Unter den Humanisten, welche die erfolgreiche Gegenoffensive gegen den Aristotelismus eröffneten, steht Petrarca für jene, die so wütend über das Ansehen von Averroes waren, daß sie alles, was mit der arabischen Kultur zu tun hatte, ablehnten. Es ist nicht ohne Ironie, daß gerade Petrarca, dessen eigene Gedichte die Erbschaft der poetischen Traditionen der nach dein arabischen Vorbild entwickelten Landessprachen nutzten, solche Vorurteile vertrat, aber es zeigt, wie sehr sich der Einfluß des Averroes-Projektes auf die Humanisten auswirkte. So schrieb Petrarca an einen Freund, er möge auf keinen Fall den Arabern, d.h. der arabischen Dichtung irgenwelche Beachtung schenken, da er diese Rasse hassen würde... „Ich weiß daß Griechenland gelehrte Männer hervorgebracht hat: Philosophen, Dichter, Redner, Mathematiker, sie alle hatten ihren Ursprung in Griechenland." Er kenne jene arabischen Poeten, die er für verweichlicht, entnervend und obszön hielt... „So kann man mir kaum glaubwürdig machen, daß irgendetwas Gutes von den Arabern gekommen sei... Gicero sei der Nachfolger des Demosrhcncs gewesen als Redner, Vergil folgte als Dichter dem Homer, Livius und Sallust schrieben ihre Historien nach Herodot und Thukydides... und nach den Arabern wird es nicht länger erlaubt sein, irgend etwas zu schreiben... Oh welche Dummheit."46 Petrarca ärgerte sich nicht nur über die Averroes-Mode. Er fühlte sich wie die anderen Humanisten seiner Zeit von der arabischen Kultur und was diese für das christliche Europa bedeutete, herausgefordert. Es stellte sich damals die Frage, wie man nach den Arabern schreiben", d.h. wie man eine kulturelle, christliche Renaissance einleiten konnte, die sich mir dem Wissen der Araber messen könnte und darüber hinausrühren würde. Die Antwort Petrarcas und der Florentiner zu Beginn des l5. Jahrhunderts war eine Ablehnung der arabischen Vermittlung und auf dem Wege einer gewaltigen Übersetzungsanstrengung (ähnlich wie in Bagdad, Kordoba und Toledo) unmittelbar zu den griechischen platonischen Lehren zurückzukehren. Aber gleichzeitig gab es andere Kräfte in Andalusien und Palermo, die sich für eine christliche Renaissance einsetzten und willens waren, die arabische Kultur als Mittel zur Unterstützung der Renaissance in Florenz zu nutzen. Zwei Höfe christlicher Fürsten sind beispielhaft für diesen reichen Dialog mit dem islamischen Spanien: es handelt sich um den Hof Alfons des Weisen und den von Kaiser Friedrich II. in Palermo. Im Andalusien des 9. Jahrhunderts war Arabisch auch unter den Christen die universelle Sprache. Als 1085 die Christen Toledo eroberten, blieb die Kultur arabisch. Die Könige von Kastilien und Aragon nahmen sich arabische Frauen, was auch auf Alfons IV, Alfons VII. und Alfons den Weisen (1226-1288) zutraf. Arabische Werke wurden in den Übersetzer-Schulen wie die des Erzbischofs Raimundus von Toledo schnell ins lateinische übertragen, und nicht nur die griechischen Klassiker, sondern auch der Koran wurde übersetzt. Unter Alfons dem Weisen wurden die Werke in die Lengua Romana, ins Französische und ins lateinische übersetzt. Es waren hauptsächlich die Mozaraber - Christen, die unter arabischer Herrschaft gelebt hatten - und die Morisken oder Mudejaren - Moslems, die unter christlicher Herrschaft lebten -, die den neuen christlichen Herrschern die arabische Sprache und Kultur vermittelten. Alfons der Weise richtete eine Schule ein, in der der arabische Philosoph Muhamed al-Riquti Araber, Christen und Juden unterrichtete. Er gründcrc auch eine „allgemeine Schule für Arabisch und Latein", an der Christen und Moslems Wissenschaft und Philosophie unterrichteten, und stellte arabische Seefahrer und Astronomen ein, die mit ihm an den „astronomischen Tafeln" und einer Geschichte Spaniens arbeiteten. Auch seine „Cantigas de Santa Maria" zeigen starke arabische Einflüsse.47 Auch in Sizilien unter den Hohenstaufen herrschte eine christlich-arabische Kultur vor. Seit der Eroberung Siziliens durch die Normannen bis zum Herrschaftsende der Hohenstaufen wurde alles von den früheren moslemischen Herrschern übernommen, Sprache, Architektur, Musik, Dichtung und Wissenschaften, sogar die Kleidung.48 Roger von Sizilien hatte schon 1140 nach dem Vorbild von Bagdad strenge Vorschriften für die Zulassung von Ärzten erlassen. Friedrich II. (1215-1250), der mit Arabisch als Muttersprache aufwuchs, berief Wissenschaftler aus Bagdad an seinen Hof, ebenso Musiker und Dichter. Er war so stark arabisiert, daß ihn Papst Innozenz beschuldigte, ein Krypto-Moslem zu sein. Man nannte ihn und Roger II. (1101-1154) die „getauften Sultane von Sizilien". Sein Kreuzzug nach Jerusalem ärgerte den Papst besonders, denn anstatt Krieg zu führen, um Territorien zu erobern, verhandelte Friedrich mit den Moslems und verbrachte seine Zeit damit, mit ihren Gelehrten über Philosophie zu diskutieren. Später richtete Friedrich eine Reihe von Fragen über die Natur Gottes an den andalusischen Philosophen Ibn Sabin, dessen Antwort als „Sizilianische Fragen" veröffentlicht wurden. Er gründete 1224 nach dem Vorbild der andalusischen Studienzentren die Universität von Neapel. Unter dem Schutz einer königlichen Verfassung bot die Universität orientalische Studien an, an denen unter anderem auch Thomas von Aquin teilnahm. Friedrich übernahm auch das arabische Kredit- und Steuersystem, das vor ihm bereits die Normannen nutzten. Friedrichs Sohn Manfred, ein Meister der Geometrie, führte die Politik seines Vaters fort. Seine liberale Haltung gegenüber den Moslems an seinem Hof brachte ihm und seinem Bruder Konrad einen päpstlichen Bann ein. Während damals das Averroes-Projekt in Venedig und Paris Verbreitung fand, wurden also zur gleichen Zeit die Juwelen der arabischen Kultur in Toledo, Sevilla und Palermo verehrt und in ihrer Schönheit bereichtert, um sie an jene weiterzugeben, die die Grundlage der floreminischen Renaissance legen sollten. In dieser Hinsicht hatten Raimundus Lullus und Dante Alighieri den wichtigsten Einfluß. Beide lehnten den Islam ab, doch sie assimilierten die von ihm hervorgebrachte arabische Kultur. Lullus wurde 1232 kurz nach Eroberung der Insel durch die Christen auf Mallorca geboren und wuchs in einer arabischen Kultur auf. Nach einer persönlichen Krise verließ er Familie und Stellung und widmete sein Leben der Missionsarbeit, um besonders Moslems zum Christentum zu bekehren. Sein Mentor, der Dominikaner Raymond Penyrort in Barcelona, riet ihm vom Studium in Paris ab mit der Begründung, daß er in Paris nicht das für seine Aufgabe notwendige Wissen erwerben könne. Lull ging später nach Paris, um eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Averroeismus zu spielen, aber im Jahr 1265 befolgte er Penyforts Rat und zog sich zusammen mit seinem Mentor, einem befreiten Sklaven und Araber, für zehn Jahre nach Mallorca zurück. Lull lernte Arabisch und vertiefte sich in das Studium der griechischen Philosophen, insbesondere in die Werke Platons, der christlichen und islamischen Neo-Platonisten und besonders Al-Farabis und Ibn Sinas. Er las auch die Werke der anti-ascharitischen andalusischen Mystiker wie Ibn-Hazm von Cordoba (gest. 1064), Ibn Arabi (gest. 1240) und Ibn Sabin von Murcia (gest. 1269 oder 127l).49 Neben dem gründlichen Studium der Kirchenväter legte er aber besonderen Wert darauf, sich die islamischen Wissenschaften anzueignen. Er hielt dies für die wichtigste Voraussetzung für die Bekehrung von Moslems zum Christentum. In mehreren seiner Werke erzahlt Lull die Geschichte des Sultans von Tunis, dem man das Angebot unterbreitete, sich zum Christentum zu bekehren. Der Sultan fragte den gelehrten Christen, der ihn in den Glauben eingeführt hatte, warum er denn lieber an das Christentum als an den Islam glauben solle. Als der Christ antwortete, dies sei eine Frage des „Glaubens", antwortete der Sultan: „Warum soll ich meinen Glauben für einen anderen aufgeben, aufgrund des Glaubens - (credere pro credere)? Nein," sagte er, „ich will nur das glauben, was meine Vernunft mir sagt - credere pro vero intelligere." Lull wiederholt die Anekdote immer wieder. Er lehnte die Idee der Bekehrung durch Zwang völlig ab, und ging von der Annahme aus, daß das mit Vernunft begable menschliche Individuum durch einen Akt der Liebe freiwillig die Entscheidung treffen würde, den Glauben anzunehmen, wenn ihm die Überlegenheit der christlichen Lehre in verständlicher Form dargelegt wird. Er suchte sich die gelehrtesten Moslems als Gesprächspartner. Seine Methode, ihnen den Glauben zu vermitteln, war anders als die der Scholastiker: Er argumentierte philosophisch, ohne Bezug auf .Autoritäten". Er argumentierte entsprechend der, wie er es nannte, „notwendigen" oder „richtigen Vernunft", die er in den Begriffen der kulturellen Matrix seiner Hörer entwickelte. Er glaubte die arabische und islamische Philosophie beherrschen zu müssen, weil er ihnen seinen Gott mittels ihrer eigenen philosophischen Methode der Wahrheitsfindung ver- ständlich machen wollte. Daß Lull die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, nicht erfüllen konnte, daß er trotz wiederholter Missionen in islamische Länder50 keine Massen zum Christentum bekehrte und verbittert starb, vermindert die Größe seiner Leistungen nicht. Denn indem er sozusagen aus der Matrix der höchsten arabischen Errungenschaften heraus versuchte, das islamische Denken vom platonisch-christlichen Standpunkt her zu überwinden, gelang es ihm, eine neue philosophische Methode zu erarbeiten, die später bei Nikolaus von Kues und Leibniz Früchte tragen sollte.51 Ein Dialog war seiner Erfahrung nach kein Austausch von Positionen oder die Feststellung von Ähnlichkeiten oder Differenzen; es war ein Prozeß der epistemologischen Konfrontation, durch den epochale Fortschritte des Wissens gemacht werden. Nikolaus (dessen Bibliothek in Bernkastel-Kues immer noch die größte Sammlung von Lulls Werk enthält) kannte das Werk, in dem Lull den ökumenischen Dialog am brillantesten entwickelte: „Die drei Weisen und der Heide" (1274-76). Lulls Einfluß auf den Ökumenismus reicht weit. Das erste Ergebnis seiner Bemühungen war die Gründung einer Schule zur Ausbildung von Missionaren nach Lulls Konzept auf Mallorca durch den König. Geleitet von Franziskanern und 1276 von Papst Johannes XXI. (der auch die Widerlegung des Averroes in Paris anordnete) unterstützt, war sie die erste Schule, die den Missionaren das Studium in den Sprachen der anderen Religionen ermöglichte, die so „Fremde und Freunde kennenlernen und eine Feinheit mir ihnen bilden" sollren. Lull setzte sich mit Petitionen an den Papst und das Wiener Konzil 1311 für die Gründung weilerer solcher Schulen ein; in den Beschlüssen des Konzils wurde sein Vorschlag gutgeheißen, fünf solcher Schulen in Rom, Bologna, Paris, Oxford und Salamanca zu errichten (was aber erst Jahrhunderte später geschall). Diese Schulen sollten Arabisch, Hebräisch. Syrisch und Griechisch unterrichten. Aufgrund dieser Bemühungen wurden nicht nur die philosophischen Werke der Araber, sondern auch der Koran selbst gelesen und übersetzt, so daß Christen und Juden herausfinden konnten, was es mir dem Koran auf sich hatte. Als katalanischer Christ erkannte Lull die Notwendigkeit, eine dem Arabischen ebenbürtige katalanische Sprache schalten zu müssen. Dabei benutzte er Syntax und Morphologie des Arabischen, um die neue Landessprache als literarisches Werkzeug zu formen. Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000
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Der große Dialog
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