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Bartolomé Estéban Murillo

Sevilla, die Hauptstadt Andalusiens, genießt den Ruhm, die beiden größten Maler Spaniens erzeugt zu haben. Der ältere von ihnen, Velazquez, 1590 geboren, ist väterlicher- wie mütterlicherseits adliger Abstammung, wuchs in guten Verhältnissen auf und errang, durch allerlei Verbindungen und sein Genie begünstigt, eine einflußreiche Stellung beim Hofe. Auch sein Temperament machte ihn dazu geeignet; die steife Etikette, die Gemessesnheit und Zurückhaltung, welche alle warme, menschliche Empfindung einschnürte, verkapselte oder auf Eis legte: das entsprach dem Wesen des höfischen Spaniers Velasquez. Auch als Künstler ist Velazquez unnahbar gewesen: er ging nach Italien, kam aber, trotz seiner beispiellosen Hellsichtigkeit zurück, wie er gekommen war. Er ähnelte hierin Michelangelo, der vielfach ausstrahlte und befruchtete, wenig aufnahm und assimilierte. Beide waren von Haus aus fertige Charaktere, mit starkem, männlichem Wesen ausgestattet.

G
anz anders Murillo. Er ist jünger, jugendlicher und armer Leute Kind, weichen, teilnehmenden Herzens, voller Liebe und Lebenslust. Er ist sehr bildsam, aufnahmebereit und erfuhr, als Künstler, eine conceptio immaculata nach der andern. Am 1. Januar 1618 wurde er getauft; die Eltern starben früh und Bartolomé Esteban (Stephan) war schon mit zehn Jahren Vollweise. Sein Vormund gab ihn zu einem Maler Juan de Castillo in die Lehre; das starke Talent des Knaben mag sich frühzeitig geregt haben. Während Velazquez die besten Meister Sevillas als Lehrer erhielt, den älteren Herrera und den hochgebildeten Pacheco, geriet der junge Murillo an einen Künstler minderen Ranges und wurde anfangs mit mehr handwerksmäßiger als künstlerischer Arbeit beschäftigt. Er malte Dekorationen für religiöse Zwecke, Sargas genannt, mit denen man die Kirchen an hohen Festtagen ausstattete, die aber auch als Fahnen und Standarten im Prozessionsgange herumgetragen wurden.

Da Übung den Meister macht und hier der Meister im Keim steckte, so wird diese fabrikmäßige Herstellung von buntbemalten Vorhängen und Tüchern dem Knaben die Hand gelockert und seine Phantasie erregt haben. Nebenher beschäftigte sich Murillo mit Anfertigung von religiöser Massenware. Auf den Jahrmärkten und Messen waren Andachtsbilder ein vielbegehrter Artikel, der nicht nur in der Provinz, sondern auch in den Kolonien durch Missionare Verbreitung fand. Es war eine Malerei ums liebe Brot, die Murillo so betrieb, auch später noch, als sein Lehrer Juan de Castillo 1639 Sevilla verließ und nach Cadix übersiedelte. Damals war er 21 Jahre alt. In diesem Erwerbe fuhr er noch drei Jahre fort; dann kam ein Anstoß von außen und Pegasus, der bisher den Pflug gezogen, erhob sich in die Lüfte.

Ein älterer Mitschüler namens Pedro de Moya kehrte von einer Wanderfahrt zurück; er war in London bei Van Dyck gewesen und erzählte Wunderdinge von seiner Reise, von der flandrischen Art und Technik und was man durch sie lernen und leisten könne. Und nicht nur die neue Kunde, auch die neuen Erzeugnisse des Genossen regten den Murillo so an und auf, daß ihn eine Unruhe faßte, wie den Vogel zur Zugzeit. Um sich die Möglichkeit zu verschaffen, diesem Triebe genug zu tun, soll er fieberhaft Heiligenbilder hergestellt haben, um mit deren Erlöse sich nach Madrid zu begeben, wo der 18 Jahre ältere Velasquez, der Schwiegersohn Pachecos, zu Amt und Würden gekommen war, und wo jene hochgepriesenen Meisterwerke neuen Schlages erschaut werden konnten, die der kunstsinnige König Philipp IV. dort versammelt hatte.

Murillo ging heimlich fort und blieb drei Jahre aus. Wie ein warmer, befruchtender Regen wirkte die Fülle der Eindrücke, die er unter dem Schutze seines berühmten Kollegen aufnehmen durfte, auf sein Gemüt. Der Biene gleich flog er von Blüte zu Blüte, Nektar schlürfend aus den Bildern des Rubens, Van Dyck und Ribera, vor allem aber des lebend und vielleicht lehrend vor ihm stehenden Vorbildes. Velasquez stand damals im Zenit seines Könnens. Die beiden waren merkwürdige Gegensätze; der eine hatte, was dem anderen abging. Kurz angedeutet: Velasquez malt wie ein Naturforscher, mit Tiefblick und strengster Methode, die er auf Grund klarer Erkenntnis peinlich genau ausgebildet hatte; seine Bilder, hieß es später, scheint kein Mensch, sondern die Natur selbst gemalt zu haben. Murillo dagegen arbeitet wie ein Enthusiast, voller inbrünstiger Liebe zu den ihn umgebenden Wundern der Natur; er wird ganz Seele und Innigkeit; er sammelt alle Reize der Linie, der Farbe, des Lichts, spürt den Geheimnissen des Helldunkels und der Pinselführung nach und kehrt, unendlich bereichert und völlig verwandelt, heim, von hundert Welten trächtig.

Was sich bei seinem Mitschüler Pedro de Moya in bescheidenem Maße gezeigt hatte, wiederholte sich bei Murillo in großartiger Weise. Als er fortzog, galt er nichts, war ein malender Handwerker, dessen Produkte kaum Beachtung fanden. Nun war aus dem häßlichen jungen Entlein ein Schwan geworden.

Er brannte vor Ungeduld zu zeigen, was er vermöge. Für das große Sevillaner Kloster S. Francesco sollten elf umfangreiche Gemälde ausgeführt werden. Murillo nutzte die Gelegenheit, sich anzubieten und erhielt den Auftrag, da er seine Ansprüche niedriger herabgeschraubt hatte als alle anderen. Es sollten Geschichten aus dem Leben verschiedener Heiliger dargestellt werden: San Francisco, S.Gil, die hl. Klara und besonders des hl. Diego. Die Bilder sind heute zerstreut — 1808 raubten sie die Franzosen, als sie in Spanien eingebrochen waren. Zwei davon sind im Lande geblieben: Diego, die Arme speisend, und Franziskus, einem geigenden, oder besser, fiedelnden Engel zuhörend. Zwei Bilder sind in den Louvre nach Paris gelangt, eines, die Vision der hl. Klara, ist in der Dresdner Galerie gelandet. Die heilige liegt auf dem Totenbette, umgeben von Leidtragenden; sie erblickt in den letzten Augenblicken ihres Erdendaseins einen Zug von Engeln, der in langer Reihe nähert. Die vorderste Gestalt legt einen goldenen Mantel auf die Lagerstätte. Die Gestaltung ist noch zu kräftig, zu irdisch — später findet Murillos Pinsel den Weg zur himmlischen Verklärung, die darzustellen er sich vorgenommen hatte. Seine Vorbilder machen ihm noch zu schaffen.

Der Erfolg dieser Werke war mächtig. Es ist ziemlich müßig, feststellen zu wollen, inwiefern hier die Anregungen, die Murillo von Rubens, Ribera, Velazquez und Zurbaran erfuhr, sichtbar geworden sind; wir können diese interessante Schnitzeljagd den berufsmäßigen Spürern überlassen. Bei dieser Analyse sucht man ja den Geist herauszutreiben, um die Teile in die Hand zu bekommen, denen das geistige Band fehlt. Encheiresin naturae nennt's die Chemie — spottet ihrer selbst und weiß nicht wie. Dies encheiresin, dieses "in die Hand nehmen" der Natur, dieses Verschmelzen, Verarbeiten, Auflösen der gewonnenen Eindrücke hat Murillo nämlich ebenso unwillkürlich vollzogen wie etwa Raffael. Er aber ist das geistige Band; er versteht es wunderbar, die Brocken zur Glockenspeise aufzubereiten und, durch inneres Feuer verflüssigt, zu einem wohlklingenden, weithin schallenden Ganzen umzugestalten.

Im Jahre 1646 vermählte sich der Künstler mit Doña Beatrix de Cabrera y Sotomayor; der Ehe entsprangen mehrere Kinder. Er hat, von wenigen Unterbrechungen abgesehen, die weitere Zeit seines Lebens in Sevilla zugebracht; einen Ruf von Karl II, schlug er aus, wohl weil es ihm in Sevilla und Umgebung an Aufträgen nicht mangelte; ja diese strömten ihm überreichlich zu. Auch mag er vor dem von strengen Vorschriften und steifer Etikette beherrschten Hofleben eine gewisse Scheu gehabt haben; war er doch ein Sohn des Volkes und nach äußeren Ehren geizte er nicht. Daß er nicht nur hohes Ansehen genoß, sondern auch durch sein Wesen zu gewinnen wußte, ergibt sich aus dem Umstande, daß er bei Errichtung einer Akademie 1660 zum Leiter berufen worden ist. Natürlich regte sich auch hier der Neid der Kollegen; dies bemerkend, gab er den Posten bei der Wiederwahl auf und lebte seinen Werken, statt Verwaltungsdienste zu tun. Aber für die Aufgaben der Akademie und als Lehrer war er auch fernerhin tätig.

Als er für den Hochaltar der Kapuzinerkirche in Cadix die Vermählung der hl. Katharina ausführte, stürzte er eines Tages vom Gerüst und starb an den Folgen dieses Unglücksfalles am 3. April 1683.

Ohne Murillo wäre die spanische Malerei arm an Licht und Liebe. Velasquez malt wie ein Staatsanwalt, bestenfalls wie ein Richter seine Fürsten, Prinzen, Hofzwerge, Hofdamen; nur ein einziges religiöses Bild ist von ihm bekannt: dies ist aber gar nicht religiös gestimmt. Die Krönung der Mariä stellt nicht die Himmelskönigin, sondern eine vornehme Spanierin dar, über deren Haupt ein würdiger Greis und ein stark israelitisch anmutender Christus eine Krone halten. Wie verschieden sind die Trinker, die Schmiede des Vulkan, die Meniñas, die Spinnerinnen von Murillos Erfindungen! Es ist alles so verstandesmäßig kühl; Zurbarans Mönche sind ohne Wärme, Frauengestalten liegen diesem Maler gar nicht; Ribera ist halb Italiener und er liebt asketische Greise, die in den Galerien uns oft unliebsam begegnen, sowie gemalte Peinigungen, die Murillo nur ausnahmsweise darstellt. Noch ein anderer Zeitgenosse, Valdes Leal, dem Murillo ein Dorn im Auge war, malt mit Vorliebe Tod und Verwerfung, die man heute noch in Sevilla genießen kann — wenn man will. Murillo aber bringt den Himmel auf die Erde, verschmilzt die schönsten Sevillanerinnen mit der Mutter Gottes, gebiert eine Unzahl heiterer Engelskinder, die in weichen Wolken Versteckens spielen, neckisch, heiter lachend sich im Lichte baden, und stattet seine Heiligen mit menschlichem Mitgefühl, mit Mitleid und Menschenliebe aus. Überall ist Fülle und Wärme, Wohlsein und Milde, seine Gestalten sind zeitlos und altern nicht im Wechsel der Geschlechter.

Murillo war sehr fruchtbar und schuf anscheinend mühelos. Seine Kunst ist durchaus volkstümlich; die Sevillaner verstanden ihn ohne weiteres und priesen ihn als den neuen Apelles. Klöster, Geistliche und Laien, Reich und Arm begehrten seine Werke und er suchte alle, soweit er vermochte, zu befriedigen. Er ist nicht nur der pintor del cielo, der den Himmel offen sieht und die heiligen Gestalten losgelöst von aller Erdenschwere auf Wolken schwebend und von lieblichen Putten begleitet, schauen läßt; er gibt auch realistische Volksszenen wie z. B.die Darstellung Rebekka und Eliesar, auf der man die vier dralle Sevillanerinnen am Brunnen versammelt sieht, deren eine den Durstigen labt. Die Konturen sind scharf umrissen, die Farbtöne kräftig, die Gruppierung ungezwungen. Ganz anders faßt der Maler seine Aufgabe, wo es sich um himmlische Erscheinungen handelt.Hier weiß er das warme Goldlicht mit einem geheimnisvollen Dunkel, in dem eine Reihe lieblicher Putten sich verlieren, in wohlabgestimmten Gegensatz zu bringen; der dunkelblaue Mantel der Empfangenden ist lebhaft bewegt, als ob die zum Himmel schwebende weißgekleidete Gestalt einen Augenblick stille stünde. Ähnlich ist auf dem Berliner Antoniusbilde die Tafel in Hell und Dunkel gegliedert; der Himmel öffnet sich und das göttliche Licht strömt ins Erdendunkel, das die Landschaft der rechten Seite fast verhüllt, und zeigt einen Ausblick in weite Ferne.

Die Art, wie der Heilige das liebliche Kind in die Arme schließt, die kosende Gebärde, mit der das Händchen nach der Wange des Mönchs greift, die lebhafte Bewegung der kleinen Begleiter ist so naiv und innig gefühlt, das diese Schöpfung auf jede Generation mit gleicher Kraft einwirkt. Nicht minder zart und voller Weihe ist die an Correggio gemahnende Familienszene der Petersburger Eremitage, wo der schlafende Jesusknabe den neugierigen Engelchen einen Augenblick enthüllt wird. Auch hier ist das Helldunkel meisterhaft behandelt und der Stillebenmaler Murillo zeigt seine Meisterschaft in dem Reisegerät, das am Boden niedergelegt ist.

Mit welcher Innigkeit und Sanftmut der Künstler den dornengekrönten Christus auszustatten weiß, läßt der edle Kopf des Dulders auf dem Bilde im Prado gewahren; wenigen Künstlern ist es gelungen, die Hoheit und Bescheidenheit, die stille Ergebung und den Adel des Gottessohnes auszudrücken, wie das Murillo vermochte.

Ganz anders klingen die gemalten Volkslieder, die der unermüdliche Beobachter der Sevillaner Jugend vielleicht in Erinnerung eigener Jugendtage anzustimmen pflegt!Hier ist alles urwüchsig, reine Natur, unbekümmerte Lebenslust, nicht derb und plump, wie flämische und holländische Szenen dieser Art, sondern südländisch sein, zierlich und doch ganz echt! Wie sind diese durchaus nicht schönen, lebhaften Weltbürger bei der Sache, sei es beim Genuß, sei es beim schwierigen Geschäft, das Resultat merkantiler Bestrebungen auszumitteln! "In der Armut und halben Nacktheit dieser Jungen," sagt der Philosoph Hegel, "leuchtet innen und außen nichts als gänzliche Unbekümmertheit und Sorglosigkeit, wie sie ein Derwisch nicht besser haben kann, in dem vollen Gefühl ihrer Gesundheit und Lebenslust hervor. Diese Kummerlosigkeit ums Äußere und die Freiheit im Äußeren ist es, welche den Begriff des Idealen erheischt. Diese Knaben Murillos haben keine weiteren Zwecke und Interessen, doch nicht etwa aus Stumpfsinn, sondern zufrieden und selig, wie die olympischen Götter, hocken sie am Boden."

Der gute Hirte im Wiener Hofmuseum gilt nicht überall für ein eigenhändiges Werk des Meisters. Das Bild hat in Haltung und Ausdruck fremde Züge und entbehrt der Unmittelbarkeit, der Selbstverständlichkeit, die sonst den Schöpfungen des Murillo eigen sind. Es könnte daher sein, daß diese Tafel eine Wiederholung eines seiner Schüler wäre, unter denen Alonso Miguel de Tobar als der "Meisterkopist" gerühmt wird. Andererseits ist zu bedenken, daß der vielbeschäftigte Künstler ungleich gearbeitet hat, wie fast jeder fruchtbare Meister, und daß es unbillig ist, lauter gleichwertige Werke von höchster Vollendung von ihm zu erwarten oder zu fordern.

Die Schätzung Murillos hat zu verschiedenen Zeiten erheblich geschwankt; nicht nur in Deutschland, wo seine Werke selten waren; heute gehört es, wie Aug. L. Mayer bemerkt, in Spanien fast zum guten Ton, über Murillo lächelnd die Achseln zu zucken; gewiß, fügt der genannte Autor hinzu, ist er kein Greco und kein Goya. Wir können dazu nur sagen: glücklicherweise! Theotocopuli, genannt el Greco, der Grieche, ist ein aus Venedig importiertes, entartetes Gewächs, seine Hysterischen Gestalten mögen den Überreizten Gemütern unserer unglücklichen Zeit, die ohne Urwüchsigkeit ist, mehr zu sagen, als der süße, starke sonnengetränkte Wein, der aus Murillos Trauben gekeltert ist, und die lieblose Schärfe, das Schopenhauerlisch Bittere der Produkte Goyas reizt die blasierten Netzhäute heutiger Beschauer mehr als die ungesunden, heiteren, innigen Bildträume, die der andulusische Meister der Welt geschenkt hat. In seiner glücklich und einfach angelegten Natur, sagt der große Kenner spanischer Kunst und Kultur, Carl Justi, hatte den Sinn für den Streit, auch für den gemalten, keinen Platz gefunden. "Während die christlichen Nationen, zu bewaffneten Horden geschart, im Kampf, wie sie wähnten und vorgaben, für das Heiligtum, die Mitte unseres Erdballs mit Blut und Ruinen erfüllten, bildete sich, unter Palmen und Myrten, Bartolomé Murillo zu einem Hohenpriester der Malerei. Er hat.... mit einem Erfolg anderer Ordnung als die Helden des Schwertes und des Wortes auch Andersgläubigen oft den Wunsch erweckt, sich seine Gebilde als Sinnbilder für das, was ihnen als höchstes gilt, aneignen zu können."

Artur Seemann

 

Quelle: Murillo, Mappe 2, Verlag Seemann, Leipzig, von rado jadu 2001



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