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Andalusien

Tor zu Goldenen Renaissance

von Muriel Mirak-Weißbach

(Ein Beitrag in acht Teilen)

 

 

 

In der „Göttlichen Komödie", jenem poetischen Meisterwerk, das den Grundstein zur Goldenen Renaissance legte, verbannte Dante den islamischen Propheten Mohammed in den neunten Kreis der Hölle. Nicht etwa, weil der christliche Dichter ihn für einen Ketzer hielt, sondern weil er Mohammeds religiöse Bewegung als schismatisch ansah. Und auch den islamischen Philosophen und Wissenschaftler Ibn Sina stellte Dante, neben hervorragenden Männern wie Platon, Sokrates und Salah al-Din, den islamischen Führer, der 1187 Jerusalem zurückeroberte, in die Vorhölle.

In einem der berühmtesten Gemälde der Renaissance (von Francesco Traini) sehen wir den Heiligen Thomas von Aquin mit dem Fuß auf einer Figur stehend, als trete er auf den Teufel in Schlangengestalt. Bei besagter Figur handelt es sich um den andalusischen Philosophen Ibn Ruschd, allgemeiner bekannt unter dem Namen Averroes, der die Ideen des Aristoteles wieder nach Europa zurückbrachte. War Thomas von Aquin deshalb ein Kreuzritter gegen die ungläubigen Sarazenen? Oder etwa Nikolaus von Kues, der mit seinen ökumenischen Bemühungen 1439 auf dem Konzil von Florenz die Einheit des Christentums begründete und den Grundstein für die Renaissance legte? Derselbe Kues, der in seiner Schrift „Cribatio Alcoranus" noch den Islam verrissen hatte, jedoch in seiner späteren Abhandlung „De pace fidei" den Rahmen für eine ökumenische Verständigung aller Glaubensrichtungen, einschließlich des Islam, darlegen konnte?

Im mittelalterlichen Europa war der Islam kein abstrakter religiöser Glaube. Er war Herzblut einer lebendigen Kultur, die mit der Ankunft der Araber in Spanien im Jahr 711 bis zu ihrer Vertreibung 1492 durch Ferdinand und Isabella im spanischen Al-Andalus ihre Blütezeit auf europäischem Boden erlebte. Besonders zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert ragt diese Kultur als ein Leuchtturm der Gelehrsamkeit in einem Europa hervor, das damals im Schatten von Ignoranz und wirtschaftlicher und sozialer Rückständigkeit dahindämmerre. Die einzigen anderen leuchtenden Stätten in dieser düsteren mittelalterlichen Welt waren die bevölkerungsreichen Metropolen Bagdad, Damaskus, Samarkand, Buchara und Kairo - allesamt Zentren der gleichen islamischen Kultur, die in Spanien Wurzeln geschlagen hatte.

Die Art und Weise, wie man in Europa dieser relativ höheren Kultur begegnen würde, sollte über den weiteren Gang der Geschichte entscheiden. Im Gegensatz zu den weitverbreiteten Kreuzzugsmythen standen die wenigen weitblickenden christlichen Führer Europas dieser Kultur nicht feindselig gegenüber. Ähnlich wie sich die großen Komponisten Beethoven oder Brahms der Herausforderung durch Haydns oder Mozarts musikalischer Revolution stellten, so begegneten sie dieser kulturellen Herausforderung, indem sie die Ursachen der kulturellen Überlegenheit der islamischen Kultur untersuchten. Übersetzt in christliche Terminologie wurden ihre Entdeckungen zum Ausgangspunkt der europäischen Renaissance. Im Gegensatz zu ihren aristotelischen Gegnern, die in scholastischer Manier das Konträre in den Vordergrund stellten, suchten sie nach den zugrundeliegenden universellen Zügen beider Traditionen. Dabei gelang es ihnen oft, gerade unter Zuhilfenahme islamischer Motive, die Bedeutung der christlichen Lehre um so klarer hervortreten zu lassen.

Die Entwicklung der islamisch-arabischen Zivilisation in Spanien gab so den Anstoß für die goldene Renaissance. Nicht nur, wie uns die Geschichtsschreibung oft weismachen will, über die Vermittlung arabischer Übersetzungen klassischer griechischer und indischer Werke, sondern auch durch den Aufbau einer wissenschaftlich, wirtschaftlich und künstlerisch beeindruckenden Kultur. Diese Kultur übertraf die der Merowinger und der Karolinger vor allem durch die Sprachrevolution, auf die sie sich gründete. (Der große Fehler Karls des Großen war sein Festhalten an der Kunstsprache Latein und seine Weigerung, die fränkische Landessprache zu einer Nationalsprache zu erheben). Wie in einem Dialog brachte die arabische Sprachkultur die Entwicklung der großen poetischen Traditionen Frankreichs, Spaniens, Italiens und Deutschlands zur Entfaltung - und damit all jener Hochsprachen, die erst die Entwicklung der Nationalstaaten möglich machen sollten.

Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000

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The Power of Great Poetry to Shape the Character and Build the Nation: Dante, Humboldt, and Helen Keller



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