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Das Königreich Spanien

Ein Bericht von 1904.

Das Königreich Spanien, 496 000 qkm mit 17 Millionen Einwohnern, nimmt mehr als vier fünftel der ganzen Pyrenäischen Halbinsel ein und ist eines der wenigen Länder Europas, die, wenigstens an den Küsten, schon im Altertume verhältnismäßig recht gut bekannt waren.

Schon zwölf Jahrhunderte vor Christi Geburt tauchte die Pyrenäen Halbinsel aus dem Nebel der grauen Vorzeit auf und zwar als das Land, aus welchem die Phöniker von den Urbewohnern, den Iberern, nach denen die Halbinsel auch die Iberische genannt wurde, große Schätze an Silber eintauschten. An der Küste Iberiens und zwar schon jenseits der Straße von Gilbraltar, im Altertum die Säulen des Herkules geheißen, legten sie auch eine ihrer ältesten Niederlassungen an: Cades, das heutige Cadiz. Ihnen folgten die Griechen nach, dann kamen die Karthager, welche die Süd- und Ostküste besiedelten, woran noch der Name der Stadt Cartagena erinnert. Der Fall Karthagos brachte auch die Iberischen Ansiedlungen in die Hände der Römer, die nun nach langen Kämpfen die ganze Halbinsel unterwarfen und als Iberische Provinz ihrem Weltreiche einverleibten.

Schon sehr früh fand hier auch das Christum Eingang, und es wurde unter Kaiser Konstantin herrschende Religion. In den ersten Stadien der Völkerwanderung brachen die Alanen, Vandalen und Sueven auch in die Pyrenäen Halbinsel ein, denen bald die Westgoten folgten, welche jene zum Teil nach Afrika hinüber drängten, zum Teil unterwarfen und ein eigenes Westgotisches Reich gründeten. Dies bestand bis zu Anfang des achten Jahrhunderts, da drangen (711) die Araber von Afrika herüber, machten wieder dem Westgotenreiche ein Ende und eroberten nahezu die ganze Halbinsel wie im Fluge. Die Reste der Christen fanden in den nördlichen Gebirgen eine sichere Zuflucht.

 

 

Damit trat die Pyrenäen Halbinsel in eine neue Phase, in die maurische, denn nach einem nordafrikanischen Stamme wurden die Araber hier allgemein Mauren genannt. Trotz der Stürme, welche auch dies neue Maurenreich unausgesetzt durchtobten, so daß es wiederholt in kleine Reiche zerfiel und immer auch wieder vereinigt wurde, blühte das Land unter der Herrschaft der Fremden in eigenartiger Weise auf. Arabische Kunst und Wissenschaft fanden hier einen Mittelpunkt, und zahlreiche maurische Bauwerke von fremdartiger Pracht bezeugen noch heute im südlichen Spanien auf Schritt und Tritt den Einfluß der maurischen Herrschaft. Als das herrlichste Denkmal arabischer Baukunst gilt die Alhambra in Granada, die ehemalige Königburg, die außer dem glänzenden Hofe noch zehntausend Mann Leibwache beherbergen konnte. Ein gewaltiger Komplex von Sälen, Hallen und Höfen, wie kein zweiter gefunden wird. Am berühmtesten ist der Löwenkopf, sogenannt von dem Brunnen, der von zwölf Löwen getragen wird und aus zwei übereinander stehenden Schalen von schwarzem Marmor besteht, zu dem die weißen Pfeiler, welche die den Hof umgebenden Arkaden mit durchbrochenem Gitterwerk tragen, den wundervollsten Gegensatz bilden. Man glaubt, sich in ein Märchen von tausend und einer Nacht versetzt. Es ist alles dahin, Totenstille herrscht im Löwenhof, und Gras sprießt aus seinem Fußboden empor.

Die Alhambra

 

Vor dem Ansturm der fanatischen Mauren, welche die ganze Welt zum Islam bekehren wollten, hatte sich, wie schon erwähnt, der Rest der christlichen Bewohner in die vielfach unzugänglichen nördlichen Gebirge zurückgezogen, und von hier aus geschah denn auch die allmähliche Zurückeroberung des Landes. Es bildete sich hier im Norden nach und nach eine Anzahl kleiner Reiche, wie Galicien, Leon, Asturien, Navarra, Kastilien, Aragonien, die immer mehr an Umfang gewannen und die Mauren immer weiter nach Süden zurückdrängten. Zwar gab es auch unter ihnen viel Hader, aber gegen den gemeinsamen Feind waren sie stets einig. Unablässige Kämpfe zogen sich durch Jahrhunderte, bald hatten die einen, bald die andern die Oberhand, aber die Araber verloren schließlich ein Gebiet nach dem andern. Dennoch dauerte es bis zum Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts, ehe ihre Niederlage für immer entschieden war. Königin Johanna von Kastilien vermählte sich mit König Ferdinand von Aragonien, dadurch wurden die beiden größten Reiche der Halbinsel unauflöslich vereinigt und so entstand das Königreich Spanien. Nun ging es mit ganzer Macht gegen die Mauren und 1492 fiel Granada, ihr letztes festes Bollwerk.

Achthundert Jahre hatte die Herrschaft der Mauren gewährt und das südliche Spanien eine hohe Blüte erreicht, mit ihrem Fall ging es aber auch damit in rascher Folge rückwärts. Zwar wurde in demselben Jahre 1492 Amerika entdeckt, es wurden jenseits des Ozeans für Spanien unermeßliche Reiche gewonnen, so daß einer seiner Könige mit Recht sagen konnte: In meinem Reiche geht die Sonne nicht unter; ungeheure Schätze flossen nach Spanien, aber sie brachten dem Lande keinen Segen. Wohl wurde es das mächtigste Reich Europas, ja der Welt, mit dem kein anderes in die Schranken treten konnte. So rasch und glänzend es emporgekommen war, so rasch ging es auch wieder abwärts, und nach dreihundert Jahren schon war von dem Glanze nichts weiter mehr übrig, als die Erinnerung an eine große Zeit. Das Land der schönsten, der erhabensten Erinnerungen, das Land, welches den Römern eine der geschätztesten Provinzen war, welches als Sitz der Araber zu einer Schule der Kunst und des Wissens wurde, von welchem Mathematik, Astronomie und Medizin sich über den ganzen lernfähigen Norden verbreiteten — es ist verarmt und ausgedörrt. Die prachtvollen Städte sind verfallen, die Wunderwerke der maurischen Baukunst in Toledo, Cordoba, Sevilla, Malaga, Granada u.a. liegen in Trümmern, Wissenschaft und Kunst sind aus dem Lande geflohen. Das Land, in dessen Grenzen einst die Sonne nicht unterging, liegt machtlos danieder, und es würde niemand wundern, wenn sich dasselbe Beispiel wiederholte, welches die Mauren vor mehr als Tausend Jahren gegeben, wenn nämlich kriegerische Völker über die Meerenge von Gibraltar setzten und sich das verlorene Spanien wieder eroberten, wie denn die Sage geht, daß die vertriebenen Mauren die Schlüssel ihrer Häuser mitgenommen und dieselben von Geschlecht zu Geschlecht vererbt haben, um ihre Nachkommen daran zu erinnern, daß sie auf der meerumspülten Pyrenäischen Halbinsel ihre eigentliche Heimat haben.

An diesem Lande kann man recht deutlich sehen, daß der Besitz von Gold nicht reich macht. Alle edlen Metalle von Mexiko und Südamerika sind jahrhundertelang nach Spanien geströmt, und jede neue Sendung von Gold und Silber machte das Land ärmer, als es vorher war, denn sie machten die Bevölkerung träge und arbeitsscheu. Jede der berühmten Städte Spaniens hatte einen Gewerbszweig, welcher dort vorzüglich und in größter Vollkommenheit betrieben wurde. Mit der Fülle des Goldes, die nach Spanien kam, sank die Lust an der Arbeit, die Fabrikanten verloren ihre Gehilfen, das Fabrikat verlor seinen Wert, und das mit leichter Mühe gewonnene Gold floß für alle Bedürfnisse des Lebens ins Ausland und verweilte nicht lange auf dem Boden Spaniens. Frankreich, Holland und England gewannen dasselbe, sie wurden mit dem Golde Spaniens überschüttet, und sie gewannen es durch ihre Arbeit. Nicht lange, so erstarkten sie, und das ehemals so mächtige Spanien wurde von allen anderen Nationen überflügelt, und als sich endlich eins der überseeischen Länder nach dem andern von der spanischen Mißwirtschaft frei machte und die Ketten, die das Mutterland darum geworfen, abwarf, da war es mit Spaniens Größe ein für allemal vorbei. Es besitzt heute nur noch einige kleine Kolonien in den überseeischen Erdteilen, und auch diese sind von keiner besonderen Bedeutung.

Die jetzigen Bewohner sind ein Mischvolk, hervorgegangen aus den verschiedenen Völkerschaften, welche im Laufe der Jahrhunderte das Land inne hatten. Dazu kommen nur noch in den Pyrenäen die Basken, die ein Rest der Urbevölkerung sein sollen, sowie einige Reste der alten Goten. Auffallend ist, daß in Spanien die Zigeuner sehr stark vertreten sind und nicht nur als umherziehende Nomaden, sondern auch als seßhaftes Volk. Die Spanier sind ein körperlich wohlgebildeter Volksstamm, nicht groß, mit schwarzem Haar und feurigen Augen, reizbar und rachsüchtig, voll unbegrenztem Nationalstolz, der sie vielfach auch die Arbeit verachten läßt. Die Tracht wechselt je nach den einzelnen Provinzen; als Nationaltracht kann bei den Männern der kurze spanische Mantel, bei den Frauen die Mantilla gelten, die, am Kamm befestigt, die Spanierin in allen Landschaften, der Andalusierin wie der Castillianerin, ein unentbehrliches Mittel zur Entwickelung der weitgehendsten Koketterie ist, unterstützt von dem virtuosesten Spiel des Fächers. Gitarre, Tambourin und Kastagnetten sind die Nationalinstrumente, Tanz und Stiergefechte die Hauptvergnügungen, in deren Genuß der Spanier in allen Ständen der Bevölkerung sich gar nicht genug tun kann.

Die Nahrungsquellen der Bewohner könnten sehr reich sein, wenn Bergbau und Ackerbau in gehöriger Weise betrieben würden. So ist Spanien ohne Frage sehr reich an Kohlen, deren Lager indessen fast gar nicht ausgenutzt werden. Wohl hat die Regierung vor längerer Zeit Anstrengungen gemacht, für den Bergbau geregelte Zustände einzuführen und dem wildem Raubbau Schranken zu setzen, dadurch, daß sie den Betrieb selbst in die Hand nahm; aber die unglückseligen finanziellen Zustände des Reiches haben sie genötigt, alles wieder zu veräußern, und nur die Quecksilbergruben von Almaden, die reichsten der Welt, sowie einige Salzwerke sind noch Staatseigentum.

Ebenso könnten die Erträge der Landwirtschaft vervielfacht werden, wenn eine vernüftige Bewirtschaftung des Bodens stattfände. Dennoch liefert der äußerst fruchtbare, üppige Boden an Getreide aller Art, Mais, Hülsenfrüchte u.s.w. soviel, wie gebraucht wird, und das genügt dem Spanier. Diese Indolenz hat auch den früher recht einträglichen Baumwollenbau auf ein Minimum beschränkt, auch die Kultur des Zuckerrohrs ist wenig ausgedehnt, obgleich dasselbe vorzüglicht gedeiht, und Rüben, die in andern Ländern dem Rohzucker so empfindliche Konkurrenz machen, kennt man in Spanien nur als Viehfutter. Bedeutender ist der Gewinn an Südfrüchten aller Art, sowie an echten Kastanien und Oliven; am bedeutendsten aber der Weinbau. Die feurigen spanische Weine sind ja weltberühmt, und der Export von Malaga, Portwein, Xeres, Tarragona, Alicante und wie sie sonst noch heißen, ist ein sehr umfassender. Auch die Rosinen bilden einen nicht unwichtigen Handelsartikel. Ein Erzeugniss des Bodens aber hat der Spanier, das ihm gar keine Mühe macht, weil es wild wächst und des anbaues nicht bedarf: das espartogras, welches im Süden des Landes in der ebene sowohl wie in den hügelregionen massenhaft zu findden ist und in neuerer Zeit für Seiler- und Flechtarbeiten aller Art mehr und mehr in Aufnahme gekommen ist, so daß Hunderttausende von Zentnern davon ausgeführt werden, besonders nach England, wo es auch zur Papierfabrikation benutzt wird. Außerdem ist auch noch die in den Wäldern von Katalonien, Andalusien und Valencia wachsende Korkeiche von Wichtigkeit, deren Rinde den Kork liefert, der in Stöpseln und Platten gleichfalls massenhaft ins Ausland geht.

Nicht zu vergleichen mit dem so stark vernachlässigten Ackerbau ist die Viehzucht, welche in Spanien in fast allen ihren Zweigen auf hoher Stufe steht. Neben ausgezeichneten Pferden werden auch viele Esel und Maultiere, letztere als Reit- und Lasttiere für die Gebirge unentbehrlich. Auch die Rinderzucht erfreut sich trefflichster Erfolge, und es ist bemerkenswert, daß neben den zahmen Rindern auch wilde Stiere gehegt werden, um für die, wenn auch grausame, so doch allgemein beliebter Stiergefechte immer reichlich Material zur Hand zu haben. Die Schafzucht war früher weit umfangreicher, als gegenwärtig, und die spanischen Merinos bildeten einen der wichtigsten Zweige der Viehzucht; immerhin aber sind Schafe auch heute noch ein Hauptreichtum der Viehzüchter, und das trockene Hochland ist ja gerade für die vierbeinigen Wollträger der geeigneste Boden. Ziegen und Schweine gibt es überall, in der Gegend von Cadiz hat man sogar nicht ohne Erfolg Versuche mit der Zucht von Kamelen gemacht.

Bezüglich der Industrie sten in Spanien Spinnerei und Weberei obenan, besonders hat sich die Baumwollindustrie in neuerer Zeit gehoben, die Seidenindustrie dagegen ist erheblich zurückgegangen. Im weiteren ist die Erzeugung von Eisen- und Metallwaren, Leder, Papier, sowie die Bearbeitung der Korkrinde als hervorrangend zu nennen. —

Eingeteilt wird Spanien gegenwärtig auch in Provinzen, doch sind daneben im Volke die Namen der vierzehn alten Reiche und Landschaften, aus denen das Königreich zusammengesetzt ist, noch allgemein im Gebrauch. Diese Landschaften sind: Galicien, Asturien, das Baskenland, Navarra, Leon, Altkastilien, Neukastilien, Estremadura, Andalusien, Granada, Murcia, Valencia, Katalonien und Aragonien.

Die Hauptstadt des Königreiches ist Madrid am Manzanares, einem wilden Nebenflusse des Jarama, der dem Tajo zufließt. Auf der öden Hochebene von Neukastilien erbaut, gewährt die Stadt mit ihrer ganzen Umgebung nur wenig, was das Auge erfreuen könnte, tritt man aber hinein, so befindet man sich in einer der schönsten Städte Europas, die sehr regelmäßig gebaut ist und zahlreiche herrliche Bauwerke, wie schön gehaltene Plätze aufzuweisen hat. Ein Monumentalbau allerersten Ranges ist der Königspalast, welcher auf ein steil abfallenden Hügel am Manzanares steht, eines der größten Schlösser, die es überhaupt gibt, wenn nicht das größte. —

Außer der genannten Landschaften, früheren selbständigen Reichen, gehörem zum Königreich Spanien auch die östlich von seiner Küste im Mittelländischen Meere sich erhebenden Inselgruppen der Balearen, die mit der benachbarten Gruppe der Pityusen früher ebenfalls ein eigenes Reich bildeten.

Quelle: Länder und Völkerkunde, Gustav A. Ritter, Verlagsdruckerei Merkur 1904, von rado jadu 2000

Die Balearen


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