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Die arabische Theorie

 

 

 

Dichtung ist die Vermittlung erhabener Ideen in der Sprache eines Volkes, das sich selbst kraft der eigenen Sprachkultur definiert; sie ist der charakteristische Ausdruck einer Kultur. Erst auf der Grundlage der Sprache der Dichtung wird ein Volk zum Staatsbürger und wird befähigt, bewußt an den Angelegenheiten eines modernen Staates teilzunehmen. Die Tatsache, daß die arabische Poesie die Entwicklung der Nationalsprachen in Frankreich, Spanien, Italien und Deutschland so grundlegend beeinflußte, beweist, wie sehr die arabische Kultur über Andalusien als katalytische Kraft für die Geburt des modernen Europa wirkte; und dies war der Fall, obwohl das arabische Spanien sich nie bis zur modernen Form des Nationalstaates entwickelte, was ein tragischer Fehler war. Diese Tatsache hat viele politische Implikationen. Sie erklärt, warum die Frage des Einflusses der arabischen Poesie - eine Frage, die im allgemeinen in akademischen Kreisen nur unter Spezialisten diskutiert wird, - bis heute den Mittelpunkt einer heftigen Kontroverse bildet.

Bei dieser Kontroverse, die unter Spezialisten als sogenannte „arabische Theorie" bekannt wurde, stehen auf der einen Seite die Humanisten, die den kulturellen Dialog verstehen wollen, der zum Aufstieg des modernen Europa liihrie, ihnen gegenüber stehen die Oligarchen, die die rassistische Idee vertreten, daß die europäische Kultur von fremden Einflüssen frei sein müsse. Giammaria Barbieri wies im 16. Jahrhundert in seinem Werk „Dell' origine della poesia rimata" als erster auf die Quelle der neuen europäischen Poesie hin.³¹ Der Jesuit Juan Andres führte dieses Konzept 1782 in „Dell'origine, Progressi e Stato Attuale d'Ogni Letteratura" weiter aus, indem er hervorhob, daß die literarische Beziehung nur als Ausdruck einer breit gefaßten kulturellen Beziehung zwischen der Philosophie, den Künsten und der Wissenschaft verstanden werden kann.³² Johann Gottfried Herder war der gleichen Ansicht. In seinem 85. Brief schreibt Herder folgendes über das Zusammenleben von Christen und Moslems in Spanien:

"Es mußten sich mit der Zeit Schatten brechen; man mußte sich seiner schlechten Sprachen und Sitten, der ungebildeten Rustica schämen lernen, und da die meisten Spanier Arabisch konnten, auch eine unsägliche Menge arabischer Bücher und Anstalten in Spanien Jedermann vor Augen war: So konnte es ja nicht fehlen, daß jeder kleine Schritt zur Vervollkommnung auch unvermerkt nach diesem Vorbild geschah."³³

Herder vertrat die Auffassung, daß der „Genius des Werks, die arabische Denk- und Lebensweise" in den „Versuchen der Provenzalen unverkennbar" seien. Insbesondere über die Dichtung schreibt Herder folgendes: „Ich glaube nicht, daß die Erbauung der Sonette, Madrigale und anderen Versarten der Provenzalen ihrem Ursprunge nach einer helleren Erklärung fähig sei oder bedurfte, als dieser." Und er kommt zu dem Schluß, daß dies eine tiefere, breitere kulturelle Verbindung reflektieren muß: „Füge ich nun zu dieser Reimgalanterie der Araber noch das andere Geschenk hinzu, damit sie (andere Nationen nicht ausgeschlossen) die Poesie der Europäer beschenkt haben, jene Phantome asiatischer Einbildungskraft nämlich, die vom Berge Kaf über Afrika und Spanien, über Palästina und die Tartarei zu uns gekommen sind; gewiss, so sind wir ihnen wie in der Chemie und Arzneikunst so auch in der Dichtung viele Gebrannte Wasser schuldig."34

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war Herders Ansicht allgemeines Wissen geworden. Aber die Gegner der arabischen Theorie verloren keine Zeit, ihre Opposition vernehmbar zu machen. Madame de Stael, eine berühmt berüchtigte Ideologin gab damals ihr Werk „De la litterature consideree dans ses rapports avec les situations sociales" heraus, worin sie die These aufstellte, daß jede Literatur, die Europa hervorgebracht habe, ausschließlich „europäisch" sein müsse, ein Begriff, der bewußt Andalusien ausließ. Chateaubriands „Genie du Christianisme" folgte 1802 dieser Idee und schloß sich der Auffassung Madame de Staels an, wonach die lateinische christliche Kultur niemals aufgehört habe, der dominierende Impuls der europäischen Kultur des Mittelalters gewesen zu sein.35 Auch A.W. Schlegel lehnte kategorisch jede Vorstellung ab, daß die Araber irgendetwas zur Entwicklung der europäischen Kultur beigetragen hätten, und ging so weit zu sagen, er könne „auch nicht den Schatten eines Beweises" dafür finden.

Gelehrte wie Schack, Gustav Diercks und Samuel Singer36 fanden jedoch anhand ihrer Untersuchungen im Laufe des 19. und 20. Jahrhundert heraus, daß es bezüglich des thematischen Materials eine Ähnlichkeit zwischen beiden poetischen Traditionen gibt: das zeigt sich an der Dichtung der Minne und der Ritter, den Liederbüchern (Diwanen in Arabisch, Cancioneros und Romanceros im christlichen Europa) den Novellen, der Rolle des Dichters am Hof und nicht zuletzt an der dichterischen Form. 1912 präsentierte der spanische Arabist Julian Ribera y Tarrago seine bahnbrechenden Untersuchungen, die den Einfluß der arabischen Poesie, insbesondere den von Ibn Quzman aus Córdoba (1080-1160) auf die europäischen Lieder, nachwiesen. Ribera bewies, daß die andalusischen Araber nicht nur die poetische Form, sondern auch den Ideengehalt der Poesie und die Musik vererbt hatten.37

Aber diese Forschungen wurden mißachtet. Zu den heutigen Gegnern der arabischen theorie, die ihren Dissens laut verkünden, gehört auch der Geopolitiker Bcrnard Lewis, der weltweit Konflikte zwischen Christen und Moslems geschürt hat. Lewis räumt zwar herablassend ein, daß es „eine gewisse Beziehung zwischen arabischen und christlichen Gedichten dieser Art gibt'", aber er betont, daß „die Frage des spezifischen Einflusses jedoch nach wie vor ungelöst" sei.38 Die Weigerung, darüber nachzudenken, daß etwas, das islamischen Ursprungs ist, den Fortschritt des christlichen Europa eingeleitet haben könnte, findet ihren passendsten Ausdruck in den Ansichten dieses Heiden C.B. Lewis, der behauptet: „Die Wiege der Poesie der Troubadouren (...) findet man in (...) den phrygischen Hochebenen, der Heimat der Muttergöttin."39

Quelle: Ibykus, Nr 48, 1994, Dr. Böttiger Verlag, von rado jadu 2000

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