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REVOLUTION DER DICHTKUNST

 

 

 

Bei dem Muwaschscha handelt es sich um ein strophiges Gedicht. Die ersten beiden Zeilen, die als Maria oder Markaz bezeichnet werden. bilden eine in Reimform gehaltene Einrührung in das Gedicht. Den nächsten Abschnitt bilden vier Zeilen, von denen die ersten drei (Gusn) einen gemeinsamen, neuen Reim haben, während die vierte Zeile (Simt) den Reim des Markaz wiederholt. So erscheint das Reimschema als: aa - bbba — ccca — ddda - usw. Der andalusische Historiker Ibn Khaldoun (gest. 1406) schrieb: „Als die Eloquenz der Dichtung in Al-Andalus ihren Höhepunkt erreicht hatte, schufen die späteren (modernen) Dichter eine neue Gattung, die sie Muwaschscha nannten. Diese neue Dichtungsart ordneten Simt für Simt und Gusn für Gusn an. Sowohl in der Komposition, als auch in den Variationen des Metrums, waren die Dichter sehr einfallsreich. Eine entsprechend angeordnete Anzahl von Gusn nannten sie Bait (Strophe). Dabei muß der Dichter denselben Reim und dasselbe Metrum der Gusn bis zum Ende des Qasida (Gedicht) benutzen. Gewöhnlich liegt die höchste Zahl der Strophen bei sieben. Jede Strophe enthält soviele Gusn, wie es der Absicht und dem System des Dichters einspricht; sie dienen dazu, Liebe oder Lob zu singen, genau wie das Qasida. Die Andalusicr verfeinerten diese Gattung im höchsten Mals, und alle Menschen, das betrifft die Eliten wie die Bevölkerung, erfreuten sich daran, weil sie leicht erlernt wurden und allgemein verständlich waren. Der Erfinder dieser Gattung in Al-Andalus war Muqaddam ibn Ma'afir al-Farabri."18

Ein gutes Beispiel des Muwaschscha ist das folgende Gedicht des Dichters Ibn Guzman, der im 11. Jahrhundert in dieser Gattung herausragte:


(ÜBERSETZUNG:)
Die Erde breitet einen grünen Teppich aus, die Gänseblümchen öffnen sich und die Welt blüht: Sprich von der weißen Lilie und preise ihre Schönheit und vergiß die Pracht der Rose nicht und stelle die Narzisse an ihre Linke, und erwähne nicht des Jasmin, bis er blüht."19

Oder um ein anderes Beispiel aus einer deutschen Übersetzung zu geben, welche den Inhalt frei wiedergibt, um der Form der Strophe umso genauer zu folgen:

Preis dem Schöpfer dieser Welt!
Der vernichtet und erhält!
Alle Erdenregionen
Schuf er und die sie bewohnen,
Hat den Stolz der Pharaonen
Und des Stamms Themud gefällt.
Er, der Ew'ge, hocherlauchte!
Als sein Schöpfungsodem hauchte,
Aus dem Rauch und Wasser tauchte
Erde da und Himmelszelt, (usw.)

Muwaschscha und Zagal entwickelten sich zu außerordentlich reichen Formen mit großer Variationsmöglichkeit. Manchmal wurde der eröffnende Zweizeiler fortgelassen und eine Reihe von Vierzeilern entfaltet, aber das bleibende Charakteristikum der poetischen Form war der Simt, der wiederkehrende Reim am Ende eines Vierzeilers oder eines längeren Segments, der sich auf den eröffnenden Zweizeiler Markaz (sofern vorhanden) reimt. Oft waren die allerletzten Zeilen, die Kharga, die sich auf den Markaz reimten, sogar in einem spanischen Dialekt verfaßt, der „Lengua Romana". Das entscheidende an dieser Form war, daß diese strophisch war, d.h., es gab eine organisierte Form der poetischen Idee.

Jedem, der etwas über die frühe Poesie der provenzalischen Troubadours oder der Minnesänger oder auch der sizilianischen Schule am Hofe Kaiser Friedrich des II. von Hohenstaufen weiß, - um nicht von der reichhaltigen kastilischen oder katalanischen Dichtung in Spanien selbst zu reden - ist offenbar, daß der Ursprung dieser mittelalterlichen Dichtung im arabischen Muwaschscha und Zagal liegt.

Ein gutes Beispiel ist das folgende spanische Gedicht, dessen Teile, die dem arabischen Markaz, Gusn und Simt entsprechen, hier mit ihren spanischen Namen bezeichnet sind:

(ESTRIBILL0:)
Vivo ledo con razon,
Amigoes, toda sazon.
(MUDANZAS:)
Vivo ledo e sin pesar,
Pues amor me fizo amar
A la que podre llamar
(VUELTA:)
Mas bella de cuantas son.
(MUDANZAS:)
Vivo ledo e vevire
Pues que de amor alcance
Que servire' a la que se
(VUELTA:)
Que me dara galardon.20

Unter den schönsten spanischen Werken, die sich dieser Form bedienten, sind die „Cantigas de Saina Maria" Alphons des Weisen und das „Libro de Buon Amor" des Erzbischofs von Hita Juan Ruiz wahrscheinlich die bekanntesten.
Auch das folgende italienische Gedicht zum Lob Gottes ist typisch für die arabische Form im 13. Jahrhundert:

Parre beato, per tua caritade,
Ensegnaci a rare la tua bontade.
Benigno Patre, per tuo gran dolcezza,
Contra li vizii danne fortezza,
Che nostra carne per suo fragilezza
Sempre ne cessa da tua amistade.
Spesso superbia a noi abbonda,
Che ne fa perder tuo grazia gicconda.
Dolce Signore, nostra mente fonda
Sempre in perfetta umilitade. (usw.)²¹

Oder eines der vielen Gedichte des Paters Fra Jacopone da Todi, eines Meisters in dieser Form in Italien, der sie für die meisten Gedichte in seinem „Laude" verwendet hat:

„Amaestramento al peccatore che se uole reconciliare con Dio"
O peccator dolente, che a Dio uol retornare,
Questa lauda t'ensegna quello dei fare.
Tu dei esser pemuto de tutto el tuo peccato,
Et deilo confessare col core humiliato,
Et far la penitenza, sl como t'e comandato.
E po che l'ai lassato, noi dei mai repigliare.²²

In Dante Alighieris „Vita Nuova" zeigt das „Morte villan" eine ähnliche strophische Struktur:

Morte Villan, di picta nemica,
di dolor madre antica,
guidicio incontestabile gravoso,
poi che hai data matera al cor doglioso
ond'io vado pensoso,
di te blasmar la lingua s'affatica. (usw.)

Ein anderes Beispiel sind die Gedichte im „Laudario di Pisa" der Franziskaner:

"De resurrectione domini"
Colla madre del beato
Gaudiam che'e risuscitato
Suscitato e l'alta uita
Ihesu manna sauorita
Alla gemma, rosa aulita
Apparitte il giglio ornato.²³

In der Provence war William von Aquitanien (1071-1127) der erste Komponist, der diese arabische Dichtungsform in die Lengua Romana, d.h. auf die Troubadourdichtung übertrug. Nach einem zehnjährigen Aufenthalt im Heiligen Land als Teilnehmer des ersten Kreuzzugs begann er um 1100 nach dem Vorbild des Muwaschscha und des Zagal zu komponieren. Formen, die sich von Andalusien bis nach Palästina verbreitet hatten:

Farai chansoneia nueva
Ans que vent ni gel ni plueva;
Ma dona m'assai' e.m prueva
Quossi de qual guiza l'am;
E ja per plag que m' an mueva
No.m solvera de son liam.24

Auch die Minnesänger in Deutschland griffen die neue Form auf, wobei sie den einführenden Markaz ausließen, wie der folgende Teil des Lieds des Hermann von Reichenau (1013-1054) zeigt:

Got hat wunders vil gewundert

Manich tusent manich hundert

Eynes han ich uz gesundert

Das ist wunderbare.25

Auf ähnliche Weise fand die arabische Poesie auch in Portugal und England ihre entsprechende Form in der jeweiligen, damals entstehenden Landessprache.
Um zu verstehen, wie diese poetische Saat in Andalusien Wurzeln schlug und blühende poetische Traditionen in ganz Europa hervorbrachte, muß man sich das Leben der Moslems, Christen und Juden im arabischen Spanien vorstellen. Arabisch war aufgrund der Bedeutung des Korans für alle Bereiche des Lebens nicht nur die Sprache des Hofes, der Verwaltung und des Bildungssystems, sondern auch die des Volkes. Während das künstliche Latein durch die unermüdliche Arbeit der Mönche in den abgeschlossenen Klöstern Nordeuropas erhalten blieb, war es in Andalusien ausgestorben und galt auch am Hof Friedrich des II. in Palermo nur als notwendige sekundäre Sprache.

Die lateinische Sprache war tot. Schon im neunten Jahrhundert hatte Bischof Alvaro von Córdoba Grund zur Klage:

„Viele meiner Glaubensgenossen lesen die Gedichte und Märchen der Araber, sie studieren die Schriften der muhammedanischen Theologen und Philosophen, nicht um sie zu widerlegen, sondern um zu lernen, wie man sich auf korrekte und elegante Weise im Arabischen ausdrücke. Wo findet man heute einen Laien, der die lateinischen Kommentare iiber die heilige Schriften liest? Wer unter ihnen studiert die Evangelien, die Propheten, die Apostel? Ach, alle junge Christen, die sich durch ihr Talent bemerkbar machen, kennen nur die Sprache und die Literatur der Araber; sie lesen und studieren aufs eifrigste die arabischen Bücher, legen sich mit enormen Kosten große Bibliotheken davon an und sprechen überall laut aus, diese Literatur sei bewundernswürdig. Redet man ihnen dagegen von christlichen Büchern, so antworten sie mit Geringschätzung, diese Bücher verdienten nicht ihre Beachtung. O Schmerz! Die Christen haben sogar ihre Sprache vergessen, und unter Tausenden von uns findet man kaum einen, der einen erträglichen lateinischen Brief an einen Freund zu schreiben versteht; dagegen wissen unzählige sich auf das eleganteste im Arabischen auszudrücken und Gedichte in dieser Sprache mit noch größerer Kunst, als die Araber selbst, zu verfassen.26

An die Stelle der lateinischen Sprache, trat jetzt die „erleuchtete Landessprache" des islamischen Spaniens, die Lengua Romana; es handelt sich um den Dialekt, den das Volk Jahrhunderte zuvor von den römischen Legionen gelernt hatte und den dieses immer noch neben dem Arabischen sprach. Aber die Lengua Romana war nur ein Dialekt, keine Hochsprache. Unter dem Einfluß der arabischen Poesie, die dem Vorbild des arabischen Muwaschscha und des Zagal folgte, entwickelte sich die Lengua Romana nach und nach in eine Hochsprache.

So waren die Vorbilder Dantes, die er in seinem Buch „De vulgare eloquentia" anführt, die provenzalischen Dichter und die sizilianische Schule; es handelt sich um die ersten Versuche, die Lehren der arabischen Poesie und Musik in den verschiedenen Formen der Langua Romana - Katalanisch, Kastilisch, Provenzalisch und Sizilianisch - anzuwenden. Und in Dantes Theorie der poetisch-musikalischen Komposition findet man den Einfluß der Theorien, auf die sich Ibn Khaldoun bezieht, die sich sogar in der Bezeichnung der einzelnen Teile der Strophe widerspiegelt. Dantes „Oda", oder die musikalische Idee, entspricht der „Stanza", was fast wörtlich dem „bait" (Haus) entspricht, die, wie er hervorhob, als Einheit durch die ganze Struktur des Canzone wiederholt werden muß. Dante spricht von der „Volta", einem einzelnen Vers, der durch den Reim den Übergang von einer „Oda" zur nächsten vermittelt. Selbst Dantes „Coda" erinnen an die arabische „Kharga", die allerletzten Zeilen (Simi) des gesamten mehrstrophigen Gedichts. Interessanterweise war die Kharga eines arabischen Gedichtes gewöhnlich im lokalen Dialekt verfaßt. Der ägyptische Theoretiker Ibn Sana-'l Mulk schrieb: „Die Kharga ist das Aroma des Muwaschscha, das Salz, der Moschus und die Ambra"27, und er rät den Dichtern, die Komposition mit der Kharga zu beginnen.28 Somit ist in der Kharga die metaphorische Bedeutung des gesamten Gedichtes enthalten, was dem abschließenden Zweizeiler in Shakespeares Sonetten entspricht. Durch den Einfluß der Kharga haben sich besonders in Sizilien Motto und Strambotto entwickelt, und durch sie und das Muwaschscha die moderne Form des Sonetts. Ein italienisches Sonett aus dem 14. Jahrhundert zeigt deutlich den Übergang an:

I' non vo dir ch'io no viva turbato
Ch'io son di Lucca nato
E tengo del taulier la man di fore.
Ma quando mi rimetto ben per core
Come 'l senno e 'l valore
E 'l nohil sanguc v'era divenrato;
E Truglio e Puglio e Mastin, Farinato
Taben, Britto e Casato
Migliaio ed Argomento eran signore
E 'l Maestrello cescaio, Puccin tintore
E Cupcro carrator
e Nuto, il teccia, Autel, Vestito e Dato
Gigliotto fabbro, Ner, Chele, accordato
Clinel, Din Bigi e Mato
Cin pattumaio e Vita portatore
Odi, citta guidata per mio amore
Si raquisti mio onore
Lucca e piu de piacer ehe l'altro stato.29

Hier korrespondiert jede Strophe genau mit einer Strophe des Muwaschscha, und das Gedicht endet mit drei Vierzeilern. Später entwickelte sich das Sonett zu einer Form mit zwei Vierzeilern und zwei Dreizeilern, die man in den frühesten Sonetten als„Vuelta" oder „Volta" bezeichnete.30

Bei der Entwicklung von Muwaschscha und Zagal in Europa haben wir es mit einem Thema zu tun, das Dante in seiner Schritt über die „erleuchtete Landessprache" behandelt: Wie kann man eine den Gesetzen des kreativen menschlichen Denkens entsprechende, erhabene Idee in Form einer musikalisch-poetischen Koniposition ausdrücken und vermitteln? Wie Dante ausdrücklich sagt und Ibn Sana_ 'l Mulk andeutet, ist es eine zentrale Ideen-Gestalt (die in den eröffnenden Zeilen vorgestellt und/oder in den letzten zusammengefaßt wird), welche die gesamte Komposition beherrscht; über die Variation innerhalb einer gegebenen Struktur (einer Strophe) entfaltet sich diese und entwickelt sich im Verlauf der Komposition als das zentrale Thema, welches sich als Motiv durch das gesamte Stück hindurchzieht (in der arabischen Dichtung zeigt es sich im Simt und in den romanischen Landessprachen im wiederkehrenden Reim).

Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000

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