot er ihm 200 Goldstücke pro Monat, Naturallieferungen im Überfluß, 2000 Goldstücke jährlich als Geschenk und die Nutzung verschiedener Häuser, Felder und Gärten im Wert von 14 000 Goldstücken an. Was Zirjab aus Bagdad mitbrachte, war der Reichtum orientalischer Sitten, Kleidung und Kultur, vor allem aber den Reichtum der Dichtung und Musik. Zirjab kannte 20000 Gesänge auswendig, und rief Frauen vom Hof zu sich, die selbst gute Musikerinnen waren, um die Lieder, die er nachts komponiert hatte, aufzuschreiben. Zirjab brachte auch das im Osten weitverbreitete Wissen über Musikinstrumente und Musiktheorie mit und verbesserte das Lauteninstrument (nach dem arabischen al 'ud), indem er eine fünfte Saite hinzufügte. In den darauflolgenden Jahren wurde Sevilla ein berühmtes Zentrum für den Bau von Lauten und Gitarren, Flöten, Kupfertrompeten, Tamburinen und anderen Musikinstrumenten.16 Zirjab war nicht nur ein praktizierender Musiker und Poet, sondern auch ein Gelehrter, der stundenlang mit Abd al-Rahman über Dichtung, Geschichte, Astronomie, Wissenschaft und Kunst sprach. Die Hofdichter stellten in Spanien seil den ersten Kalifen eine Institution dar. Der Dichter Yahja, der wegen seines guten Aussehens den Spitznamen „al Gazal" (die Gazelle) erhalten hatte, war für den Kalifen Abd al-Rahman II. eine Art Botschafter, der den Kaiser in Konstantinopel mit seinen improvisierten Versen, in denen er die Schönheit der Kaiserin rühmt, überwältigte. Die Dichter am Hofe Abd al-Rahmans III., Ibn Abd Rebbihis und Mondhir Ibn Said, wurden berühmt durch die Macht ihrer Poesie.17 Aber was für eine Dichtung sangen diese Meister der Dichtung? Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000
|
|
Das Wunder der arabischen Sprache
|
©
Copyright 2000 by JADU