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Nach den Balearen

Von Th. Roßbach

Wer sich in naßkalten Monaten nach südlicher Sonne sowie Schönheit sehnt und noch mit sich und seinem patriotischen Gewissen zu Rate geht, wohin er sich wenden soll, auch nicht auf die Ausnutzung der schlechten Valuta Frankreichs und Italiens angewiesen ist (die beide übrigens längst klug geworden sind), dem möge Spanien als Reiseziel wärmstens empfohlen sein, und wer Leib und Seele in stiller, großzügiger und doch lieblicher Natur ausruhen will, dem ganz besonders Mallorca, die größte und schönste der Balearen-Inseln.

Am schnellsten und billigsten erreicht man diese von Berlin aus mit dem direkten Zug Frankfurt a. Main, Straßburg, Lyon, Portbou, Barcelona in 48 Stunden. Anschließend an den D-Zug fahren dann abends um 9 Uhr am Montag, Dienstag, Donnerstag und Sonnabend die kleinen sauberen und bequem eingerichteten Dampfer der Islena Maritima nach P a l m a, der Hauptstadt Mallorcas, einer modern aufstrebenden, an historischen Erinnerungen reichen Stadt mit etwa 100000 Einwohnern. Ihre größte Sehenswürdigkeit ist die das Städtebild vom Hafen aus beherrschende Kathedrale, ein edler, frühgotischer Bau, der, 1230 begonnen, erst nach vier Jahrhunderten vollendet werden sollte. Die leuchtenden Farben seiner alten Glasmalereien geben dem dreischiffigen gewaltigen Innern eine bei Sonnenschein geradezu magische Wirkung. Seine drei Tore sind äußerst prunkvolle bildhauerische Kunstwerke im Renaissancestil, desgleichen die Kanzel. Die reichverzierten Grabkapellen der Seitenschiffe, in denen Bischöfe, hervorragende Generäle und Condes ruhen, bieten sehr interessante Details. Von dem Platz vor der Kathedrale hat man einen umfassenden Blick auf die Meeresbucht, die den Hafen bildet, mit seinen Dampfern, Frachtschiffen, Segel- und Motorbooten, auf die breite Palmenallee, die am Hafen hinführt, sowie auf die besonnten Anhöhen mit ihren weißleuchtenden Häusern und dem Stolz Mallorcas, seinem Pinienwald, gekrönt von der alles überragenden Burg — Schloß Belver. Die Stadt befindet sich zurzeit in einer Periode der Umwälzung, die ihr schlecht zu Gesicht stellt. Die meisten der größeren Straßen wurden gleichzeitig aufgerissen, so daß der Verkehr ziemlich schwierig ist; sie sollen aber alsbald autowürdigem Pflaster Platz machen. Die die Stadt einengenden, als moderne Verteidigung wertlosen Befestigungswälle werden niedergerissen, und so liegt überall Schutt und Geröll umher, als hätte der Feind die Stadt eben erst verlassen. Aber es wird mit fieberhaftem Eifer und allen möglichen Geräten gearbeitet, so daß binnen kurzem die Autos auf den neuen Straßen nur so dahingleiten werden, wo sie bisher in unheimlichen Sprüngen auf- und niedertanzten. Dafür sind aber die Landstraßen nach den fernen Ortschaften schon längst tadellos. —

Die vielen Palacios der reichen Mallorquiner umschließen mitunter recht malerische Höfe und Treppenhäuser, in denen sich das sommerliche Leben der Bewohner abspielt. Ein stattlicher Bau ist das Rathaus auf dem Plaza de Cort mit dem so charakteristischen überragenden kassettierten Dach und der großen Normaluhr. Eines der glanzvollsten Bauwerke ist der Klub der Vornehmen Mallorcas — Circolo Mallorquin — ein palastartiger Monumentalbau, dessen Fassaden an zwei Straßenfronten liegen. Seine zahlreichen Räume sind mit solch verschwenderischer Pracht und vornehmer Eleganz ausgestattet, wie man es vielleicht in keinem Klub Europas zum zweitenmal findet. Da sind Schreib- und Lesezimmer mit tiefen Lederdaunensesseln, Billard- und Spielzimmer mit Tischen für jede Art Spiel eingerichtet. Eleganteste Baderäume, Frisierstuben und Schuhputzräume — denn eine Hauptpassion des Spaniers sind spiegelblanke Schuhe, was bei dem weißen Pulverstaub der Straßen schon einen kostspieligen Luxus bedeutet — Bibliotheken mit Tausenden von Bänden aller Wissenszweige und sämtlichen Zeitschriften. Speisesäle mit kostbarem Service, Konversations- und Tanzsäle mit gemalten Decken, damastbespannten Wänden und fürstlichem Möblement. Auch Ausländer werden jetzt darin aufgenommen, Eintritt 25 Peseten im Monat.

Der schönste Platz der Stadt, der durch die Pracht seiner Palmen, Pfefferbäume, Pinien und Eukalyptus einen fast tropischen Eindruck macht, ist die Plaza de Libertad, an ihm liegt das Grand-Hotel Alhambra, das größte Theater: „Lirico" und mehrere Cafés. An ihn schließt sich der Paseo del Borne an, eine Straße, deren Mittelweg, von Platanen eingefaßt, eine beliebte Promenade ist, mit Steinbänken und mietbaren Stühlen besetzt, rechts und links davon die Fahrstraße mit der Elektrischen und schmale Fußsteige vor den Häuserreihen. Ein buntes, lebhaftes Bild volkstümlichen Treibens bietet der Markt, der sich täglich, auch Sonntags, unter bedachten, sonst offenen Ständen abspielt, nur die Fischhalle ist geschlossen, gewährt aber dem Fremden keine Überraschungen, wie etwa der Fischmarkt in Marseille, der alle Meereswunder an Farbe und Form auf weist; denn alle bessere Ware geht direkt nach Barcelona. Am reichsten und farbigsten wirken die Obststände und erinnern an unsere spanischen Südfruchthandlungen daheim.

Wer nicht allzusehr am städtischen Leben oder dem Komfort der Hotels mit Warmwasserzufluß und Zentralheizung hängt (letztere übrigens nur im Hotel Ingles, Besitzer: Böhnisch, Sachse) und den sechs Gängen des Lunch und Diners — (alles ist auf die vielen Engländer eingerichtet, die die Insel jeden Winter überschwemmen) — der wird sich nach einigen Tagen der Orientierung in den höher und sonniger gelegenen Villenvorort El Terreno begehen, den man von Palma mit der Elektrischen in 25 Minuten erreicht. Hier kann man nach vorheriger Anfrage entweder in der trefflichen Pension des liebenswürdigen deutschen Ehepaars Weyer unterkommen (Pension täglich neun Peseten, inklusive Wein, Bedienung) — l Pesete = etwa 70 Pfennig — oder bei längerem Aufenthalt und größerem Familienkreis eines der vielen mietbaren Häuschen wählen, mit Terrasse nach dem Meer und Gärtchen. Sie sind für nordische Begriffe wohl etwas dürftig eingerichtet, aber mit guten Betten, Küche, Wäsche und Geräten versehen und kosten im Monat 150 bis 200 Peseten, je nach Lage und Komfort. Die Südfrüchte pflückt man sich von seinen Bäumen, die Blumen, Geranien und Heliotrop, aus dem eigenen Gärtchen, Ausrufer und Bauernwagen bringen jeden Morgen Irische und frisches Gemüse ins Haus, eine gute Aufwartung kann man für Stunden nehmen und ist sein eigener Herr. Etwas Spanisch muß man freilich sprechen können, und du ist Schidlofs „Zwanzig Stunden Spanisch" (Peter J. Oestergaard Verlag, Berlin) ein guter Führer, nur der Engländer kommt ohne jede Sprachkenntnis durch. Fast alle diese Casas sind von Engländern besetzt, dort umgeben sie sich mit gewohntem Komfort, haben ihren eigenen exklusiven Klub mit Bibliothek, Tearoom und Tanzsaal und fühlen sich schon lange heimisch auf der Insel, während der Deutsche erst vereinzelt und in den letzten Jahren aufgetaucht, daher vom Spanier stets englisch angesprochen wird. Unser Konsul Müller ist jedem Deutschen ein freundlicher Berater und tut seit zwanzig Jahren, was in seinen Kräften stellt, für seine hier ansässigen Landsleute. Ich verbrachte einen Sonntagnachmittag mit der deutschen Kolonie in den behaglich eingerichteten Räumen des Konsuls. An den kleinen gemütlichen Teetischen wurden auch die Neuangekommenen schnell warm und mit den Alteingesessenen bekannt. Ein Tanz für die Jugend beschloß den anregenden Abend.

Wer im Terreno wohnt, hat nur wenige Minuten Wegs zu dem überraschend schönen schattigen Pinienhochwald, durch den man auf breiten Autowegen oder verschlungenen Fußpfaden hinauf zu dem malerischen Schloß Belver gelangt, in der Zeit der Mauren eine Festung, später Residenz der Könige von Mallorca. Wuchtig ragen die drei runden Türme mit den hohen gewaltigen Mauern empor, und ein herrlicher Rundblick bietet sich, vor allem bei Sonnenuntergang, vom höchsten der Türme. Rings um die Burg der blaugrüne Wald, im Westen wie rotes flüssiges Gold der Hafen mit Masten und Wimpeln und gleißend weißen Segeln, dahinter sich auftürmend die Stadt, fast afrikanisch in ihrer brennenden Farbenglut, lichterloh flammend die hochragende Kathedrale, und darüber in unbeschreiblich zartem, rötlichblauem Violett das Gebirge mit dem beschneiten Puig Mayor. Gen Osten die blaue, fern ins Meer sich erstreckende felsige Küste der Insel, bis der freie Horizont sich auftut in mattglänzender Perlmuttfarbe. Nach Süden über Berg und Tal bebautes, blühendes Land mit lichtem Saatengrün oder rötlich-brauner Erde, auf der die silbergraue Olive und der dunkle Johannisbrotbaum so fein im Tone stehen, jetzt umwoben mit zartweißen, rosigen Schleiern der Mandelblüte. Diese drei bilden den Wohlstand des Landes, dazu gesellt sich als Unterfrucht Weizen, Saubohnen, Mais und Tomaten. Weinbau, Zitronen, Mandarinen und Orangen werden mehr als Gartenkultur und nur in einigen Gegenden gezogen. Hat man den Tag vor sich, wandert man von Schloß Bei vor aus durch den Wald, auf schmalen Wegen über eine Steinmauer kletternd, ins Tal und hinauf nach G e n o v a (sprich: Chenowa), einem an hoher Berglehne gelegenen, weit verstreuten Ort mit Bauerngehöften — Finkas genannt — mit kleinen ärmlichen Hütten und prächtigen Sommervillen und Palästen der Begüterten Palmas, mit der Elektrischen in einer Stunde erreichbar. Diese sind mit seltenen Bäumen und eingezäunten Blumengarten, jene mit stachligem Feigenkaktus umgeben. Große Schafherden mit Glockengeläut und jungem Lämmervolk weiden auf blumigem Gras unter alten, knorriger) Oliven, von denen oft nur die ausgehöhlte Rinde in verkrüppelter Gestalt dasteht und die dennoch ein breites Blätterdach und reiche Frucht tragen, der junge Hirte mit seinem Hund ruht in ihrem Schatten. Braune schlanke Ziegen klettern über Steingeröll und suchen genäschig nach zartem Grün. Hier und dort ein Maultier vor dem Häufelpflug, den ein Mann durch die Reihen der blühenden und duftenden Buschbohnen zieht. Überall Frieden und Sorglosigkeit, geruhige Arbeit und behagliche Rast. Zwar tuten in der Ferne die hastigen Autos, und der schrille Klang der Elektrischen unterbricht die Ruhe, aber gleich daneben ist ländliche Stille und Einfachheit.

Von Genova auf schmalen Pfaden hinab nach Cas Catala, dem beliebtesten Vorort der Palmesaner, die es auf prächtiger Autostraße hoch am Meer mit der Elektrischen in einer halben Stunde erreichen. Die vornehmsten Hotels liegen hier über der Brandung mit herrlichem Blick, Villen und Paläste, grüne Felder und Pinienwald, Klippen, Halbinseln und Inseln in reicher Abwechslung. Von hier erreicht man in kurzer Wanderung Schloß Bendinat, inmitten von Pinienwald, Palmen und Blumenflor, mit dem Blick aufs Meer gelegen, ein auf historischem Boden erbautes Schloß neuerer Zeit. Eine wertvolle Waffensammlung, alte Kunstwerke und Gemälde erster spanischer Meister füllen die sogar mit einer gewissen Wohnlichkeit eingerichteten Säle. Als Chaime I, Conquistador, 1230 die Insel eroberte und mit seinen Edlen und Mannen nach tagelangen Märschen durch unwegsames, unbewohntes Land, hungernd und dürstend hier eine Hütte fand, wo ihm Brot, Knoblauch und Wasser gereicht wurde, rief er gesättigt aus: „ben dinat" — gut gespeist — und baute sich an dieser Stelle ein Schloß, zur Erinnerung an die erhaltene Labung; dieser Name ist das einzige, was davon erhalten blieb. In bequemen Tagestouren kann man zu Fuß, mit der Eisenbahn, im Autobus oder im Auto, das man der Billigkeil halber zu mehreren benutzt, all die an malerischen Schönheiten so überreichen Orte der Umgebung aufsuchen. Städte und Klöster, wie Soller — sprich Soljer —, Waldemosa, Deja, Miramar, Polensa, Luch und die berühmten Höhlen von Manacor und Arta, teils am Meer mit seinen felsigen Küsten gelegen, teils im Gebirge auf vortrefflichen, aber nicht ungefährlichen, sich in unendlichen Windungen hinziehenden Autostraßen zu erreichen, locken zu einem Besuch.

Noch ein anerkennendes Wort über die Bevölkerung, die von wohltuender, vertrauender Freundlichkeit ist und im Gegensatz zum fremdengewöhnten Italiener nie aufdringlich wird oder ihre Dienste unaufgefordert anbietet, sondern angeborene Würde im Benehmen zeigt. Ein anspruchsloser Wohlstand gedeiht auf dem leicht und reichlich spendenden Boden, und im Gegensatz zu Italien, wo die Bettelei und die Unsauberkeit dem Fremden stets sehr unangenehm auffällt, ist hier selten ein Bettler zu finden, und die Straßen machen einen überaus sauberen Eindruck. Weder Mensch noch Vieh sieht je so verwahrlost und ruppig aus, wie man es im südlichen Italien so häufig findet, auch Grausamkeiten gegenüber Tieren sahen wir bisher noch nicht. Die Temperaturunterschiede in der Sonne, im Schatten und nachts sind enorm. Von 7 bis 22 Grad Celsius wechselt das Thermometer täglich, an Regentagen ist es empfindlich kalt. Also warme Sachen mitbringen. Da ist es dann höchst wohltuend, wenn einen abends das durchwärmte behagliche Wohnzimmer in Casa Weyer empfängt. Und wenn der Mond über dem Hafen steht, der dann wohl silbern wie eine Eisfläche glitzert und im Diamantgeschmeide seiner funkelnden Lichter strahlt, mit dem roten und grünen Edelgestein seiner Leuchtfeuer dazwischen, wenn am sternübersäten Himmel der Vollmond wie eine Goldplakette funkelt und leise rauschend, still und feierlich der lichterhellte Dampfer an Mallorca vorüberzieht in die schlummernde Nacht hinaus, zu fernen Gestaden — dann kommt es wie Andacht über einen und wie leise Wehmut, daß auch für uns ein Abend kommt, an dem derselbe Dampfer uns fortführt von dieser märchenschönen Insel.

Quelle: Oestergaards Monatshefte von Juli bis Dezember 1928; © by Peter J. Oestergaard-Verlag, Berlin-Schöneberg, 1928; Jadu 2000


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