Eine Corrida in Granada

Reiseskizze von Karl Tanera

Spanien durchstreift zu haben, ohne bei einer Corrida gewesen zu sein, wäre ein wahres Verbrechen, denn erst in der Plaza de toros zeigt sich der Spanier wirklich wie er ist.

Entgegengesetz der Alhambra, die im Osten Granadas liegt ist die Arena für die Stiergefechte im Westen der Stadt vor der Puerta de Elvira neben den sogenannten Triumphplatz erbaut. Wie sonderbar! Im Osten die Erinnerung an die höchste, geistige und materielle Kultur Spaniens, die Alhambra in Trümmern, ihre Erbauer ostwärts verjagt; im Westen als Zeichen neuer Kultur und Moral die Plaza de totos, in voller Blüte, das sonntägliche Ziel von Tausenden und Abertausenden der Westländer, welch sich an Kultur so hoch über den Osten erhaben dünken!

 

Um 4 Uhr beginnt der Kampf. Aber schon von 2 Uhr an drängt die Menge hinaus auf die Paseos de triunfo, um gute Plätze zu bekommen. Dutzende von großen Wagen, bespannt mit buntgeschmückten Maultieren, vollgepropft mit lachenden, festlich gekleideten Menschen jagen durch die Calle de Elvira, Hunderte eleganten Wagen und Droschken drängen sich dazwischen, und zu Fuß strömt es von Norden durch die Puerta de la Alcazaba und von Süden durch die Callo de San Juan de Dios heran, alles will zur Arena.

Dunkelblau und hochrot uniformierte, berittene, gut ausehende Schutzleute halten Ordnung, und es geht leicht, denn die Spanier sind höflich und liebenswürdig. Rohes drängen gibt es nirgends.

Der Stierzirkus ist ein hoher, massiver Rundbau, eine vollständige modern ausgebaute Arena nach antikem Muster.

Arena

Der innere Kampfplatz ist von einer festen, 1,6 Meter hohen Brüstung und einem Gang umgeben. Dahin retten sich die Kämpfer, wenn ihnen der stier zu nahe kommt. Dann folgen die offenen, steinernen Zuschauerreihen, hinter diesen die gedeckten und dann die Logen. Da überall Treppen und Ausgänge sind, kann das 12- 14000 Zuschauer fassende Theater schnell geleert werden.

Für uns Nordländer bieten auch die Nebenräume der Arena hohes Interesse. Da ist ein Spitalzimmer mit Betten und Tragbahren für verwundete Toreros, eine Kapelle mit Altar und brennenden Kerzen, in der die Stierkämpfer vor der corrida zugleich mit ihren Heliebten beten und zum Abendmahl gehen, und daran reihen sich die Stierställe und Höfe.

Zurück in die Arena! Die Reihen füllen sich. In Südspanien, in Sevilla und Granada, sieht man noch bäuerinnen in buntfarbigen Trachten und häufig hängen wenigstens seidene, reich gestickte Mantillas über modernen Anzügen. In den Logen erscheinen die reichsten Toiletten und neuester Pariser Mode. Gehen doch die vornejmsten, ja selbst die frömmsten Damen ebenso zur Corrida wie Arbeiterinnen und Halbweltmädchen. Die Leidenschaft, diese blutigen Schlächtereien zu sehen, hebt jeden Standesunterschied auf.

Eine Stunde vor Beginn ist der letzte Platz besetzt und bunt wogt es in der Arena selbst durcheinander. Endlich erscheinen Magistratsbeamte in altspanischer Tracht und räumen den Kampfplatz. Es öffnet sich ein Tor, die Quadrilla, d.h. der Zug aller beim Kampf Beschäftigten schreiten herein. Heute war es besonders glänzend. Die Sonne strahlte am wolkenlosen Himmel und vergoldet förmlich das prächtige Bild. Hinter den beiden berittenen Beamten folgten die seidengekleideten, von Gold und Silber strotzenden Espadas, Banderilleros, berittene Picadores und zuletzt die rot und blaugekleideten Diener mit den bunt aufgezäumten Maultiergespanne zum Hinausschaffen der getöteten Pferde und Stiere. Aber nicht nur dieser farbenprächtige Aufzug fesselt den Blick, sondern fast ebenso das Erscheinen und Gebaren der in den besten Logen auftauchenden Geliebten der Espadas usw. Sie tragen die reichsten Mantillas, den kostbarsten Schmuck und die schönsten Fächer und winken ihren Freunden entgegen.

 

Die Quadrilla hielt nun vor der Loge des obersten anwesenden Magistratsbeamten. Die Toreros, kennbar an den in ein Nest aufgesteckten Zöpfen, nahmen grüßend die Käppchen ab, der Beamte warf den Schlüssel des Stierzwingers herab, dieser wurde geöffnet, ein großer schwarzer Stier sprengte herein, der Kampf begann. Wie sah dieses Tier sozusagen elegant, lebendig und mit seinen langen, nadelspitzen Hörnern gefährlich aus! Und so sind alle diese andalusische Stiere. Die Sache fing sofort schneidig an.

Der anfangs geblendete Stier, der ja einige Stunden im Dunkeln warten mußte, blickte zuerstum sich, erkannte bald seine Gegner und nahm sofort den nächsten an. Der gewandte Torero hielt ihm seinen braunroten Mantel vor, sprang selbst äußerst geschickt zur Seite, der Stier stieß in die Luft. Das wiederholte sich öfters.

Nun kam ein Picador auf seiner alten Mähre, der man ein Auge verbunden hatte, im Schritt angeritten. Kaum sah ihn der Stier, so ging er darauf los, bohrte den armen Schimmel seine Hörner bis zur Stirn in den Leib und warf Roß und Reiter in den Sand. Ehe er seinen Gegner töten konnte, lockten ihn Toreros mit ihren Mänteln zur Seite. Der Schimmel vermochte sich nicht mehr zu erheben, erhielt von einem Diener einen Gnadenstoß, wurde abgesattelt und blieb tot in der Arena liegen.

Unterdessen trieben die Toreros mit ihren Mänteln das Spiel mit dem immer wütender werdenden Stier weiter.

Ein neuer Picador erschien, wieder nahm ihn der Stier sofort an, erhielt von dem gewandten Picador einen tiefen Lanzenstich, warf aber Roß und Reiter, ersteres mit aufgeschliztem Bauch, in den Sand. Das Pferd war nicht tot, wurde aufgetrieben, wieder bestiegen und zum zweitenmal trotz der Ströme von Blut, die es verlor, und der heraushängenden Gedärme gegen den Stier geritten. Jetzt erhielt es so tiefe Hornstöße, daß es sterbend mir seinem wohl ausgestopften und darum unverletzten Reiter zusammenbrach. Ein Gnadenstoß endete seine Qualen.

Ein drittes Pferd teilte das gleiche Schicksal. Nun erschienen die Banderilleros, je zwei etwa 75 Centimeter lange Banderillas, d.h. bunte mit Flitterwerk geschmückte und mit spitzen Widerhaken versehene Stäbe, in den Händen haltend. Jeder Banderillero reizte den Stier durch Bewegungen, lief dann auf ihn zu, stieß ihm von vorn und der Seite beide Spitzen in den Rücken, wich springend den Stößen des Stieres aus und rettete sich vor dessen Verfolgung durch die Flucht in der Arena oder durch einen Sprung über die Brüstung. Der erste Stier war nicht mehr wild genug. Daher wurden ihm Banderillas mir Feuerwerk eingestoßen.

 

Ununterbrochen wurde er weiter von den Toreros mit Mänteln gereizt. Endlich trat der Espada mit einem scharlachroten Tuch und langem Degen vor, grüßte mir grßartiger Vernachlässigung jeder Vorsicht gegen den Stier den Magistratsbeamten und wendete sich zum Stier. Er reizte ihn noch mehr, wich so knapp aus, daß man meinte, das Horn müsse ihn aufspiessen, spielte mit ihm wie eine Katze mit einer Maus, zielte endlich mit dem degen, sprang zu und stieß dem Stier die Waffe zwischen die Schultern ins Herz. Das gelingt selten zum erstenmal. meist bleibt der Degen stecken, und der stier greift weiter an. Dann beginnt ein neues Spiel mit den Mänteln, der Espada reißt den Degen heraus und führt einen zweiten Stoß aus. Endlich bricht der Stier zusammen und erhält im Notfall einen Gnadenstoß. Jetzt öffneten sich die Tore, die Maultiergespanne jegten herein, die toten Pferde und Stiere wurden im Galopp hinausgeschafft, man bestreute die Arena mit Sand, der zweite Kampf begann.

Bei allen war der Verlauf ein ähnlicher. Und doch gab es unzählige Abwechslungen. Ein Stier erschien, rannte sofort zwei Pferde um und tötete sie sozusagen im Handumdrehen. Einer jagte alle Kämpfer aus der arena.

Aber bei jedem neuen Kampf wuchs die Kühnheit der Toreros, besonders der Espadas, und man sah wahrhaft tollkühne, aber trotzdem immer elegante Bewegungen. Entsetzlich grausam und roh ging man stets mit den Pferden um. Manche der armen blutüberströmten Opfer mußten drei- und viermal die Stöße des Stieres aushalten, bis sie verendeten.

Und die Zuschauer! Die pfiffen und johlten bei Fehlstößen, sie schrien und tobten bei guten Stößen. Oft warf man dutzendweise Hüte, ja Mäntel und Damenschuhe als Zeichen der Anerkennung in die Arena. Zuletzt folgten Geldbörsen, Zigarren usw. Zum Schluß sprangen Hunderte in die Arena, um die blutenden Banderillas aus dem toten Stier zu reißen und als Beute mitzunehmen.

Quelle: Reise um die Erde, Internationaler Welt Verlag 1905, von rado jadu 2001©

Bei jedem Stierkampf gibt es 6 Kämpfe
Die Stiere sind zwischen 4-5 Jahre alt.
Diese wiegen zwischen 500-600 Kilo
Ein Stier kostet um die DM 30.000
Ein Spitzentorero kann DM 300.000 pro Kampf verdienen
Jährlich sterben um die 20 Torero
Infos aus dem Jahre 2000

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Teilansicht einer Arena

Anti Stierkampf
Die Corrida durch die Lupe gesehen